Soundletter 009: Musik für mögliche Feierabende
Diese Woche mit Domenique Dumont, Yin Yin, Fabiano Do Nascimento, Jembaa Groove, Cal Tjader und Nonkeen. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zur Radiosendung.
Bewusstes Hören in Zeiten des Überflusses
Das Internet wird geflutet von KI-Texten. Der Anteil der neuen Uploads hat menschengemachten Content überholt. Und auch der Anteil von KI-generierter Musik auf den großen Streamingplattformen wächst stetig. Bei aller Faszination dieser Technik gegenüber, finde ich es zugleich gruselig, traurig und überfordernd. Deshalb versuche ich, mich darin zu üben, mir bewusste Zeit für aktives Musikhören zu nehmen. Klappt nicht immer, aber immer öfter!
Diese Ausgabe bewegt sich zwischen verträumtem Synth-Pop und psychedelischem Funk, zwischen brasilianischem Fingerpicking und weichem Afro-Soul, zwischen Latin-Jazz-Lounge und cinematischer Improvisation. Der Grundton: analog, warm, handgemacht. Kein Track versucht, laut zu sein – aber jeder behauptet seinen Raum. Die Genres kreuzen mal wieder Kontinente und Jahrzehnte, von 60er-Bossa über 70er-Highlife bis zu heutigem Krautrock-Erbe.
Doch davor wieder ein kleiner Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Welchem Menschen würdest du diesen Track widmen – und was würdest du ihm dazu sagen?
Ist es ein „Weißt du noch, damals, als wir diesen Song das erste Mal zusammen gehört haben“ oder ein “Hey, ich glaube, du brauchst diesen Song hier, um mal durchzuschnaufen!“?
Warum ist es genau dieser Track? Erinnert dich der Text an diese Person? Oder erinnert dich der Spirit dieses Songs an den Charakter eines Menschen?
Falls du es ausprobierst: Erzähl mir davon!
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
DOMENIQUE DUMONT – PEOPLE ON SUNDAY
Berlin, 1930: Junge Menschen steigen am Bahnhof Zoo in die Straßenbahn, fahren raus zum Wannsee, flirten im Ruderboot, schlafen unter Kiefern ein.
Billy Wilder (Manche mögen’s heiß) schrieb damals sein erstes Drehbuch für diesen Stummfilm. 90 Jahre später wurde das lettische Kollektiv Domenique Dumont eingeladen, einen neuen Soundtrack dafür zu komponieren und diesen live beim Les Arcs Film Festival in den französischen Alpen aufzuführen.
Was dabei entstand: Synth-Pop, der klingt, als hätte jemand Erik Satie eine Kiste alter Korgs in die Hände gedrückt. 40 Minuten, 13 Instrumentalstücke, die vom Ankommen über das Karussellfahren bis zum Zurück-in-den-Alltag führen. Die Tracktitel erzählen die Geschichte: „Arrival”, „Gone For A Wander”, „Falling Asleep Under Pine Trees”, „Back To Everyday Life”. AllMusic und Bleep wählten es unter die besten Elektronik-Alben 2020.
Ein Album zum Hineinlegen wie in eine Badewanne am Sonntagmorgen.
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Hör das, wenn: du einen verregneten Sonntagnachmittag hast und beschließt, ihn nicht zu verschwenden, sondern zu zelebrieren.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
YIN YIN – GOLDEN LION
Das niederländische Kollektiv aus Maastricht hat für sein neues Album „Yatta!” Field Recordings aus Thailand, Laos und Kambodscha gesammelt und daraus etwas gebaut, das gleichzeitig nach 70er-Jahre-Plattenkiste und nach morgen klingt. Pitchfork beschreibt es als „a kaleidoscopic collision of Thai disco, funk and psychedelic rock – hypnotic and danceable at once“. Klingt doll nach Khruangbin. Aber das ist nichts Schlechtes!
Ein goldener Löwe ist in thailändischer Mythologie (Singh) ein Schutz‑ und Stärkesymbol und steht für Mut, Würde, königliche Präsenz. Und tatsächlich ist „Golden Lion” genau das: widerständige Freude, die sich nicht erklären muss. Yin Yin nennen das Album ein „Statement of Joy and Resistance”.
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Hör das, wenn: der Arbeitstag anstrengend war, aber du noch nicht bereit bist, dich aufs Sofa zu legen und nichts zu tun.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
FABIANO DO NASCIMENTO – SPRING THEME
Sein Großvater João war ein Choro-Meister in Rio. Das siebensaitige Gitarrenspiel hat Fabiano do Nascimento quasi geerbt.
Aber „Spring Theme” ist keine Demonstration von Virtuosität. Der Track vom Album „Ykytu” – Tupi-Guarani für „Geist” oder „Seele” – entfaltet sich zyklisch, wie ein Atemzug, der sich wiederholt. Fingerpicking, leise Perkussion, ein Pandeiro im Hintergrund. Live eingespielt, keine Overdubs, kein Überproduzieren.
Die Musik schafft Raum, statt ihn zu füllen – und das war vielleicht auch die Idee: Das Album entstand als kultureller Gegenpol zu den Bolsonaro-Jahren in Brasilien. „Spring Theme” klingt wie Sonnenlicht, das durch Wolken bricht. Keine große Geste, keine Virtuosen-Show. Die Stille zwischen den Tönen sagt hier genauso viel wie die Töne selbst.
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Hör das, wenn: du langsam die kleinen Zeichen des Frühlings überall entdeckst.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
JEMBAA GROOVE (FEAT. K.O.G) – SWEET MY EAR
„Jembaa” heißt „Leben” – und genau so klingt dieser Track. Jembaa Groove ist ein siebenköpfiges Afro-Soul-Kollektiv aus Berlin, gegründet Ende 2020 von Bassist Yannick Nolting und Sänger Eric Owusu – kennengelernt auf einem Spielplatz, beim Abholen ihrer Söhne.
Für „Sweet My Ear” reisten sie nach Accra ins Kwashibu Music Studio, wo Multiinstrumentalist Kwame Yeboah produzierte. K.O.G aus Sheffield – ein Household Name der britischen Afro-Jazz-Szene – singt in Pidgin und Twi über einen neuen Morgen, eine Heimkehr, die allein durch die Ankündigung glücklich macht: „E dey sweet my ear o, say you dey come house o.”
Die Bläser setzen weiche, orchestrale Farben statt schneidender Afrobeat-Stöße. Der Groove darunter: Highlife-Gitarrenpatterns, soulige Keys, ein Bass, der rollt statt drückt. Bandmitglieder haben mit Legenden wie Ebo Taylor und Pat Thomas gespielt. Hier wird nichts imitiert, hier wird gelebt.
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Hör das, wenn: du morgens die Jalousien hochziehst und das Licht unerwartet schön ist.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
CAL TJADER – AQUARIUS
Kurze Klarstellung vorweg: Das hier ist nicht der „Age of Aquarius”-Hippie-Song, auch wenn das im Netz gerne durcheinandergeworfen wird. „Aquarius“ ist eine Komposition von João Donato aus 1965 – und Donato sitzt auf Cal Tjaders Album „The Prophet” gleich selbst an der Farfisa-Orgel. Dazu Hubert Laws an der Flöte, Red Mitchell am Bass, Don Sebesky am Arrangement, Esmond Edwards an der Produktion.
Aufgenommen 1967 in einer Phase, in der Verve versuchte, Latin Jazz mit psychedelischen Tupfern radiofreundlich zu machen. Das Ergebnis: ein breezy Instrumental, das irgendwo zwischen Bossa, Lounge und leichtem Rausch schwebt. 25 Jahre später sampelte A Tribe Called Quest genau dieses schwebende Intro für ihren „Midnight Marauders Tour Guide” – und machten Latin Jazz zu Hip-Hop-DNA. Tjader selbst war einer der wenigen US-Jazzer, die dem Latin nie den Rücken kehrten. Schwedische Wurzeln, geboren in St. Louis, aufgewachsen in Kalifornien. Ein Track, der klingt wie ein Abendspaziergang, bei dem alles ein wenig leuchtet.
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Hör das, wenn: du abends durch die Stadt läufst und alles ein bisschen wie ein Film aussieht.
Für den Flow | Global Groove
NONKEEN – BE A
1989, Hamburg: Zwei Jungs gründen einen Schulradio-Sender mit Kassettenrecordern. 1997 wird ihre Performance auf einem Jahrmarkt abgebrochen, als die Sitze eines Karussells auf die Bühne krachen. Nonkeen – das sind Nils Frahm, Frederic Gmeiner und Sebastian Singwald, Kindheitsfreunde, die zusammen Musik machen, weil sie es immer getan haben.
„All good?” ist ihr erstes Album seit acht Jahren und eine Hommage an Herbert Laser aka Herbert Laszlo Laser, einen Berliner Uhrmacher, der nebenbei den „Laserjazz” erfand – mit einem selbstgebauten Instrument namens Synthar. Die Albumtitel zusammengelesen ergeben ein Zitat von ihm: „I am sure that love will never be a product of plasticity!” „be a” ist der Moment, an dem das Album beschleunigt.
Irgendwo zwischen jazziger Improvisation und cinematischem Sog. Spontan eingespielt, ohne großen Plan. Manchmal ist das der beste Plan.
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Hör das, wenn: du zwischen zwei Aufgaben hängst und nicht weißt, ob du Pause machst oder weitermachst – dieser Track entscheidet für dich.
Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere Song dir ein paar Minuten wohlverdiente Auszeit ermöglicht und dich bei deinem Feierabend, wie immer er auch aussehen mag, unterstützt. Falls ein Song besonders gut passt, bin ich gespannt darauf zu hören, in welchem Moment, in welcher Stimmung er dich gefangen hat.
Langeweile auf dem Weg in den Feierabend? Wie wär’s mit einem Spielchen?
Be nice!
Auf unseren täglichen Wegen zur Arbeit und wieder zurück begegnen uns häufig dieselben Menschen. Kioskverkäufer, Menschen, die uns mit Kaffee versorgen, oder einfach auch immer zur selben Zeit ins Büro fahren.
Und obwohl sich unsere Wege häufig kreuzen, sind wir einander dennoch fremd. Keine Angst, du musst nicht gleich eine Freundschaft anfangen. Aber lächle dieser Person doch mal zu und wünsch ihr auf ihrem Weg einfach einen schönen Feierabend!
Falls dir gefällt, was du liest und hörst, freue ich mich wie immer über ein Abo, eine Weiterempfehlung oder ein paar nette Worte. TAoMF ist ein Herzensprojekt und Hobby. Es ist kostenlos für alle verfügbar. Wenn du meine Arbeit wertschätzt und unterstützen möchtest, kannst du mich gern auf einen Kaffee einladen.
In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
P.s. Eine kleine Bitte: Wenn du magst, empfehle diesen Newsletter doch einem deiner Lieblingsmenschen. Neue Musik ist schließlich nie verkehrt!



