Soundletter 020: Heroin-Entzug, Spike Lee und das meistverkaufte Jazz-Album aller Zeiten
Diese Woche mit der Miles Davis, Ezra Collective, Nala Sinephro, Abdullah Ibrahim, John Coltrane und Guru. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Von der Frage, was Bewusstsein eigentlich ist, zum Jazz
Manchmal, wenn man abdriftet, von einem Gedanken zum nächsten kommt, landet man irgendwann bei etwas Wundervollem. Ich bin diese Woche bei Miles Davis und seinem ganz großen Album „Kind of Blue“ gelandet.
Angefangen hat es mit einigen zähen Seiten. Ich lese gerade Anil Seth’s Buch „Being You“, wo er der Frage nachgeht, was eigentlich unser Bewusstsein ist, wie man es messen kann und überhaupt. Keine leichte Kost für mich, vor allem in Englisch. Aber höchst spannend.
Irgendwann schob Seth einen Nebensatz zum Thema Musikwahrnehmung ein und nach einer kurzen Recherche war ich plötzlich dabei, „This is Your Brain on Music“ von Daniel J. Levitin, Musikproduzent und Neurowissenschaftlicher, zu verschlingen. Er erwähnte „Kind of Blue“, ich dachte mir: „Eigentlich noch nie so richtig bewusst komplett gehört!” und Zack! war ich drin, gefangen im Jazz. Und hier bleibe ich diese Woche auch! Kommst du mit?
Nun aber weiter mit Musik:
Ausgehend von “Kind Of Blue” hab ich einwenig gezielt in meinen Playlist-Sammlungen gekramt. Dabei ist der sehr naheleliegende John Coltrane aufgetaucht, wie, zumindest für mein Ohr, logische Weiterentwicklungen mit dem Ezra Collective und Nala Sinephro. Es gibt Musik vom African Mozart, Abdullah Ibrahim und eine der Ursachen, die mich überhaupt erst als Teenager auf gewisse Namen des Jazz gebracht hat: Hip Hop, inbesondere Guru`s Jazzmatazz Platten. Diese dürfen hier also nicht fehlen!
Aber, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Ich finde dieser Soundflip funktioniert immer, aber hier, in den Spielarten des Jazz, ganz besonders:
Zoom in, zoom out!
Hör einen Song dreimal: Einmal aus der Totalen (das große Ganze, Stimmung, Atmosphäre). Einmal in der Halbtotalen (Arrangement, Zusammenspiel). Einmal in Nahaufnahme (ein einzelnes Detail, ein Atemholen, ein Knistern).
Was entdeckst du auf welcher Ebene und wie verändert sich deine Wahrnehmung von Song durch das Achten auf und das Ausklammern von gewissen Ebenen?
Wie immer bin ich gespannt darauf zu hören, was der Soundflip mit dir so macht!?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
MILES DAVIS – KIND OF BLUE
Hier liegt der Ursprung. 17. August 1959, Columbia Records, 30th Street Studio in New York – eine umgebaute Kirche, deren Akustik bis heute legendär ist. Miles Davis bringt sechs Musiker zusammen: John Coltrane, Cannonball Adderley, Bill Evans, Wynton Kelly, Paul Chambers, Jimmy Cobb. Er schreibt fast nichts auf, probt nichts. Stattdessen verteilt er kurze Skizzen, ein paar Skalen, ein paar Melodielinien. Dann drückt er auf Record.
Fast alle Tracks sind erste oder zweite Takes. Keine Edits. Bill Evans verglich es in den Liner Notes mit japanischer Tuschmalerei: Der Pinselstrich muss sitzen, Korrekturen sind unmöglich.
Was hier zum ersten Mal als komplettes Album steht, ist modaler Jazz. Improvisation läuft über Skalen, die lange stehen bleiben, statt durch komplizierte Akkordfolgen zu hetzen. Da hat plötzlich alles mehr Luft. Und durch genau diese Tür ist im Grunde alles gegangen, was wir uns die Woche sonst noch anhören.
Es ist das meistverkaufte Jazz-Album aller Zeiten. Aber zähl das nicht mit. Hör es dir einfach an.
Hör das, wenn: du das Gefühl hast, du musst gerade gar nichts erklären, beweisen oder schaffen.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
EZRA COLLECTIVE – EVERYBODY
Afro-Jazz aus London, aber die Wurzel ist eine Kirche. Femi und TJ Koleoso, die Brüder am Schlagzeug und Bass von Ezra Collective, sind in einer nigerianisch geprägten Gemeinde in Enfield aufgewachsen – ihr Vater ist dort bis heute Senior Pastor. „Everybody” baut auf dem nigerianischen Baptisten-Lied „Everybody Blow Your Trumpet” auf, einem Stück aus genau dieser Welt.
Aufgenommen wurde der Track in den Abbey Road Studios. In einem einzigen Take, mit Freunden und Familie im Raum – genau die Working-Methode, die Miles Davis 1959 bei Kind of Blue gewählt hatte: keine Proben, kein ausgeschriebenes Notenmaterial, fast alle Tracks erste oder zweite Takes. Was im Moment passiert, ist das, was bleibt.
Saxofon und Trompete – James Mollison und Ife Ogunjobi – spielen sich gegenseitig die Bälle zu, ein Kritiker hat das mal mit zwei Vögeln im Flug verglichen. Das ist das alte Sextett-Prinzip, übersetzt nach 2024.
2023 hat Ezra Collective als erste Jazz-Band überhaupt den Mercury Prize gewonnen – einen Preis, den ein Jazz-Act in den 31 Jahren davor kein einziges Mal mit nach Hause genommen hatte.
Hör das, wenn: du den Laptop zugeklappt hast und dir bewusst die ersten 5 Minuten gibst, bevor du irgendwas anderes anfängst.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
NALA SINEPHRO – SPACE 2
Auf der zweiten Spur von Nala Sinephros Debütalbum Space 1.8 treffen Synthesizer auf akustische Band – Ambient Jazz mit viel Raum zwischen den Tönen. James Morrison am Tenorsax (gleichzeitig Mitglied von Ezra Collective), Lyle Barton am Piano, Shirley Tetteh an der Gitarre, dazu Sinephros elektronische Texturen.
Sinephro ist 1996 in Brüssel geboren, ihre Mutter belgische Klavierlehrerin, ihr Vater Jazz-Saxofonist aus der Karibik. Heute lebt sie in London. Ihre Aufnahmen entstehen halb tranceartig – sie sagt selbst, sie hält manchmal einen einzelnen Ton zehn Minuten lang.
Was du hier hörst, geht in direkter Linie auf das zurück, was Miles Davis 1959 mit Kind of Blue losgetreten hat: Tonalität, die in Skalen verweilt, statt von Akkord zu Akkord zu hetzen. Sinephro nimmt dieses Prinzip mit ins 21. Jahrhundert, schichtet manchmal über fünfzehn Synth-Spuren übereinander und mixt das Ganze so, dass es nie aufdringlich wird.
Hör das, wenn: du im Sessel sitzt und noch immer den Stress des Arbeitstages in der spürst.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
ABDULLAH IBRAHIM – MARABA BLUE
Nelson Mandela nannte ihn den African Mozart: Abdullah Ibrahim, Pianist aus Kapstadt. In den 1940ern wuchs er in einem multikulturellen Hafenviertel auf – geprägt durch Township-Rhythmen, die Kirchenmusik seiner Mutter und die amerikanischen Jazz-Platten, die Seeleute mitbrachten. Vor allem Duke Ellington und Thelonious Monk.
Was er spielt, heißt Cape Jazz: zyklisch wiederkehrende Akkordfolgen aus den südafrikanischen Township-Bars, kombiniert mit Goema-Rhythmen der Kapstadter Karnevals-Umzüge. Liegt eigentlich ziemlich nah am modalen Jazz, den Miles Davis 1959 mit Kind of Blue groß gemacht hat – beide arbeiten mit kurzen Schleifen, die lang stehen bleiben, statt durch komplizierte Akkordwechsel zu hetzen.
„Maraba Blue” wurde 1996 im Van Gelder Studio in New Jersey aufgenommen – jenem legendären Ort, an dem auch Coltrane, Monk und so ziemlich jeder andere große Jazz-Name dieser Ära eingespielt hat. Ibrahim spielt im Trio mit Marcus McLaurine am Bass und George Gray am Schlagzeug. Beide spielen so zurückhaltend, dass man sie eher fühlt als hört.
Ibrahim ist Schwarzgurt im Karate und Zen-Schüler. Auf die Frage, was beim Spielen in seinem Kopf vorgehe, antwortete er: „Mushin – kein Geist”.
Hör das, wenn: du am Fenster stehst und ohne Grund länger rausguckst als geplant.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
JOHN COLTRANE – NAIMA
„Naima” ist eine Jazz-Ballade, geschrieben 1959 für Coltranes Frau Juanita „Naima” Grubbs – die Frau, die ihn 1957 durch den Heroin-Entzug begleitet und damit sein Leben gerettet hat. Erschienen auf seinem Album Giant Steps von 1960.
Die direkteste Brücke zum Album der Woche: Coltrane spielte selbst auf Kind of Blue, als Teil von Miles Davis’ Sextett. Die finale Version von „Naima” entstand im Dezember 1959, neun Monate nach den Kind-of-Blue-Sessions – und das mit Musikern, die direkt aus diesem Sextett kamen. Wynton Kelly am Piano, Paul Chambers am Bass, Jimmy Cobb am Schlagzeug.
Auch harmonisch ist das Stück eine nahe Verwandte: schwebende Akkorde über einem Pedal-Ton im Bass, der lange stehen bleibt. Coltrane spielt hier ganz lyrisch, mit langen Pausen zwischen den Phrasen. Er selbst hat „Naima” als seine Lieblings-Komposition bezeichnet. Inzwischen wurde sie über 245 Mal von anderen Musikern aufgenommen.
Eine Liebes-Ballade. Das Meiste passiert in den Pausen.
Hör das, wenn: du an jemanden denkst, dem du längst mal richtig Danke sagen solltest.
Für den Flow | Global Groove
GURU & DONALD BYRD – LOUNGIN’
Jazz-Rap im Boom-Bap-Sound der frühen 90er, vom Bostoner MC Guru und dem Hard-Bop-Trompeter Donald Byrd. Guru hatte 1993 eine ungewöhnliche Idee: die Jazz-Pioniere, die seine Generation gerade per Sampler in Hip-Hop-Tracks zerlegten, einfach live ins Studio einzuladen. Donald Byrd kam und spielte zwei überlagerte Trompeten-Spuren – eine offen, eine mit Dämpfer.
Erschienen auf Guru’s Jazzmatazz, Volume 1 im Jahr 1993. Byrd, damals 60 Jahre alt, war Hard-Bop-Trompeter aus derselben Generation und Tradition wie Miles Davis. Er war es übrigens, der den jungen Herbie Hancock zu Blue Note Records brachte – jener Hancock, der wenig später bei Miles’ zweitem großem Quintett spielen sollte. Die Kind-of-Blue-Erbschaft wandert hier direkt in die Hip-Hop-Generation.
Guru rappt monoton, fast lakonisch, mit dieser samtigen Stimme, für die er bekannt war. Spike Lee hat das Video dazu gedreht, schwarz-weiß. Der Track ist kein Hit, aber genau das, was der Titel verspricht: Loungin’.
Hör das, wenn: du einfach Bock auf Kopfnicken hast!
“Man, sometimes it takes you a long time to sound like yourself.”
Miles Davis
Mit dieser zutiefst philosophischen Erkenntnis verabschiede ich mich in die Woche. Auf dass diese wunderbare Musik deine Arbeitstage und Feierabende bereichern und inspirieren mögen!
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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