Soundletter 006: Musik für mögliche Feierabende
Diese Woche u.a. mit: Hermanos Gutiérrez, Sam Cooke, The Cosmic Tones Research Trio & Unessential Oils. Handverlesene Tracks für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit.
Lust auf die nächste musikalische Reise?
Wie immer habe ich ein paar vielfältige Destinationen im Gepäck. Aber was du daraus machst, das steht in den Sternen. Fest steht: Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie die Klänge in dir ankommen können. Und noch ein paar mehr Möglichkeiten, was sie dann mit dir machen.
Wie immer freue ich mich darauf, von dir zu hören, wo deine Ohren anfangen, vor Freude zu schlackern, und welcher Track dich besonders abgeholt hat!
Diese Woche gibt es viele Instrumentales. Cineastische Gitarren aus Zürich, flüsterleiser Jazz-Folk aus Montreal, Spiritual Jazz aus Portland.
Wir hören Sounds aus Ghana in den frühen 70ern, Hollywood 1963, Khartum 1980. Musik, die über Fela Kuti ihren Weg fand, Aufnahmen, die im Golfkrieg fast verloren gingen, und Sam Cookes vielleicht intimster Moment auf Vinyl.
Aber zunächst wieder ein kleiner Prompt, für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Schreib drei Worte auf, die dir beim Hören kommen – ohne nachzudenken.
Eine Mischung aus aktivem Hören und assoziativem Schreiben. Überleg danach: Wieso sind dir gerade diese Worte in den Sinn gekommen? Worauf im Song beziehen sie sich? Texte, Instrument, Stimmung?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit.
Für das Eintauchen | Album der Woche
HERMANOS GUTIÉRREZ – HIJOS DEL SOL
Zwei Brüder aus Zürich, ecuadorianische Mutter, Schweizer Vater. Estevan und Alejandro Gutiérrez machen instrumentale Gitarrenmusik, die klingt wie der Soundtrack zu einem Film, den es bisher nicht gibt. „Hijos del Sol” aus dem Jahr 2020 markiert einen Wendepunkt für das Duo: Nach einer Reise durch Mexiko und den amerikanischen Südwesten verschob sich ihr Sound von lateinamerikanischen zu Western-inspirierten Landschaften.
Ihr Sound ist minimalistisch, hypnotisch, cinematisch. Kritikerinnen beschreiben den Sound als „halluzinatorisch“ und „traumartig“ – Musik, die dich sofort in eine andere Welt transportiert.
Nachdem ich 2019 circa auf die beiden gestoßen bin, holten sie 3 Jahre in Folge in meinem Spotify-Wrapped-Album einen Topplatz. Mittlerweile haben sie insgesamt 7 Alben aufgenommen. Hijos del Sol ist Nummer 4. Es zeigt die Brüder in ihrer reinsten Form: zwei Gitarren, geboren aus Gefühlen, Erinnerungen und imaginierten Orten. „Being sad doesn’t have to be bad“, zitieren sie ihren Großvater. Das Album umarmt genau das.
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Hör das, wenn: du einen Soundtrack brauchst, der dich weitertragen darf – durch Wüsten, die nur in deinem Kopf existieren, aber sich trotzdem real anfühlen.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
UNESSENTIAL OILS – NIC AT THE MUSEUM
Jazz-Folk aus Montreal, aufgenommen mit einer ungewöhnlichen Technik: Mikrofone extrem weit aufgedreht, die Musiker spielen flüsterleise. Das Ergebnis klingt, als säßen sie direkt neben dir im Zimmer. Warren Spicer – bekannt als kreative Triebfeder von Plants and Animals – schrieb diesen Track über seinen Bandkollegen Nicolas Basque, der auf Tour in jeder Stadt rituell als Erstes ins Museum geht. (Würde ich genauso machen!) Was als „seltsame Idee über jemanden, der Kunst anschaut“ begann, entwickelte im Studio eine eigene, fast transzendente Qualität.
Percussion, Tropicalía-inspirierte Background-Chöre, zartes Saxophon. Stell dir eine ruhigere Version früher Broken Social Scene vor, eingewickelt in eine flauschige Vintage-Decke. Das Album war meine Entdeckung des letzten Jahres und lief hoch und runter. Mir gefällt die Stimmung der Platte und diese Attitüde von ‘ner Menge Quatsch im Kopf.
“Looking at the wall, I see something that could be work of art”
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Hör das, wenn: du merkst, dass langsames Ankommen auch eine Kunst ist – und manchmal die beste Art, den Tag loszulassen, darin besteht, etwas in Ruhe zu betrachten.
Für das Innehalten | Deep Listening & meditation
THE COSMIC TONES RESEARCH TRIO – CREATION
Sieben Minuten ohne Percussion. Nur Flöte, Cello-Drones, Altsaxofon – und sehr viel Raum dazwischen. Dieses Trio aus Portland, bestehend aus Roman Norfleet, Harlan Silverman und Kennedy Verrett, versteht Musik explizit als Heilungswerkzeug. Ihre monatliche Radiosendung heißt „Music for a Healing Earth“, und das Debütalbum „All Is Sound“ ist genau das: Sonic Meditation in der Tradition von Sun Ra, Alice Coltrane und Pharoah Sanders.
„Creation“ eröffnet das Album wie ein restaurativer Spaziergang durch eine taufeuchte Wiese – so beschreibt es das Magazin Refracting Sound. Less is more als Prinzip: keine virtuosen Soli, keine dramatischen Bögen, stattdessen Schichtungen, die sich langsam entfalten.
„Deep spiritual jazzin’ of the highest order.” (Discogs)
Für die Album-Release-Party screeneten sie Alice Coltranes Public-Access-Show „Eternity’s Pillar“. Das sagt eigentlich alles über ihre Haltung.
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Hör das, wenn: du Stille brauchst, die trotzdem klingt – und bereit bist, sieben Minuten lang nichts zu tun außer zuzuhören.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
HEDZOLEH SOUNDZ – REKPETE
Ghana, frühe 1970er Jahre. „Hedzoleh“ bedeutet „Freiheit“ in der Ga-Sprache, und genau das hörst du: eine Band, die sich von den glatten Highlife-Produktionen ihrer Zeit befreien wollte. Bassist Stanley Todd stellte Musiker der Ghana Arts Council Traditional Music Troupe zusammen mit einem klaren Ziel: traditioneller und afrikanischer klingen als die damals erfolgreiche Band Osibisa.
Der Track basiert auf einem adaptierten Traditional, aufgenommen mit handgemachten afrikanischen Trommeln statt westlicher Congas. Mehrlagige Percussion, Gitarrenriffs, Call-and-Response-Vocals. Hugh Masekela lernte die Band über Fela Kuti kennen und nahm 1973 gemeinsam mit ihnen auf.
„Rekpete“ steht in dieser Geschichte als Brückentrack: tief verwurzelt in ghanaischer Tradition, aber offen für die globale Jazz-Funk-Bühne.
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Hör das, wenn: du kurz vergessen willst, auf welchem Kontinent du eigentlich sitzt – und bereit bist, dich von einem Groove tragen zu lassen, der älter ist als die meisten deiner Probleme.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
SAM COOKE – LOST AND LOOKIN’
Seine Stimme, ein stetiger Bass, geflüsterte Beckenschläge. Mehr braucht Sam Cooke nicht, um dir das Herz herauszureißen. Der Track stammt vom Album „Night Beat“ (1963), aufgenommen in drei nächtlichen Sessions in Hollywood mit einer kleinen Besetzung.
„I’m lost and a-lookin’ for my baby / Wonder why my baby can’t be found“
Der Text ist schlicht bis zur Schmerzgrenze, aber genau darin liegt die Kraft. Cooke kam aus der Gospel-Tradition, und diese liturgische Intensität überträgt er hier in eine weltliche Liebesklage. Keine Streicher, kein Chor, keine Ablenkung. Die Mitmusiker rahmen ihn so zart ein, dass er fast keine Begleitung braucht.
Der Track wandelt zwischen souligem Blues und einem Gebet. Das Herz wird einem schwer beim Hören. Auf eine wundervolle Art. Was so ein paar gesungene Worte mit einem anstellen …
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Hör das, wenn: du weißt, dass manche Gefühle keine Erklärung brauchen – und dass zwei Minuten manchmal mehr sagen als eine ganze Playlist.
Für den Flow | Global Groove
THE SCORPIONS & SAIF ABU BAKR – NILE WAVES
Nein, nicht die deutsche Rockband! Hier geht es um die sudanesische Jazz-Combo aus Khartum, gegründet in den 1960ern. „Nile Waves“ ist Jazz-Funk mit Crime-Thriller-Atmosphäre aus dem Jahr 1980.
Die Geschichte dahinter: Das Album „Jazz, Jazz, Jazz“ wurde in Kuwait aufgenommen, Originalpressungen erzielten bei Auktionen bis zu 1.000 Dollar. Als Saif Abu Bakr während des Golfkriegs aus Kuwait fliehen musste, gingen die Master-Tapes verloren. Erst 2018 machte das Berliner Label Habibi Funk den Track wieder zugänglich – und brachte die Band nach Jahrzehnten erstmals wieder zusammen.
Aquarium Drunkard beschreibt den Sound treffend: „slithering and dangerously funky“. Die Wellen des Nils als Metapher für einen Groove, der dich sanft, aber unerbittlich mitträgt. Perfekt für den Moment, wenn der Kopf noch rattert, aber der Körper schon weiß, dass Feierabend ist.
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Hör das, wenn: dein Hirn noch Überstunden macht, aber deine Füße schon im Wochenende angekommen sind.
Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere Song dir ein paar Minuten wohlverdiente Auszeit ermöglicht und dich bei deinem Feierabend, wie immer er auch aussehen mag, unterstützt. Falls ein Song besonders gut passt, bin ich gespannt darauf zu hören, in welchem Moment, in welcher Stimmung er dich gefangen hat.
Langeweile auf dem Weg in den Feierabend? Wie wär’s mit einem Spielchen?
Wie gut (er)kennst du das Leben um dich herum? Such dir diese Woche mal ein Lebewesen aus deiner täglichen Umgebung und starte eine 5-Minuten-Recherche. Wie heißt es, woher kommt es, was macht es besonders? Ob Baum, Vogel oder Zimmerpflanze.
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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