Soundletter 005: Musik für mögliche Feierabende
Diese Woche mit: Marco Castello, Roberta Flack, Caetano Veloso, Marbert Rocel, Sola Rosa, Bajka und Cor Karoli. Handverlesene Tracks für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit.
Italienischer Indie-Pop zwischen Berlin und Sizilien sowie Samba aus dem Londoner Exil!
Auch diese Woche gibt es wieder ein wildes Potpourri von Musik aus allen Ecken dieser wundervollen blauen Kugel. Und dabei haben Kugeln nicht mal Ecken! Aber wie dem auch sei, es erwartet dich:
Sizilianischer Indie-Pop aus einem Studio in Berlin, Leipziger Electronic-Jazz für den Feierabend-Übergang, Ambient-Kammermusik aus LA für's Innehalten. Dazu Roberta Flacks Beschreibung des politischen Zustandes der USA kurz nach dem Tod von Martin Luther King die heute kaum aktueller sein könnte. Samba-Rock von Caetano Veloso aus dem Londoner Exil und neuseeländischer Retro-Soul mit Big-Band-Attitüde.
Viel Spaß beim Hören! Doch zunächst wieder der Soundflip:
Soundflip der Woche
Je nachdem, an welchem Ort, zu welcher Zeit, mit welcher Stimmung du einen Song hörst, kann er sich und seine Bedeutung verändern. Der Soundflip lädt dich ein, weitere Facetten zu erkunden, neue Blickwinkel zu wagen, und schickt deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Welche Beziehung baut die Stimme zu dir auf?
Kommt sie dir sympathisch vor, oder schafft sie eher Distanz? Klingt sie einladend oder grenzt sie sich von dir ab? Ich höre viel Musik in Sprachen, deren ich nicht mächtig bin. Trotzdem lässt sich durch den „Vibe“ der Stimme viel Stimmung erleben. Was hörst du?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
P.s. kommenden Freitag, dem 30.1. erscheint die nächste Folge!
Soundpicks der Woche
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, dieses Spektrum durch musikalische Hinter- oder Vordergrundbeschallung zu supporten. Jede Woche 1 Album und 5 Tracks für all die möglichen Momente deines Feierabends.
Für das Eintauchen | Alben der Woche
Marco Castello – Contenta tu
Sizilianischer Indie-Pop, aufgenommen in Berlin, veröffentlicht auf dem Label von Erlend Øye. Das Debütalbum von Marco Castello kam 2021 raus: 10 Tracks, die italienische Frühlingsgefühle aufblühen lassen. 36 Minuten Urlaub!
Castello ist 1993 in Syrakus geboren und spielt quasi alles selbst – Schlagzeug, Trompete, klassische Gitarre, Gesang. Er ist auch Teil von La Comitiva, dem Band-Projekt, mit dem Øye durchs Land tingelt. Man hört diese Verbindung: dieselbe Leichtigkeit, dieselbe Weigerung, irgendetwas zu überladen.
Das Album bewegt sich zwischen mediterraner Gelassenheit und leiser Melancholie. Die Produktion bleibt bewusst reduziert: Gitarre, Stimme, sparsame Arrangements.
Es geht um kleine Szenen des Alltags, Selbstbeobachtungen, Erinnerungen an Freundschaften, die Liebe und das Leben. So simpel, so wundervoll!
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Hör das, wenn: du den deutschen Winter verfluchst und dich an einen sonnigen Ort träumen möchtest.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Marbert Rocel – Song for you
Electronic-Jazz-Crossover aus Leipzig, der nach Sonnenuntergang am Wasser klingt. Marbert Rocel – das sind Marcel Aue an der MPC, Robert Krause am Saxophon und Antje Seifarth am Mikro. Die drei haben sich 2002 in Erfurt zusammengetan und diesen Track 2012 auf Compost Records veröffentlicht.
Was sofort auffällt: Hier kämpfen keine Egos. Das Trio hat mal in einem Interview erzählt, dass jeder Akkord hundertmal angehört wurde, bis alle einverstanden waren. Das hört man. Der Track fließt, ohne zu plätschern. Saxophon und Rhodes über sanften Beats, Seifarths Stimme irgendwo zwischen Flüstern und Summen.
“Small Hours” heißt das Album – die kleinen Stunden, diese Zeit zwischen spät und früh, wenn die Welt ein wenig ruhiger atmet. Genau da gehört dieser Song hin. Nicht als Background-Rauschen, sondern als bewusster Übergang. Zwischen Arbeit und Feierabend.
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Hör das, wenn: du nach einem vollen Tag den Laptop zumachst und erstmal nur dasitzt – nicht müde, nicht energiegeladen, einfach fertig.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
Cor Karoli, Tristan de Liège – The Blue and the Dim
Ambient-Klassik, die sich Zeit nimmt. Viel Zeit. „Becoming“ heißt das Album, aus dem dieser Track stammt. Hinter dem Projektnamen Cor Karoli stecken zwei Menschen: Karolina Kalo, klassische Pianistin, und Tristan de Liège, ein belgischer Producer aus LA, der sich normalerweise durch Jazz, westafrikanische Polyrhythmen und Gamelan bewegt.
Hier bewegt sich wenig. Und das ist gut so. Der Titel - „The Blue and the Dim“ - beschreibt genau das: Blau als Melancholie und Weite, gedämpftes Licht als Übergang und Ungewissheit. Ein Song über Kontraste, Ambiguität, und die Spannungen zwischen Klarheit und Ungewissheit.
Kein Track zum nebenbei Hören. Eher einer zum Hinsetzen, Kopfhörer auf, Augen zu. Die Art von Musik, bei der nach fünf Minuten plötzlich zehn vergangen sind. Das passiert mir sonst nur beim Doomscrolling, aber hier fühlt es sich deutlich gesünder an.
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Hör das, wenn: es draußen schon dunkel ist und du merkst, dass du den ganzen Tag noch nicht richtig durchgeatmet hast.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Roberta Flack – Tryin Times
Jazziger Soul vom Feinsten! Roberta Flack nahm diesen Track 1969 für ihr Debütalbum “First Take” auf – in einer einzigen Marathon-Session von zehn Stunden in den Atlantic Studios. Das Lied selbst stammt von Donny Hathaway und Leroy Hutson. Die Ermordung von Martin Luther King lag gerade ein Jahr zurück, und der Text spricht von Zeiten, in denen man trotz allem durchhält.
“We must always try to advocate for change to make this world better, kinder and more peaceful.... I’m sorry that songs like ‘Tryin’ Times’ are still so relevant, but they are.” R.F.
Flack war damals 32 und hatte einen ungewöhnlichen Weg hinter sich: klassisches Klavierstudium an der Howard University, wo sie mit 15 als jüngste Studentin überhaupt anfing. Dieses Piano-Training hört man. Sie arbeitete nach dem Studium über 10 Jahre als Musiklehrerin an einer Schule, bevor sie anfing, abends in einem Club zu singen. Der Rest ist Geschichte: Sie gewann mehrere Grammys, unter anderem für “Killing me Softly”. Genau, der Track ist von ihr!
Sie starb im Februar 2025 im Alter von 88 Jahren.
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Hör das, wenn: du dich in einem Moment der Verzweiflung über den Stand der Menschheit darauf besinnen willst, dass Aufgeben keine Option ist!
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Caetano Veloso – Mora Na Filosofia
Brasilianischer Samba im Rock-Gewand, aufgenommen im Londoner Exil. Caetano Veloso war 1968 von der Militärdiktatur verhaftet worden – für seine Musik, für seine Haltung. Nach seiner Freilassung wurde er, zusammen mit Gilberto Gil ins Exil verbannt. Sein Album “Transa” entstand dort 1972 in den Chappell Studios, und dieser Track ist eigentlich ein Cover: Das Original stammt von Marlene aus dem Jahr 1954.
Der Titel bedeutet übersetzt etwa „Ich lebe in der Philosophie“. Der Sprecher sucht Trost in der Reflexion, in der Vernunft – und lehnt die traditionelle Verbindung von Amor und Dor (Liebe und Schmerz) ab, wie sie in der populären Lyrik und im Samba so oft vorkommt. Und dabei ist auch dieser Song über eben diese Themen. Veloso verwandelt den klassischen Samba in etwas Härteres, Unruhigeres. Die E-Gitarre schneidet durch das, was sonst ein sanfter Song gewesen wäre.
“Pra quê rimar amor e dor?” singt er an einer Stelle – Warum immer Liebe auf Schmerz reimen? Eine berechtigte Frage. Die Antwort bleibt er schuldig.
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Hör das, wenn: du im Zug sitzt und durch Orte fährst, deren Namen du nicht kennst.
Für den Flow | Global Groove
Sola Rosa, Bajka – Humanised
Retro-Soul mit einem Fuß in den Vierzigern und dem anderen im Jetzt. Sola Rosa – das ist der neuseeländische Producer Andrew Spraggon – hat für diesen Track Bajka Pluwatsch ins Boot geholt, eine Sängerin mit einer Biografie, die klingt wie ausgedacht: in Indien geboren, aufgewachsen zwischen Goa, Lagos, Seattle und Kapstadt, als Tochter des Der Sprecher sucht Trost in der Reflexion, in der Vernunft – und lehnt die traditionelle Verbindung von Amor und Dor (Liebe und Schmerz) ab, wie sie in der populären Lyrik und im Samba so oft vorkommt.utschen Embryo-Bassisten Uve Müllrich.
2009 erschien „Get It Together“ auf dem deutschen Label Melting Pot Music, und „Humanised“ ist einer von 2 Songs mit Bajka auf dem Album. Das Ganze hat viel Big-Band-Attitüde und etwas von Tanzsaal-Revue. Dazu bewegt sich Bajkas Stimme irgendwo zwischen Erykah Badu und Eartha Kitt, kratzig und samtig gleichzeitig.
Falls dir der Name bekannt vorkommt: Sie hat 2006 vier Tracks auf Bonobos “Days to Come” gesungen. Kennt nicht jeder, aber wer es kennt, nickt gerade. Hier funktioniert sie genauso gut – als warme Stimme über Bläsern und Samples, die aus einer Zeit stammen, in der Menschen noch mit Hut tanzten.
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Hör das, wenn: du voller Energie bist, es sich nach Freitagabend anfühlt und du beschwingt durch die Wohnung tänzeln willst.
Das war es wieder für diese Woche! Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere Song dir ein paar Minuten wohlverdiente Auszeit ermöglicht und dich bei deinem Feierabend, wie immer er auch aussehen mag, unterstützt.
Langeweile auf dem Weg in den Feierabend? Wie wär’s mit einem Spielchen?
Beim Heimweg fang an mit 1. Suche nach dieser Zahl irgendwo im öffentlichen Raum. Wenn du sie gefunden hast: Wo ist die 2? Es können Hausnummern, Autokennzeichen oder Werbetafeln sein. Zähl bis 100. Oder bis unendlich. Auf jedem Heimweg oder wann immer du dran denkst.
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
P.s. Eine kleine Bitte: Wenn du magst, empfehle diesen Newsletter doch einem deiner Lieblingsmenschen. Neue Musik ist schließlich nie verkehrt!


