Soundletter 014: Baritonstimme, Bassklarinette und der Typ, der auf einer Marihuana-Farm arbeitete
Diese Woche mit Anderson .Paak, Nick Waterhouse, Oliver Patrice Weder, Klara Kristin Fred Bongusto & Pasteur Lappe. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape.
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Feierabende zwischen Musik, Tanz & Theater.
Meine letzte Woche war durchaus ereignisreich. Die letzten Tage Unterricht liegen hinter mir, um Mittwoch habe ich die Wirkungsstätte meiner nächsten 6 Monate bezogen: bis Ende September werde ich beim Hamburger Kampnagel mein Wissen im Bereich Eventmanagement vertiefen. Und das bedeutet mit Sicherheit viele neue Eindrücke, Perspektiven und Ideen, was das Thema Feierabend machen angeht.
Denn schließlich ist so ein großes Staatstheater und Veranstaltungshaus, wo die Träume vieler erquickender Feierabende kreiert werden! 🙃
Aber es wird mit Sicherheit auch eine Herausforderung für meine eigenen Feierabende. Denn neben der Möglichkeit viele der Veranstaltungen dort zu besuchen ist die Veranstaltungsbranche nun mal auch eines: gefährlich für alle, die darin arbeiten, wenn es um geregelte, erholsame Feierabende geht. Denn schließlich arbeitet man oft, wenn andere schon Feierabend haben.
Ich bin gespannt, was mich alles erwartet und welche Auswirkungen das auf TAoMF haben wird. Schließlich steckt hier auch eine Menge Arbeit jede Woche drin. Möglich also, dass ich an der ein oder anderen Stelle hier ein wenig kürzertreten werde. Aber, ma kiekn! 😊
Nun aber weiter mit Musik:
Diese Woche gibt es ’ne gehörige Portion RnB, Hip-Hop & Neo-Soul mit Anderson .Paaks fantastischem Album Malibu von 2016. Dazu Musik aus Italien, Frankreich und Kamerun. Und falls das alles zu schnell und groovy ist, dann nimmt dich ein Schweizer Komponist mit in ein Poolhaus nach Spanien.
Über Feedback dazu freue ich mich sehr!
Übrigens: Jetzt auch überall, wo es Podcasts gibt!
Alle Longreads, die ich ohnehin immer persönlich mit einem Voiceover meiner lieblichen Stimme versehe, werden künftig auch als Podcast bzw. wie ich es nennen würde „Audioessay“ auf den Podcast-Plattformen deiner Wahl zu hören sein. Falls die Augen mal zu schwer sind, aber die Ohren noch ein wenig Input verlangen! Die Soundletter bleiben da aber erst mal außen vor. Zeit und so!
Spotify | Apple (tba) | YouTube
Bevor wir nun mit den Tracks der Woche starten, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Das Ungehörte:
Versuch den Song aus dem Gedächtnis nachzusummen, zu klopfen oder zu pfeifen. Was bleibt hängen, was fehlt? Die Lücken zeigen dir, was dein Ohr priorisiert hat.
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Anderson .Paak – Malibu
2016, als alle noch damit beschäftigt waren, The Weeknds düstere Selbstzerfleischung nachzuahmen, stellte sich ein Typ aus Oxnard, Kalifornien hin und machte das Gegenteil: warmherzigen, sonnendurchfluteten Soul mit Hip-Hop-Kante. Anderson .Paak hatte zu diesem Zeitpunkt schon einiges hinter sich – einen Job auf einer Marihuana-Farm verloren, mit seiner Familie zeitweise auf der Straße gelebt, sich über Drumming in Kirchen und Low-Budget-Gigs zurückgekämpft. Nach Gastauftritten auf Dr. Dres Compton war Malibu dann seine Triumphansage. Aufgenommen auf einem Mac Mini und einem verbeulten Mikrofon. 16 Tracks zwischen Neo-Soul, Funk, Jazz und Gospel, produziert von Leuten wie Madlib, Kaytranada und 9th Wonder – also Helden, die .Paak schon als Teenager gefeiert hatte.
Das Album erzählt von Armut, Spielsucht der Mutter, Inhaftierung des Vaters – aber immer mit Humor statt Selbstmitleid. Tracks wie „Come Down” (mit Funk-Samples von The Funky Funny Four) oder das Gospel-Finale „The Dreamer” mit Talib Kweli zeigen die Bandbreite. Seine raue, körnige Stimme kann rappen und singen, manchmal im selben Atemzug. Nicht umsonst landete das Album eine Grammy-Nominierung als Best New Artist. Malibu ist kein Album, das dich belehrt. Es ist eins, das dich mitnimmt.
P.s.: Ich bin damals über sein TinyDesk Konzert auf ihn gestoßen, weiterhin sehenswert!
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Hör das, wenn: du merkst, dass dein Feierabend gerade zu kurz kommt – leg das Album auf und gib ihm die ganze Strecke vom Heimweg bis zur Couch.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Nick Waterhouse – Thought & Act
Retro-Soul aus Kalifornien, aber nicht die sonnige Sorte. Nick Waterhouse hat sich seinen Sound in einem Plattenladen in San Francisco zusammengesammelt – bei Rooky Ricardo’s Records, einer Vinyl-Institution, wo er seine Obsession für R&B und Doo-Wop der 50er und 60er entwickelte. „Thought & Act” stammt von seinem vierten, selbstbetitelten Album, das er als Ergebnis von allem beschreibt, was er auf den ersten drei Platten gelernt hat. Produzent Paul Butler – der auch schon mit Michael Kiwanuka gearbeitet hat – schob ihn dabei stärker als Frontmann in den Vordergrund.
Das Ergebnis klingt wie ein verlorener Song aus einem nie gedrehten Film-Noir: rauchig, intim, mit einer Stimme, die zwischen Treueschwur und Zweifel pendelt. Der Refrain wiederholt mantraartig ein Versprechen, als müsste sich der Erzähler selbst davon überzeugen. Dazu ein Arrangement, das viel Raum lässt – Gitarre, Orgel, vielleicht ein Tenorsax im Hintergrund.
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Hör das, wenn: der Arbeitstag noch in deinem Kopf kreist und du etwas brauchst, das dich sanft in einen anderen Modus runterdimmt.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
Oliver Patrice Weder – Rainbow Fish
Ein Schweizer Komponist, ein Poolhaus in einem Eichenwald bei Madrid, ein Lockdown und die Frage: Was passiert, wenn man ein Mikrofon über eine Wasseroberfläche hängt?
Oliver Patrice Weder – eigentlich Lead Composer bei Spitfire Audio, also jemand, der professionell Klänge für Film und Fernsehen baut – fand in diesem Poolhaus eine Akustik, die er nirgendwo nachbauen konnte. Das natürliche Echo des Wassers wurde zum Instrument.
„Rainbow Fish” ist der Opener seines Albums The Pool Project: eEineneoklassische Miniatur mit einer verspielten, fast kindlichen Klavierfigur, die an Saties Gymnopédies erinnert. Dazu Altflöte und Bassklarinette – warme Holzbläserfarben (also Instrumente aus der Familie der Flöten und Klarinetten, die tiefere, weichere Töne erzeugen) –, die sich wie Atemzüge um das Piano legen. Kein Hall-Exzess, kein Drama. Stattdessen eine Nähe, als säße jemand im Raum neben dir und spielte leise vor sich hin.
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Hör das, wenn: du abends das Handy weggelegt hast und die Stille gerade ein bisschen zu still ist – aber du auch keine Stimmen hören willst.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Klara Kristin – Saint Tropez
Ein dänisches Model, das in Paris lebt und französische Chansons aus den 60ern singt – klingt nach einer Filmfigur, ist aber echt.
Klara Kristin, bekannt aus Gaspar Noés Film Love, hat mit Lullaby & Drum Machine ihr erstes Album als Sängerin vorgelegt: eine Sammlung von französischen Songs der 60er und 70er, neu interpretiert mit einer charmant staubigen Rhythmusbox (also einem alten, analogen Drum-Computer).
„Saint Tropez” ist dabei ein Cover des Jazz-Chansons „Saint-Tropez Blues”, das ursprünglich vom Gitarristen Henri Crolla für den gleichnamigen Nouvelle-Vague-Film von 1961 geschrieben wurde. Es war Marie Laforêts allererste Single – und nach deren Tod 2019 wollte Klara dem Stück ein zweites Leben geben. Produziert von Jonathan Bremer und Johannes Wamberg aus der dänischen Jazz-Szene, entsteht ein luftiges Arrangement, das viel Platz für den neapolitanisch angehauchten französischen Text lässt. Das Ergebnis fühlt sich an, als hätte jemand eine Zeitmaschine gebaut, aber die Tür einen Spalt offen gelassen.
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Hör das, wenn: du Fernweh hast, aber keine Energie zum Reisen – dieser Song bringt die Côte d’Azur zu dir auf den Balkon.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Fred Bongusto – Doce Doce
Neapel, Anfang der 60er. Ein 18-Jähriger schreibt auf Neapolitanisch einen Abschiedssong, der eigentlich nur als B-Seite einer Single erscheint – und dann die A-Seite überstrahlt.
Fred Bongusto, einer der großen italienischen Crooner neben Bruno Martino und Johnny Dorelli, hat mit „Doce Doce” (neapolitanisch für „süß, süß”) seinen ersten echten Erfolg gelandet. Der Song dreht sich um den bittersüßen Moment des Abschieds von einer Geliebten: Die Erinnerung an ihre Küsse bleibt, auch wenn ein anderer sie halten wird. Bongusto singt das mit einer warm-rauchigen Baritonstimme über einem Orchester-Arrangement, das ganz auf Intimität setzt – Streicher, eine sanfte Rhythmusgruppe, viel Raum für Stimme.
Später arbeitete er mit brasilianischen Legenden wie Toquinho und Vinícius de Moraes. Der Song Zeitlos, warm, ein bisschen wehmütig. Und trotzdem ziemlich Vintage! 🙃
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Hör das, wenn: du allein in der Küche stehst, Pasta kochst und einen Moment lang so tust, als wärst du in einem alten italienischen Film.
Für den Flow | Global Groove
Pasteur Lappe – More Seke Movement (Papa Ni Mama)
Afro-Disco-Funk aus Kamerun, aufgenommen 1979 in Paris, wiederentdeckt 2017 vom Londoner Label Africa Seven – und seitdem heimlicher Liebling in DJ-Sets weltweit
Pasteur Lappé – Funk-Gitarrist aus Douala – war in den 60ern Radiomoderator, dann Zeitungsredakteur, dann Dichter, bevor er sich ganz der Musik widmete. Seine Band, die Zulu Gang, zählte unter anderem Jacob Desvarieux, der später Kassav’ mitgründete und den Zouk-Sound miterfand. „More Seke Movement” ist der Opener von Lappés Debüt-Album We, The People und etabliert sein „Sekele”-Konzept: ein Sammelbegriff für die Tanzrhythmen und Vibes seiner Heimatstadt Douala.
Pulsierender Bass, perkussive Gitarren, treibende Drums und Vocals, die eher als rhythmische Hooks funktionieren denn als Erzählung. Der Groove ist straight, fast hypnotisch – und erstaunlich modern für etwas, das vor über 45 Jahren eingespielt wurde.
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Hör das, wenn: du noch was erledigen willst, aber ohne Stress – dieser Track gibt dir Vorwärtsbewegung, ohne dass es sich nach Arbeit anfühlt.
Langeweile auf dem Weg in den Feierabend? Wie wär’s mit einem Spielchen?
Je nachdem, wie dein Heimweg von der Arbeit aussieht, aber sofern du nicht zu 100% im Homeoffice arbeitest, dann gibt es sie auch in deinem Leben: Menschen, denen du täglich begegnest, die du jedoch nicht wirklich kennst. Sei es der Kioskbetreiber, der Mensch, der deinen Coffee To Go zapft, der Obdachlose an deiner U-Bahn-Station, der irgendwie (leider) zum Inventar gehört.
Schenk diesen Menschen heute einmal etwas. Sei es ein Lächeln, ein freundlicher, wohlgesonnener kleiner Smalltalk oder wünsch ihnen von ganzem Herzen einen schönen Feierabend, wann immer dieser auch kommen mag und wie auch immer er aussehen mag!
Besonders in Großstädten, in der Hektik der Rushhour, wenn alle nur schnell nach Hause wollen, lohnt es sich mal kurz innezuhalten, den Autopilot abzuschalten und ein wenig menschliche Wärme in die Welt zu strahlen! 🙃
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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