Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioessay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Urbane Landmusik
Nachdem ich in den letzten zwei Ausgaben jeweils musikalisch auf das Banjo referenziert habe, nun die logische Schlussfolgerung dieser Triologie in dieser Woche: ein Protestsong einer queeren Country-Band aus Oakland.
In meinem Urlaub bin ich über diesen tollen Artikel von Bandcamp über die „queere Country Revolution“ gestoßen. Eigentlich war ich eher abgeneigt, weil Country so weit weg von meinen sonstigen musikalischen Ausflügen ist. Die einzigen kleinen Country-Happen hab ich über “Urban Landmusik” vernommen, wenngleich bislang ohne großen “Wow!”-Moment. Aber dennoch bin ich neugierig geworden.
Nicht alles davon ging mir leicht ins Ohr. Eher im Gegenteil. Aber auch das hatte dennoch seinen gewissen Reiz. Denn muss Kunst immer gleich wohltuend sein? Super eingängig sein? Uns schmeicheln? Oder darf es auch mal herausfordern.
Ich tippe jede/r Freund/in von zeitgenössischer Kunst wird mir zustimmen, dass Kunst unbedingt und unumstößlich provozieren, unbequem und anstrengend sein kann, soll oder gar sein muss.
Ich glaube durch algorithmische Empfehlungen, die immer wieder „in dieselbe Kerbe“ unseres Geschmacks treffen, geht uns die Fähigkeit, vielleicht auch die Ausdauer und der Mut verloren, uns auch mal auf etwas außerhalb des bereits bekannten einzulassen. Was Schade ist. Schließlich wissen wir doch eigentlich, dass wir unseren Horizont nur so erweitern können.
Klar, nicht immer und überall. Aber gelegentlich mal die routinierten, traditionellen Pfade verlassen macht Spaß und man findet dabei stets Dinge, mit denen man nicht gerechnet hätte.
Aber keine Angst. Es gibt nicht nur Country diese Woche. Und dennoch ist es schon eher folkig in dieser Woche. Ohne dass ich es eigentlich so vorhatte.
Doch bevor es nun mit den Soundpicks weitergeht, wie immer hier ein Soundflip:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Diesmal eine kleine kulinarische Reise für das Hirn. Ausgehend von dem Glauben, dass man einem Song durchaus eine Farbe zuordnen kann, nun die Weiterentwicklung in die Welt der Kräuter und Gewürze:
Wenn dieser Song ein Gewürz wäre – welches wäre es?
Es gibt ja bekanntlich 5 große Geschmacksrichtungen: süß, sauer, bitter und salzig und umami. Und wie bei einem guten Rezept, wo verschiedene Zutaten und Gewürze durch ihr Zusammenspiel eine Geschmacksexplosion auslösen können, so lässt sich das doch vortrefflich auch auf Musik übertragen.
Welche Gewürze nehmen hier in einem Song die verschiedenen Aufgaben ein um alles zu einer stimmigen Gesamtkomposition zu vereinen?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.

Soundpicks der Woche
Jeder Feierabend ist einzigartig. Alle Feierabende sind wunderbar!
Dies ist mein Versuch, dieses Spektrum durch musikalische Hinter- oder Vordergrundbeschallung zu supporten.
Diese Woche wie immer: fünf Tracks & ein Album.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Surprise Chef – All News Is Good News
Mal ehrlich: Wann hast du zuletzt eine Schlagzeile gelesen und gedacht, das sind ja gute Nachrichten? Eben. Surprise Chef aus Melbourne haben ihr Debütalbum trotzdem All News Is Good News getauft, und ironisch ist das nicht gemeint. Laut Pressetext steckt dahinter die Beobachtung, dass jede Erfahrung, auch die miese, uns ein Stück besser verstehen lässt, wer wir sind und wie die Welt tickt.
Zu hören gibt’s instrumentalen Soul-Grooves mit Filmmusik-Flair. Da sind Rhodes-Piano (ein elektrisches Klavier mit warmem, leicht glockigem Ton), Gitarre, Flöte, Saxofone und Vibrafon, gesungen wird kein einziges Wort. Aufgenommen hat die Band das Ganze im Obergeschoss ihres gemieteten WG-Hauses, und zwar live auf Band. Das heißt: alle gleichzeitig im Raum, ohne Schnipsel-Puzzle am Rechner. Eingespielt, gemischt und gemastert von Freunden, wie Gitarrist Lachlan Stuckey betont. Man hört das. Nichts daran ist poliert, und trotzdem sitzt alles.
Eine perfekte Platte für den deutschen Herbst, der ja dann doch manchmal grauer, feuchter und ungemütlicher ist als man ihn gern hätte. Denn zwischen seichter Melancholie mischt sich ein derber Groove, der einen Antreibt weiterzumachen.
Hör das, wenn: du nach dem dritten Nachrichten-Push des Tages das Handy in die Schublade legst und die Stille dann doch ein bisschen zu laut wird.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
SupaLung – Little Light
Der Name ist geliehen: Als „Superlungs“ war der englische Rocksänger Terry Reid bekannt, und SupaLung verneigt sich genau davor. Dahinter stecken zwei Bristoler, Songwriter Sam Brookes und der Multiinstrumentalist und Produzent Pete Josef. Eigentlich sollte hier Brookes’ viertes Soloalbum entstehen. Dann klang plötzlich alles anders, und aus dem Soloprojekt wurde eine Band.
Little Light war einer der ersten Songs dieser Suche und offenbar einer der störrischsten. Ungefähr dreimal haben die beiden ihn aufgenommen. Sie spielten stundenlang Gitarren ein, warfen alles wieder raus, machten Klavier-Takes ohne Ende und holten am Schluss die Gitarren doch zurück. Josef wollte Brookes’ Lieder bewusst nicht in den warmen, gemütlichen Folk-Sound packen, der sich angeboten hätte. Rausgekommen ist Indie-Pop mit Folk-Herz und einer Stimme, die erstaunlich weit nach oben reicht.
Im Text wartet morgens schon ein Gefühl, das sich nicht abschütteln lässt. Es geht um zu viele unruhige Nächte und den Wunsch, einfach nach Hause gebracht zu werden. Der Refrain hält ein kleines Licht dagegen.
Hör das, wenn: du in der Bahn den Kopf an die Scheibe lehnst und merkst, dass du heute eigentlich nur noch heim willst.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
Allison de Groot & Rich Ruth – Nervion
Ja, schon wieder ein Banjo. Ich kann’s auch nicht erklären. Diesmal allerdings eins, das du so wahrscheinlich noch nicht gehört hast.
Allison de Groot aus Winnipeg spielt Clawhammer-Banjo, eine traditionelle, rhythmisch schlagende Spielweise. Am Berklee College of Music war sie die Erste, die damit als Hauptinstrument studiert hat. Rich Ruth aus Nashville baut sonst Klangflächen irgendwo zwischen Ambient und Spiritual Jazz. Eigentlich sollte er nur ihr Soloalbum produzieren. Nach rund einem Jahr in seinem Studio war daraus ein gemeinsames Werk geworden.
Nervion eröffnet dieses Album. Das Banjo dreht seine Figur in Schleifen, durch ein Echo geschickt, und wird so zum Herzschlag des Stücks. Darum legen sich Synthesizer, Geige, Vibrafon, verzerrte Gitarre und Pedal Steel. Das ist die liegende Gitarre, die mit einem Metallstab gespielt wird und für das typische Country-Seufzen sorgt. Ruth nannte das Projekt mal „Appalachian Terry Riley“. Riley ist ein Pionier der Minimal Music, die von sich wiederholenden Mustern lebt. Passt.
Hör das, wenn: du dich mit einem Tee ans Fenster setzt und zusehen willst, wie draußen nacheinander die Straßenlaternen angehen.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Squeakie feat. Mya Byrne – We’re America Too
Hier ist er also, der Song, um den sich diese Ausgabe dreht.
Squeakie sind eine queere Countryband aus der East Bay rund um Oakland, mit Wurzeln in Texas und Indiana. Ihre Lieder handeln vom queeren Aufwachsen in amerikanischen Kleinstädten. Für We’re America Too haben sie sich Mya Byrne dazugeholt, die den Song mitgeschrieben hat und Gitarre spielt. Byrne spielte früher Bass bei Lavender Country. Mit deren offen schwulem Countryalbum von 1973 lässt Bandcamp die Ahnenreihe des Queer Country beginnen.
Klanglich gibt’s Fiddle, Pedal Steel und Mundharmonika, also alles, was man von Country erwartet. Der Text dagegen zerlegt das Zweiparteiensystem und den amerikanischen Traum gleich mit. Am Ende steht trotzdem kein Wutausbruch. Da steht eine lange Tafel, an der Queers, Weirdos, Farmer und Freaks gemeinsam satt werden. Byrne sagt dazu sinngemäß, ein Song müsse nicht die Tore stürmen, um politisch zu sein.
Falls Country für dich bisher so weit weg war wie für mich: Genau dafür gibt’s diese Kategorie.
Hör das, wenn: du beim nächsten Abendessen mit Freunden noch einen Stuhl dazustellst, für jemanden, den sonst keiner eingeladen hätte.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Graham Nash – Better Days
Klingt wie ein Trostlied an einen Freund, dem gerade die Liebe davongelaufen ist. Ist es auch. Nur macht genau das Better Days so herrlich fies: Der Freund ist Stephen Stills, Nashs Bandkollege bei Crosby, Stills & Nash. Die Frau, um die es geht, zieht auch nicht einfach irgendwohin weiter. Sie zieht zu Graham Nash.
Nash hat das später selbst erzählt. Beide hatten sich in Rita Coolidge verguckt, erst landete sie bei Stills, dann bei Nash. Die tröstenden Zeilen seien ganz bewusst auch eine Spitze gegen Stills gewesen. Das Beste daran: Coolidge singt auf der Aufnahme im Hintergrund mit. Am Klavier sitzt unter dem Decknamen Joe Yankee niemand anderes als Neil Young. Ein Solo auf der Bassklarinette gibt dem Folk-Rock-Song dazu eine dunkle, fast samtige Farbe.
Erschienen ist das Ganze 1971 auf Nashs erstem Soloalbum Songs for Beginners. Es entstand teilweise in Wally Heiders Studio in San Francisco. Im selben Gebäude, den heutigen Hyde Street Studios, haben Squeakie 54 Jahre später ihren Protestsong aufgenommen. Zufall? Wahrscheinlich. Schön ist es trotzdem.
Hör das, wenn: du einem Freund nach seiner Trennung schreiben willst und beim dritten Entwurf merkst, wie viel von dir selbst in deinem Trost steckt.
Für den Flow | Global Groove
Mungo’s Hi Fi feat. Marina P – Divorce à l’italienne
Geständnis: Ska war mal meine ganz große Liebe. Lang ist’s her. Dieser Song hat jahrelang in irgendeiner Playlist geschlummert, bis der Shuffle ihn mir neulich wieder zugespielt hat. Seitdem habe ich große Lust, die alten Ska-Platten wieder rauszukramen. (Die Nachbarn wissen noch nichts davon.)
Mungo’s Hi Fi sind ein Soundsystem aus Glasgow, also ein Kollektiv mit selbstgebauter Boxenanlage, eigenen Partys und eigenem Label. 2005 bauten sie den Belly Ska-Riddim. Das ist ein Instrumental, das nach jamaikanischer Tradition gleich von mehreren Stimmen besungen wird. Eine davon gehört Marina P, einer Italienerin, die in der Pariser Reggae- und Dub-Szene gelandet war. Ihre Version erschien 2007 und wurde ihr Durchbruch.
Ska heißt hier: Die Akkorde hüpfen auf den Zwischenschlag, echte Bläser schmettern, der Bass drückt. Darüber singt Marina P sehr gelassen von einem Ex, der ihr herzlich egal geworden ist, mit kleinen gesprochenen Einschüben auf Italienisch. Eine Trennung klang selten so tanzbar.
Hör das, wenn: du am Sonntagabend die Wohnung aufräumst und irgendwann merkst, dass du dabei längst tanzt.
Denk ich an Feierabend, denk ich an …
Eine kleine Momentaufnahme, eine kleine Meditation über einen Feierabend, wie er sein könnte, sollte oder sein müsste.
Denke ich an Feierabend, denke ich an …
… heute vielleicht doch nicht mehr rauszugehen. Lieber die Jogger überstreifen, die Heizung aufdrehen, was Leckeres zu trinken und ein paar Snacks zusammensammeln und mich mit Decke aufs Sofa vor den Fernseher fallen lassen.
Und dann denke ich: Fuck it! Let’s go!
Und habe dann einen wundervollen Abend mit meinen Lieblingsmenschen.
Hamburg, 08.10.2026
Und bei dir? Was taucht auf, wenn du das Wort einfach mal stehen lässt? Antworte mir — die schönsten Momentaufnahmen kommen in eine der nächsten Ausgaben.
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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