Soundletter 010: Musik für mögliche Feierabende
Diese Woche mit Peter Cat Recording Co., Labi Siffre, Phi-Sonics, Henry Mancini & Ebo Taylor. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zur Radiosendung.
Die Essenz des Feierabends
Vielleicht ist es dir schon aufgefallen. Bei mir ging es, neben Musik, in den letzten Wochen viel um das Thema „Aufmerksamkeit“. Ohne es zu wissen, habe ich in den letzten 1,5 Jahren eine Reihe von Büchern gelesen, die alle in eine Richtung weisen: ein aufmerksames, bewusstes Leben.
Aber nicht im eingeengten Sinne von Mindfulness-Übungen oder einer Systemkritik der Attention Economy. Sondern im weitesten aller möglichen Sinne. The Art of Noticing, How to Do Nothing, The Art of Gathering (ja … okay, kein Wunder, dass das hier The Art of Making Feierabend heißt, nicht wahr?! 🙃). Und nun kam Attensity! A Manifesto of the Attention Liberation Movement dazu.
Stück für Stück ergibt sich dadurch ein immer klareres Bild von meinem Feierabend, mir und auch davon, was TAoMF ist und noch werden könnte. Was anfangs für mich als vages Gefühl bestand, füllt sich langsam logisch mit immer mehr Inhalt.
Was daraus wird: Ich bin gespannt und ich hoffe, du auch. Und du hast Lust, neben den musikalischen Inputs, mich auf dieser Reise zu begleiten.
Doch bevor es nun losgeht mit Musik, wieder ein kleiner Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
In welchem Restaurant würde dieser Track laufen – und was würdest du dort bestellen?
Antworte nicht nur: Italiener – Pizza. Sondern versuch, deine Vorstellung mal auf eine konkrete Reise zu schicken. Wo genau ist das Restaurant, wie fühlt es sich an, dort zu sitzen? Wie sieht die Inneneinrichtung aus, in welcher Stimmung sind die Kellner unterwegs?
Falls du es ausprobierst: Erzähl mir davon!
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Peter Cat Recording Company – Bismillah
Wenn du diese Woche ein ganzes Album hören willst statt einzelner Tracks, dann dieses! Bismillah von Peter Cat Recording Co. aus Neu-Delhi ist eines dieser Alben, die sich anfühlen wie ein luzider Traum: Du weißt nie ganz genau, in welchem Genre du gerade bist, aber du willst auf keinen Fall aufwachen.
Frontmann Suryakant Sawhney crount über Arrangements, die irgendwo zwischen Gypsy-Jazz, psychedelischem Cabaret, Bossa Nova und Space-Disco mäandern. 2019 auf dem französischen Label Panache erschienen, hat die Platte die Band vom Geheimtipp der Delhier Indie-Szene auf internationale Bühnen gebracht. Sogar in den Hamburger Mojo Club hat es sie im letzten Jahr verschlagen – zu meinem Glück! Und ich hätte wirklich nie erwartet, dass ich diese Band einmal live sehen kann.
Der Albumtitel? Sawhneys Stiefvater sagt vor jedem Drink „Bismillah” – eine alltägliche, leicht ironische Anrufung, die perfekt zur Stimmung passt.
Zehn Songs, von denen jeder einzelne anders funktioniert: „Where the Money Flows” öffnet mit Field Recordings aus Delhi und einem Kommentar zur indischen Demonetisierung. „Memory Box” ist ein achtminütiges Disco-Epos mit Streichern. „Floated By” ist der zärtlichste Lovesong, den du dieses Jahr hören wirst – das Video zeigt Aufnahmen von Sawhneys tatsächlicher Hochzeit. Und „Heera” (Hindi für Diamant) ist so melancholisch schön, dass du die englischen Texte nicht mal verstehen musst, um sie zu fühlen. Am besten: Kopfhörer auf, von vorn, am Stück. Und dann gleich nochmal!
Oder hör auf Spotify | Apple Music | YouTube | YouTube Music | Deezer | Tidal | SoundCloud | Amazon Music
Hör das, wenn: du einen ganzen Abend lang nirgendwo hin musst und Lust hast, dich in etwas Unbekanntem zu verlieren.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Labi Siffre – Cannock Chase
Folk aus dem London der 70er, der klingt, als hätte jemand den Regen vertont. Labi Siffre – englischer Singer-Songwriter mit nigerianischen und barbadischen Wurzeln – schrieb diesen Song 1972 buchstäblich auf der Rückbank seines Autos, die Gitarre im Arm, irgendwo in der bewaldeten Hügellandschaft von Cannock Chase in Staffordshire.
Die Akustikgitarre trägt alles, dazu legen sich Streicher und Holzbläser wie Nebelschichten über den Song. Im Text geht es um Depression, das Gefühl verloren zu sein – aber auch ums Weiterkämpfen. Keine triumphale Overcoming-Story, eher ein leises „Ich bin noch da”.
Siffres Stimme klingt dabei so zerbrechlich und gleichzeitig so sicher, dass du ihm alles glaubst. Aktuell erlebt der Song eine kleine Renaissance: Er lief im Staffelfinale von Hacks (Staffel 3) und danach hatten ihn plötzlich alle auf Repeat. Zurecht. Pitchfork hat dem Album Crying Laughing Loving Lying rückblickend 9.0 von 10 Punkten gegeben – was bei 1972er Folk-Platten nicht sonderlich häufig vorkommt.
Oder hör auf Apple Music | YouTube | YouTube Music | Deezer | Tidal | SoundCloud | Amazon Music
Hör das, wenn: du nach einem vollen Tag den Schlüssel umdrehst, die Schuhe abstreifst und erstmal einfach nur dastehst.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
Phi-Psonics – Healing Time
Spiritual Jazz aus Los Angeles, aufgenommen in einem Plattenladen. Nicht irgendein Plattenladen – Healing Force Of The Universe in Pasadena, benannt nach einem Albert-Ayler-Album. Kontrabassist Seth Ford-Young hat dort 2024 mit wechselnden Musiker:innen sechs Live-Sessions vor etwa 60 Zuhörer:innen aufgenommen, größtenteils improvisiert. „Healing Time” ist einer der Momente, in denen alles zusammenfließt. Kontrabass, Wurlitzer-Piano, Harfe, Saxophon, Gitarre – das klingt nach viel, fühlt sich aber an wie wenig. Aber im besten aller Sinne!
Die Pressetexte vergleichen es mit einem Bergbach, und auch wenn solche Vergleiche normalerweise prätentiös sind: Hier stimmt’s einfach.
Dylan Days Gitarre bringt dabei etwas unerwartet Erdiges, fast Folkiges rein, was den Track davor bewahrt, in reine Räucherwerk-Ästhetik abzudriften. Ford-Young hat das Projekt als Reaktion auf die Isolation der Pandemie gestartet – er wollte wieder physische Räume schaffen, in denen Menschen gemeinsam zuhören. Das hört man. Erschienen 2025 auf Gondwana Records, das auch GoGo Penguin und Matthew Halsall beheimatet.
Oder hör auf Apple Music | YouTube | YouTube Music | Deezer | Tidal | Amazon Music
Hör das, wenn: du merkst, dass du seit zwei Stunden auf einen Bildschirm starrst und dein Nacken dir gerade die Freundschaft kündigt.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Ebo Taylor – Love and Death
Anfang Februar 2026 ist Ebo Taylor gestorben. 90 Jahre alt, einen Tag nach dem Launch seines eigenen Musikfestivals. Über sechs Jahrzehnte hat der Ghanaer Highlife mit Jazz, Funk und Afrobeat verschmolzen und dabei so ziemlich alles beeinflusst, was danach kam – von Fela Kuti (mit dem er in London studierte) bis zu Usher und den Black Eyed Peas, die seine Stücke sampelten.
„Love and Death” ist gleichzeitig tief persönlich und universell. Taylor hat den Song über das Scheitern seiner ersten Ehe geschrieben und greift dabei auf ein Sprichwort seiner Fante-Kultur zurück: Liebe und Tod gehen Hand in Hand.
Im Song beschreibt er, wie der Hochzeitskuss zum „Kiss of Death” wird. Aber – und das ist das Besondere – der Track ist kein trauriges Stück. Der Groove zieht, die Bläser strahlen, die Gitarre groovt weich und selbstbewusst. Bittersüßer Afrobeat-Highlife, der gleichzeitig tanzen lässt und nachdenklich macht.
Ursprünglich um 1980 aufgenommen, wurde er 2010 mit der Berliner Afrobeat Academy für Strut Records neu eingespielt und wurde zum internationalen Comeback-Track.
Oder hör auf Apple Music | YouTube | YouTube Music | Deezer | Tidal | SoundCloud | Amazon Music
Hör das, wenn: du mal wieder realisierst, dass die wichtigsten Dinge im Leben keine einfachen Antworten haben – und das irgendwie okay ist.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Henry Mancini – Lujon
Der Sound eines Instruments, das fast niemand kennt. Ein „Lujon” ist ein Bass-Metallophon – Metallplatten über Holzresonanzräumen, mit weichen Schlägeln gespielt. Der Schlagzeuger Shelly Manne hatte so ein Ding von einem Instrumentenbauer namens William Loughborough bekommen, der es als Wortspiel nach dem Jazzer John Lewis benannte: Lew-John, Lujon. Manne spielte es Henry Mancini vor, und der war so begeistert, dass er gleich einen ganzen Song darauf aufbaute.
Das Ergebnis: ein knapp drei Minuten langes Stück von 1961, das sich anfühlt wie Zigarettenrauch in Zeitlupe. Orchestrale Lounge-Musik irgendwo zwischen Latin-Jazz, Easy Listening und Film Noir. Mancini – der Mann hinter Pink Panther, Breakfast at Tiffany’s und 20 Grammy Awards war ein Meister darin, Eleganz so klingen zu lassen, als wäre sie selbstverständlich. Du kennst „Lujon” wahrscheinlich ohne es zu wissen: Der Track lief in The Big Lebowski, Sexy Beast und wurde über 50 Mal gesampelt, unter anderem von den Massive Tönen. Normalerweise sagt man „zeitlos” und meint „alt aber okay”. Hier ist es: alt und immer noch geil!
Oder hör auf Apple Music | YouTube | YouTube Music | Deezer | Tidal | SoundCloud | Amazon Music
Hör das, wenn: du dir abends einen Drink einschenkst und für fünf Minuten so tust, als wärst du in einem Schwarz-Weiß-Film.
Für den Flow | Global Groove
Jovino Dos Santos – Bo Ta Cool
„Bo ta cool” – das ist kapverdisches Kriolu und heißt so viel wie „Alles klar bei dir?”.
Jovino dos Santos, kapverdischer Musiker, Anfang der 80er im Exil zwischen Lissabon und Paris, hat hier einen elektrisierenden Funk-Coladeira-Track hingelegt, der klingt, als hätte jemand westafrikanische Tanzmusik mit europäischem Disko-Funk verkabelt.
Funkige Gitarrenriffs, ein Bläsersatz, der sich nicht zurückhält, und Jovinos Gesang in Kriolu mit portugiesischen Einsprengseln – das ist keine subtile Angelegenheit. Aber genau richtig. Multi-Instrumentalist Paulino Vieira, so eine Art kapverdischer Quincy Jones, hat an den Arrangements mitgearbeitet. Der Track erschien ursprünglich auf dem Album Cabo Verde Nha Terra und wurde 2017 durch Ostinato Records’ Compilation Synthesize the Soul wiederentdeckt – ein Sampler, der zeigt, dass die Kapverden musikalisch weit mehr sind als Cesária Évora und Morna-Melancholie. NPR nannte die Compilation „a perfectly paced dance party”, und „Bo Ta Cool” ist der Moment, wo alle aufstehen.
Oder hör auf Apple Music | YouTube | YouTube Music | Deezer | Tidal | Amazon Music
Hör das, wenn: du am Herd stehst, das Essen brutzelt und du merkst, dass dein Fuß schon wieder wippt, obwohl du eigentlich nur Zwiebeln schneidest.
Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere Song dir ein paar Minuten wohlverdiente Auszeit ermöglicht und dich bei deinem Feierabend, wie immer er auch aussehen mag, unterstützt. Falls ein Song besonders gut passt, bin ich gespannt darauf zu hören, in welchem Moment, in welcher Stimmung er dich gefangen hat.
Langeweile auf dem Weg in den Feierabend? Wie wär’s mit einem Spielchen?
Such nach einer Farbe!
Egal welche, aber sei möglichst konkret. Und jetzt such in der kommenden Woche weitere Dinge mit dieser Farbe auf deinem Weg nach Hause. Mach immer ein Foto davon. Am Ende der Woche, füge die Bilder in einem Album zusammen und lass die Woche Revue passieren.
Falls dir gefällt, was du liest und hörst, freue ich mich wie immer über ein Abo, eine Weiterempfehlung oder ein paar nette Worte. TAoMF ist ein Herzensprojekt und Hobby. Es ist kostenlos für alle verfügbar. Wenn du meine Arbeit wertschätzt und unterstützen möchtest, kannst du mich gern auf einen Kaffee einladen.
In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
P.s. Eine kleine Bitte: Wenn du magst, empfehle diesen Newsletter doch einem deiner Lieblingsmenschen. Neue Musik ist schließlich nie verkehrt!


