Soundletter 019: Gartenarbeit, Tanzen als Therapie und die Temperatur eines Songs
Diese Woche mit der Dur Dur Band, Nu Genea, Jiri Jiri, Marcoca, Terry Callier, Peter Gregson und Lambert. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Meditation mit den Händen
Das erste wirklich warme Wochenende in diesem Jahr habe ich dazu genutzt, ein wenig im Garten herumzuwerkeln. Klar, das Ziel davon scheint klar: Es soll danach noch schöner, gemütlicher, ordentlicher sein. Oder zumindest nicht mehr so kaputt und schmuddelig.
Aber das eigentlich Wundervolle daran war nicht das Ziel, sondern der Weg dahin. Ich habe einen Teil der Fassade gestrichen und in aller Ruhe danach noch eine alte Holzkonstruktion meines Vaters auseinander geschraubt.
Aber es hätten auch andere „wenig aufregende Dinge“ sein können. Dinge mit den Händen zu tun, zu streichen, schrauben, sägen, schleifen oder die Hecke zu trimmen: Alle versetzten mich in einen wunderbaren Zen-Zustand. Man ist konzentriert im Moment, hat aber dennoch irgendwie Luft, auch seine Gedanken wie einen Drachen an locker gehaltener Leine durch das Universum ziehen zu lassen.
Ich habe das Gefühl, dass besonders bei Perioden der Büro- und Bildschirmarbeitszeit genau die richtigen Momente sind, um meinen Akku wieder aufzuladen.
Geht es dir vielleicht ähnlich? Was sind deine Momente „körperlicher Ertüchtigung“, die deine Balance wieder herstellen?
Nun aber weiter mit Musik:
Freitag ist ein neues Album von Nu Genea, einem Duo aus Neapel herausgekommen und läutet damit definitiv direkt meinen Sommer ein! Auch sonst wird es leicht und sommerlich, mit einem Hauch von Melancholie. Ebenso ist, eher durch Zufall ein weiterer Track aus Neapel mit in der Ausgabe gelandet, produziert von Pellegrino Snichelotto, der schon Nu Geneas letztes Album produziert hat.
Dazu gibt es eine instrumentale Surf-Ballade aus Berlin, eine Piano-Cello-Meditation, die “während Corona” entstanden ist, ein nomadisches Liebeslied aus Somalia und der wundervolle Terry Callier, der über die Farbe der Liebe sinniert.
Aber, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Verbinden wir heute doch mal das Hören mit Thermozeption, in gewisser Weise zumindest. Wenn Liebe nämlich eine Farbe haben kann, dann kann ein Song doch bestimmt auch eine gewisse Temperatur haben, oder etwa nicht?
Temperatur:
Welche Stellen im Song fühlen sich warm an, welche kalt? Gibt es einen Moment, an dem sich die Temperatur spürbar ändert? Wo ist der wärmste Punkt?
Zugegen, durchaus Meta das Ganze. Und es klappt auch nicht immer, bei jedem Track. Auch weil es viele Möglichkeiten gibt diese "Temperatur” zu spüren, zu erahnen. Sei es durch den Klang selbst oder vielleicht auch durch den Ort, an dem dich der Song gerade beamt.
Wie immer bin ich gespannt darauf zu hören, was der Soundflip mit dir so macht!?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Nu Genea – People Of The Moon
Ich sage es direkt, frei raus: Ich bin Nu Genea Fanboy! Seitdem ich 2022 über ihr Album Bar Mediterraneo gestolpert bin, bin ich schock-verliebt! Vier Jahre später nun gibt es keine Wiederholung, sondern eine Vertiefung.
Massimo Di Lena und Lucio Aquilina haben Neapel diesmal nicht als Ort, sondern als Gefühlszustand vertont — den Moment, in dem du dich aus deinen sozialen Rollen rausschälst und merkst, dass da unter all dem noch jemand ist. Der Mond als Metapher für diese innere Dimension. People Of The Moon klingt entsprechend nach Disco, Funk und Boogie, aber auch nach westafrikanischem Highlife, anatolischer Zurna (einem traditionellen Doppelrohrblatt-Instrument) und brasilianischer Percussion.
Gesungen wird in fünf Sprachen — neapolitanisch, arabisch, englisch, spanisch, portugiesisch — mit Gästen wie Tom Misch, María José Llergo und dem brasilianischen Perkussionisten Gabriel Prado.
Im Mittelpunkt steht der Gedanke, dass Tanzen keine Flucht aus dem Schweren ist, sondern die Methode, es zu verarbeiten. Ein Album, das größer wirkt als sein Vorgänger und gleichzeitig persönlicher. Schon jetzt mein Soundtrack für den Sommer!
Hör das, wenn: du nach einer Woche im Funktionsmodus wieder einen Zugang zu dem Teil von dir suchst, der nicht in Kalender und To-do-Listen passt.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Marcoca – Midnight Drive
Eine instrumentale Surf-Ballade aus Berlin, getragen von viel Hall und langsam wandernden Gitarren — Marcoca beschreiben sich selbst als ‘psychedelic surf boy band’, und Midnight Drive ist genau die ruhige, leicht groovige Seite davon.
Das Quintett mischt seit ein paar Jahren Surf, Jazz, Funk und Psychedelia in einer charmanten DIY-Produktion und hat mit The Bus to Nowhere bereits einen Track im Katalog, der über sechs Millionen Streams gesammelt hat. Auf dem Album Homage to Delusion klingt vieles nach den Soundtracks später Sechziger: weiche E-Piano-Klänge, die sich Zeit lassen, Gitarren, die hypnotisch durch den Raum schweben.
Ihr Label Nice Guys nennt das Stück die ideale Begleitung für Sommerabende, und das trifft es ganz gut — kein Beat, der dich antreibt, sondern eine Bewegung, die dich mitnimmt. Funktioniert besonders, wenn die Sonne langsam tiefer steht.
Hör das, wenn: du den Schlüssel schon in der Hand hast, aber noch zwei Minuten am Türrahmen stehen bleibst, weil der Tag gerade so schön ausklingt.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
Peter Gregson, Lambert – The Dive
Zurücklehnen. Durchatmen. Ein langsames Stück für Cello und Klavier, das im Pandemie-Winter 2020 entstanden ist — der britische Cellist Peter Gregson und der deutsche Pianist Lambert (jener, der bei Konzerten immer eine Maske trägt) haben es für eine Charity-Compilation namens Haingeraide aufgenommen.
Hinter dem Projekt steckt die Berliner Booking-Agentur von der haardt, die während des Lockdowns alle ihre Konzerte verloren hatte und stattdessen ein gemeinschaftliches Album zugunsten von Ärzte ohne Grenzen veröffentlicht hat. 35.000 Euro sind über die Jahre zusammengekommen.
Die erste dokumentierte Begegnung der beiden Musiker also, und die hört man auch — kein Routine-Stück, sondern ein konzentriertes Antasten zweier Klangwelten. Gregson baut sonst gern aus isolierten Cello-Fragmenten elektronische Texturen, hier bleibt er ganz akustisch. Lambert legt sein cineastisches Piano dazu, ohne den Raum zu füllen. Was übrig bleibt, ist Atem zwischen den Tönen.
Hör das, wenn: du merkst dass dein Körper ankommen muss, bevor dein Kopf irgendwo ankommen kann.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Dur Dur Band – Heeyaa
Klingt für Außenstehende erstmal nach Reggae — ist aber Dhaanto, ein traditioneller somalischer Tanzrhythmus, der nachweislich älter ist als Reggae und in der Ogaden-Region entstand. Heeyaa ist ein Nomaden-Liebeslied, dessen Melodie schon viele Sänger:innen vor dieser Aufnahme verwendet haben.
Die Geschichte dahinter ist einfach nur wundervoll: In den 80ern war die Dur-Dur Band aus Mogadischu eine der wichtigsten Funk-Pop-Gruppen Somalias, ihre Kassetten kursierten in Taxis und auf Straßen — bis der Bürgerkrieg die Musiker in aller Welt zerstreut hat.
2019 organisierte ein Community-Aktivist in Berlin ein Benefiz-Konzert für den Wiederaufbau des Nationaltheaters in Hargeisa. Daraus entstand Dur-Dur Band Int., diesmal mit Sitz in London, und im Anschluss in einem Studio in Berlin-Neukölln in nur zwei Tagen ein neues Album: The Berlin Session. Heeyaa wird vom djiboutischen Sänger Cabdinuur Allaale getragen, der seit fünf Jahrzehnten in dieser Szene aktiv ist. Federnder Offbeat-Groove, Call-and-Response-Gesang, Synthesizer aus einer anderen Zeit.
Hör das, wenn: du gerade vergessen hast, dass die Welt größer ist als dein Browser-Fenster.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Terry Callier – What Color is Love
“Is it black or is it white? What color is love?” Mit dieser Frage philosophiert Terry Callier auf dem Titeltrack seines dritten Cadet-Albums über Liebe, Moral und Rassenkategorien, ohne ins Plakative zu kippen.
Der Chicagoer Singer/Songwriter (1945–2012) hat zwischen 1972 und 1974 drei Alben aufgenommen, die damals kommerziell krachend gefloppt sind und heute zu den meistzitierten Soul-Folk-Jazz-Hybriden ihrer Zeit gehören. Produziert hat sie alle Charles Stepney, ein One-Man-Orchestra, der parallel auch Rotary Connection und später Earth, Wind & Fire arrangiert hat.
Er nahm am liebsten morgens auf, während im Studio Bach und Beethoven liefen — und das hört man der Streicher- und Harfen-Arbeit auf diesem Titeltrack durchaus an. Calliers Stimme schwebt darüber, eingebettet in eine fast kammermusikalische Atmosphäre.
In den späten 90ern startete er übrigens eine zweite Karriere und arbeitete u. a. mit Massive Attack, Beth Orton und Paul Weller. Aber Anfang der 70er war er einfach jemand, der versuchte, Liebe ohne Etiketten zu beschreiben — mit einem Studio-Orchester im Rücken.
Hör das, wenn: du dir an einem Sonntagabend etwas anhören willst, das nicht aus dieser Woche stammt und auch nicht aus diesem Jahrzehnt.
Für den Flow | Global Groove
Jiri Jiri – Senza Benza
Ein neues Disco-Projekt, das in Neapel entstanden ist und nach dem Sommer klingt, der nie zu Ende geht. Jiri Jiri ist ein Studio-Duo von Niklas Mündemann (Drums, sonst bei Muito Kaballa) und Jan Janzen (Keys, im Umfeld von YĪN YĪN), das auf seiner Debüt-EP Give Me Disco — Vol. 1 vier Tracks aufgenommen hat.
Aufgenommen wurde alles in Neapel, mit Production-Expertise von Pellegrino Snichelotto, der vorher unter anderem Nu Genea (höre oben! ) produziert hat — was hier hörbar nachklingt. Das Label Batov beschreibt den Track als Verbindung von Afro-Disco-Rhythmen mit Synths im Stil von Azymuth, dem brasilianischen Jazz-Funk-Trio.
Das Ergebnis ist fast komplett instrumental, treibt durchgehend nach vorn und gönnt sich genau einen kurzen wortlosen Vocal-Break, bevor es weitergeht. Kein Track, der dich anschreit oder dich zwingt zu tanzen — eher einer, der dich mitzieht, ohne dass du es merkst. Ideal für Aufgaben, die einen Beat brauchen, aber keine Aufmerksamkeit für einen Songtext.
Hör das, wenn: du eine längere E-Mail schreibst und merkst, dass deine Schreib-Geschwindigkeit gerade von der Bassline diktiert wird.
Das war’s auch schon wieder für diese Woche. Ich hoffe, der ein oder andere Track versüßt dir deinen Feierabend. Falls du dich wundern solltest, warum sonst gerade keine neuen Longreads kommen: Ich habe ein paar Texte in der Pipeline, nur fehlte mir bislang schlichtweg die Zeit, die Muße und/oder der zündende, fehlende Gedanke, um sie zu finalisieren. Aber wie heißt es so schön: Alles neu macht der Mai!
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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Oh wow!!! Ich bin noch nicht lange hier. Aber endlich hat mir der Algorithmus (oder Zufall, oder das Unterbewusste) ein Profil hier reingespielt, was sich ausgiebig mit Musik beschäftig. Und dazu noch mit ganz unterschiedlicher. Perfekt! Und großen Dank für die Mühe! Muss mich mal durchgraben, du hast viel. Dann bestimmt auch "mehr" Abo. Begeisterte Grüße, Oscillar.