Soundletter 021: Italienisches Eis, japanische Berge und ein isländischer Tagtraum.
Diese Woche mit Masakatsu Takagi, Rino Gaetano, Il Mago Del Gelato, Ask Carol, Gabriel Òlafs & Ignacio Mario Gomez. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Ich bin noch da!
Manchmal braucht man eine Auszeit. So wie ich in der letzten Woche. Auch wenn ich den Drang verspürt habe, meiner selbstauferlegten Verpflichtung JEDEN MONTAG einen Soundletter zu veröffentlichen, so fehlte mir schlichtweg die Muße, der freie Kopf, die Lust.
Und so was wollte ich dir nicht zumuten. Schließlich soll es dir und mir Spaß machen. Und das hätte es womöglich nicht getan. Aber ich bin wieder da, es gibt mich noch und ich hab auch wieder Musik im Gepäck!
Das Album der Woche kommt aus Japan und ist das erste aus einer Reihe ähnlich entstandener Aufnahmen und ist von Masakatsu Takagi. Ich bin vor 3 Wochen auf diesen Namen gestoßen, weil er in einer “am häufigsten gespielt” Liste eines amerikanischen College-Radios ganz oben auftauchte.
Dazu gibt es diese Woche viel in Musik gegossenen Sommer. Locker flockig, mit einem Hauch Kitsch und Romantik, ein staubtrockener Wüstensoundtrack aus Norwegen sowie ein Tagtraum, der von einem 14-jährigen Jungen aus Island komponiert wurde.
Aber, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Heut soll es mal um die Reaktion geben, die ein von dir ausgewählter Song auf anderen Menschen hat. Such dir einen Song aus und Spiel in einer Person deiner Wahl vor. Nehmt euch ein wenig Zeit dafür. Und dann beobachte, was dieser Song in deinem Gegenüber auslöst:
Kanalwechsel
Beobachte jemanden, während er oder sie den Song zum ersten Mal hört. Was passiert im Gesicht? Wann nicken sie, wann schauen sie weg? Lehnt sie sich zurück oder fängt an, mit dem Fuß zu wippen?
Wie immer bin ich gespannt darauf zu hören, was der Soundflip mit dir so macht!?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Masakatsu Takagi – Marginalia
Eines Nachts auf den Salomonen hört Masakatsu Takagi aus weiter Ferne diesen dumpfen Party-Bass — 20 Kilometer entfernt, irgendwo auf einer anderen Insel. Und es trifft ihn wie ein Fremdkörper, mitten in einer Klangwelt aus Wellen, Wind und nächtlichen Tieren. Daraus wird ein ganzes Projekt: Marginalia, sein improvisiertes Klaviertagebuch aus den Bergen von Hyōgo.
Das Prinzip ist denkbar einfach: Fenster auf, Mikrofone an, Klavier spielen — und alles, was vor dem Haus passiert, darf gleichberechtigt mit aufs Band. Vögel, Insekten, Kinderlachen aus dem Hintergrund, Regen aufs Fenster. Kein Editing, keine Overdubs. Die Natur liefert sozusagen die Melodie, das Klavier antwortet harmonisch.
Wobei, „Album” ist hier fast das falsche Wort. Es sind 13 Augenblicke, die irgendwann zwischen 2016 und 2017 zufällig passiert sind und die er aus inzwischen über 200 dieser Stücke ausgewählt hat. Das Debüt einer Serie, die bis heute weiterwächst.
Hör das, wenn: du das Fenster zum Hinterhof öffnest, dich in den Sessel fallen lässt und endlich mal nichts performen musst — auch nicht das Entspannen.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Ask Carol – Desert
Norwegen, Auma, zwei Leute, die aus einer Hütte ohne Strom kommen und zum SXSW nach Texas reisen. Nach dem Festival 2023 mieten Ask Carol einen Wagen und fahren durch den Südwesten der USA. Sie machen unterwegs das, was sie selbst „Desert Jams” nennen: anhalten, draußen aufbauen, spielen, weiterfahren. Aus dieser Reise wird „Desert”.
Klanglich ein Indie-Folk-Song mit klarem Western-Score-Einschlag, oder wie sie selbst sagen würden, einen Tick Morricone-Tremologitarre und viel Halle. Beginnt zart, mit gepicktem Akustikteppich, baut sich dann aber langsam auf zu so einer cinematischen Höhe, dass man unwillkürlich anfängt, sich selbst dabei zuzusehen, wie man Auto fährt.
„Desert skies, as far as I can see” — der Refrain ist einer von diesen, die sich beim ersten Hören schon vertraut anfühlen. Worum es eigentlich geht: das schöne, leicht melancholische Gefühl, wegzuträumen. Endlose Möglichkeiten. Aufbruch ohne festes Ziel.
Hör das, wenn: du den Laptop zugeklappt hast und auf dem Heimweg merkst, dass du den Tag bereits hinter dir lässt, ohne es entschieden zu haben.
Für das Innehalten | Deep listening & meditation
Gabríel Ólafs – Absent Minded
Tagträumerei - ein Wort, das im Erwachsenenleben eigentlich nichts mehr verloren hat, sich aber heimlich überall einschleicht. „Absent Minded” ist ein rein instrumentales Klavierstück des isländischen Komponisten Gabríel Ólafs und genau darum geht es: um diese Momente, in denen man im Bus sitzt und plötzlich gar nicht mehr weiß, wo der eigene Kopf gerade hängt.
Die Geschichte dahinter ist fast zu schön: Mit 14 hat er die Grundmelodie geschrieben, jahrelang im Kopf getragen, mit 19 dann ein erster TV-Auftritt — im Publikum Björks Manager, der ihn direkt unter Vertrag nimmt!
Klanglich ist es Neoklassik im reduziertesten Sinne. Ólafs legt eine Filzschicht zwischen Hammer und Saiten, damit das Klavier weicher, fast otherworldly klingt. Sehr leise Anschläge, sehr viel Luft zwischen den Tönen. Er beschreibt sein Album als Soundtrack zu einem Film, der nicht existiert — und „Absent Minded” wäre dessen Titelmelodie. Du darfst dir den Film dazu selbst denken.
Hör das, wenn: du beim Spazierengehen plötzlich merkst, dass du seit zwei Straßen einfach nur an deine Großmutter denkst.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Ignacio Maria Gomez – Napin Dya
Ein Argentinier, der in Frankreich lebt, schreibt ein Album über zehn Jahre und singt darauf in einer Sprache, die er selbst erfunden hat. Klingt nach Konzept-Quatsch, ist aber das Gegenteil: „Napin Dya” von Ignacio Maria Gomez ist eine hypnotische, sehr körperliche Folk-Nummer, die irgendwo zwischen Lateinamerika und Westafrika schwebt.
Der Text ist absichtlich nicht übersetzbar. Gomez orientiert sich an den sogenannten Icaros — schamanische Gesänge aus dem Amazonas, bei denen es nicht um Bedeutung geht, sondern um Klang und Energie. Heißt: gesungen wird nicht, weil man jemandem etwas sagen will, sondern weil bestimmte Silbenfolgen einen bestimmten Zustand erzeugen sollen.
Klanglich liegen darunter Balafon, Akustikgitarre, Percussion und Kontrabass — eingespielt mit zwei Mitstreitern in trancehafter Live-Energie. Das Resultat: ein Mantra, das sich nicht erklärt, sondern einfach passiert. Albumkontext heißt übrigens Belesia — sein selbst imaginiertes Paradies auf Erden, das ihm in wiederkehrenden Träumen erschienen ist.
Hör das, wenn: du beim Kochen plötzlich anfängst, mitzusummen in einer Sprache, die du gar nicht kennst.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Rino Gaetano – Sfiorivano le viole
Italien, 1976. Rino Gaetano singt vom Sommer, von einem Mädchen, das zur Frau wird, von blühenden Veilchen am Strand. Klar, klingt erstmal nach klassischer Liebesballade, sonnig, mit Sitar-Akzenten, sehr 70s. Aber dann kippt der Text mittendrin.
Plötzlich ist Lafayette aus Amerika zurück, Bismarck einigt gerade Deutschland, Mameli und Novaro schreiben die italienische Nationalhymne — und Rino sitzt da und wartet auf ein Mädchen. „Mentre io aspettavo te” — während ich auf dich wartete, passierte alles andere in der Welt. Er hat damals in einem Interview selbst gesagt: Der Sinn der Nummer sei eigentlich nur, in die Pötte zu kommen.
Das ist das Schöne an Gaetano: er packt seine leicht resignierte politische Beobachtung in einen Song, den du beim Tomatenschneiden mitsingen kannst, ohne zu merken, dass du gerade an einer Kritik teilnimmst. Eine Art italienischer Vorgänger der Songwriter:innen, die heute zwischen Pop und sanftem Sarkasmus pendeln.
Hör das, wenn: du in einer langen Phase des Wartens steckst und dich fragst, ob du gerade Geschichte verpasst oder gerade welche schreibst.
Für den Flow | Global Groove
Il Mago Del Gelato – Zenzero
In der Via Padova in Mailand gibt es eine Gelateria, die der Stammtreff eines ganzen Viertels ist — Sprachen mischen sich, alle holen sich dort ihr Eis. Vier Musiker haben sich dort regelmäßig getroffen und irgendwann beschlossen, eine Band nach diesem Ort zu benennen: Il Mago Del Gelato. Erste Single: „Zenzero”. Wie die Eissorte.
Klanglich ist das ein knackiges italienisches Electro-Funk-Brett mit Afrobeat-Einflüssen, Tenorsax, Posaune und einer Rhythmusgruppe, die nicht aufhört zu grinsen. Mostly instrumental, mit Ausnahme einer einzigen Zeile, die immer wieder kommt: Ingwer ist das, was ich mag. Mehr Text braucht es nicht!
Die Band wird gerne mit Nu Genea oder Calibro 35 verglichen, was klanglich auch hinkommt — italienische Filmmusik-Vibes der 60er und 70er, treffen auf modernen Funk und Disco-Anmutung. Aber Il Mago Del Gelato setzen einen Tick mehr auf kollektiven Groove und auf diesen mediterranen, leicht selbstironischen Vibe. Würzig, leicht brennend, ein bisschen Sommer — wie die Eissorte halt
Hör das, wenn: du am späten Nachmittag merkst, dass du im Stehen anfängst, mit den Schultern zu wippen.
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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