Soundletter 028: Eine kleine Hip-Hop Zeitreise.
Diese Woche mit Pete Philly & Perquisite, Supersci, A Tribe Calles Quest, Flo Filz, Talib Kweli & Bilal und Mos Def. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Momentchen, da läuft doch Hip Hop!
Schon erstaunlich, dass ich nach nun mehr als 28 Soundlettern und vielen Mixtapes und Radiosendungen noch sehr, sehr wenig Hip-Hop geteilt habe. Und das, obwohl trotz intensivster Sozialisation in meiner Kindheit und Jugend. Während die anderen Kinder auf der Konfirmations-Freizeit Pslam 23 auswendig gelernt haben, habe ich die Bambule-Platte der Beginner auf`m Discman gehört …
Lange Zeit aber hat mich Hip-Hop nicht mehr abgeholt. Autotune und Cloud-Rap auf der einen - und so viel andere geile andere Genres auf der anderen Seite … es musste mal etwas anderes her.
Aber einmal Hip-Hop, immer Hip-Hop und so nutze ich die Gunst der Stunde, in der ich zufällig mal wieder auf Flo Filz und sein fabelhaftes Erstlingswerk “Cenário” gestoßen bin, um einen Soundletter voller Hip-Hop in die Manege zu lassen. Wobei, Sven Wunder ist nicht wirklich Hip-Hop. Aber jede Wette, auch er hat De La Soul, Gangstarr und Co gehört! :-)
Ich habe mir die Auswahl nicht leicht gemacht. Im Gegenteil: sauschwer die Nummer. Denn beim Durchlauschen sind mir wieder so viele gute Beats untergekommen. Hier nun eine kleine, aber feine Auswahl.
Mehr dazu beizeiten, bei Bedarf in einem Mixtape.
Aber, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Samplings sind fester Bestandteil des Hip-Hop. Viele wunderbare “alte Orginale” hab ich das erste mal in einem Hip-Hop Beat gehört. Kommst du mit auf Spurensuche?
Spurensuche
Nimm einen Sound, der gesampelt klingt – ein Streicher, ein Vocal-Fetzen, ein Drum-Break. Stell dir das Original vor: Aus welchem Jahrzehnt, welchem Genre, welcher Stimmung stammt es wohl? Und wie hat sich sein Charakter verändert, seit es aus diesem Kontext gerissen wurde?
Diese Spurensuche kann in ungeahnte und zugleich wundervolle Gefilde führen. Nicht nur bei Hip-Hop-Tracks. Wenn du tiefer ins Rabbit Hole hüpfen möchtest, schau doch mal bei WhoSampled vorbei.
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
FLOFILZ – CENÁRIO
Starten wir mit einem Beattape zum Eintauchen: Cenário ist ein instrumentales Jazz-HipHop-Album, gebaut aus Jazz-Samples, warmen Drums und einer Idee, die ich ziemlich schön finde. Der Aachener Produzent FloFilz ist nämlich mit dem Fotografen Robert Winter nach Lissabon gereist und hat die Stadt in sechzehn Tracks übersetzt — die Erstauflage der Platte kam mit einem zwölfseitigen Fotobooklet, Musik und Bilder als parallele Spuren durch dieselben Gassen.
„Cenário” heißt auf Portugiesisch Szenerie, und genau so klingt das: Tracktitel wie „Taxi Bossa” oder „Bairro Alto” sind kleine Ortsangaben, keine Songs mit Botschaft. Nettes Detail: FloFilz ist gelernter Geiger und hat sich hier zum ersten Mal getraut, seine eigene Geige mit einzuspielen. Ein Album wie ein Spaziergang durch eine Stadt, in der du noch nie warst und die dir trotzdem sofort vertraut vorkommt!
Hör das, wenn: du am Sonntagabend Flüge nach Lissabon checkst, die du eh nicht buchen wirst.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
PETE PHILLY & PERQUISITE – TIME FLIES
Ein klassischer Violinen-Loop von Maurice Ravel, darüber live eingespieltes Cello und entspannte Raps — das Amsterdamer Duo Pete Philly & Perquisite hat 2007 gezeigt, wie smooth HipHop und Klassik zusammenpassen können. Perquisite baut die Beats und spielt das Cello gleich selbst, Pete Philly rappt darüber einen erstaunlich ehrlichen Text: übers Touren, übers Älterwerden und darüber, wie man Freunde und Familie aus den Augen verliert, weil man ständig unterwegs ist und einfach nicht zurückruft.
Klar, „die Zeit verfliegt” ist erstmal keine bahnbrechende Erkenntnis. Aber die Art, wie der Song das als Entschuldigung an konkrete Menschen formuliert statt als Kalenderspruch, macht den Unterschied. Der Track wurde übrigens so sehr zum Signaturstück des Duos, dass ihre aktuelle Theater-Tour durch die Niederlande schlicht Time Flies heißt. Fast zwanzig Jahre später. Womit der Titel sich selbst bewiesen hätte.
Hör das, wenn: dir gerade einfällt, wem du seit drei Wochen zurückschreiben wolltest.
Für das Innehalten | Deep listening & meditation
TALIB KWELI & BILAL – TALK TO YOU (LIL’ DARLIN’)
Talib Kweli hörte Anfang der 2000er dauernd Eddie Kendricks’ Ballade „Can I” von 1971 und wollte sie für sein Solo-Debüt Quality verwenden. Aber statt sie zu sampeln, ließ er den Song komplett neu einspielen — und zwar von Questlove, James Poyser und Pino Palladino, also exakt den Musikern, die kurz zuvor D’Angelos Voodoo erschaffen hatten.
Das Ergebnis ist ein zärtliches Liebeslied an der Schnittstelle von HipHop und Neo-Soul, in dem Kweli rappt und spricht, während Sänger Bilal den soulful Refrain übernimmt. Meine liebste Anekdote dazu: Bilal nahm erst nur die tiefen Stimmlagen auf, verschwand, und kam zwei Stunden später zurück, um die hohen nachzulegen. Begründung: „I didn’t finish.”
Und noch eine Verbindung für diese Ausgabe: Kweli ging überhaupt nur solo, weil sein Black-Star-Partner gerade mit Schauspielerei beschäftigt war. Der Partner hieß Mos Def. Zu dem kommen wir noch.
Hör das, wenn: du jemandem etwas sagen willst und noch nach den richtigen Worten suchst.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
SUPERSCI – ON PRODUCTION
HipHop aus Sundsvall! Das liegt in Nordschweden, ziemlich weit weg von allen Szene-Hauptstädten, und genau dort hat sich die Crew Supersci seit Mitte der 90er ihren Ruf als eines der verschwiegensten HipHop-Kollektive Schwedens erspielt — mit eigenem Label, eigenen Beats, komplett DIY. „On Production” von ihrem 2006er Debüt Pinetrees On The Pavement ist ein Song mit einer sympathisch simplen Mission: den eigenen Producer feiern.
Der Mann an den Maschinen, der sonst im Hintergrund bleibt, wird hier per DJ-Scratches und Verses ins Rampenlicht geschoben, eine Tradition, die bis in den New Yorker Rap der 90er zurückreicht (Supersci sampeln dafür passenderweise die US-Legenden Showbiz & A.G.). Jazziger, vinyl-knisternder Sound, laidback Flows, null Angeberei. Wobei, eine Sache feiere ich besonders: dass irgendwo selbst in den tiefsten, schwedischen Kiefernwäldern Leute saßen und Jazzplatten nach dem perfekten Loop durchwühlten.
Hör das, wenn: du merkst, dass die Person im Hintergrund eigentlich den ganzen Laden zusammenhält.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
A TRIBE CALLED QUEST – LUCK OF LUCIEN
1990, New York: Während Gangsta-Rap und Tough-Guy-Posen den Hip-Hop dominieren, veröffentlichen A Tribe Called Quest ein Debütalbum voller Wärme, Witz und Jazz-Samples — und mittendrin diesen Song über einen echten Menschen. Lucien Revolucien war ein französischer Rapper aus dem Umfeld des Native-Tongues-Kollektivs und ein Freund von Q-Tip; der Track ist eine liebevolle Charakterskizze über den jungen Pariser, der in New York mit Akzent, Abzockern und fremden Codes kämpft, während Q-Tip ihm Freundschaft und Rückendeckung zusichert. Lucien selbst ist auf dem Song zu hören.
Der Beat baut auf Billy Brooks’ „Forty Days” auf, einem Jazz-Funk-Stück, das als eines der berühmtesten Samples der HipHop-Geschichte gilt — und als Intro zitieren Tribe die Beatles-Version der Marseillaise. Ein doppelter Frankreich-Gruß, versteckt in einem Rap-Song aus Queens. Charmanter, offener, menschlicher wurde HipHop selten.
Hör das, wenn: du an jemanden denkst, der gerade neu in deiner Stadt ankommt und noch keinen Plan hat.
Für den Flow | Global Groove
MOS DEF – HIP HOP
Da ist er also, der angekündigte Black-Star-Partner. „Hip Hop” von Mos Defs 1999er Album Black on Both Sides ist ein dunkler, treibender Track über — genau — HipHop selbst. Direkt davor, im Album-Intro, erklärt Mos Def seine These: „We are Hip-Hop. Me, you, everybody.” Die Kultur ist da, wo die Menschen sind. Dieser Song buchstabiert das dann aus, mit einer Zeile, die afroamerikanische Geschichte in einem einzigen Bogen erzählt: vom Baumwollpflücken über Kettenarbeit und Bebop bis zum HipHop. Klingt schwer, groovt aber enorm — produziert von Diamond D, während Mos Def selbst Bass und Keyboards beisteuerte, gebaut aus einem Dutzend Samples von 70er-Jazzfunk bis Oldschool-Rap. Der Track ist damit quasi selbst ein Stück komprimierte Genre-Geschichte. Und irgendwie schließt sich hier der Kreis dieser Ausgabe: von Tribes Jazz-Samples 1990 über Rawkus und die Soulquarians bis zu den europäischen Enkeln in Schweden, Amsterdam und Aachen.
Hör das, wenn: du abends nochmal rausgehst, obwohl der Tag eigentlich schon durch war.
Ich wünsch eine wundervolle Woche, viel Spaß beim Kopfnicken!
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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