Soundletter 029: Deep Dive - Italo Pop
Diese Woche mit WOW, Nu Genea, Colapesce Dimartino, Napoli Centrale Ornella Vanoni und einem Aperitif in der Hand! Handverlesene Musik für deinen Sommer.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
»»» direkt zu den Soundpics! «««
Urlaub in Italien.
Es ist Juli, halb Deutschland ist im Urlaub, und ich sitze hier und schaue anderen Leuten beim Trinken zu. Auf Instagram. Aperol vor Hafenkulisse, immer leicht überbelichtet.
Ich fahre dieses Jahr nicht nach Italien. Zumindest bislang nicht geplant. Also habe ich das Nächstbeste gemacht und eine Playlist gebaut. Erst waren es zwölf Tracks, dann zwanzig, inzwischen sind es vierzig – und ich bin nicht sicher, ob das noch Kuration ist oder schon eine Ersatzhandlung.
Irgendwann beim Sortieren ist mir aufgefallen, dass ich gar nicht nach Italien gesucht habe. Sondern nach einer bestimmten Art, mit dem späten Nachmittag umzugehen. Diesem Ding, das passiert, wenn die Sonne tiefsteht, jemand ein Glas auf den Tisch stellt und für die nächsten zwei Stunden niemand irgendwohin muss.
Der schönste Teil einer Reise liegt oft davor. Manchmal reicht er sogar allein.
Die Vorfreude ist der eigentliche Urlaub
Kurz was Wissenschaftliches, dann geht’s um Musik, versprochen:
Ein Team um den niederländischen Tourismusforscher Jeroen Nawijn hat 2010 gut 1.500 Menschen befragt. Rund tausend davon fuhren weg, der Rest blieb zu Hause. Ergebnis: Die Reisenden waren tatsächlich glücklicher als die Dagebliebenen – aber hauptsächlich vorher. Nach der Rückkehr war der Unterschied so gut wie weg. Außer bei denen, die ihren Urlaub als “sehr entspannt” beschrieben; die hatten noch ungefähr zwei Wochen was davon.
Die ForscherInnen führen den Effekt unter anderem auf Antizipation zurück: die Vorwegnahme eines schönen Zustands, die selbst schon ein schöner Zustand ist. Dein Kopf zieht schon mal ein, bevor dein Körper ankommt.
Aber das ist jetzt keine Anleitung zum Nicht-Verreisen” Fahr, wenn du kannst. Aber es erklärt vielleicht, warum vierzig italienische Songs auf einer Hamburger Couch mehr sind als Hintergrundgeräusch. Der Kopf ist längst da unten. Die Beine haben’s nur noch nicht mitbekommen.
(Nawijn et al., “Vacationers Happier, but Most not Happier After a Holiday”, 2010. Die Effekte sind klein – also bitte nicht als Naturgesetz lesen, sondern als Erlaubnis, sich zu freuen.)
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Musik hören wir ständig. Musik verstehen – das geht angeblich nur mit Wörterbuch. Der Soundflip ist eine wöchentliche Einladung, die Ohren auf unbekannte Pfade zu schicken. Diese Woche testen wir, ob das stimmt.
Lost in Translation
Such dir aus der Playlist einen Song aus (sofern du kein Italienisch kannst, sonst nimm einen anderen!). Hör ihn einmal ganz durch – ohne Handy, ohne nachzuschlagen. Dann schreib in drei, vier Sätzen auf, worum es deiner Meinung nach geht. Nicht das Gefühl, sondern die Handlung: Wer redet hier mit wem, und was ist passiert? Erst danach den Text googeln und übersetzen lassen.
Was du dabei erwischst, ist selten die Story – aber fast immer der Ton. Stimme, Tempo und Arrangement transportieren mehr Information, als uns lieb ist, wir überschreiben sie im Alltag nur mit Text. Bei „Marechià" von Nu Genea funktioniert das besonders gut, weil da Neapolitanisch und Französisch aufeinandertreffen und selbst Italiener:innen die Hälfte raten müssen.
Lust, deine Erfahrungen zum Soundflip zu teilen? Ich freu mich drauf!
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Diesmal keine fünf Einzelempfehlungen, sondern die ganze Playlist – fünfzig Tracks zwischen Neapel, Sizilien und einem Küstenstreifen, den es so vermutlich gar nicht gibt. Sechs Wegmarken, an denen ich hängengeblieben bin.
Für das Eintauchen | Album der Woche
WOW – Come La Notte
Fangen wir mit der Nacht an. Denn der italienische Sommer, den ich meine, beginnt eigentlich erst, wenn es dunkel wird.
WOW sind eine Band aus Rom, im Kern das Duo China Wow und Leo Non, und Come La Notte – wörtlich “Wie die Nacht” – ist ihr fünftes Album. Es hat über zwei Jahre gedauert, mit ständig wechselnden MitmusikerInnen, aufgenommen in Cuneo, abgemischt in Turin.
Erwarte keinen Sonnenschein. Das hier ist Nachtmusik im wörtlichen Sinn: langsame, sehr schön geschriebene Songs, irgendwo zwischen Chanson, italienischem Sechziger-Beat und einer Melancholie, die nie schwer wird. Das Label beschreibt das Album als eine Art nächtliches Ritual – Intimität als Überlebensroutine. Klingt pathetisch, trifft es aber ganz gut.
Zwei Tracks daraus liegen in der Playlist: der Titelsong und “Vieni Un Po’ Qui”, das nach Angaben des Labels als einziges Stück die erste, komplett verworfene Aufnahmesession überlebt hat. Manchmal ist der beste Song der, der übrig bleibt.
Hör das, wenn: es endlich abgekühlt ist, alle anderen schon schlafen und du noch nicht willst.
Il tramonto | Der Sonnenuntergang
Nu Genea – Marechià
Disco-Funk aus Neapel und für mich die schönste Sonnenuntergangsnummer der letzten Jahre. Nu Genea sind Massimo Di Lena und Lucio Aquilina, zwei Neapolitaner, die sich 2014 ausgerechnet in Berlin getroffen haben. Ihr großes Neapel-Album haben sie dann auch von dort aus gebaut – aus der Ferne, im Berliner Studio, mit Synthesizern, die sie nach eigener Aussage auf den Vesuv ausgerichtet haben.
La deutsche Vita. Vielleicht braucht man den Abstand, um eine Stadt so warm klingen zu lassen.
“Marechià” ist eine Hommage an Marechiaro, ein Fischerdorf im Golf von Neapel. Gesungen wird auf Neapolitanisch – und auf Französisch, von Célia Kameni, die dem Ganzen eine Leichtigkeit gibt, die sonst vielleicht nicht dagewesen wäre. Zwei Sprachen, die beide nicht Hochitalienisch sind, über einem Groove, der einfach nicht aufhören will.
Hör das, wenn: du mit nassen Haaren irgendwo sitzt und niemand mehr fragt, wann ihr eigentlich losfahrt.
L’attesa | Das Warten
Ornella Vanoni – L’appuntamento
Der Klassiker. Ornella Vanoni, 1934 in Mailand geboren, im November 2025 dort gestorben – fast siebzig Jahre Karriere, eine der großen Stimmen des Landes.
Und jetzt kommt der Teil, den ich erst bei der Recherche gelernt habe: Das Lied ist gar nicht italienisch. Das Original stammt von Roberto und Erasmo Carlos, heißt “Sentado à beira do caminho” und kommt aus Brasilien, 1969. Bruno Lauzi hat es ein Jahr später ins Italienische übertragen – und dabei etwas Verräterisches gemacht. Im Portugiesischen mischt der Wartende seine Tränen mit dem Regen. Im Italienischen wartet sie einfach weiter, egal bei welchem Wetter.
Aus Verzweiflung wurde Haltung. Ich finde, italienischer geht eine Übersetzung nicht.
Dass der Song heute wieder überall läuft, verdankt er übrigens Hollywood: Er lief in einem der Ocean’s-Filme. Manchmal muss erst jemand aus Los Angeles etwas ausgraben, damit Europa wieder hinhört.
Hör das, wenn: jemand zwanzig Minuten zu spät ist und du merkst, dass es dich gerade nicht stört.
La città | Das andere Italien
Napoli Centrale – ‘Ngazzate nire
Kurze Unterbrechung der Postkarte.
James Senese, 1945 in Neapel geboren, war der Sohn eines afroamerikanischen GIs und einer Neapolitanerin. 1975 gründete er mit dem Schlagzeuger Franco Del Prete die Band Napoli Centrale – benannt nach dem Hauptbahnhof – und erfand dabei so etwas wie den neapolitanischen Jazz-Rock: Bläser, Funk, Wut, Texte im Dialekt. Über Arbeit, über Armut, über eine Stadt im Umbruch. Ein sehr junger Pino Daniele hat in dieser Band mal Bass gespielt, bevor er selbst berühmt wurde.
Über sich sagte Senese einmal: “Io non sono nero, sono napoletano.” Ich bin nicht schwarz, ich bin Neapolitaner. In einem Halbsatz die halbe Geschichte des Landes.
Er ist im Oktober 2025 gestorben. Nu Genea, ein paar Absätze weiter oben, werden in Italien ganz selbstverständlich als seine Erben gehandelt – von hier führt eine direkte Linie zu dem ganzen sonnigen Zeug in dieser Playlist. Der Titeltrack seines Albums von 1994 ist rauer als alles andere hier. Gehört genau deshalb dazu.
Hör das, wenn: dir die dritte Sonnenuntergangsnummer in Folge zu süß wird.
La comitiva | Die Clique
Erlend Øye & La Comitiva – Matrimonio di Ruggiero
Mein persönlicher Favorit, und zwar nicht nur wegen der Musik.
Erlend Øye kennst du vielleicht von Kings of Convenience, diesem norwegischen Duo mit dem sehr, sehr leisen Folk. Anfang der 2010er ist er nach Siracusa auf Sizilien gezogen. Und dann einfach geblieben. Jahrelang hat er dort mit ein paar Einheimischen auf den Piazzas rumgespielt, ohne Verstärker, ohne Plan, einfach so. Irgendwann wurde daraus eine Band – unter anderem mit Marco Castello, der dir beim Durchhören der Playlist noch ein paarmal begegnen wird.
“Comitiva” ist ein leicht altmodisches Wort für die Clique, mit der man abends losziehen oder an den Strand fahren würde. Und exakt so klingt es: akustisch, warm, irgendwo zwischen Bossa Nova und italienischem Filmsoundtrack. Als säßest du mit am Tisch, ohne dass jemand großes Aufhebens macht.
Ein Norweger, der nicht Urlaub macht, sondern bleibt. Ich denke ehrlich gesagt öfter an diesen Song, als gut für mich ist. Meistens sonntagabends, mit der Wetter-App von Palermo offen.
Hör das, wenn: du am Ende eines Abends merkst, dass niemand aufbrechen will.
La leggerezza | Die Leichtigkeit
Colapesce Dimartino – Musica leggerissima
Zum Schluss der Song, der eigentlich die These dieser ganzen Ausgabe ist.
Colapesce und Dimartino sind zwei sizilianische Songwriter, die 2021 beim Sanremo-Festival antraten – dem größten Musikwettbewerb Italiens, den man vermutlich nur versteht, wenn man dort aufgewachsen ist. Sie wurden Vierte und hatten trotzdem den Song des Jahres.
Der Refrain bittet darum, ein bisschen leichte Musik anzumachen. Nein – leichteste. Gegen die ohrenbetäubende Stille. “Musica leggera” ist in Italien der ganz normale Begriff für Popmusik, wird aber gern mit hochgezogener Augenbraue benutzt. Die beiden drehen das um: Leichtigkeit ist kein Mangel an Tiefe. Sie ist das, was dich davon abhält, in das Loch zu fallen, das immer nur einen Schritt entfernt ist.
Ein Popsong über die Notwendigkeit von Popsongs. Selbstironisch, ohne albern zu werden. Ziemlich genau mein Ding.
Hör das, wenn: du dich dabei ertappst, deinen eigenen Musikgeschmack rechtfertigen zu wollen.
Der Rest der Playlist: neapolitanischer Disco-Funk, sizilianische Songwriter, ein paar Nummern von der Compilation-Reihe Napoli Segreta, mit der ein paar Leute (unter anderem die Hälfte von Nu Genea) seit Jahren vergessene Neapel-Platten der Siebziger und Achtziger ausgraben. Und ein, zwei Tracks, die ich selbst noch nicht ganz einsortieren kann.
Dreieinhalb Stunden Nichtstun sind ein guter Anfang.
Nächste Woche geht’s weiter: Italian Vintage Summer. Vierzig Tracks aus einer Zeit, in der die Sommer angeblich länger waren.
Falls dir gefällt, was du liest und hörst, freue ich mich wie immer über ein Abo, eine Weiterempfehlung oder ein paar nette Worte. TAoMF ist ein Herzensprojekt und Hobby. Es ist kostenlos für alle verfügbar. Wenn du meine Arbeit wertschätzt und mich unterstützen möchtest, kannst du mich gern auf einen Kaffee einladen.
In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
P.s. Eine kleine Bitte: Wenn du magst, empfehle diesen Newsletter doch einem deiner Lieblingsmenschen. Neue Musik ist schließlich nie verkehrt!




