Soundletter 016: Kapverdischer Funaná, anatolischer Rock und die Geschichten, die wir über uns selbst erzählen.
Diese Woche mit Andrea Lazslo de Simone, Gino Paoli, Arp Frique, Ambre Ciel & Ezra Feinberg. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Ich bin kein Radfahrer!
Das ist in etwa die Geschichte, die ich mir ziemlich lange erzählt habe. In Hamburg lebend war es für mich lange Zeit ausreichend, meine Strecken mit den Öffis oder zu Fuß zu bestreiten. Wegstrecken entweder zu weit oder zu kurz. Außerdem waren bzw. sind Hamburg Radwege weiterhin eher so … lala.
Aber dann hab’ ich mir, um Zeit zu sparen, letzten Jahr einen gebrauchten Drahtesel geholt und schon noch einer Handvoll Fahrten war mir auf einmal klar: Radfahren ist ja meeeega! Gestern schließlich habe ich eine 90 km Radtour gemacht und kann mir sogar vorstellen, so was mal im Urlaub zu machen. Bike Packing oder wie sich das heutzutage nennt.
Was hat sich geändert?
Vielleicht war ich schon immer im Inneren ein Radfahrer, wollte mich nur unbewusst von meinem Vater, der leidenschaftlicher Fahrer war, abgrenzen. Oder vielleicht ist das einfach so mit fast 40. Dass solche Dinge plötzlich Spaß machen, man Zeit in der Natur und in Bewegung zu schätzen weiß. Oder unbewusst aufgenommene Werbung hat mich dazu veranlasst.
Was es auch war, der eigentliche Punkt ist:
Wir erzählen uns ständig selbst Geschichten über uns. Wer wir sind, was wir wollen, was wir lieben und verabscheuen. Und prägen damit unser Handeln. Viel zu selten aber nehmen wir diese Erzählungen als solche wahr, geschweige, dass wir sie ernsthaft hinterfragen.
Keine leichte Aufgabe, gewiss. Aber eine lohnenswerte. Denn manche Dinge sind gar nicht so in Stein gemeißelt, wie wir glauben.
Bis vor 2,5 Jahren war ich Raucher. Kettenraucher. Leidenschaftlich. Es war nicht nur eine schlechte Angewohnheit, sondern Teil meiner eigenen Erzählung.
Heute kann ich mir das kaum noch vorstellen.
Was sind eure Erzählungen, die ihr euch erzählt? Wo glaubt ihr, könnte etwas verborgen sein, nur dass ihr bislang noch nicht auf die naheliegende Idee gekommen seid, mal näher hinzuschauen?
Nun aber weiter mit Musik:
Diese Woche gibt Musik aus Norditalien. Von 1961 sowie von 2025. Beides klingt nostalgisch und zugleich zeitlos. Wir hören Kammerpop aus Montréal mit einem mazedonischen Streicherarrangement, Musik von einem praktizierendem Psychoanalytiker aus dem Hudson Valley, anatolischer Rock, der mit Italo-Disco verschmilzt und kapverdischer Funaná aus Rotterdam.
Kleine Anmerkung zu den Songlinks: diese Woche nur mit Bandcamp oder YouTube-Einbettungen. Mein Workflow, den ich mit für die Verlinkungen zurecht gebastelt habe, will gerade nicht so, wie ich will. Aber mir fehlt die Zeit und Geduld, es zu fixen.
Vielleicht hab ich es bis nächste Woche gelöst. Oder mache ich mir die Arbeit ohnehin umsonst und du brauchst die Direktverlinkungen der Tracks zu den einzelnen Plattformen gar nicht?
Bevor wir nun mit den Tracks der Woche starten, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Schreib ‘ne Postkarte
Schreib dem Song eine kurze Nachricht – als wäre er ein alter Bekannter, dem du lange nicht geschrieben hast. Was kommt dir in den Sinn?
Dieser Soundflip ist stark inspiriert von einer Karte von Ways of Looking at Art und funktioniert für noch so viel mehr als nur für ein Kunstwerk oder einen Track. Auch denkbar: eine Topfpflanze, ein Straßenschild oder, ganz verrückt, einen alten Bekannten! 🙃
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Andrea Laszlo De Simone – Una lunghissima ombra
17 Tracks, italienischer Barock-Pop als Gesamtkunstwerk – De Simones neues Album ist keine Platte zum Nebenbeihören.
Der Turiner Komponist, den Frankreich 2024 mit einem César für seinen Soundtrack zu Le règne animal ausgezeichnet hat, will intrusive Gedanken sichtbar machen – jene Gedanken, die uns ständig begleiten und lange Schatten auf unser Dasein werfen. Vertont wird das mit Streichern, Klarinette, Flöte und Flügelhorn; instrumentale Zwischenstücke verbinden die Songs zu einer sinfonischen Bogenform.
Das Label 42 Records beschreibt es als Album zum Sehen, Film zum Hören – tatsächlich wurde das Werk bereits 2024 als Stummfilm präsentiert, bevor die Musik dazukam. Der Titelsong am Ende fasst alles in ein Bild: Im Abendlicht wirft das lyrische Ich einen sehr langen Schatten, während sich ringsum nur müde Gesichter versammeln.
Große Geste, aber nichts Pompöses – eher ein Werk, das bewohnt werden will, nicht konsumiert.
Hör das, wenn: draußen die Dämmerung anrückt und du die nächste Stunde niemandem gehörst außer dieser einen Platte.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Ambre Ciel – the sun, the sky
Kammerpop von der Montréaler Komponistin Jessica Hébert alias Ambre Ciel – ihre Debütsingle auf dem Manchester-Label Gondwana Records.
Ein Klavierloop aus vier Akkorden, der irgendwohin geht und doch zum Ausgangspunkt zurückkehrt; darüber ein großes, vom mazedonischen FAMES Skopje Orchestra eingespieltes Streicherarrangement, dazu Bassklarinette und Horn.
Der Song ist zweisprachig, englisch und französisch, und kreist in Meer- und Himmelsmetaphern um ein Motiv, das Hébert selbst so beschreibt: an einen vertrauten Ort zurückkehren und feststellen, dass sich die eigene Wahrnehmung verschoben hat. Träume werden zu Segelbooten, die aufs offene Wasser treiben, Sandburgen zerfallen vor der zurückkehrenden Flut.
Klingt nach Sonntagmorgen im Kopf, obwohl Montagmittag im Kalender steht – intim und kinematografisch gleichzeitig. Für Fans von Agnes Obel und Hania Rani gemacht, aber eigentlich für alle, die gerade einen Gang runterschalten müssen oder wollen.
Hör das, wenn: du aus einem Meeting kommst und dein Gehirn erstmal zehn Minuten nichts machen soll außer atmen.
Für das Innehalten | Deep listening & meditation
Ezra Feinberg – Flutter Intensity (feat. Russell Greenberg)
Luftige Fusion-Miniatur aus Feinbergs ‘24er Album Soft Power auf dem Londoner Label Tonal Union.
Feinberg ist Gitarrist und praktizierender Psychoanalytiker aus dem Hudson Valley, früher in der San-Francisco-Psychband Citay. Sein Soloalbum beschreibt er als Versuch, aus einfachen, fast alltäglichen Formen langsam farbige, traumartige Klangräume wachsen zu lassen.
“Flutter Intensity” zeigt diesen Gedanken in kompakter Form: Gitarrenarpeggien, ein lockerer Rhumba-Vibe im Schlagzeug und darüber ein lebendiges Zwiegespräch zwischen Synthesizer und Vibraphon. Den Vibraphonpart spielt Russell Greenberg, Mitbegründer des Piano-Percussion-Quartetts Yarn/Wire und sonst eher in der zeitgenössischen Neuen Musik unterwegs – hier verleiht er dem Song seine federnde, glockenhelle Oberlinie.
Rezensenten haben den perligen Synth-Sound mit dem ikonischen Lead von “Popcorn” verglichen, was den Track in die Nähe von 60s-Library-Jazz rückt, ohne dass er retro wirkt.
Hör das, wenn: du dich mit einer Tasse Tee ans Fenster setzt und zwanzig Minuten lang nichts weiter vorhast.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Şatellites – Olurmu Dersin (feat. Vicky Ashkenazy)
Anatolian Rock trifft Italo-Disco-Bass: Die sechsköpfige Band aus Tel-Aviv, Şatellites widmet sich auf ihrem 2022er Debüt auf Batov Records den Klassikern der türkischen Pop- und Psychedelic-Ära der 70er und zieht sie in ihr eigenes Universum.
“Olurmu Dersin” ist im Original ein Song der türkischen Sängerin Kamuran Akkor aus den 70ern – ein bittersüßer Lovesong, in dem das lyrische Ich darum bettelt, dass das Herz der geliebten Person endlich Erbarmen haben möge. Kann da was werden, oder geht es nicht? Vicky Ashkenazys Gesang bleibt dicht an der Originalmelodie, während die Band eine elektrifizierte Saz – das langhalsige türkische Zupfinstrument, Rückgrat des Anatolian Rock seit den späten 60ern – mit psychedelischen Gitarren und einem tanzbaren Bass-Groove kombiniert.
Bandleader Itamar Kluger beschreibt den Ansatz nicht als authentisch-türkisch, sondern als Verehrung und Einladung. Und genau so klingt das: melancholisch im Text, offen im Groove, ein Fenster in eine Musikszene, die in deinem Feed wahrscheinlich nie auftaucht.
Hör das, wenn: du Lust auf einen langen Spaziergang durch ein Viertel hast, in dem du sonst nie unterwegs bist.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Gino Paoli – Senza Fine
Italienischer Walzer aus dem Jahr 1961 – eine Ballade, die Paoli angeblich in einer einzigen Nacht für Ornella Vanoni schrieb, mit der er damals eine heimliche und turbulente Liebesgeschichte hatte. Die unmittelbare Inspiration waren, erzählt er später, ihre Hände: groß, schön und irgendwie zeitlos.
Dean Martin nahm den Song ein Jahr später auf Englisch auf, Peggy Lee zog nach. 1965 wurde die Melodie als "Phoenix Love Theme" zum Liebesmotiv im Hollywood-Film The Flight of the Phoenix, und der Jazzgitarrist Wes Montgomery verwandelte sie in ein Instrumentalstück. Mike Patton coverte ihn 2010, Andrea Bocelli sang ihn in Portofino. Eine kleine italienische Walzer-Ballade, die in einer Nacht entstanden ist – und die seit über sechzig Jahren von immer neuen Stimmen weitergetragen wird.
Eine dieser Melodien, die klingen, als hätten sie immer schon existiert.
Hör das, wenn: du ein Glas Rotwein eingeschenkt hast und die letzten Minuten Tageslicht durchs Küchenfenster fallen.
Für den Flow | Global Groove
Arp Frique – Nos Magia (feat. Américo Brito)
Moderner Funaná aus Rotterdam – also kapverdischer Tanzrhythmus, aufgenommen 2017 vom niederländischen Produzenten Niels Nieuborg alias Arp Frique gemeinsam mit dem 2023 verstorbenen Cabo-Verde-Veteranen Américo Brito.
Brito, geboren 1958 auf der Insel Fogo, war in den Niederlanden seit Ende der 70er eine Schlüsselfigur der kapverdischen Diaspora – Gründer der Band Babylon, später Djarama, und parallel Radio-Moderator.
Funaná selbst lebt traditionell von einem diatonischen Akkordeon und dem Ferrinho, einem Metallstab, der mit einem Messer gerieben wird. Arp Frique überträgt diesen Kern in ein Live-Band-Setup mit Drums, Bass und analogen Synthesizern – Rush Hour Records verkaufte den Track als “klassisch klingenden, aber ungehörten Funaná-Song”, also Vintage-Sound ohne Vintage-Vorlage.
Der Song brachte Arp Frique 2017 auf die Shortlist für Gilles Petersons Worldwide Award und lief auf BBC Radio 6, bevor das dazugehörige Album überhaupt draußen war.
Hör das, wenn: du am Montagmorgen in die Küche kommst und der Tag einen kleinen Schub gebrauchen kann.
Langeweile auf dem Weg in den Feierabend? Wie wär’s mit einem Spielchen?
Menschen mit Kopfbedeckungen:
Zähle Menschen mit Kopfbedeckugungen. Mit Hüten, Beanies, Caps, Stirnbändern oder Tüchern.
Die Zahl, bei der du nachher landest, ist dabei eine Sache. Viel spannender ist: Was ist die beim Spielen aufgefallen? Welche hat die am besten gefallen, welche ist dir am meisten im Kopf geblieben?
Morgen vielleicht auch mal mit Hut aus dem Haus? 🙃
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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