Soundletter 008: Musik für mögliche Feierabende
Diese Woche mit Skinshape, Unknown Mortal Orchestra, Rachel Kitchlev, Chiko Hamilton und The Phenomenal Handclap Band. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zur Radiosendung.
Soulful aus den 60ern in die Neuzeit
Da hatte ich letzte Woche kurz das Gefühl, dass der Frühling naht: Vögel zwitscherten, Hasen tobten auf der Wiese, 2 Tauben übten den Paarungstanz. Dann kam der Winter mit Schnee und Minusgraden noch einmal zurück. Drum ist dieser Soundletter musikalisch irgendwo zwischen „drinnen gemütlich machen“ und „vom Sommer träumen“.
Soundletter 008 startet mit psychedelischem Groove aus Funk, Reggae und Afrobeat – warm, handgemacht, zum Ankommen. Über matschigem Bedroom-Pop gleitet die Reise in einen weicheren Modus, bevor improvisierter UK-Jazz mit Harfe die Stimmung ins Nachdenkliche kippt. Ein vergessener Latin-Jazz-Chanson aus den 60ern öffnet den Horizont Richtung Sehnsucht und Ferne. Es gibt meditativen Cool Jazz und Soul-Groove mit Disco-Anleihen.
Doch davor wieder ein kleiner Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Welches Gewürz beschreibt diesen Sound am besten?
Kann ein Klang nach etwas schmecken? Vielleicht an einen Geschmack erinnern? Zugegeben: Hier eine Verbindung herzustellen, klappt nicht immer. Manchmal entsteht dabei auch nur angestrengte Leere. Aber wann anders fand ich Thymian in einem Library-Track, Basilikum in einem Italo-Pop-Klassiker und Muskat in einem Ambient-Jazz-Track aus Schottland.
Das Spannende ist aber nicht das Ergebnis, sondern wie man dorthin gelangt. Welche Verbindungen entstehen bei diesem Versuch? Welche Assoziationsketten?
Falls du es ausprobierst: Erzähl mir davon! Der Geschmack welches Gewürzes lag dir auf der Zunge?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
SKINSHAPE – LIFE & LOVE
Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Album schon gehört habe. Absoluter Favorit!
William Dorey, der Kopf hinter Skinshape, hat dieses dritte Album in seinem Schlafzimmer-Studio und einem kleinen Studio in London aufgenommen. Psychedelischer Groove, der Funk, Reggae, Afrobeat und Folk zusammenbringt – ohne dass es nach Stilmischmasch klingt. Alles begann mit einer Bandmaschine, mit der er Drum-Breaks sampelte. Mittlerweile spielt er alles selbst ein – Schicht für Schicht.
Die zehn Tracks von Life & Love kreisen um Zeit, innere Zustände und das Vergehen der Dinge. „Take My Time“ sagt eigentlich schon alles. „Hurry And Enjoy” singt er auf einem anderen Track – und das ist vielleicht die beste Zusammenfassung für dieses Album: Genießen, weil alles endlich ist. Dorey betreibt ebenfalls Horus Records, das alte jamaikanische Vinyls reeditiert. Ein Typ, der offensichtlich nicht still sitzen kann – aber Musik macht, die genau dazu einlädt.
Eigentlich wollte er auch nie live spielen. Er wollte produzieren. Aber die Resonanz war so groß, dass er nun doch auf Tour geht. Im April in Deutschland, 19.4. in Hamburg. Ich werde dort sein! Sehen wir uns?
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Hör das, wenn: du mal wieder ein Album hören möchtest, bei dem dir die Sonne aus dem Arsch scheint!
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
UNKNOWN MORTAL ORCHESTRA – HUNNYBEE
Psychedelischer Bedroom-Pop aus dem Universum von Ruban Nielson. Der neuseeländisch-amerikanische Multiinstrumentalist hat Unknown Mortal Orchestra 2010 in Portland gegründet und fährt seither einen eigenen Kurs irgendwo zwischen Lo-Fi, Funk und 70er-Jahre-Soft-Rock. „Hunnybee” stammt vom 2018er Album Sex & Food – und klingt wie ein Liebesbrief, der durch einen alten Kassettenrekorder geschickt wurde.
Die Produktion ist bewusst matschig, aber genau das macht den Charme: Das Schlagzeug klatscht, die Gitarren schimmern, und Nielsons Stimme klingt, als würde er dir vom anderen Ende eines langen Flurs etwas Wichtiges zurufen. Der Song handelt, wie so oft bei UMO, von den komplizierten Seiten von Beziehungen – aber verpackt in einen Groove, der sanft genug ist, um sich reinzulegen. Nielson nimmt übrigens fast alles selbst auf, oft nachts, in improvisierten Home-Studios auf Tournee. Seine Alben klingen entsprechend: intim, manchmal etwas schief, aber immer mit Seele.
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Hör das, wenn: du nach einem langen Tag die Wohnungstür hinter dir schließt und erstmal durchatmest.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
RACHEL KITCHLEW – CYCLICAL
Zeitgenössischer UK-Jazz mit Harfe im Zentrum – aber keine esoterische Klangwolke, sondern ein Track mit Groove und Tiefe. Rachel Kitchlew kommt aus Lewisham, London, hat an der Goldsmiths Design studiert und beschäftigt sich nebenbei mit Pilzen und nachhaltigem Design. Ihre musikalischen Kollaborationen reichen von Matthew Halsall bis Alexis Taylor von Hot Chip – letzterer auch auf diesem Track mit dabei. Ebenso wie Oscar SHOLTO Robertson und David Bardon
„Cyclical” ist der emotionale Mittelpunkt ihres Debütalbums Flirty Ghost. Die Entstehung ist persönlich: Der Song entstand als Trauerarbeit nach dem Tod ihrer Großmutter Sheila Horton, deren Kunstwerke auf dem Albumcover zu sehen sind. Das ganze Album wurde in nächtlichen Sessions im SFJ Studio in London Fields aufgenommen – improvisiert, live, analog. Die Harfe wird hier nicht als ätherisches Hintergrundinstrument eingesetzt, sondern trägt echte Melodien. Klingt nach einer Mischung aus Dorothy Ashby und Henry Mancini, sagt das Label – und das trifft es ganz gut.
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Hör das, wenn: du merkst, dass die Gedanken, die du vermeiden wolltest, heute vielleicht Platz haben dürfen.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
TALYA FERRO – CUANDO CALIENTE EL SOL
Eine Jazz-Chanson-Version eines lateinamerikanischen Evergreens aus dem Jahr 1968 – aber mit einem Twist. Talya Ferro, geboren in Harlem und aufgewachsen zwischen NYC und LA, macht hier etwas Ungewöhnliches: Sie spricht den Text erst auf Englisch, als wörtliche Übersetzung, bevor sie ihn dann auf Spanisch singt. Das klingt auf dem Papier seltsam, funktioniert aber wie ein kleines Gedicht vor dem eigentlichen Lied.
Ferro wuchs im künstlerischen Milieu ihrer Mutter auf – als Kind hatte sie Kontakt zu Louis Armstrong, Billie Holiday und Ethel Waters. Später arbeitete sie als Schauspielerin (u.a. in Sparkle und Finian’s Rainbow) und Sängerin. Die Produktion von „Cuando Caliente el Sol” ist typisch späte 60er MGM: volle Studiobesetzung mit Streichern, Bläsern und einer Rhythmusgruppe, die dezent Latin-Akzente setzt. Lange vergessen, wurde der Track 2013 auf der Kompilation „Beach Diggin’ Vol. 1” wiederentdeckt und gilt seither als Geheimtipp in der Rare-Groove-Szene.
Der perfekte Track für das Träumen vom Sommer, Strand und Sonne!
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Hör das, wenn: du auf dem Sofa liegst und dir vorstellst, irgendwo am Meer zu sein.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
CHICO HAMILTON – PEOPLE
Cool Jazz aus dem Jahr 1966, der seiner Zeit weit voraus war. Chico Hamilton, LA-geborener Schlagzeuger und Bandleader nutzt das Schlagzeug nicht als Taktgeber, sondern als melodisches Instrument. Mit Brushes statt Sticks spielt er Patterns, die mehr an Meditation als an Swing erinnern. Der Bass von Larry Gales funktioniert wie ein Cello-Solo, die Bläser spielen unisono eine fast volksliedartige Melodie.
„People” stammt vom Album The Dealer, aufgenommen im legendären Van Gelder Studio für Impulse! Records. Hamilton hatte damals schon eine lange Karriere hinter sich – unter anderem als Teil des Gerry Mulligan-Chet Baker-Quartetts in der „Birth of the Cool”-Ära. Brian Eno nannte das Album später einen Vorläufer von Ambient Music. Die Struktur ist zyklisch: Themen kehren zurück, leicht verändert, wie Gedanken, die wiederkommen. Der Titel ist Programm – Hamilton wollte, wie er es ausdrückte, Menschen in ihrer emotionalen Komplexität darstellen.
Plus: Das Albumcover ist allererste Sahne! ;-)
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Hör das, wenn: du dich fragst, wie Musik vor 60 Jahren so zeitlos klingen konnte.
Für den Flow | Global Groove
THE PHENOMENAL HANDCLAP BAND – BABY
Zwei New Yorker Club-DJs hatten irgendwann genug davon, nur die Musik anderer Leute aufzulegen. Also gründeten Daniel Collás und Sean Marquand 2008 ihr eigenes Kollektiv und machten selbst, worauf sie tanzen wollten. “Baby” ist das Ergebnis – eine Soul-Ballade, die eigentlich gar nicht ins Set passte.
Der Track samplet “Daydream” von der belgischen Band Wallace Collection aus 1969,ein Stück, das selbst auf Tschaikowskys Schwanensee basiert. Ein weiteres Sample kommt aus dem Film “Putney Swope” von Robert Downey Senior aus dem Jahr 1969. Klassik trifft Disco trifft Soul, und mittendrin schwebt eine Flöte von Latin-Jazz-Musiker Rodrigo Ursaia.
Meine Lieblingsgeschichte: Bei einem Gig in Dublin wollte die Band “Baby” gar nicht spielen – zu langsam, das Publikum wirkte desinteressiert. Als sie backstage gingen, hörten sie plötzlich die Menge die Hook singen. Ungeplante Zugabe. Manchmal brauchen die besten Songs einen Moment, bis sie ankommen.
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Hör das, wenn: du beim Kochen merkst, dass du anfängst, mit den Hüften zu wippen.
Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere Song dir ein paar Minuten wohlverdiente Auszeit ermöglicht und dich bei deinem Feierabend, wie immer er auch aussehen mag, unterstützt. Falls ein Song besonders gut passt, bin ich gespannt darauf zu hören, in welchem Moment, in welcher Stimmung er dich gefangen hat.
Langeweile auf dem Weg in den Feierabend? Wie wär’s mit einem Spielchen?
5 Minuten Stillstand!
Bleib einfach mal stehen. Irgendwo auf dem Weg nach Hause. Dort, wo du sonst nie stehenbleiben würdest. Bleib stehen, wenn der nächste Song aufhört, oder zähl einfach irgendwann runter von 60.
Und dann verweile. Schau dich um. Fällt dir etwas in den Blick, das deine Aufmerksamkeit auf sich zieht? Wie fühlt es sich an, wenn alle um dich herum in Bewegung sind und du verweilst?
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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