Soundletter 015: Freiheit auf Amharisch, ein Klavier in Chicago und eine Nu-Jazz-Version von Hot in Herre
Diese Woche mit Cesaria Evora, Cousin Kula, Web Web, Mulatu Astatke, Ahmad Jamal & Orlando Julius. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape.
»»» direkt zu den Soundpics! «««
Musik Indizierte Stimmungsschwankungen.
Manchmal, wenn ich auswähle, welche Musik ich als Nächstes hören möchte, überlege ich, in welche Stimmung mich die Mucke denn bitte schön bringen soll. Happy happy, entspannt oder konzentriert? So hat mich die richtige Auswahl schon oft aus bedrohlichen Motivationslöchern geholt oder eben noch tiefer in die Melancholie geleitet.
Auf der Suche nach Musik, die deine Feierabende supporten könnten, ist das natürlich nicht immer unkompliziert. Denn woher weiß ich denn schon, auf welches Gefühl du denn gerade Bock hast!? Denn zwischen “Boah, ich fall um” und “Warmup zur Party” ist zum Feierabend ja bekanntlich vieles möglich.
Falls du dir also gern mehr fetzige Mucke wünschst, gib doch mal laut. Denn bekanntlich ist der Grundtenor ja hier meist eher “chillig” und “smooth”!
Aber überhaupt: gibt es bei dir einen bestimmten Track, der dich zuverlässig IMMER in dieses eine Stimmung bringt? Den du immer dann anmachst, wenn es sonst keinen Ausweg zu geben scheint?
Nun aber weiter mit Musik:
Diese Woche gibt es eine Empfehlung für ein wundervolles Album vom kapverdischen Archipel, ein Track der wie eine Nu-Jazz-Version von “Hot in Herre” anmutet, Spiritual-Jazz mit Max Herre, Musik vom Erfinder des Ethio-Jazz, Piano Musik aus Chicago 1958 und eine Afro-Beat Version eines James Brown Funk Mosnters!
Wenn das keine Reise ist…!
Übrigens: Jetzt auch überall, wo es Podcasts gibt!
Alle Longreads, die ich ohnehin immer persönlich mit einem Voiceover meiner lieblichen Stimme versehe, werden künftig auch als Podcast bzw. wie ich es nennen würde „Audioessay“ auf den Podcast-Plattformen deiner Wahl zu hören sein. Falls die Augen mal zu schwer sind, aber die Ohren noch ein wenig Input verlangen! Die Soundletter bleiben da aber erst mal außen vor. Zeit und so!
Bevor wir nun mit den Tracks der Woche starten, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Der Morgen danach
Hör den Song abends. Schlaf drüber. Was erinnerst du am nächsten Morgen – ohne ihn nochmal zu hören? Der Teil, der bleibt, ist der Teil, der dich wirklich erreicht hat.
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Cesaria Evora – Cesaria
Manchmal reicht eine Stimme, um einen ganzen Ort zu verstehen. Cesária Évora kommt von Kap Verde, einer Inselgruppe vor Westafrika, und singt Morna – das ist so etwas wie der Blues der Inseln. Lieder über Heimweh, Abschiede, Liebe, Verlust. Auf Kriolu, der kreolischen Sprache des Archipels. Gesungen mit einer Stimme, die die New York Times irgendwo zwischen Sade und Billie Holiday einordnete.
Cesaria erschien 1995, als Évora nach Jahrzehnten in den Bars von Mindelo endlich international ankam. Das Album wurde für einen Grammy nominiert und brachte ihr bei einem New Yorker Konzert Madonna, David Byrne und Branford Marsalis ins Publikum. Die Arrangements sind bewusst sparsam gehalten: Gitarren, Percussion, hier und da Violine oder Klarinette – alles nur dazu da, dieser Stimme Raum zu geben. „Petit País” ist eine beinahe zärtliche Liebeserklärung an ihr kleines Land. Und „Doce Guerra” – süßer Krieg – klingt wie eine Umarmung, die wehtut und tröstet gleichzeitig.
Oder hör auf Bandcamp | Apple Music | YouTube Music | Tidal | Deezer | Qobuz | Pandora
Hör das, wenn: du merkst, dass dein Kopf voll ist, aber du eigentlich gar nicht nachdenken willst – sondern fühlen.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Cousin Kula – Clothes Off
Fünf Leute aus Bristol, die gemeinsam in einem Haus am Stadtrand leben und Musik machen, die irgendwo zwischen Nu-Disco, Funk und psychedelischem Soul landet. „Clothes Off” entstand an einem unerträglich heißen Julitag – als buchstäbliche Reaktion auf Hitze und das Bedürfnis, sich auszuziehen. Dass der Song dann am Valentinstag 2024 als Vorbote ihres Albums Vitamin D auf Rhythm Section International erschien, ist natürlich kein Zufall.
Was hier passiert: federnde Basslines, Falsett-Gesang, der eher gleitet als singt, und eine Flöte, die ab und zu reinschneit wie ein Sommernachtstraum. Daraus entsteht eine Mischung aus einer Nu-Jazz-Version von Nellys „Hot in Herre” und DJ Jazzy Jeffs and the Fresh Prince’s “Summertime”. Verspielt, ein wenig frech, aber nicht albern.
Oder hör auf Spotify | Apple Music | YouTube Music | Tidal | Deezer | Qobuz | Pandora | SoundCloud
Hör das, wenn: du nach der Arbeit die Jacke ablegst, das Fenster aufreißt und der erste warme Wind reinkommt.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
Web Web & Max Herre (feat. Brandee Younger) – Satori Ways
Zurücklehnen. Durchatmen. Nichts wollen.
„Satori” ist im Zen-Buddhismus der Moment plötzlicher Erleuchtung – kein Blitz, eher ein stilles Aufwachen. Und genau so klingt dieser Track. Web Web sind ein Münchner Spiritual-Jazz-Quartett um Pianist Roberto Di Gioia, und für ihr Album WEB MAX holten sie sich Max Herre dazu – ja, den von Freundeskreis. Aber hier rappt niemand. Hier schwebt alles.
Das Herzstück: Die Harfe von Brandee Younger aus New York, die in der Tradition von Dorothy Ashby und Alice Coltrane spielt – also Jazz-Harfinistinnen, die das Instrument aus dem Orchester-Kontext befreit und in spirituelle Klanglandschaften überführt haben. Younger legt ein wiederkehrendes Harfenmuster, dazu kommt Tony Lakatos’ dunkle Altflöte, warme Rhodes-Flächen und eine Rhythmusgruppe, die mehr schwebt als treibt.
Oder hör auf Spotify | Apple Music | YouTube Music | Tidal | Qobuz
Hör das, wenn: du abends auf dem Balkon sitzt und zum ersten Mal am Tag wirklich still bist.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Mulatu Astatke – Nétsanét
Nétsanét bedeutet auf Amharisch, der offiziellen Arbeitssprache in Äthiopien, „Freiheit”. Ein großes Wort für ein Instrumentalstück.
Aber Mulatu Astatke hat auch eine große Geschichte: Er gilt als Begründer des Ethio-Jazz – einer Musik, die äthiopische Tonleitern mit amerikanischem Jazz, Latin-Rhythmen und Funk verschmilzt. In den Sechzigern studierte er als erster Afrikaner am Berklee College in Boston, kehrte dann nach Addis Abeba zurück und erfand im Grunde ein eigenes Genre.
„Nétsanét” stammt aus seiner legendären Phase Anfang der Siebziger, aufgenommen für das Amha-Records-Label in Addis. International bekannt wurde der Track erst 1998 durch die Éthiopiques-Compilations, die seine Musik weltweit zugänglich machten. Was du hörst: Vibraphon, Saxofon und Orgel über einem Groove, der gleichzeitig entspannt und hypnotisch ist. Die Melodien klingen fremd und vertraut zugleich – nicht westlich-dur, nicht westlich-moll, sondern in einem eigenen modalen System, das sich keiner gewohnten Auflösung beugt. Einfach wundervoll!
Oder hör auf Spotify | Apple Music | YouTube Music | Tidal | Deezer | Qobuz | Pandora
Hör das, wenn: du das Gefühl hast, immer die gleichen Routen zu laufen – und mal einen komplett anderen Weg einschlagen willst.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Ahmad Jamal – Poinciana
Chicago, Januar 1958. Die Pershing Lounge im Pershing Hotel. Ahmad Jamal am Klavier, Israel Crosby am Bass, Vernel Fournier am Schlagzeug. Was an diesem Abend entstand, blieb 107 Wochen in den Billboard-Charts – in einer Zeit, in der 15.000 verkaufte Jazz-Alben schon als Erfolg galten.
„Poinciana” basiert auf einer kubanischen Volksmelodie von 1936 über einen tropischen Baum. Jamal macht daraus etwas völlig Eigenes: minimalistisch, hypnotisch, fast meditativ. Das Geheimnis ist der sogenannte „Poinciana Beat” von Drummer Fournier – ein Hybrid aus New-Orleans-Marsch und afro-kubanischen Rhythmen, der angeblich zufällig entstand, als Jamal den Song im Club anstimmte. Darüber: Jamals Konzept von Raum. Wenige Noten, viel Stille dazwischen, dynamische Bögen von fast unhörbarem Flüstern bis zu plötzlichen Ausbrüchen. Miles Davis nannte genau das – dieses Raumkonzept – als prägenden Einfluss.
Oder hör auf Spotify | Apple Music | YouTube Music | Tidal | Deezer | Qobuz | Pandora | SoundCloud
Hör das, wenn: du dir eine Kerze anzündest und die Welt für eine Weile vergisst.
Für den Flow | Global Groove
Orlando Julius & The Heliocentrics – In The Middle
Ein nigerianischer Afrobeat-Pionier trifft auf ein Londoner Psychedelic-Funk-Kollektiv und gemeinsam covern sie James Brown. Klingt nach einer verrückten Idee? Ist es auch, aber sie funktioniert!
Orlando Julius verschmolz bereits in den Sechzigern in Lagos R&B mit Highlife – seine Platte Super Afro Soul von 1966 gilt als einer der Grundsteine des Afrobeat. Die Heliocentrics um Drummer Malcolm Catto wiederum sind bekannt für ihre analogen, dreckig-schönen Sessions mit Leuten wie Mulatu Astatke (höre unten!). Für das Album Jaiyede Afro (2014, Strut Records) nahmen sie komplett analog in Nord-London auf. „In The Middle” ist ihr Cover von James Browns gleichnamigem Funk-Instrumental von 1969, geschrieben von Pee Wee Ellis – aber statt des ultra-tighten JB-Grooves bekommst du hier eine breitere, psychedelischere Version: verzerrte Gitarren, wimmernde Bläser, ein Rhythmus, der sich festkrallt und nicht mehr loslässt.
Oder hör auf Spotify | Apple Music | YouTube Music | Tidal | Qobuz | Pandora | SoundCloud
Hör das, wenn: du abends in der Küche stehst, kochst und merkst, dass dein ganzer Körper mitgroovt, obwohl du eigentlich nur Karotten schneidest.
Langeweile auf dem Weg in den Feierabend? Wie wär’s mit einem Spielchen?
Dein schönstes Konzert:
Bevor du wieder Zeit auf der Fahrt im Internet oder mit der letzten Mail verschwendest, denk doch mal an das Schönste Konzert, dass du je erlebt hast?
Wann und wo war es, wer stand auf der Bühne. Und was genau daran ist es, was es zum besten Konzert gemacht hat. Die Qualität der Musik, die Imposanz der Show, oder deine Begleitung und die gemeinsame Erinnerung, die daraus entstanden ist?
Falls dir gefällt, was du liest und hörst, freue ich mich wie immer über ein Abo, eine Weiterempfehlung oder ein paar nette Worte. TAoMF ist ein Herzensprojekt und Hobby. Es ist kostenlos für alle verfügbar. Wenn du meine Arbeit wertschätzt und mich unterstützen möchtest, kannst du mich gern auf einen Kaffee einladen.
In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
P.s. Eine kleine Bitte: Wenn du magst, empfehle diesen Newsletter doch einem deiner Lieblingsmenschen. Neue Musik ist schließlich nie verkehrt!




