Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioessay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Autumn Jazz
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich blicke gerade aus dem Fenster und bin vollends verzückt von der herbstlichen Laubfärbung dieser Tage. Diese Farbenpracht zwischen grün, braun, gelb bis hin ins tiefe rot ist doch jedes Jahr wieder eine Augenweide.
Um ebendieses herbstliche Naturschauspiel in voller Gänze zu genießen, war ich letzte Woche im Harz für ein zwei kleine Wanderungen. Und schon während der Fahrt dahin merkte ich, dass ich gerade einen Hang zu so einer gewissen Spielart des Jazz entwickelte, die in meinen Ohren diese wunderbare Herbststimmung mit ihrem Licht perfekt hervorhebt.


Deshalb nun in diesem Soundletter nun eine Auswahl an, wie ich finde, perfekt in den Herbst passenden Tracks. Ob es nun sonnendurchflutete Momente in der Natur oder die gemütlichen auf der Couch sind, bei denen man das ungemütliche Wetter draußen aus sicherer Entfernung beobachtet.
Doch bevor es nun mit den Soundpicks weitergeht, wie immer hier ein Soundflip:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Ich behaupte nun zwar, dass die kommende Musikauswahl für mich nach Hebrst klingt, aber jetzt frage ich mich: woran liegt das eigentlich? Was genau führt dazu, dass Matthew Halsall`s “Samatha” so wunderbar meinen Herbstmood supportet?
Musik für den Moment
Was genau ist es, dass dieser Song so passend für genau diesen Moment macht?
Und wie so oft, öffnen sich bei dieser Frage gleich verschiedenste Türen: denn je nachdem welcher Song gerade in unserem Ohr klingt, gibt es aberdutzende Möglichkeiten, wie ein Song sich mit unserer Wahrnehmung verknüpfen, die unterstreichen oder Herausfordern kann. Ob nun konkrete Erinnerungen und Bilder hervorgerufen werden oder nur so eine „gewisse Stimmung“ in uns hervorgerufen wird.
Ich bin mir sicher, da gibt es sicherlich eine Menge wissenschaftlicher Abhandlungen zu. Hast du Gedanken und Input dazu? Denn immer her damit!
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.

Soundpicks der Woche
Jeder Feierabend ist einzigartig. Alle Feierabende sind wunderbar!
Dies ist mein Versuch, dieses Spektrum durch musikalische Hinter- oder Vordergrundbeschallung zu supporten.
Diese Woche wie immer: fünf Tracks & ein Album.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Matthew Halsall – On The Go (Special Edition)
Einige Platten haben mich diesen Hebrst bislang begleitet. On The Go ist so eine. Das Stück „The Journey Home“ ist Matthew Halsall im Zug in den Kopf gekommen, irgendwo zwischen London und Manchester. Ich stelle mir dazu vorbeiziehende Felder im Herbstwind vor. Dazu ein wenig ungemütlicher Regen.
Halsall ist Trompeter, und sein Sound nennt man wohl Spiritual Jazz: Jazz, der eher nach innen horcht, als nach außen glänzt. Sie ist warm und oft ruhig, mit viel Luft zwischen den Tönen. Mal zupft eine Harfe leise im Hintergrund. Aber dann gibt es auch immer viel Druck, Energie und sich hochschraubende Rhythmen. Abwechslungsreich, wie der Herbst nur sein kann.
Ein Stück heißt „The End of Dukkha“. Dukkha ist ein buddhistisches Wort für Leiden. Halsall selbst übersetzt den Titel als Ende von Angst und Stress. Also Feierabend, quasi.
Hör das, wenn: der erste richtige Novemberregen dich früh nach Hause schickt und du die Platte von vorne bis hinten laufen lässt, während die Fenster beschlagen.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Moses Yoofee Trio – BOND
Draußen geht die Sonne früher unter, drinnen gehen die Lampen an, und genau für diesen Moment ist BOND gemacht. Das Moses Yoofee Trio aus Berlin mischt sonst Jazz mit Hip-Hop und Soul, gern laut und gern tanzbar. Hier nicht. Hier spielen drei Leute Klavier, Kontrabass und Schlagzeug, ganz klassisch, als säßen sie in einem kleinen Club Anfang der 60er.
Pianist Moses Yoofee hat die Melodie als Ballade geschrieben, und die Band besteht darauf: Für sie ist es immer noch eine. Am Anfang klingt es auch so, zart und fast schüchtern. Dann nimmt der Schlagzeuger die Melodie an die Hand und zieht sie Stück für Stück nach oben, bis einem ein wenig schwindelig wird. Eine Ballade, die vergessen hat, dass sie eine ist. (Oder es einfach nicht zugeben will.)
Die Geschichte dahinter mag ich: Die drei haben sich 2020 bei einer Jam-Session gefunden. Moses’ Kommentar dazu: „Instant love!“ Dieses Jahr gab es dafür den Deutschen Jazzpreis fürs beste Debütalbum. Vollkommen zurecht!
Hör das, wenn: du die Wohnungstür hinter dir zumachst, die Jacke noch anhast und merkst, wie der Tag langsam von dir abfällt.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
Sam Wilkes, Craig Weinrib & Dylan Day – Standing In The Doorway
Ein früher Abend in Südkalifornien, die Sonne sinkt hinter die Berge, und drei Musiker sitzen draußen und spielen einfach los. So ist der Großteil dieses Albums entstanden, an einem einzigen Abend unter freiem Himmel.
Der Song ist eigentlich von Bob Dylan. Es ist eine späte Ballade über jemanden, der auf der Türschwelle steht und nicht so recht weiß, wohin mit sich. Sam Wilkes und seine zwei Mitspieler lassen den Text weg und behalten das Gefühl. Eine Gitarre gleitet und jault ganz leise, der Bass schlendert nebenher, und das Schlagzeug hält sich vornehm zurück.
Böse Zungen könnten jetzt behaupten das sei doch eigentlich Sommerabendmusik. Aber im Herbst, wenn das Licht golden und schräg durchs Fenster fällt, funktioniert sie fast noch besser. Oder geht das nur mir so?
Hör das, wenn: die Nachmittagssonne tief ins Zimmer fällt, die Bäume gegenüber gelb leuchten und du ausnahmsweise nichts anderes tust als zuzuhören.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Anouar Brahem – After the Last Sky
Wohin sollen die Vögel fliegen nach dem letzten Himmel? Diese Zeile stammt vom palästinensischen Dichter Mahmoud Darwish, und Anouar Brahem hat sein Album danach benannt. Schon der Titel ist also ein kleines Gedicht.
Brahem kommt aus Tunis und spielt Oud, eine arabische Laute mit dickem, bauchigem Körper. Sie klingt warm und ein bisschen holzig, wie ein Instrument, das man in Strickjacke spielt. (Keine offizielle Beschreibung, ich weiß.) Im Titelstück fängt die Oud ganz allein an. Dann kommt ein Klavier und dann Cello dazu, und es wird, anders kann ich es nicht sagen, heller im Raum.
Geschrieben hat Brahem die Musik 2023, aufgenommen ein Jahr später, unter dem Eindruck des Kriegs in Gaza. Trotzdem will er niemandem vorschreiben, was man dabei fühlen soll. Instrumentalmusik sei eine abstrakte Sprache, sagt er, und jeder dürfe seine eigenen Gefühle hineinlegen.
Hör das, wenn: du am Fenster stehst, die Zugvögel über die Dächer Richtung Süden ziehen siehst und dir eine Frage stellst, auf die es keine schnelle Antwort gibt.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
John Coltrane – Syeeda’s Song Flute (2020 Remaster)
Stell dir vor, du bist John Coltrane. Es ist 1959, und du arbeitest an einem Album mit Stücken, an denen sich Jazzmusiker bis heute die Zähne ausbeißen. Dann setzt du dich ans Klavier, klimperst ein bisschen herum, und herauskommt etwas, das wie ein Kinderlied klingt.
Genau so ist dieser Song entstanden. Die Melodie erinnerte Coltrane an Syeeda, die Tochter seiner Frau Naima, die er adoptiert hatte. Für ihn klang sie wie das Lied eines fröhlichen Kindes. Ein Kritiker hat das Thema später mit einem Spiel auf dem Schulhof verglichen, und das trifft es ziemlich gut: Es hüpft.
Musikalisch ist das Hard Bop, also der kraftvolle, swingende Jazz der späten 50er, nur eben in der gut gelaunten Variante. Und das mitten auf einem Album, das sonst eher nach Hochleistungssport klingt. (Kleiner Bonus: Direkt danach kommt auf der Platte das Stück, das er nach Naima benannt hat. Ein Familienalbum, irgendwie.)
Ein alter Song für die Ecke mit der Wolldecke, aber kein bisschen verstaubt. Im Gegenteil. Fast könnte man sogar die weit entfernten Vorfahren des Hip Hop dort erklingen hören. Oder hör ich Geister?
Hör das, wenn: du beim Aufräumen auf einen Karton mit alten Kinderfotos stößt, dich auf den Boden setzt und plötzlich eine Stunde verflogen ist.
Für den Flow | Global Groove
Emile Parisien – Portal
Wer jemanden ehren will, muss nicht stillstehen. Das Stück heißt Portal, so wie der Klarinettist Michel Portal, dem Mentor des französischen Saxofonisten Emile Parisien. Portal starb im Februar 2026. Einen Monat später ging Parisien mit seiner Band ins Studio schrieb das Stück als Hommage an ihn.
Aber nach Trauermusik klingt das trotzdem nicht, eher nach Aufbruch. Es beginnt mit einer Tabla, einem indischen Trommelpaar, dazu kommen gesprochene Rhythmussilben – eine Art Beatbox mit sehr langer Tradition. Darüber schlängelt sich das Saxofon, das Klavier steigt ein, und alles kommt ins Rollen.
Ganz am Ende wird es plötzlich still, als wären die vier durch ein Tor gegangen und stünden auf einmal in einem ruhigeren Raum. Ob das Absicht ist, so passend zum Titel? Ich denke schon.
Parisien hat mit dem Album ein Gegengewicht zu einer Welt geschaffen, die sich immer schneller dreht. Ein wenig wie bei einem Herbstspaziergang, bei dem man durchs Laub stapft und am Ende auf einer Bank sitzen bleibt.
Hör das, wenn: du nach Feierabend noch eine Runde durch den Park drehst, das Laub unter den Schuhen knistert und deine Schritte ganz von selbst in den Takt finden.
Denk ich an Feierabend, denk ich an …
Eine kleine Momentaufnahme, eine kleine Meditation über einen Feierabend, wie er sein könnte, sollte oder sein müsste.
Denke ich an Feierabend, denke ich an …
… an das Rascheln des Laubes an meinen Füßen, dass ich bei jedem Schritt genüsslich vor mich herschiebe. An die farbenfrohen Blätter, die nach und nach von den Herbstwinden von den Ästen gepustet werden und die letzten Sonnenstrahlen, die nurnoch durch ihre Erinnerung an den Sommer eine kleine Wärme auf der Haut zurücklassen.
Und daran, wie ich, flüchtend vom Herbststurm mit durchgefrorenen Händen endlich zurück nach Hause komme, mich auf die Couch begebe, eine Platte anmache und mich darüber freue, ein warmes Zuhause zu haben.
Hamburg, 28.10.2026
Und bei dir? Was taucht auf, wenn du das Wort einfach mal stehen lässt? Antworte mir — die schönsten Momentaufnahmen kommen in eine der nächsten Ausgaben.
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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