Soundletter 025: Ein Sofa in der Gasse, die Boxen am offenen Fenster.
Diese Woche mit The Whitest Boy Alive, Hocus Pocus, Nightmares On Wax, Portico Quartet & Handsome Boy Modelling School. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Mit Musik in die Vergangenheit
Eigentlich ist es ein kleines Wunder. Töne sind nichts weiter als Luft, die in bestimmten Mustern schwingt — und unser Gehirn macht daraus Gänsehaut, gute Laune und ganze Lebensabschnitte. Ich wette, du kennst es auch: Ein Song läuft, und plötzlich bist du woanders. Ein bestimmter Sommer, eine bestimmte Küche, ein Mensch kommt dir in den Sinn, von dem du lange nichts gehört hast und dazu Erinnerungen an die gemeinsame Zeit.
Das ist kein Zufall, sondern ein erstaunlich fein abgestimmtes Zusammenspiel im Kopf. Sobald Musik einsetzt, springt eine ganze Kette an Hirnregionen an — erst die Areale, die den Klang verarbeiten, dann die, die Struktur und Erwartung sortieren und sich heimlich freuen, wenn der nächste Beat da ist, wo sie ihn vermutet haben, und schließlich das Belohnungssystem, das uns mit Dopamin versorgt. Mit genau dem Stoff, der auch für gute Laune zuständig ist. Dass Musik die Stimmung hebt, ist also nicht nur Gefühl, sondern messbar.
Mittendrin sitzt das Gedächtnis. Es legt jeden Song über das, was wir gerade erleben oder einmal erlebt haben — samt der Gefühle von damals. Deshalb ist Musik nie nur Musik. Sie ist eine der direktesten Abkürzungen zu unserer eigenen Geschichte, ein Schlüssel zu Erinnerungen, die wir längst weggeräumt glaubten. Am festesten sitzen dabei die Lieder aus unseren frühen Zwanzigern: Was in diesen Jahren rauf und runter lief, brennt sich oft fürs ganze Leben ein. Manchmal reichen ein paar Töne, und eine Tür geht auf.
Und genau darum geht es diese Woche: Ich war mit alten Freunden (ja, wir sind mittlerweile wirklich etwas, das man „alt“ nennen muss) zurück nach Marburg, in meine Studienstadt. Und weil ich damals auch schon viel Musik gehört habe, habe ich mal in meinem Oberstübchen nach Tracks geforstet, die die Zeit gut überstanden haben und die für mich bis heute nach genau dieser Zeit klingen.
Aber, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Für den Soundflip aber horchen wir nicht zurück in die Vergangenheit, sondern vielmehr in die Zukunft. Such dir mal einen Track, den du noch nicht lange kennst, der aber gerade bei dir in Dauerschleife läuft. Und dann:
Erinnerungen an die Zukunft:
Stell dir vor, du hörst den Song in 20 Jahren wieder – welches Gefühl bleibt?
Was an diesem Song verbindest du mit deinem heutigen Lebensgefühl, was löst er in der aus, was möchtest du daran in Erinnerung behalten und was vielleicht nicht? Was davon liegt am Groove, am Timbre, am Text? Was davon ist robust genug, um wirklich 20 Jahre zu überdauern?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
The Whitest Boy Alive – Rules
Nordeuropäischer Minimal-Pop einer Band, die sich beim zweiten Album eine eiserne Regel verordnet hat: vier Leute in einem Raum, alles live in einem Take, nichts dazumischen, was man nicht auch auf der Bühne spielen könnte. Aufgenommen haben The Whitest Boy Alive um Sänger Erlend Øye (vorher bei Kings of Convenience) das Ganze in einem selbstgebauten Glasstudio in einer Garage direkt am mexikanischen Strand — und trotzdem klingt nichts nach Cocktail und Palme.
„Wir wollten weiter eine nordeuropäische Platte machen, nur in warmem Klima“, hat Øye das mal beschrieben, und genau so ist es: warme, schlanke Basslinien, sparsame Funk- und Disco-Anleihen, viel Luft dazwischen. Für mich ist das die Marburg-Platte schlechthin — leicht verkaterter Sommertag, das Sofa raus in die Gasse gestellt, Boxen ans offene Fenster, und das Leben einfach mal laufen lassen. Diese Mischung aus Melancholie und Schwerelosigkeit hat über die Jahre kein bisschen verloren.
Hör das, wenn: du einen ganzen Nachmittag für dich hast und ihn nicht verplanen, sondern einfach eine Platte von vorn bis hinten durchlaufen lassen willst.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Handsome Boy Modeling School – The Truth
Hip-Hop trifft Jazz, und zwar in seiner entspanntesten Form. Hinter Handsome Boy Modeling School stecken die Produzenten Dan the Automator und Prince Paul, die hier zwei sehr unterschiedliche Stimmen übereinanderlegen: Róisín Murphy von Moloko singt eine fast geflüsterte Abschiedsballade, der Rapper J-Live klinkt sich mit einem dichten Vers dazwischen.
Das Fundament ist ein melancholischer Klavier-Loop aus Galt MacDermots „Coffee Cold“ von 1966 — derselbe Sechziger-Jazz, an dem sich kurz zuvor schon Portishead bedient hatten. Dazu ein knackiger, gesampelter Schlagzeug-Break. Der Klavier-Loop allein würde eigentlich reichen, aber was die beiden hier drumherum gebaut haben, lief bei mir tausendmal in Schleife — und hat bis heute nichts von seiner Kraft verloren. Ein guter erster Schritt raus aus dem Tag.
Hör das, wenn: du die Wohnungstür hinter dir zumachst und der Kopf noch zehn Minuten braucht, bis er auch wirklich zu Hause ist.
Für das Innehalten | Deep listening & meditation
Portico Quartet – Prickly Pear
Zurücklehnen. Diese Band hat mich damals vorsichtig in den moderneren Jazz hineingezogen — dorthin, wo er sich mit Ambient und Weltmusik verschwistert. Das Portico Quartet begann Mitte der 2000er als Straßenmusiker an Londons South Bank und nahm sein Debüt mit dem Rest der Studienkredite auf.
Herzstück ihres Sounds ist das Hang: eine in der Schweiz entwickelte Stahlklang-Skulptur, die ein bisschen wie eine umgedrehte Wok-Pfanne aussieht und sehr weich, fast glockig klingt. „Prickly Pear“ schaukelt auf einem entspannten Reggae-Groove, darüber ein melodisches Saxofon — Musik zum Träumen und Dahinschmelzen, ganz ohne Text. Als ich die vier 2019 beim Reeperbahn Festival live gesehen hab, war ich danach komplett geflasht. Schön zu wissen: Peter Gabriels Label hat die Platte später nochmal neu aufgelegt, ein junges Busker-Quartett wurde so für den renommierten Mercury Prize nominiert.
Hör das, wenn: du abends das erste Mal seit Stunden wieder bewusst ausatmest und merkst, wie die Schultern runtergehen.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Hocus Pocus – Touriste
Französischer Rap hat mich schon früh fasziniert — auch, ohne dass ich die Sprache spreche. Hocus Pocus aus Nantes haben genau die Variante davon entwickelt, die ich liebe: jazzig, soulgetränkt, mit Weltmusik-Einflüssen und einer richtigen Band-Anmutung statt nur Beats. „Touriste“ vom Album Place 54 ist trügerisch entspannt — ein warmer Groove, eine soulige Hook von Elodie Rama — und erzählt dabei eine ziemlich bissige Geschichte.
Rapper 20syl schlüpft in die Rolle eines wohlhabenden Nord-Touristen, der am Privatstrand liegt und konsequent wegschaut: vom abgesperrten Strand, den Einheimische nicht betreten dürfen, bis zum Trinkwasser, das ein paar Schritte weiter nicht mehr sauber ist. In Frankreich wird der Song heute sogar im Unterricht eingesetzt, um über Massentourismus und das Nord-Süd-Gefälle zu sprechen. Das ganze Album ist eine schöne Reise — und passt gut zu einem Wochenende, an dem man selbst irgendwo hinfährt.
Hör das, wenn: du gerade Urlaub buchst und kurz darüber nachdenkst, was hinter der Hochglanz-Broschüre eigentlich liegt.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Agustín Pereyra Lucena – Guayabas
Eine sanft wiegende Bossa-Jazz-Nummer aus Argentinien, 1975 aufgenommen. Agustín Pereyra Lucena gilt als der große Botschafter brasilianischer Musik in Buenos Aires — befreundet mit Größen wie Vinícius de Moraes — und legt hier eine zarte Akustikgitarre vor, über die sich eine Flöte und ein weit ausschwingendes Fender-Rhodes-Solo legen (das E-Piano mit dem warmen, glasigen Klang). Geschrieben hat das Stück eigentlich sein Pianist Guillermo Reuter; ein Kritiker nannte es treffend ein „Fusion-Schlaflied“.
Für mich steht „Guayabas“ stellvertretend für die Compilation Beach Diggin’ Vol. 1 von Guts, über die ich vor Jahren in eine ganz neue musikalische Sphäre gestolpert bin — einem Pfad, dem ich seitdem quer durch die Welt folge. Wenn dir der Track gefällt, leg dir ruhig die ganze Beach-Diggin-Reihe zu: perfekt für Sonnenmomente am Strand, auf dem Rad oder auf Balkonien.
Hör das, wenn: du auf dem Balkon sitzt, die Sonne noch warm ist und du heute nirgendwo mehr hin musst.
Für den Flow | Global Groove
Nightmares On Wax – Flip Ya Lid
Manchmal entstehen die schönsten Sachen halb aus Versehen. „Flip Ya Lid“ ist entspanntes Downtempo mit dickem Reggae-Einschlag — und kam genau so zustande: MC Ricky Ranking war eigentlich für einen ganz anderen Song im Studio von Nightmares On Wax, dann baute man spontan diesen Beat, und Ricky rappte einfach drauflos. George Evelyn, der Kopf des Projekts, ist seit den frühen Neunzigern auf dem Label Warp zu Hause.
Im Hintergrund des Songs stand ein Gespräch über Bereitschaftspolizei auf den Straßen und neue Gesetze im damaligen Großbritannien — entsprechend simpel und gut ist die Botschaft: nicht ausrasten, durchatmen, sich Zeit füreinander nehmen. Der Beat selbst ruht auf einer geliehenen Gitarrenfigur aus einer alten jamaikanischen Single von 1970. Ich kann gar nicht sagen, wie oft dieser Song bei mir lief — ruhig genug zum Arbeiten, lebendig genug, dass es den eigenen Energiehaushalt wieder aufläd..
Hör das, wenn: dir alles ein bisschen zu viel wird und du dich selbst daran erinnern musst, dass die Welt davon auch nicht untergeht.
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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