Soundletter 018: Spezial - Deep Dive Brasil
Diese Woche mit Arthur Verocai, Céu, Marcos Valle, Milton Nascimento, Pedro Mizutani & viele mehr. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
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O Brasil em 50 canções!
Diese Woche mal etwas anderes. Eine Spezialausgabe. Ein Deep Dive.
Vor ein paar Wochen ist mir aufgefallen, dass ich ziemlich häufig einen brasilianischen Track im Soundletter habe. Mal aus den Siebzigern, mal aus den Achtzigern, mal aus brandneu. Aber diese Tracks sind mir oft einzeln und zufällig ins Ohr gespült worden, ohne, das ich mich bewusst einmal tiefer mit der Musikhistorie Brasiliens auseinandergesetzte hätte. Ich hatte keine richtige Ahnung, was brasilianische Musik überhaupt alles kann. Anscheinend mag ich vieles davon. Aber was kenne ich noch nicht, dass sich zu hören lohnt?
Also hab ich angefangen zu recherchieren. Welche Namen sollte man kennen, welche Stimmen, welche Klänge haben die letzten fünfzig, sechzig, siebzig Jahre brasilianische Musik geprägt. Beim Querhören und Durchhören ist dann, zuerst für den eigenen Gebrauch, eine Playlist entstanden: Deep Dive Brasil. 50 Songs, teils Neuentdeckungen für mich, teils alte Lieblinge.
Und weil ich sie so wunderschön finde, möchte ich sie jetzt mit dir teilen.
Mäander mit mir durch Brasilien
Was dabei rausgekommen ist, ist weder vollständig noch repräsentativ. Eine Playlist mit 50 Songs kann den Reichtum eines Landes, das seit den 1870er Jahren urbane Musik erfindet, nicht einmal ansatzweise abbilden. Von der Zeit davor ganz zu schweigen.
Drin sind Choro-Pioniere, Samba, Bossa Nova, Tropicália, MPB, brasilianischer Jazz, Afro-Samba, Black Rio Soul, Clube da Esquina, Rio Boogie der 80er und neue Stimmen aus São Paulo, Rio und Pernambuco.
Nicht drin ist sehr, sehr viel, unter anderem fast alles, was aktuell in Brasilien auf den Charts stattfindet: Baile Funk, Sertanejo Universitário, brasilianische Elektronik. Dafür bräuchte es andere Playlists, andere Ohren. Und mindestens aber auch viel mehr Zeit für mich, um mich dort richtig einzufinden.
Was mich beim Recherchieren zunächst erstaunt, letztendlich aber nicht verwundert hat, ist, wie weit die Spuren brasilianischer Musiker:innen nach außen reichen. Hermeto Pascoal war Miles Davis’ Lieblingskomponist. Arthur Verocais vergessenes Album von 1972 wurde zum heiligen Gral für Hip-Hop-Produzenten – MF DOOM hat davon gesampelt, Madlib hat es zu seinem Lieblingsalbum erklärt. Tom Zé wurde in den 80ern von David Byrne wiederentdeckt und kam so erst richtig in die Musikgeschichte.
Das heißt: Diese Musik sitzt vielleicht schon irgendwie in deinem Ohr, auch wenn du noch nie ein brasilianisches Album bewusst aufgelegt hast. Über Samples, über Referenzen, über Künstler:innen, die davon gelernt haben. Brasilien ist eines der fruchtbarsten Quellgebiete der Weltmusik, und das meiste davon passiert unterhalb des Radars.
Die Playlist mäandert bewusst. Ich habe mich gegen einen roten Faden entschieden – weder chronologisch noch geografisch sortiert, nicht von leicht nach schwer, nicht von alt nach neu. Brasilianische Musik lässt sich nicht linear erzählen, und ich wollte sie auch nicht so zwingen. Manchmal folgt auf einem Track aus den 60ern einer von 2024, dann wieder drei aus derselben Ära hintereinander, dann ein Sprung.
Das hier ist nur ein kleiner Einblick und zugleich ein breites Spektrum. Ein Ort, an dem du dich bewegen kannst.
Playlist: Deep Dive Brasil
Aus dieser Playlist hab’ ich mir, um der Struktur des Soundletter zu folgen, wieder einige besondere Tracks bzw. 1 Album herausgesucht, dem ich mich im Folgenden noch einmal näher widmen möchte.
Aber, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Rhythmus-Archäologie:
Brasilianische Musik trägt oft mehrere Rhythmus-Schichten übereinander – afrikanische Polyrhythmik, europäische Harmonik, indigene Klänge. Versuch, die einzelnen Schichten freizulegen: Welcher Rhythmus liegt ganz unten, welcher obendrauf? Was wäre dieser Track ohne eine dieser Schichten?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Céu – Varanda Suspensa
Céu, eine der großen Stimmen des gegenwärtigen Brasilien, schrieb diesen Song zusammen mit Hervé Salters für ihr 2016er Album Tropix. Sie selbst sagt, es gehe um das Haus ihres Großvaters in São Sebastião an der Nordküste São Paulos – eine Veranda über den Bäumen, der Blick hinüber nach Ilhabela, tropische Pflanzen wuchern bis ins Bild. Sommerferien-Erinnerung, verdichtet in fünf Minuten.
Das Besondere ist, wie Céu das macht: Der Text ist pure Bildsprache (Leuchttürme, Neon-Nacht, Monstera-Blätter), die Produktion ist hochmodern – Synthesizer, elektronische Beats, Trip-Hop-Einflüsse. Sie nennt diesen Sound „beat tropical”. Am Ende des Songs singt ihre Tochter Rosa Morena einen kleinen Refrain, den sie selbst erfunden hat. Drei Generationen Erinnerung in einem Track, ohne einen Moment nostalgisch zu werden.
Auf Céu gestoßen bin ich übrigens über ihr Tiny Desk Konzert. Lovely!
Hör das, wenn: dein Laptop zugeklappt ist und der Abend noch keine Form hat.
Für das Innehalten | Deep listening & meditation
Fabiano do Nascimento – Ewe
Zurücklehnen. Durchatmen. Fabiano do Nascimento, in Rio geboren und heute in Los Angeles lebend, spielte diesen Track 2013 in einem LA-Studio live ein – analog, ohne Overdubs, direkt auf Tonband. Nur seine siebensaitige Akustikgitarre, die japanische Sängerin Kana Shimanuki und eine Percussion-Legende: Airto Moreira, der in den 70ern Miles Davis’ brasilianische Rhythmen ins Jazz-Fusion-Universum brachte. Es war Airtos erste Albumproduktion seit über zehn Jahren.
Der Text ist ein traditioneller Candomblé-Gesang. „Ewê” bedeutet in der Yoruba-Sprache „Blätter” – und in der afro-brasilianischen Religion gibt es den Spruch: Ohne Blätter keine Orixás. Kein Bild, kein Ritual, keine Heilung ohne Pflanzen. Der Song bittet um Erlaubnis, den Wald zu betreten, und wird vom Orixá Ossanha empfangen, dem Hüter der heiligen Pflanzen. Vier Minuten, in denen sich nichts ereignet außer Raum, Luft und dieser alten Bitte.
Hör das, wenn: du merkst, dass es mal wieder Zeit für Wald ist.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Pedro Mizutani & Skinshape – Canal
Manchmal werden die schönsten Songs zwischen zwei Städten geboren. Pedro Mizutani, 21 Jahre alt, aus Rio, japanische Mutter, wurde während der Pandemie mit TikTok-Videos seiner Akustikballaden bekannt. Skinshape ist der britische Produzent Will Dorey, bekannt für psychedelischen Soul und vintage-warme Texturen. Ein französisches Label brachte die beiden zusammen. „Canal” entstand im November 2024 in Skinshapes Londoner Studio: Mizutani mit Gitarre und Gesang, Skinshape mit allem anderen.
Der Text beschreibt eine nächtliche Fahrt am Kanal, Kapuzenpulli, Kopfhörer auf, Playlist „Night SoCal”. Kein Ziel, kein Ankommen, keine Ordnung. „Weder wissen noch verstehen wollen, wohin ich fahre.” Das ist die ganze Stimmung – und sie wird hörbar in diesem Lo-Fi Bossa-Groove: sonnen-geküsste Melancholie zwischen London und Rio.
Hör das, wenn: du im Bus nach Hause sitzt und nicht willst, dass die Fahrt endet.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Milton Nascimento – Morro Velho
Im Jahr 1967 ist Milton Nascimento 24 Jahre alt und nimmt sein Debütalbum auf. Darauf dieser Song – eine seiner wichtigsten Kompositionen, geschrieben in São Paulo, aber inspiriert von Ferientagen auf einer Farm im ländlichen Minas Gerais. Milton selbst sagt: „Alles, was in Morro Velho vorkommt, ist wahr.”
Es ist die Geschichte zweier Jungen. Der Sohn des schwarzen Landarbeiters und der Sohn des weißen Gutsbesitzers, die zusammen aufwachsen – durchs Feld rennen, Fische fangen, beste Freunde. Dann geht der weiße Junge in die Stadt, zur Schule, später zur Universität. Er verspricht am Bahnhof, wiederzukommen. Und er kommt zurück: als „doutor”, als neuer Herr der Fazenda. Der schwarze Freund arbeitet inzwischen auf ebendieser Farm. Sie begegnen sich, aber es gibt kein Dort-wieder-Anknüpfen. Nichts, keine Rückkehr. Ein Blogger hat den Song „das Casa-Grande e Senzala der brasilianischen Musik” genannt – ein Lied, das die postkoloniale Wunde eines ganzen Landes in eine Kindheitserinnerung faltet.
Hör das, wenn: du dich fragst, warum dich manche alten Freundschaften heute nicht mehr erreichen.
Für den Flow | Global Groove
Marcos Valle – Estrelar
Wir schreiben das Jahr 1982. Marcos Valle ist Anfang 40, kommt aus acht Jahren in Los Angeles zurück nach Rio, hat eine neue Frisur und neue Ideen. In den 60ern hatte er mit „Samba de Verão” einen Welthit. Jetzt will er etwas anderes: Boogie, Funk, Synthesizer. Der Groove für „Estrelar” steht schnell, aber die Lyrics fehlen. Das Label setzt ein Ultimatum: drei Tage, sonst kein Album-Cut. Also sperrt sich Valle mit seinem Bruder Paulo Sérgio und Produzent Lincoln Olivetti über Nacht ins Studio ein, spielt den Playback in Dauerschleife auf voller Lautstärke – bis jemand „Energia!” ruft. Von da an fließt es: Bewegung, Schwitzen, Sommer, ein Platz an der Sonne.
Der Track verkaufte 90.000 Singles und wurde Valles größter Hit. Bis heute Dancefloor-Klassiker. Aber unter der Oberfläche – Körperkult, Sommer, Party – liegt der Moment, in dem Brasilien nach zwei Jahrzehnten Militärdiktatur endlich wieder atmet. Dieser Track ist der Atemzug.
Hör das, wenn: du mittags die Jalousien hochziehst und plötzlich merkst, dass du Lust auf Aufräumen hast.
Sechs Tracks aus 50 – eine Playlist aus einer ganzen Musikgeschichte. Unvollständig, unvollkommen, persönlich.
Vielleicht wird dieser „Deep Dive” mal ein Format bei TAOMF. Mali. Äthiopien. Japan. Island. Länder, deren Musik ich vielleicht irgendwann gut genug kenne, um eine Playlist zu kuratieren – und bei denen es sich lohnt, einmal länger stehenzubleiben. Eine Italo-Playlist, die einige Perlen in sich trägt, gibt es zumindest schon!
Vielleicht bleibt es aber auch bei diesem einen Ausflug. Wir werden sehen.
Fürs Erste: Schöne Reise durch Brasilien & wie immer
einen schönen Feierabend
Claas
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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