Soundletter 013: Lo-Fi Folk, Ambient aus Tokio und eine Bağlama.
Diese Woche mit Benny Sings, Löwenzahnhonig, Stan Getz, Akira Kosemura, The Gaslamp Killer und Cengiz Özkan. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zur Radiosendung.
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Lo-Fi Folk, Ambient aus Tokio und eine Bağlama.
Besonderes Augenmerk möchte ich diese Woche auf das selbst betitelte Album von „Löwenzahnhonig“ legen. Es eignet sich wunderbar, um den Stress des vorangegangenen Tages in wohlige Flauschigkeit zu verwandeln.
Weil es komplett instrumental ist, verleiten die Sounds der 3 Schweizer dazu, die eigenen Gedanken zu sortieren, den ein oder anderen Knoten zu entwirren, aufgestauten Groll fallen zu lassen und einmal gehörig tief durchzuatmen.
Zudem gibt es seichten Wohlfühl-Pop von Benny Sings, der mich schon sehr, sehr lange begleitet und immer wieder musikalisch in mein Leben tritt. Zuerst gehörte zu Abi-Zeiten, als das Amsterdamer Paradiso seine Konzerte als Video ins frühe Netz der 2000er stellte.
Außerdem Klaviermusik aus Tokio, ein anatolisches Volkslied und feinster Bossa Nova. Was kann da also noch schiefgehen mit dem Feierabend?
Über Feedback dazu freue ich mich sehr!
Bevor wir nun mit den Tracks der Woche starten, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Wie würde dieser Song in einem anderen Genre klingen?
Stell dir vor, dieser Song wäre in einem komplett anderen Genre eingespielt worden. Wie klingt er als Bossa Nova? Als Punk? Als Kammermusik? Was würde bleiben, was ginge verloren? Such doch mal nach Cover-Version (z.B. auf WhoSampled) und horch dich durch verschiedene Cover. Welches gefällt dir am besten und warum?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Löwenzahnhonig – Löwenzahnhonig
Am 21. Dezember 2021 – Wintersonnenwende – betrat der Schweizer Musiker Fai Baba das Studio von Long Tall Jefferson in Zürich. Paul Märki, Ex-Bassist von Black Sea Dahu, war zufällig auch da. Eine halbe Stunde später saßen alle drei an ihren Instrumenten und spielten einen Song, den keiner von ihnen vorher kannte: „Winter Solstice”. Session reihte sich an Session, bis die drei irgendwann feststellten, dass sie eine Band waren und ein Album hatten.
Neun instrumentale Stücke, irgendwo zwischen Lo-Fi-Indie, verträumtem Folk und Cool Jazz. Kein Wort wird gesungen – obwohl zwei der beteiligten Musiker als Songwriter bekannt sind. Die Referenzpunkte reichen von Khruangbin über Mac DeMarco bis hin zu Peter Greens Fleetwood-Mac-Instrumentals wie „Albatross”. Alles atmet, nichts drängt. Gitarren, Keys, Drums, gelegentlich eine Flöte, und es wird auch mal gepfiffen.
Der Bandname? Kam vor der Band. Wartete geduldig seit Jahren auf seinen Einsatz. Klingt genau so umständlich-schön wie die Musik: wie ein Nachmittag am Moorsee, an dem du nichts vorhast und nichts brauchst.
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Hör das, wenn: du ein ganzes Album lang nirgendwo hin musst.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Benny Sings – Here It Comes
70s-Soul trifft auf Stones-Throw-Produktion – und klingt dabei so leichtfüßig, als hätte jemand den Sommer in Watte gewickelt. Tim van Berkestijn, der sich Benny Sings nennt, hat diesen Track komplett allein geschrieben – auf einem Album, das sonst von Kollaborationen mit Tom Misch, Mac DeMarco und Emily King lebt. Und fast wäre nichts draus geworden: „Here It Comes” landete zuerst im Papierkorb-Ordner auf seinem Rechner. Sein Manager musste ihn überreden, das Ding fertigzuschreiben.
Der Text ist eine eingefrorene Szene aus Bennys Jugend in Dordrecht: Parkdeck, Skate-Crew, sein Vater nannte sie „Little Giants”. Pleite aber emotional reich. Die Sonne kommt raus und für einen Moment ist das alles, was zählt. Still Listening Magazine nennt es einen Abendspaziergang mit Kopfhörern durch die Stadt – federnde Bassline, flimmernde Keys, nicht mehr.
Beruhigend in einer Welt, die mir dauernd erzählt, jeder Moment braucht ein Ziel.
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Hör das, wenn: du merkst, dass du schon wieder den ganzen Heimweg planst, statt einfach nur nach Hause zu gehen.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
Akira Kosemura – DNA
Fünf Minuten, die sich anfühlen wie eine Stunde – im besten Sinne. Akira Kosemura öffnet mit „DNA“ sein Album In The Dark Woods und macht dabei etwas Ungewöhnliches: Er beginnt leise und bleibt leise. Zarte Klavierphrasen, elektronische Sonar-Blips, ein Streichquintett, das mehr Textur als Melodie liefert.
Kosemura ist Autodidakt aus Tokio, hat als Teenager mit dem Klavier aufgehört und erst über Umwege zurückgefunden – durch Spaziergänge im Park, Field Recordings, Aphex Twin. Sein Klavier besitzt er, seit er neun war, und nimmt bis heute alles darauf auf. Man hört die Hämmer, die Mechanik, das Holz. Das ist Absicht.
Er selbst beschreibt das Album als eine Art vorgeburtliche Geborgenheit – Dunkelheit, die nicht bedrohlich ist, sondern schützt. Wie der Herzschlag einer Mutter. „DNA” im Titel meint weniger Genetik als Kreislauf: Blutfluss, Naturgesetze, Pausen als Teil des Rhythmus.
Kein Drama, kein großer Bogen. Einfach da sein.
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Hör das, wenn: du gerade heimkommst, noch in Straßenkleidung auf dem Sofa sitzt und der Abend noch nicht angefangen hat.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Cengiz Özkan – Bir Ay Doğar
Anatolische Volksmusik aus Arguvan, einer Region in Ostanatolien, die für lang gezogene, melancholische Melodien bekannt ist. Cengiz Özkan singt und begleitet sich auf der Bağlama – dem langhalsigen Saiteninstrument, das in der türkischen Musik ungefähr das ist, was die Gitarre im Blues: alles.
„Bir Ay Doğar” ist ein anonymes Türkü – ein Volkslied, das über Generationen weitergegeben wurde. Ein Mond geht auf, die Berge sind kalt, ein Reisender friert irgendwo in der Ferne. Die Erzählerin kann nichts tun. „Was soll ich machen?” ist der Refrain, der sich durch jede Strophe zieht.
Özkan, geboren 1967 in Divriği, ist ausgebildeter Konservatoriums-Musiker und spielt seit den späten Achtzigern beim türkischen Staatsradio TRT. Er nimmt diese überlieferten Lieder und gibt ihnen genau das richtige Maß an Raum: Stimme und Bağlama im Zentrum, wenig Drumherum, viel Hall.
Man muss kein Wort Türkisch verstehen. Die Kälte in den Bergen hört man trotzdem.
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Hör das, wenn: du am Fenster stehst und draußen wird es dunkel und du findest das gerade okay.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Stan Getz, João Gilberto – O Grande Amor
März 1963, ein Studio in der 48th Street in New York. Fünf Musiker, zwei Abende, ein Album, das Musikgeschichte schreiben sollte. Getz/Gilberto wurde mehrfach Grammy-prämiert – unter anderem als erstes Jazzalbum überhaupt mit dem „Album of the Year”-Award – und machte Bossa Nova zur Weltsprache.
„O Grande Amor” ist der Deep Cut. Kein Hit wie „Girl from Ipanema”, sondern der Track, an dem Kenner die Klasse aller Beteiligten hören: Getz’ warmes Tenorsax, Gilbertos geflüsterte Stimme, Jobims sparsames Klavier. Keine Astrud hier, kein zweisprachiger Gimmick. Nur Bossa-Poetik in Reinform.
Der Text stammt von Vinícius de Moraes und ist im Grunde ein philosophisches Miniatur-Gedicht über die Liebe: Es gibt falsche Liebe und Verzweiflung – aber am Ende gewinnt „der große Amor”, der im Herzen wie Vergebung wirkt. João Gilberto singt das so leise, dass es fast wie ein Geheimnis klingt, das er nur dir erzählt.
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Hör das, wenn: du Rotwein aufmachst, das Handy in die Schublade legst und dir selbst Gesellschaft leistest.
Für den Flow | Global Groove
The Gaslamp Killer – Nissim
Fast zwei Minuten lang passiert scheinbar wenig: Ein langhalsiges türkisches Saiteninstrument – die Yaylı Tambur, gespielt von Amir Yaghmai – baut eine hypnotische Melodie auf, Drone-Flächen schimmern im Hintergrund. Und dann: Beat. Groovende Drums, federnder Bass von Daedelus, und plötzlich steht man mitten in einer Jam-Session, die irgendwo zwischen L.A. Beat Scene und anatolischem Psychedelic-Rock der 70er angesiedelt ist.
William Bensussen alias The Gaslamp Killer hat türkische Wurzeln. Der Track ist nach seinem verstorbenen Großvater Nissim benannt – hebräisch für „Wunder”. Statt eine alte türkische Platte zu samplen, hat er Musiker ins Studio geholt und das Ganze live neu eingespielt. DIY Magazine nennt es einen „Turkish psych-funk jam”. Später landete „Nissim” im Soundtrack von GTA V, auf Gilles Petersons In-Game-Sender Worldwide FM.
Ein Stück, das von innen nach außen wächst.
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Hör das, wenn: du abends noch etwas erledigen willst, aber bitte mit Groove und nicht mit Stress.
Langeweile auf dem Weg in den Feierabend? Wie wär’s mit einem Spielchen?
Denk an einen Menschen, den du eigentlich total gern hast, ihr aber viel zu selten Kontakt habt. Und dann schreib ihm ne kurze Nachricht, dass du ihn ihn gedacht hast.
Dieser Moment, wenn man kurz an eine Person denkt und dabei feststellt: Verdammt, schon viel zu lang her! Aber für den ersten Anruf nach so langer Zeit muss man sich Zeit nehmen. Und dann schiebt man es auf, bis man es wieder vergessen hat. Ich glaube, das ist großer Käse! Manchmal reicht eine kleine Nachricht, um den Stein wieder ins Rollen zu bringen.
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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