Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioessay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Errare Humanun Est - Irren ist menschlich!
Und auch wenn es mich selbst oft tierisch nervt, wenn ich erkennen muss, dass ich mich mal wieder geirrt habe, so ist diese „unperfekt sein“ doch auch irgendwie ne gute Sache. Weil man (im besten Fall zumindest) auf Fehlern lernt und darauf wächst. Und weil es das Leben doch erst spannend, unvorhersehbar und natürlich macht.
Ein Teil davon scheinen wir jedoch gerade mit dem dauerhaften Einsatz von KI Wegzugmanipulieren wollen. Alles schön glatt und perfekt, so scheint es.
Dazu eine gruselige Zahl: wo es vor einem Jahr noch rund 10.000 Tracks waren, die auf bei Streamingplatzformen hochgeladen wurden, so sind es mittlerweile rund 90.000 - pro Tag! Der Anteil KI-generierter Tracks hat derweil davon die überhand übernommen.
Ein Grund mehr für mich dich auf Musik hinzuweisen, die bewusst roh, unverfälscht und vielleicht auch mit der ein oder anderen Ecke oder Kante daher kommt. Denn, so wie ich finde, fehlt bei vielen KI-Stuff einfach die menschliche Seele. Und irgendwie spürt man das.
Vielleicht auch deshalb diese Woche ein Soundletter mit einer gehörigen Portion „Soul“. Viel Spaß damit!
Doch bevor es nun mit den Soundpicks losgeht, wie immer hier ein Soundflip:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Mal wieder ne kleine Kreativübung, um sich einem Song auf eine intensivere Weise zu nähern und mit ihm auseinanderzusetzten:
Ein neuer Name
Vergiss den echten Titel. Gib dem Song einen neuen Namen – aber er darf nur aus drei Wörtern bestehen. Welche drei Wörter fangen ein, was der Song für dich wirklich ist?
Versuchs doch mal bei einem der nun unten folgenden Songs. Welche drei Wörter kommen dir in den Sinn? Und was sagen diese Wörter über dein Herangehen aus und welche Assoziationsketten decken sie auf?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jeder Feierabend ist einzigartig. Alle Feierabende sind wunderbar!
Dies ist mein Versuch, dieses Spektrum durch musikalische Hinter- oder Vordergrundbeschallung zu supporten.
Diese Woche wie immer: fünf Tracks & ein Album.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Web Web × Max Herre – WEB MAX
Vor zwei, drei Jahren spülte mir der Algorithmus einen Track namens Satori Ways in die Ohren. Harfe, dunkle Flöte, frühe Siebziger. Ich tippte auf eine vergessene Platte irgendwo zwischen Alice Coltrane und Dorothy Ashby. Dann der Blick aufs Handy: Max Herre. Bitte was?
Seitdem lande ich immer wieder bei diesem Album. Spiritual Jazz – also jene Spielart des Jazz, die mit Harfen, Flöten und kreisenden Figuren eher nach innen horcht als nach vorne prescht. Die Band Web Web wollte sich anfangs sogar als wiederentdeckte Siebzigerjahre-Combo ausgeben. Herre rappt hier nicht. Er sitzt am Wurlitzer, einem alten E-Piano, und wiederholt ein paar Akkorde wie ein Hip-Hop-Sample. Drumherum entsteht, was diese Platte ausmacht: Nähe, spontane Reaktion, kontrollierte Unsauberkeit.
Web Web, das sind Roberto Di Gioia, Tony Lakatos, Christian Von Kaphengst und Peter Gall. Dazu kommen Gäste wie Mulatu Astatke, Begründer des Ethio-Jazz, am Vibraphon und Harfenistin Brandee Younger, in deren Spiel sogar der offizielle Begleittext Coltrane und Ashby hört. (Meine Ohren funktionieren also noch.)
Mein zweiter Liebling, Thesa-Mbawula, trägt den Fußballer-Spitznamen von Herres südafrikanischem Schwiegervater, dem Vater von Joy Denalane.
Hör das, wenn: du dem Algorithmus mal dankbar bist, das Handy trotzdem in die Schublade legst und die Platte einmal ohne Skippen von vorne bis hinten laufen lässt.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Owelu Dreamhouse – Kellen
Hier verschmilzt so einiges. Instrumentaler Afro-Soul mit präziser Perkussion, weiten Streichern, Funkgitarre und einer Trompete, die irgendwann einfach das Wort ergreift. Mich erinnert das an eine Mischung aus Menahan Street Band, Budos Band und El Michels Affair – Bands, die heute Soul und Funk aufnehmen, als wäre gerade 1972.
Kellen eröffnet das im Februar erschienene Debütalbum von Owelu Dreamhouse, dem Duo aus Sängerin Nkechi Anele und Arrangeur Nic Ryan-Glenie. Der Bandname geht auf Owaelu zurück, das Dorf von Aneles Großmutter in Nigeria. Aufgenommen wurde in einem Farmhaus auf dem Land: acht Musikerinnen und Musiker, die dort ein Wochenende lang gemeinsam lebten, kochten und live spielten. Kein Computer im Raum, nie mehr als drei Takes pro Stück.
Wer oder was Kellen ist, verrät übrigens niemand. Fest steht: Der Opener kommt ganz ohne Gesang aus, stellt erst mal die komplette Band vor und hängt die Messlatte so hoch, dass man sich auf die Zehenspitzen stellen muss, um da nochmal ranzukommen.
Hör das, wenn: du nach Feierabend für deine Leute kochst, die erste Zwiebel schneidest und merkst, wie der Arbeitstag mit jedem Trompetenstoß ein Stück weiter wegrückt.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
Poeji – Cathedral
Zurücklehnen. Durchatmen. Und dann ganz genau hinhören, denn viel passiert hier nicht. Reduzierter Jazz mit viel Hall, entstanden laut Schlagzeuger Simon Popp frühmorgens im Studio, als Improvisation, der Kopf noch klar. Popp hält sich am Schlagzeug fast komplett zurück und überlässt einer Steel Tongue Drum das Feld: einem Metallkörper mit gestimmten Zungen, deren Töne ewig nachschwingen. Darüber schwebt, wie aus einem anderen Raum, die Stimme der mongolischen Sängerin Enji. Beide spielten live im selben Zimmer. Enji beschreibt das Stück als Gespräch mit der eigenen inneren Kathedrale. Schönes Bild. Hört man auch.
Auf Poeji bin ich vor ein paar Tagen per Zufall gestoßen. Nur um festzustellen, dass ich die beiden längst kenne. Enji verfolge ich, seit sie beim Futur 2 Festival bei uns gespielt hat. Und 2023 standen sie und Popp in München gemeinsam mit dem Lichtkunst-Kollektiv Lichtgestalten auf der Bühne – das seine Anfänge auf Partys hatte, die ich damals in Marburg mitveranstaltet habe. Der Kumpel, der den Kontakt hergestellt hat, war gerade erst zu Besuch. Small world.
Poeji übigens am 6.10. im Hamburger Aalhaus zu hören.
Hör das, wenn: der Tag zu laut war, du dich mit Kopfhörern aufs Sofa legst und nur noch hören willst, wie lange ein einzelner Ton braucht, um zu verschwinden.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Lucas Santtana – Errare Humanum Est
Eigentlich ist das Original von Jorge Ben Jor – brasilianischer Samba-Rock von 1974 – schon ziemlich perfekt. Auf A Tábua de Esmeralda, einem Album voller Alchemie und Mystik, sang er über Götter, die vielleicht Astronauten waren, und über ein kosmisches Erbe der Menschheit. Erich von Däniken lässt grüßen. Der lateinische Titel bremst das Ganze augenzwinkernd aus: Irren ist menschlich. Der Mensch als neugieriges, fehlbares Wesen, kühn und klein zugleich.
Lucas Santtana aus Salvador da Bahia holt den Song 2023 auf sein Album O Paraíso. Das entstand während der Pandemie und kreist um eine schlichte Idee: Das Paradies ist schon hier, auf der Erde, und muss geschützt werden. Im Arrangement von Laurent Bardainne wird aus dem federnden Original eine schwebende Mischung aus brasilianischen Rhythmen, Jazz und Elektronik. Gleicher Text, anderer Himmel. Eine brasilianische Rezension denkt dabei an Milliardäre, die privat ins All fliegen. Plötzlich klingt „Irren ist menschlich” weniger nach Ausrede und mehr nach Aufforderung zur Kurskorrektur.
Für mich legt diese Version Schichten frei, die schon immer in dem Klassiker steckten – und zeigt ziemlich elegant, wie zeitlos er ist.
Hör das, wenn: du nachts auf dem Balkon nach Sternen suchst und stattdessen nur das Blinken eines Flugzeugs findest.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Aged In Harmony – You’re a Melody
Gute-Laune-Disco-Soul aus Detroit. Lebensbejahend, groovy, wundervoll. Mehr muss ich eigentlich nicht sagen. (Mach ich aber trotzdem.)
Aged In Harmony veröffentlichten Ende der Siebziger genau drei selbst finanzierte Singles, alle geschrieben, arrangiert und produziert von Arnold Moore. Danach verschwand die Gruppe in der Versenkung. You’re a Melody ist Modern Soul der schon mit einem Bein auf der Disco-Tanzfläche steht: federnder Puls, warme Streicher und eine Liebeserklärung, die das Gegenüber kurzerhand zur Melodie im eigenen Kopf macht.
Gerettet haben den Song Plattensammler und DJs. Jahrzehnte später benannte Floating Points seine Partyreihe nach ihm, die von London über New York bis Berlin Tanzflächen füllte. Daraus entstand das Label Melodies International, das die Aged-In-Harmony-Single 2016 gemeinsam mit Moore remastert neu herausbrachte. Ein vergessener Song tauft eine Party, die Party bringt ein Label hervor. Schönere zweite Karrieren gibt’s selten.
Hör das, wenn: jemand, den du magst, gerade zur Tür reinkommt und du spontan beschließt, dass euer Flur ab sofort eine Tanzfläche ist.
Für den Flow | Global Groove
Steve Monite – Only You
Zugegeben: ganz schön Retro-Disco hier. Aber was für eine Nummer! Beim ersten Hören war ich schockverliebt, seitdem läuft Only You bei mir phasenweise auf Dauerschleife, während ich genüsslich groovend durch die Stadt gleite. Dieser Groove geht einfach ins Mark.
Nigerianischer Boogie, also Funk und Disco mit viel Synthesizer, made in Lagos. Steve Monite aus Benin City nahm den Song 1984 als Titeltrack seines einzigen Albums in den EMI-Studios in Lagos auf. Dort stand ein Moog-Synthesizer bereit – und Keyboarder Nkono Teles, der in New York die Synthesizer-Disco jener Jahre erlebt hatte und genau diesen Sound nach Nigeria holen wollte. Monite nennt ihn den Visionär hinter dem Song.
Damals verpuffte das Album fast ohne Echo, Nigeria steckte in der Krise. Erst Jahrzehnte später gruben Sammler und DJs den Track wieder aus. Monite erfuhr von Verwandten in England, dass er plötzlich im Netz gefeiert wird – sein Song sei quasi vom Friedhof auferstanden. 2018 nahmen sich Theophilus London und Tame Impala die Nummer vor. Fast ein Eins-zu-eins-Cover, aber trotzdem hörenswert.
Hör das, wenn: du mit Kopfhörern durch die Stadt läufst, an der Ampel im Takt mitwippst und dir herzlich egal ist, wer dabei zuguckt.
Denk ich an Feierabend, denk ich an …
Eine kleine Momentaufnahme, eine kleine Meditation über einen Feierabend, wie er sein könnte, sollte oder sein müsste.
Denke ich an Feierabend, denke ich an …
einen wuselnden Haufen Menschen, die sich nach ihrem Tagewerk an einem lauen Sommerabend treffen, jenseits von Beruf, Alter, Herkunft oder sonstigen mutmaßlichen Unterschieden.
Die sich des Lebens erfreuen, einander von den großen Momenten und kleinen Freuden des Tages erzählen, Ängste und Sorgen teilen und sich gegenseitig stützen.
Die essen, trinken, Musik genießen, laut lachen, tanzen – und vollkommen im Hier und Jetzt verschwinden.
Palermo, 12.09.26
Und bei dir? Was taucht auf, wenn du das Wort einfach mal stehen lässt? Antworte mir — die schönsten Momentaufnahmen kommen in eine der nächsten Ausgaben.
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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Ha, Nummer vier gefällt mir.
Ich mag deine kurzen Einführungen, weil sie auch für Laien verständlich sind und Neugier aufs Reinhören wecken.