Soundletter 007: Musik für mögliche Feierabende
Diese Woche mit Bremer/McCoy, RIO KOSTA, Nyron Higor, Matthew Halsall & Georges Moustaki. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit.
Lust auf Allerweltsmusik?
Diese Woche reisen wir. Von Kopenhagen nach Los Angeles, von Manchester nach Maceió, von Paris zurück nach London. Musik überschreitet zum Glück alle diese willkürlichen und unnötigen Grenzen!
Es erwartet dich: skandinavischer Dub-Jazz, der nur aus Kontrabass und Piano besteht und trotzdem ganze Räume füllt. Psychedelischer Soul aus LA, der wie eine Meditation auf einer Sanddüne klingt. Spiritual Jazz aus Manchester, bei dem selbst die Drums nur flüstern.
Dazu ein junger Brasilianer, der Sehnsucht in Musik übersetzt. Ein griechisch-jüdischer Chansonnier, der 1969 das Fremdsein zum Ehrenzeichen machte – und damit heute aktueller klingt denn je. Und zum Schluss britische Library-Musik, die eigentlich für Fernsehserien gedacht war, aber viel zu gut ist, um im Hintergrund zu verschwinden.
5 Songs, 1 Album. Sechs Geschichten und viele Inspirationen für deinen Feierabend, wie auch immer er aussehen mag.
Doch davor wieder ein kleiner Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Folge einem einzelnen Instrument durch den ganzen Track – wo verschwindet es, wo taucht es wieder auf?
Das klingt einfach, ist es aber nicht. Je nachdem, worauf du achtest, verändert sich der gesamte Track. Präsentes rückt in den Hintergrund, neue Facetten eröffnen sich. Kann man durchaus auch mehrmals mit demselben Track und verschiedenen Instrumenten machen.
Falls du es ausprobierst: Erzähl mir davon! Welcher Track, welches Instrument und was hat es mit dem Song und dir gemacht?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit.
Für das Eintauchen | Album der Woche
BREMER/MCCOY – FORSVINDER
Wenn zwei Dänen beschließen, ein ganzes Jazz-Album nur mit Kontrabass und Piano aufzunehmen – kein Schlagzeug, keine Bläser, nichts –, dann ist das entweder Größenwahn oder Vertrauen. Bei Bremer/McCoy ist es Letzteres.
Jonathan Bremer und Morten McCoy kennen sich seit der Schulzeit in Kopenhagen, und diese Verbundenheit hört man. Forsvinder (dänisch für „verschwindend“) ist ihr drittes Album von 2016. Es ist eine in sich ruhende Mischung aus skandinavischem Minimalismus und jamaikanischem Dub.
McCoy nutzt analoge Tape-Delays, die den Klaviermelodien einen warmen, hallenden Nachhall geben – wie Echo in einer leeren Kirche. Die 12 Tracks in 35 Minuten folgen einem spirituellen Zyklus: von „Fortæl os om begyndelsen“ (Erzähle uns vom Anfang) über „Opstigning“ (Aufstieg) bis zu „Lyse nætter“ (Helle Nächte). Perfekt für Abende, an denen du das Licht dimmen und einfach da sein willst.
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Hör das, wenn: du mir nicht glaubst, dass Jazz und Dub aus Dänemark eine perfekte Kombination für Tiefenentspannung sind.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
RIO KOSTA – MOUNTAIN TOP
Psychedelischer Soul aus Los Angeles, der klingt, als würden Tame Impala und Khruangbin zusammen auf einer Sanddüne meditieren. RIO KOSTA sind Mike Del Rio (Produzent für Selena Gomez, Eminem) und Jazz-Drummer Kosta Galanopoulos – zwei, die sich backstage bei einem Festival trafen und dann nachts bekifft über das Leben philosophierten.
„Mountain Top” ist das Herzstück ihres 2025er Debütalbums Unicorn: Ein Track über den Versuch, zu einem erstrebenswerten Zustand zurückzufinden. Der Refrain „Gotta find another way to get back to the Mountain Top“ wiederholt sich hypnotisch, während warme Synth-Flächen und reverb-getränkte Gitarren einen Klangteppich weben.
Das Besondere: Die Band zerlegte den Song während der Produktion und verteilte seine Elemente auf fast alle anderen Albumtracks. „Mountain Top“ ist also nicht nur ein Lied, sondern das architektonische Fundament einer ganzen Platte. Schaffte es übrigens auch in den FC 26-Soundtrack (früher mal FIFA genannt). Die Soundtracks haben mir damals viele neue musikalische Inspirationen geliefert als Teenager. RIO KOSTA habe ich über ByteFM gefunden.
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Hör das, wenn: du nach dem Arbeitstag auf dem Balkon stehst und merkst, dass der Himmel eigentlich ziemlich schön ist, wenn man mal hinschaut.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
MATTHEW HALSALL – CHERRY BLOSSOM
Matthew Halsall macht Spiritual Jazz, der nach Naturparks und langsam fallenden Blütenblättern klingt. Er ist Trompeter aus Manchester und eine Schlüsselfigur der aktuellen britischen Jazz-Renaissance – stark geprägt von Alice Coltrane und Pharoah Sanders, aber mit eigener, nordenglischer Note. „Cherry Blossom“ eröffnet sein 2012er Album Fletcher Moss Park, benannt nach einem Park im Süden Manchesters, wo Halsall komponiert und meditiert.
Der Track selbst ist sieben Minuten ruhige Meditation: Pianist Adam Fairhall und Harfenistin Rachael Gladwin schaffen eine schimmernde Oberfläche, über der Halsalls Trompete mit dem Saxofon von Nat Birchall in einen sanften Dialog tritt. Die Drums werden nur mit Besen gespielt. Alles schwebt. Kritikerinnen beschreiben das Stück als ruhig, kontrolliert, hypnotisch.
Der Titel selbst verweist auf die japanische Idee der Vergänglichkeit: Kirschblüten fallen schnell, aber genau das macht ihre Schönheit aus.
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Hör das, wenn: du das Bedürfnis hast, dich hinzusetzen und einfach mal gar nichts zu machen – und das dann auch tatsächlich tust.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
NYRON HIGOR – ESTOU PENSANDO EM VOCÊ
Música Popular Brasileira (kurz MPB) die nach Sehnsucht und warmem Wind klingt. Nyron Higor ist Multiinstrumentalist aus Maceió, Alagoas – eine Region, die für Frevo, Forró und Sonne bekannt ist. Sein selbstbetiteltes Debütalbum von 2025 auf Far Out Recordings ist, wie er selbst sagt, „ein Widerstandstest“: Als junger schwarzer Mann aus dem armen Nordosten Brasiliens ist das Musikmachen für ihn nicht nur Kunst, sondern politische Aussage.
“Estou Pensando em Você” (Ich denke an dich) mit der Sängerin Johanna ist kein simpler Liebessong. Die verschachtelten Lyrics handeln von Erinnerungsarbeit nach einer Trennung: „Nicht wollen, aber doch sagen, dass es so ist.“ Herzschlagartiger Beat, sanfte Gitarre, zartes Klavier, vogelartige, flatternde Töne.
Higor gehört zu einer neuen Generation brasilianischer Künstlerinnen (zusammen mit Bruno Berle und batata boy), die ihre regionalen Traditionen mit globalen Einflüssen verbinden. Im März kommt er für 2 Konzerte nach Deutschland. Sehen wir uns am 17.3. im Hamburger Knust?
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Hör das, wenn: du am Fenster sitzt und plötzlich an jemanden denkst, von dem du dachtest, du hättest ihn längst vergessen.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
GEORGES MOUSTAKI – LE MÉTÈQUE
1969, Paris. Ein Mann mit griechisch-jüdischen Wurzeln, geboren in Alexandria, singt nur mit klassischer Gitarre über das „Fremdsein“. Georges Moustaki nimmt das Schimpfwort „Métèque“ – mit dem Franzosen jahrhundertelang Südeuropäer und Nordafrikaner beleidigten – und macht es zu seiner stolzen Identität. „Je suis un métèque“, singt er, trocken und direkt. Keine Drums, kein Orchester, nur Stimme und Saiten. Mir ist eine Vinyl von ihm letzten auf dem Grabbeltisch in die Hände gefallen und ich habe mich verliebt.
Das Lied wurde zum „Anthem“ für Migrant:innen und verkaufte über eine Million Exemplare. Moustaki selbst lebte 34 Jahre in Frankreich, bevor er 1985 eingebürgert wurde. Er schrieb Hits für Édith Piaf („Milord“), aber „Le Métèque“ ist eines seiner persönlichsten Werke. Die Zeile „Je n’ai pas de patrie” (Ich habe keine Heimat) war für ihn keine Metapher.
Heute klingt das Chanson zeitloser denn je – sanft, politisch, unerschütterlich. Ein Lied, das dich daran erinnert, dass Fremdsein manchmal die einzige Wahrheit ist, an der man festhalten kann.
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Hör das, wenn: du merkst, dass Heimat vielleicht weniger ein Ort ist als ein Gefühl – und das gerade okay so ist.
Für den Flow | Global Groove
ALAN PARKER & MADELINE BELL – THAT’S WHAT FRIENDS ARE FOR
Dieser Track von 1976 ist britische Library-Musik – offiziell „Hintergrundmusik“ für TV und Film, praktisch aber ein vollwertiger Soul-Dancer mit allem, was dazugehört: straffer Funk-Rhythmus, Bläser-Hooks und Madeline Bells kraftvolle Stimme. Nur wurde er lange nie als eigenständige Single veröffentlicht.
Bell, geboren in Newark, kam 1962 nach London und wurde zur gefragtesten Session-Sängerin ihrer Zeit – Backing Vocals für Dusty Springfield, Elton John, die Rolling Stones („You Can’t Always Get What You Want“). Alan Parker war Gitarrist bei Blue Mink und Library-Music-Legende. Zusammen schrieben sie jede Menge Library-Musik durch die 60er und 70er.
„That’s What Friends Are For“ landete auf dem Album The Voice of Soul (Themes International) und wurde später von der Rare-Groove-Szene wiederentdeckt. I’d even take the blame for you” – Freundschaft als radikale Verlässlichkeit. Ein Song, der niemals ein Hit war, aber genau deshalb so gut funktioniert: nicht totgenudelt, mit echtem Soul-Feeling. Ein Hoch auf die Freundschaft!
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Hör das, wenn: du Musik zum Kochen brauchst und dabei mitsingen willst, ohne zu wissen, woher du den Song eigentlich kennst.
Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere Song dir ein paar Minuten wohlverdiente Auszeit ermöglicht und dich bei deinem Feierabend, wie immer er auch aussehen mag, unterstützt. Falls ein Song besonders gut passt, bin ich gespannt darauf zu hören, in welchem Moment, in welcher Stimmung er dich gefangen hat.
Langeweile auf dem Weg in den Feierabend? Wie wär’s mit einem Spielchen?
Woher kommt das eigentlich?
Wir sind umgeben von menschengemachten Dingen und wir haben von den meisten nicht den Hauch einer Ahnung, woher sie kommen oder wie sie entstanden sind. Bei einer Wolke oder einem Baum haben wir vielleicht eine ungefähre Ahnung. Aber bei dem Türknopf der U-Bahn, dem Mantel deines Fahrradreifens, der Farbe vom Zebrastreifen?
Du musst es nun nicht zwingend googeln. Vielleicht reicht dir ja auch schon das Bemerken dieses Gegenstands, um fasziniert davon zu sein.
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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