Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioessay auf Spotify, Apple & YouTube.
»»» direkt zu den Soundpicks! «««
Ja, mich gibt es noch! Dich auch?
Hupsi! Da bin ich doch glatt ganz frech und freundlich länger in meiner Sommerpause geblieben als ursprünglich geplant. Sorry dafür! Aber nachdem das Sommerfestival auf Kampnagel die erste Hälfte eingenommen hat, so hat die zweite Hälfte der Pause persönliche Erholung und eine Rücksackreise durch Sizilien eingenommen. Zwei Wochen Feierabend sozusagen.
Nun bin ich zurück im Hamburger Frühherbst, voller neuer musikalischer und inhaltlicher Inspirationen. Aber ich will auch nicht zu schnell wieder all die Erholung des Urlaubs durch selbstgemachten Stress verfliegen lassen. Deshalb starten wir erst einmal wieder genüsslich in einen Soundletter der fast ganz wie gewohnt daher kommt. Diesmal mit einer sehr diversen Auswahl von musikalischen Häppchen, die einen roten Faden vollkommendst vermissen lassen.
Doch bevor es nun mit den Soundpicks losgeht, wie immer hier ein Soundflip:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Manchmal bleiben nur Bruchstücke eines Songs in unserem Kopf, manchmal sind es nur kleine Parts, die ich mit besonderen Momenten, Erinnerungen oder Erlebnissen verknüpft habe. Andere Teile dagegen nehmen wir vielleicht nie wirklich wahr.
Randgebiete
Wo genau beginnt der Song für dich wirklich – und wo hört er auf? Nicht technisch, sondern gefühlt.
Fängt er mit dem ersten Ton an oder schon mit der Stille davor? Oder erst mit dem Refrain oder einem bestimmten Solo? Oder ist es vielleicht nur ein kleiner Teil der Melodie, die bei dir wirklich tief geht?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jeder Feierabend ist einzigartig. Alle Feierabende sind wunderbar! Dies ist mein Versuch, dieses Spektrum durch musikalische Hinter- oder Vordergrundbeschallung zu supporten.
Diese Woche wie immer: fünf Tracks & ein Album.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Say She She – Silver
Auf den Namen dieser Band bin ich gestoßen, weil die Konzertdirektion Palme sie nach Hamburg geholt hatte. Das Konzert habe ich verpasst. Dann lief mir der Name kürzlich wieder über den Weg, und diesmal habe ich mir das Album tatsächlich komplett vorgenommen. Benissimo.
Say She She aus Brooklyn nennen ihre Sache discodelic soul: Disco und Soul, aber live auf Band gespielt statt am Rechner zusammengesetzt. Piya Malik, Sabrina Mileo Cunningham und Nya Gazelle Brown singen dreistimmig, im Rücken Musiker der Funkband Orgone, deren Gitarrist Sergio Rios auch produziert hat.
Silber ist laut Band das Metall des Selbstvertrauens. Erste Albumhälfte Tanzfläche, zweite Hälfte ernster: „Norma” ist eine direkte Reaktion auf die Kippung des US-Abtreibungsrechts, „Echo in the Chamber” handelt vom Waffenrecht. Meine Highlights sind trotzdem die Banger: „C’est Si Bon” und „Forget Me Not”.
Hör das, wenn: Du einen ganzen Abend hast, an dem niemand etwas von dir will — und Lust auf eine Platte, die vorne tanzt und hinten mit dir redet.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Chinese American Bear – I Wanna Go Home
Zweisprachiger Indie-Pop, halb Mandarin, halb Englisch, mit Hooks, die sofort sitzen. Chinese American Bear sind ein Ehepaar aus Seattle: Lingbo Anne Tong singt und spielt Keyboards, Bryce Barsten Gitarre und produziert. Angefangen hat das als Spaßprojekt in den ersten Corona-Monaten, aufgenommen wird bis heute im eigenen Homestudio — inzwischen erscheint es beim Londoner Label Moshi Moshi.
Der Song ist inhaltlich deutlich vielschichtiger, als der Titel vermuten lässt. Tong hat erklärt, dass Zuhause für sie überall dort ist, wo ihr Mann und ihre Familie sind. Kein Ort auf der Karte, sondern ein Zustand.
Bei mir ist er trotzdem ziemlich wörtlich gelandet. Nach zwei Wochen allein in Sizilien war da plötzlich dieses kleine, unspektakuläre Ziehen Richtung Hamburg. Nicht dramatisch. Nur deutlich.
Hör das, wenn: Du den Schlüssel ins Schloss steckst und merkst, dass du den ganzen Heimweg gedanklich noch woanders warst.
Für das Innehalten | Deep listening & Meditation
Girls in Airports – Sunshine on Fish Skin
Zurücklehnen. Durchatmen. Das hier ist Jazz, aber nicht der mit den langen Soli — Girls in Airports aus Kopenhagen machen seit 2009 Musik, die eher nach Ambient klingt: Stimmungen statt Auftritte. Gegründet hat die Band der Saxofonist Martin Stender.
Instrumental, im Kern eine kleine Keyboardfigur, die sich immer wiederholt. Darüber fallen hohe Töne herab, darunter seufzt ein weiches Saxofon. Ein Kritiker hat das mal so beschrieben: die Tastenfigur wie schlagende Flossen, die hohen Töne wie das Schillern auf der Haut eines vorbeiziehenden Fisches.
Womit wir beim Grund wären, warum mir dieser Titel ausgerechnet auf den Fischmärkten von Palermo und Catania einfiel. Nicht, weil es dort ruhig oder meditativ zuging — das absolute Gegenteil war der Fall. Sondern weil ich beim Anblick der frischen Fänge, auf Eis liegend bei über dreißig Grad, dringend etwas brauchte, um meinen Magen zu beruhigen.
Hör das, wenn: Du nach einem lauten Tag merkst, dass dir jedes weitere Wort zu viel ist — auch gesungene.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Kruger Brothers – Up 18 North
Danke an ByteFM für diesen unerwarteten Fund: nordamerikanischer Bluegrass, gespielt von zwei Brüdern aus der Schweiz und einem New Yorker. Jens Kruger am Banjo, Uwe Kruger an der Gitarre, Joel Landsberg am Bass. Irgendwann sind sie aus der Schweiz nach Wilkesboro in North Carolina gezogen, mitten hinein in die Musik, die sie vorher nur von Platten kannten.
„Up 18 North” ist ein Instrumental und der Titeltrack ihres Albums von 2002, erschienen bei Double Time Music. Es gilt als die Aufnahme, mit der das Trio seinen eigenen Ton gefunden hat: keine Traditionals mehr, sondern eigene Stücke. Das Banjo führt die Melodie, Gitarre und Bass bleiben dicht dran.
Das Überraschende daran: Banjo klingt hier nicht nach Hüpfen und Klatschen, sondern erstaunlich freundlich und ruhig. Der Folkmusiker Happy Traum hat Jens Kruger einen der weltweit versiertesten Spieler seines Instruments genannt.
Hör das, wenn: Du dir ziemlich sicher bist, dass Bluegrass nichts für dich ist.
Für eine Zeitreise | Vintage Vibes
Franco Battiato – Cuccurucucù
In einem winzigen Laden für Kunstdrucke, irgendwo in einer schmalen Gasse in Palermo, lief dieser Song. Der Verkäufer und die einzige Kundin groovten still vor sich hin. Ich habe mich eingereiht, kurz Shazam gezückt und den Track an dem Tag noch ein gutes Dutzend Mal gehört.
Franco Battiato, 1981, italienischer Pop irgendwo zwischen New Wave und Schlager — und vollgestopft mit fremden Sätzen. Der Refrain zitiert „Cucurrucucú Paloma”, einen mexikanischen Klassiker von Tomás Méndez. Dazwischen Zeilen aus italienischen Schlagern, eine Anspielung auf den Anfang der Ilias, ein Bild von afghanischen Flüchtlingen an der iranischen Grenze. Am Schluss laufen Beatles-, Stones- und Dylan-Titel durch wie eine Playlist im Kopf.
Klingt nach Kopfarbeit, fühlt sich an wie ein Fest. Die hohen, fast überirdischen Stimmen im Refrain singt Giuni Russo.
Hör das, wenn: Dein Kopf heute nichts verstehen muss, sondern nur mitwippen.
Für den Flow | Global Groove
The Düsseldorf Düsterboys – Sommer
Beim Durchscrollen des Newsletters der MS Stubnitz hängengeblieben, weil da tatsächlich mal eine Band stand, deren Namen ich kannte. (Passiert selten — das Programm dort ist so wunderbar nischig, dass man eher unentdeckte Perlen findet.) The Düsseldorf Düsterboys hatte ich irgendwann bei ByteFM aufgeschnappt, aber nie ernsthaft gehört. Im Urlaub war dann endlich die richtige Stimmung für deutsche Musik.
Das Ergebnis: heller, klimpernder Indie-Pop — die Band kommt übrigens aus Essen, nicht aus Düsseldorf. Kern sind Peter Rubel und Pedro Goncalves Crescenti, erschienen 2023 beim Berliner Label Staatsakt. Die taz setzte den Song unter die besten des Jahres.
„Wir fahren in den Sommer” klingt nach Freiheit, aber die Blumen, die besungen werden, existieren nicht, und die Tauben sind aus Ton.
Am 17.12. zu sehen und hören auf der MS Stubnitz.
Hör das, wenn: Auf deinem Schreibtisch noch drei Dinge liegen und du sie tatsächlich wegkriegen willst, ohne dich dabei zu hassen.
Denk ich an Feierabend, denk ich an …
Eine kleine Momentaufnahme, eine kleine Meditation über Feierabend, wie er sein könnte, sollte oder sein müsste.
Denk ich an Feierabend, denk ich an absolute Stille.
Durchbrochen nur vom Wind, der leise durch Büsche und Bäume zieht. Nur vom Summen der Insekten zwischen Laub und Nadeln auf dem Boden. Nur vom Piepsen kleiner Vögel, die in einiger Entfernung ihre Weisheiten des Lebens untereinander teilen.
Und nur von meinem womöglich stressbedingten Tinnitus, der so lieblich in meinen Ohren pfeift.
Und bei dir? Was taucht auf, wenn du das Wort einfach mal stehen lässt? Antworte mir — die schönsten Momentaufnahmen kommen in eine der nächsten Ausgaben.
Falls dir gefällt, was du liest und hörst, freue ich mich wie immer über ein Abo, eine Weiterempfehlung oder ein paar nette Worte. TAoMF ist ein Herzensprojekt und Hobby. Es ist kostenlos für alle verfügbar. Wenn du meine Arbeit wertschätzt und mich unterstützen möchtest, kannst du mich gern auf einen Kaffee einladen.
In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
P.s. Eine kleine Bitte: Wenn du magst, empfehle diesen Newsletter doch einem deiner Lieblingsmenschen. Neue Musik ist schließlich nie verkehrt!




