Soundletter 027: Zuckerschock-Harmonien, Semba aus Angola und ein Stück von 1888.
Diese Woche mit Hania Rani, Mop Mop, Felix Rösch, Parcels, Erik Satie und Africa Ritmos. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Einfach mal leiser werden!
Paris, 1888. Die Konzertsäle sind voll mit Musik, die immer größer, lauter, dramatischer wird — mehr Noten, mehr Pathos, mehr alles. Und mittendrin sitzt ein sturer Sonderling namens Erik Satie und schreibt drei kleine Klavierstücke, die fast nur aus Luft bestehen. Langsam. Leise. Voller Lücken. Die Kollegen fanden das vermutlich einen Tick seltsam. Heute, 138 Jahre später, klingen ausgerechnet diese Stücke wie das Modernste, was man nach einem vollen Tag auflegen kann.
Ich mag diesen Gedanken sehr: dass die beste Antwort auf ein Zeitalter, das immer lauter wird, manchmal einfach ist, leiser zu werden. Nicht aus Trotz, sondern aus Überzeugung. Feierabend ist ja genau das — die Entscheidung, beim allgemeinen Lauterwerden nicht mehr mitzumachen, wenigstens für ein paar Stunden. In diesem Sinne ist jeder Track dieser Ausgabe ein kleines Gegenprogramm. Manche leise, manche tanzbar, aber alle auf deiner Seite!
Aber, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Hören wir dieses Woche mal auf das, was man nicht hören kann:
Zwischenräume:
Achte nicht auf die Töne, sondern auf das, was dazwischen passiert: auf die Stille, die Pausen, die Leere zwischen zwei Noten.
Was liegt zwischen den Noten? Was geschieht in den Übergängen? Die Lücken erzählen oft mehr als die Sounds selbst.
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
HANIA RANI – ESJA
Nördlich von Reykjavík steht eine Bergkette namens Esja, und weil das Wetter ständig neu über sie drüberzieht, sieht sie angeblich jeden Tag anders aus. Hania Rani hat ihr Lieblingsstück danach benannt — weil es auch jedes Mal anders klingt, wenn sie es spielt — und dann gleich das ganze Album. Esja (2019, Gondwana Records) ist das Solo-Debüt der polnischen Pianistin: zehn Stücke, nur Klavier, Neo-Klassik im allerbesten Sinne. Aufgenommen größtenteils auf dem Upright — also dem ganz normalen Wohnzimmerklavier — in ihrer Warschauer Wohnung und in einem Studio in Reykjavík. Die Mikrofone hängen dabei so nah dran, dass man die Pedale und das Holz mithört. Das Instrument atmet quasi mit!
Schönste Anekdote: Today It Came entstand spontan auf dem Flügel von Ólafur Arnalds, und auf die Frage, woher die Melodie käme, sagte Rani nur: Es kam heute. In Polen gab es für das Album vier Fryderyk Awards, das dortige Grammy-Pendant. Zu Recht.
Favoriten Tracks: Biesy & Hawaii Oslo
Hör das, wenn: du das Handy mal in ein anderes Zimmer legst und ein Album wieder von vorne bis hinten durchhörst, so wie früher.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
PARCELS – EXOTICA
Fünf Jungs aus Byron Bay, Australien, ziehen nach Berlin und machen Disco. Das ist ungefähr die Kurzfassung von Parcels. Exotica stammt von ihrem selbstbetitelten Debütalbum (2018, Because Music) und ist Soft-Pop mit Discoschlagseite: weiche Gitarren, Streicher, Flöte und diese mehrstimmigen Harmoniegesänge, für die man die Band einfach lieben muss. Der Musikexpress schrieb damals, die Harmonien seien „kurz vorm Zuckerschock” — und meinte das als Kompliment.
Der Titel ist übrigens eine Verbeugung vor dem gleichnamigen Genre aus den 50ern: Exotica, diese Cocktail-Lounge-Musik, die tropische Ferne ins heimische Wohnzimmer holte. Parcels nehmen davon die Weichheit und die Ferienstimmung und bauen daraus einen Song über eine Liebe, die sich nachts wie ein kleiner Krieg anfühlt. Klingt schwer. Fühlt sich aber federleicht an. Und genau in diesem Widerspruch liegt der perfekte Moment für den Übergang: Der Tag klappt hinter dir zu, und irgendwas in dir wird schon mal weich.
Hör das, wenn: du auf dem Heimweg bewusst das Tempo rausnimmst und den Umweg über die schönere Straße gehst.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
FELIX RÖSCH, MONDËNA QUARTET – WHAT REMAINS
Zurücklehnen. Durchatmen. What Remains ist ein rein instrumentales Kammermusikstück des Berliner Komponisten Felix Rösch, eingespielt mit dem mondëna quartet — Klavier plus Streichquartett, irgendwo zwischen moderner Klassik und Ambient. Das Stück erschien 2023 zuerst als Single bei Nettwerk und landete dann auf dem Album Fragmente.
Und dieses Album hat eine Geschichte: Rösch beschreibt es als Sammlung all der kleinen Momente, die ihm nach einem Corona-Burnout samt Depression herausgeholfen haben. Der Tochter ein Schlaflied singen. Mit ihr auf dem Spielplatz eine alte Biene retten. Spazierengehen. Mit Freunden reden. What Remains — was bleibt — steht im letzten Drittel dieser Reise, genau da, wo die Musik ganz ruhig und aufgeräumt wird. Man muss diese Geschichte nicht kennen, um das Stück zu mögen. Aber wenn man sie kennt, hört man sie mit. Und plötzlich ist so ein kurzes, leises Stück einen Tick größer als es tut.
Hör das, wenn: der Tag zu viel war und du erstmal nur am Fenster stehen willst, ohne irgendwas zu müssen.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
AFRICA RITMOS – OLHA O PICA
Luanda, erste Hälfte der 70er, kurz vor Angolas Unabhängigkeit: Die Stadt hat eine der aufregendsten Musikszenen des Kontinents, und die Bands versuchen sich gegenseitig mit neuen Sounds, Gitarreneffekten und Grooves zu übertrumpfen. Mittendrin: África Ritmos, eine 1968 gegründete Tanzband, die traditionelle angolanische Rhythmen modern interpretierte. Olha o Pica ist ein Instrumental aus genau dieser Zeit — Semba und Merengue (beides tanzbare Stile, der eine aus Angola, der andere lateinamerikanischen Ursprungs) treffen auf Surf-Gitarre mit ordentlich Echo drauf.
Das Ergebnis ist hypnotisch und tropisch und treibend, es zieht einen einfach rein! Dass wir das heute überhaupt hören können, verdanken wir dem Label Analog Africa, das den Track 2013 auf der Compilation Angola Soundtrack 2 wieder ausgegraben hat. Die machen seit Jahren nichts anderes, als solche Schätze aufzuspüren und liebevoll zu restaurieren. Bless them!
Hör das, wenn: du beim Kochen merkst, dass die Hüfte längst von alleine mitgeht.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
ERIK SATIE, PHILIPPE ENTREMONT – GYMNOPÉDIE NO. 1
Paris, 1888. Während die Kollegen immer größere, lautere, dramatischere Klaviermusik schreiben, macht Erik Satie das Gegenteil: drei kleine, langsame Stücke im Dreiertakt, mit viel Luft zwischen den Tönen. Über der ersten Gymnopédie steht als Spielanweisung „Lent et douloureux” — langsam und schmerzlich. Heute gilt das Stück als eine Art Urahn der Ambient-Musik, also von Musik, bei der die Atmosphäre wichtiger ist als große dramatische Entwicklung.
Gecovert von Jazzflötisten, Elektronikern und sogar Gary Numan. Die Version hier stammt vom Pianisten Philippe Entremont, 1981 aufgenommen — klar, unaufgeregt, eine der Referenzaufnahmen. Verrückt eigentlich, dass ein Stück von 1888 heute wie die perfekte Feierabendmusik klingt. Wobei, vielleicht war Satie einfach 130 Jahre zu früh dran. Manche Zeitreisen gehen eben in beide Richtungen.
Hör das, wenn: draußen der Regen gegen die Scheibe geht und du beschließt, dass heute nichts mehr passieren muss.
Für den Flow | Global Groove
MOP MOP – KAMAKUMBA
Hinter Mop Mop steckt der italienische Schlagzeuger und Produzent Andrea Benini, und Kamakumba ist so etwas wie sein Signature-Groove: Afro-Jazz trifft Funk trifft tropische Exotica. Das Stück stammt vom Album Isle Of Magic aus dem Jahr 2013, aufgenommen in Italien und Deutschland mit Musiker:innen aus Europa, der Karibik, Afrika und dem Nahen Osten.
Und was da alles spielt! Steel Pan (die karibische Metalltrommel mit dem sonnigen Klang), Hang (dieses ufoförmige Blechinstrument, das man mit den Händen spielt), Baritonsaxofon, warmes E-Piano — dazu Chants statt klassischem Gesang, also eher rhythmische Rufe als erzählter Text. Der US-Radiosender KCRW kürte den Track zur „Today’s Top Tune”, und seitdem geistert er durch die halbe Balearic-Szene; es gibt gefühlt mehr Remixe als Originalpressungen. Braucht man aber alles gar nicht. Das Original groovt völlig entspannt vor sich hin und nimmt dich einfach mit.
Hör das, wenn: du am Sonntagnachmittag den Kram der Woche wegräumst und es sich plötzlich gar nicht mehr wie eine Aufgabe anfühlt.
Ich hoffe, diese Klavierbetonte Ausgabe hat das ein oder andere schmackhafte Fundstück für dich mitgebracht! Das von mir, bis nächsten Montag!
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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