Soundletter 017: Minarette, Juwelenraub und das Album, das 19 Jahre auf seinen Durchbruch wartete
Diese Woche mit Orchestra Baobab, FloFilz, Sestetto Dino Piana, Mighty Shadow, Ibo Combo & Dhafer Youssef. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Some crazy ideas turn out to be true, or at least useful…
Manche Dinge ergeben auf den ersten Blick keinen Sinn. Und zu leicht folgen wir dem ersten Impuls, ebendiese frischen Ideen direkt als Unsinn, Quatsch und Bullshit abzutun und ad acta zu legen.
Und bei vielen ist das wohl auch das Beste, was man mit ihnen machen kann. Aber wer weiß: Vielleicht sind uns dadurch schon eine Menge guter Ideen, die nur noch etwas Zeit gebraucht hätten, ein wenig mehr Gehirnschmalz, eine andere Perspektive darauf, und aus ihnen hätte mal was richtig Großes werden können.
Wer schon mal in gut geleiteten Brainstorming-Sessions seine Ideen mit in den Ring geworfen hat, dem ist vielleicht schon aufgefallen, wie schwer es ist, manche Ideen erst mal so im Raum stehenzulassen.
Aber in der Tat „Some crazy ideas turn out to be true, or at least useful…“ Dieser Satz traf mich gestern aus einem ganz anderen Kontext, aber er blieb kleben.
Weil es eine Einladung ist, auch mal das Verrückte zuzulassen. Das Unlogische. Das Wirre. Nicht, um es auf Teufel-komm-raus als gesetzt zu sehen. Sondern, um sich darin zu üben, auch offen für Alternativen zu bleiben. Für Neues, Ungewohntes, Sonderbares.
Oder ist dir dieser Gedanke zu verrückt?
Nun aber weiter mit Musik:
Ich möchte euch diese Woche wärmstens ein Album ans Herz legen, das als „Heiliger Gral der Weltmusik“ gilt, wenngleich ich die Genrebezeichnung „Weltmusik“ irgendwie quatschig finde, solange wir noch keine Musik vom Mond oder sonstigen Planeten über den Äther empfangen.
Es gibt jazzigen Hip Hop / Soul aus Aachen von einem meiner Lieblingsbeatbastler, meditative Oud-Klänge aus Tunesien, Musik einer Hotel-Hausband aus Port-au-Prince, die 1972 ein Album in New York aufgenommen hat, italienische Library-Musik und ein wenig Soca aus Trinidad & Tobago.
Aber, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Fluchtpunkt:
Auf welchen Moment arbeitet der Song hin?
Manche Songs erzählen nicht in Szenen, sondern in Kräften. Wo entsteht der Sog, der dich durch den Track zieht: im Groove, in der Harmonie, in der Stimme, in der Energie? Gibt es einen Fluchtpunkt, an dem alles zusammenkommt – oder beginnt von dort aus in alle Richtungen zu strömen?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Orchestra Baobab – Pirates Choice
Setting: Dakar, 1982. Das Orchestra Baobab ist seit zwölf Jahren die prägende Afro-Cuban-Band Westafrikas – aber ein neuer, funkigerer Stil (Mbalax, verkörpert u.a. durch Youssou N’Dour) drängt ihren Sound gerade in den Hintergrund. In einem lokalen Studio spielen sie trotzdem eine Session ein: live im Raum, ohne Overdubs (also ohne nachträgliches Übereinanderlegen von Spuren). Die Bänder landen auf Kassetten, zirkulieren ein paar Jahre in Senegal und geraten dann halb in Vergessenheit.
Sieben Jahre später stolpert Nick Gold, Gründer des Labels World Circuit, über die Aufnahmen und veröffentlicht sie 1989. Titel: Pirates Choice. Augenzwinkern an die Bootleg-Kassetten, die vorher in Umlauf waren. Ein 2-CD-Reissue 2001 liefert dann den endgültigen internationalen Durchbruch – der Guardian nennt das Album rückblickend einen heiligen Gral der Weltmusik.
Zu hören sind entspannte Gitarren, jazziges Saxophon, Gesänge in Wolof, Französisch und Guinea-Bissau-Kreol, die über kubanische Rumba-Grooves gleiten. Weniger Tanzfläche, mehr Nachtclub nach Mitternacht, wenn die Musiker anfangen, ihre Songs in Ruhe zu dehnen.
Hör das, wenn: Du einen Sonntagnachmittag frei hast und keine Lust auf ein Album in Playlist-Länge.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
FloFilz – Intro Azul (feat. Olivia Wendlandt)
2016 setzt sich der Beatmaker FloFilz, ausgebildeter Jazzmusiker aus Aachen mit dem Fotografen Robert Winter in ein Flugzeug nach Lissabon. Die Idee: Eindrücke sammeln – Licht, Farben, Straßenecken – und daraus ein Album bauen. Was dabei herauskommt, heißt Cenário und ist eine Art Stadt-Portrait in Beat-Form.
Intro Azul ist der Opener und ist viel mehr als einfach nur ein Intro. Olivia Wendlandt, Sängerin der Jazz/Soul-Band Relaén) singt über einen jazzigen Beat mit leichter Bossa-Nova-Färbung. Das Magazin HHV schrieb damals sinngemäß, ihre Stimme sei so präzise ins Arrangement eingewoben, dass man merke, hier produziert jemand mit Jazz-Ausbildung.
Das passt: FloFilz macht seit Jahren keine Beats, die nebenbei laufen, sondern Stücke, die man sich auch hinsetzend anhören kann. Der Track schiebt nicht, drängelt nicht, er öffnet nur eine Tür und bittet rein.
Hör das, wenn: Du nach Hause kommst und erstmal nur Schuhe ausziehen willst, ohne direkt an die nächsten Todos denken zu müssen.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
Dhafer Youssef – Whirling in the Air
Dhafer Youssef ist in einer tunesischen Kleinstadt aufgewachsen, umgeben von Minaretten und Gebetsrufen, wenngleich er doch lieber dem Radio in der Küche seiner Mutter lauschte. Diese Klangwelten ziehen sich seitdem durch seine Platten: Oud – die arabische Kurzhalslaute – trifft auf Jazz, gerne auf moderne Produktion.
Für sein Album Street of Minarets hat er erst die Traumband zusammengestellt, dann die Musik passend für genau diese Leute geschrieben. Auf Whirling in the Air sind vier davon zu hören: Youssef selbst an der Oud, Rakesh Chaurasia an der Bansuri, einer indischen Querflöte, Nguyên Lê an der E-Gitarre und der britische Jazz-Bassist Dave Holland am Kontrabass.
Was entsteht, ist ein kleiner, schwebender Wirbel aus vier Instrumenten. Der Titel verweist auf die wirbelnden Derwische des Sufismus – Rotation als spirituelle Praxis. Keine Drums, kein Drängen, einfach vier Stimmen, die umeinander kreisen, bis man vergisst, wer gerade wen begleitet.
Hör das, wenn: Du merkst, dass du seit zwanzig Minuten den gleichen Satz einer Mail neu formulierst.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Ibo Combo – Ti Garçon
1962 gründet das Hotel Ibo Lélé bei Port-au-Prince seine eigene Hausband und nennt sie pragmatisch Ibo Combo. Zehn Jahre lang spielt das Orchester Karnevale, Clubs, Hotels – mitten auf der großen Kompa-Welle. Kompo, so heißt der haitianische Tanzgroove, der Mitte der 50er vom Saxophonisten Nemours Jean-Baptiste entwickelt wurde. Eine Mischung aus haitianischer Tradition, dominikanischer Merengue und antillischem Calypso.
1972 fliegt die Band nach New York und nimmt dort ein Album auf, das einfach Café heißt. Ti Garçon steht darauf und ist – laut dem französischen Musikblog Tropicalités – eine Hymne an die haitianische Diaspora in Florida. Ti Garçon heißt auf Kreyòl wörtlich „kleiner Junge“ meint ist der Junge, der Haiti hinter sich lässt und in Miami neu anfängt.
Musikalisch sitzt der Track in einem warmen Dreieck: Kompa-Rhythmus, kleine Mini-Jazz-Band, jazziges Saxophon (Boulo Valcourt, der auch der Komponist ist). 2013 packte das Londoner Label Strut den Track als Opener auf seine Haiti-Compilation – seitdem ist er weit über die Diaspora hinaus bekannt.
Hör das, wenn: Dir jemand erzählt, karibische Musik sei entweder Reggae oder Strandbar.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Sestetto Dino Piana & Oscar Valdambrini – Placido
Sommer 1973, Italien. Der staatliche Sender RAI produziert einen zweiteiligen Krimi: Serata al Gatto Nero. Juwelenraub an der französischen Riviera, Nachtclub, Verrat, das ganze Programm. Für die Musik bucht RAI zwei der wichtigsten italienischen Jazzer ihrer Generation: Posaunist Dino Piana und Trompeter Oscar Valdambrini. Die beiden spielen mit ihrem Sextett zehn Stücke ein, jedes für eine bestimmte Szene. Das Album heißt 10 Situazioni.
Placido ist Situation Nummer fünf. Italienisch für ruhig, gelassen”. Im Gegensatz zu Stücken wie Angoscia (Angst) oder Misterioso liefert dieser Track also die entspannte Szene im Film – vielleicht ein Drink an der Bar, bevor irgendwas schiefgeht. Hammond-Orgel, Wah-Wah-Gitarre, sauberes Schlagzeug, diese leicht schmeichelnde Jazz-Funk-Eleganz, die in italienischer TV-Musik der 70er so gut funktioniert hat.
Die Platte wurde damals nicht für den normalen Markt veröffentlicht, sondern als sogenannte Library-Platte – also Musik, die Fernsehproduzenten intern lizenzieren konnten. 2017 kam ein Reissue in 500 Kopien raus. Seitdem landet Placido regelmäßig in DJ-Sets von Sammlern.
Hör das, wenn: Du abends kochst und willst, dass deine Küche sich kurz wie ein Schwarzweißfilm anfühlt.
Für den Flow | Global Groove
Mighty Shadow – Dat Soca Boat
Kurze Geschichtsstunde: Der Mighty Shadow (bürgerlich Winston Bailey) ist eine Legende in Trinidad & Tobago. Hat 1974 mit Bassman den Road March gewonnen – das ist der meistgespielte Song während des Karnevals – und immer wieder mit seinen düsteren, bassgetriebenen Calypsos für Irritation gesorgt.
Dat Soca Boat erschien Ende der 70er auf seinem Album If I Coulda I Woulda I Shoulda. Text: Ein anderer Sänger will Shadow seinen Platz streitig machen, behauptet, er sei der eigentliche Soca-King. Es gibt Streit, der Kerl taucht sogar bei Shadow zu Hause auf. Aber im Refrain entscheidet Shadow: “I din’t want to sink dat soca boat.” Auf Deutsch etwa: Ich werde diesen Ego-Krieg nicht führen, weil ich damit die ganze Szene versenken würde.
Der Track hat seitdem interessante Karriere gemacht: Das britische Label Strut packte ihn 2011 auf eine Tropical-Disco-Compilation. Der Maler Peter Doig benannte sogar ein Gemälde nach der berühmten Zeile: House of Music (Soca Boat). Groove ohne Aggression, Bass als eigene Melodie, die Art von Rollgefühl, die man nicht planen kann.
Hör das, wenn: Du morgen eine Präsentation hast und heute erstmal die Wohnung aufräumst.
Langeweile auf dem Weg in den Feierabend? Wie wär’s mit einem Spielchen?
Lang nicht mehr gehört:
Ich wette, du hast sie auch: diese Bekanntschaften mit Menschen, die dir eigentlich super sympathisch sind. Fast schon könnte man Freunde sein, wenn man sich doch bloß häufiger sehen, häufiger treffen und austauschen würde.
Wie wär’s, wenn du eben eine dieser Personen heute mal schreibst: Hey, gerade an dich gedacht. Lang nicht mehr gesehn! Lass und doch mal wieder treffen!
Manchmal muss man einfach mal mit dem ersten Schritt anfangen…! 🙃
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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