Soundletter 023: Nieselregen unterm Blätterdach
Diese Woche mit Michael Nau, Linda Perhacs, Brambles, Men I Trust, Cornelius & Penguin Cafe und Sofi Birch. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Verregnete Waldsamkeit
Ich bin in der vergangenen Woche spontan mit dem Camper in der Natur gewesen. Selbstverständlich in einer Woche voller Regen und Gewitter. Und es war wundervoll! Der Duft des Waldes im Regen, die nebelverhangenen Baumwipfel, die leeren Wanderpfade.
Dementsprechend bringt der Soundletter in dieser Woche Musik, die diese Stimmung auffängt und fortführt. Organisch, sanft wie ein Nieselregen unter dem Blätterdach.
Es wird viel getropft, gezupft und geatmet: ein Klavier im Halbdunkel, Field Recordings mit Wind und Flügelschlag, eine Slide-Gitarre, die durch den Matsch gleitet, dazu Stimmen, die eher Farbe sind als Worte. Sechs musikalische Inspirationen, die ich diesmal nicht als sechs Inseln gedacht habe, sondern als einen einzigen Spaziergang durch dasselbe nasse Wäldchen – vom Ankommen im Camper bis zu dem leisen Groove, der hinterher noch tagelang im Kopf weiterläuft.
Aber, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Wie spielen Musik und Natur zusammen, wie beeinflussen sie deine Wahrnehmung davon gegenseitig?
Waldverstärker
Wie unterstützt dieser Track deine Naturerfahrung?
Such dir einen Track aus und geh in die Natur, setz dich auf eine Parkbank, gehe in den Wald oder stell dich einfach ans Fenster und beobachte einen Baum oder eine Pflanze auf dem Balkon. Hör ihn über Kopfhörer, lass alles andere Mal außen vor.
Welche Eindrücke macht er größer – Stille, Weite, Nähe, Kühle, Wärme? Gehen Klang und Natur eine Symbiose ein? Wohin richtet der Track deine Aufmerksamkeit und wie verändert der Moment in der Natur dein Klangerlebnis?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Michael Nau – Mowing
Das hier ist kein Sonnenschein-Album. Eher die Sorte warmer, leicht psychedelischer Folk, die mehr nach Wald bei bedecktem Himmel klingt als nach Strand. Michael Naus Solo-Debüt entstand aus lauter verstreuten Aufnahmen, die jahrelang auf einer Festplatte lagen — Mini-Sessions, mal zu Hause in Maryland, mal an zwei Tagen live mit Freunden in einem Studio in Vermont, ohne viel Kontrolle. Dass daraus trotzdem ein erstaunlich rundes Album wurde, ist die kleine Wunderzutat. (Schöne Randnotiz: Am selben Tag, an dem die Platte erschien, kam sein zweites Kind zur Welt.)
Seine Cat-Stevens-warme Stimme trägt das alles, und genau diese Mischung aus Fragment und Geborgenheit passt zu einer Woche unterm Blätterdach: nichts ist durchgeplant, vieles tropft so vor sich hin, und am Ende ergibt es ein Ganzes.
Hör das, wenn: Du gerade angekommen bist, die Jacke noch nass, und einfach nur dem Regen aufs Camperdach zuhören willst.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Men I Trust – I Come With Mud
Vom Album in den Matsch — wörtlich. „I Come With Mud” eröffnet die jüngste Platte des Montrealer Trios Men I Trust und schickt ihren verträumten Pop überraschend in Richtung Country: eine schmatzende Slide-Gitarre (die Sorte Gitarre, bei der ein Ton in den nächsten gleitet), dazu Emma Proulx’ Stimme, die jeden Ton atmen lässt.
Der Text ist eine kleine Naturmeditation über Schlamm, gelbe Moore, nasse Waden — Bilder, die das ganze Album um Natur und Neuanfang kreisen lassen. Klingt erstmal unromantisch, dieser Matsch. Ist es aber nicht. Wald plus Regen ergibt nun mal Matsch, und Matsch ist einfach Natur, die sich nicht ziert. Genau dieser Track holt dich aus dem sauberen Büromodus und stellt dich mit beiden Füßen in den weichen Boden. Smooth, golden, ungeschützt.
Hör das, wenn: Du die Schuhe ausziehst und merkst, dass der Waldboden unter den Socken angenehmer ist als jeder Teppich.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
Brambles – Such Owls As You
Eulen habe ich keine gesehen. Aber dieses Stück braucht auch keine — es ist ohnehin eher das Gegenteil von laut. „Such Owls As You” ist eine wortlose Miniatur aus Klavier, hauchzartem Saxofon und Field Recordings (also Geräuschen, die draußen in der echten Welt aufgenommen wurden): Wind, das Flattern von Flügeln.
Brambles, das Soloprojekt der in Melbourne lebenden Mira Dawson, nahm das meiste davon nachts auf — am Klavier eines Gemeinschaftshauses voller Künstler, in dem ständig jemand bis in die frühen Stunden wach war. Man hört diese Nacht. Still, geheimnisvoll und zugleich tröstlich. Ähnlich wie der stetige Klang zwitschernder Vögel im Wald: erstaunlich erdend, fast heilsam. Kein Meditieren-Müssen, kein Richtig-Machen — nur Raum. Und in diesem Raum darfst du lauschen, ob da draußen vielleicht doch eine Eule sitzt.
Hör das, wenn: Du im Zelt liegst, der Regen hat aufgehört, und du plötzlich hörst, wie viel der Wald eigentlich von sich gibt.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Sofie Birch & Johan Carøe – Calibrating Senses
Der Titel ist Programm: „Calibrating Senses” — die Sinne neu justieren. Genau das macht ein Waldtag mit einem Großstadtgehirn. Die beiden dänischen Klangtüftler haben dieses schwebende Stück aus freien Synthesizer-Improvisationen gebaut und es später auf einem abgelegenen Hof in Schweden mit akustischen Instrumenten überarbeitet — Pumporgel, Cello, Klarinette, dazu Stimmen, die nicht singen, sondern als weiche Farbe mitschweben.
Heraus kommt etwas zwischen Ambient und New Age, das rund um das Thema entstand, nach chaotischen Lebensphasen die Teile wieder zusammenzusetzen. Passt. Denn in dem Moment, in dem du aus dem Camper steigst und der Wald dich mit ätherischen Ölen, gedämpften Geräuschen und dem kühlen Tasten von Moos und Rinde empfängt, passiert genau das: Deine Wahrnehmung wird leiser, langsamer, größer. Du kalibrierst neu, ohne etwas dafür zu tun.
Hör das, wenn: Du nach Tagen Bildschirm zum ersten Mal wieder bewusst bemerkst, wie sich Rinde anfühlt.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Linda Perhacs – Chimacum Rain
Und hier kommt der Regen — von 1970. „Chimacum Rain” ist der Eröffnungssong von Linda Perhacs’ einzigem Album jener Jahre, einer psychedelischen Folk-Platte, die damals komplett floppte und Jahrzehnte später als Kultklassiker wiederauftauchte. Perhacs arbeitete als Dentalhygienikerin, schrieb nebenbei diese Songs und benannte diesen hier nach Chimacum, einem regenverhangenen Fleckchen Wald auf einer Halbinsel im US-Bundesstaat Washington, das sie als einen der unberührtesten Orte ihres Lebens beschrieb.
Der Text ist fast schon mein Wochenprotokoll der vergangenen Woche: Es regnet (fast) jeden Tag, Flechten überziehen die Steine, das Grün findet einfach alles. Dazu legt sie ihre Stimme in vielen Schichten übereinander und lässt seltsam wabernde elektronische Schlieren durchziehen — für 1970 ungewöhnlich verträumt und leicht halluzinatorisch. Eine Zeitreise, die sich anfühlt, als hätte jemand deinen nassen Wald schon mal vertont, lange bevor du ihn betreten hast.
Hör das, wenn: Der Nieselregen so fein ist, dass du nicht mehr sagen kannst, wo die Luft aufhört und das Wasser anfängt.
Für den Flow | Global Groove
Cornelius & Penguin Cafe – Birdwatching at Inner Forest (Penguin Cafe Mix)
Zum Schluss der innere Wald. „Birdwatching at Inner Forest” stammt im Original vom japanischen Klangkünstler Cornelius, der es in seinem Heimstudio aus Vogelpfiffen, Naturgeräuschen und einem fast brasilianischen Samba-Puls baute. Das britische Ensemble Penguin Cafe (gegründet von Arthur Jeffes, dessen Vater einst das legendäre Penguin Cafe Orchestra leitete) hat daraus eine sanftere Fassung gemacht: Der Groove bleibt, wird aber entschleunigt und in warmes Klavier und Streicher übersetzt.
Die Vögel von vorhin sind also wieder da — nur diesmal nicht im Zelt, sondern im Arrangement. Es ist die Sorte Bewegung, die nicht antreibt, sondern trägt: Du kommst voran, ohne zu hetzen. Genau das nimmst du am Ende aus so einem nassen Waldwochenende mit — nicht die Erschöpfung, sondern einen leisen Groove, der noch tagelang in dir weiterläuft. Der innere Wald eben.
Hör das, wenn: Du längst wieder zu Hause bist, aber dein Kopf noch zwischen den Bäumen spazieren geht.
Das war mein kleiner, feuchtfröhlicher Ausflug in die Natur. Ich hoffe, der ein oder andere Klang hat einen Weg in ein Ohr gefunden. Möge er dich begleiten und hier und da ein Lächeln auf deine Lippen zaubern.
Bis nächste Woche!
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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