Soundletter 004: Musik für mögliche Feierabende
Diese Woche mit: Menahan Street Band, Papooz, Ralfi Pagan, Gene Lawrence & Boncana Maïga. Von Latin Soul bis Afro-Funk. Dein Soundtrack für den Feierabend!
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit.
Hallöchen und Moin!
Diese Woche kommt soulig daher, und zwar in allen Spielarten, die ich finden konnte: Latin Soul aus der Bronx der Sechziger, Caribbean Soul aus Saint Lucia, Instrumental Funk aus Brooklyn, Afro-Funk aus Mali. Dazu French Tropical Groove und isländische Kammermusik als Kontrapunkt. Schließlich muss die Seele ja auch mal innehalten und friedvoll verharren.
Allesamt aber Musik von Menschen, die wissen, dass die besten Sachen oft in Schlafzimmern, Warteschlangen und nach dem dritten Glas Rotwein entstehen. (ohne, dass ich dabei die Gefahren von Alkohol verharmlosen wollen würde!)
Doch bevor du hoffentlich Inspiration für einen kleinen bewussten, musikalischen Pausenmoment hier findest, auch hier wieder meine Einladung, die Musik aus einer neuen Perspektive zu hören. Deshalb machen wir diese Woche mal die Augen zu, um einen Song unserer Wahl genau anzuschauen.
Soundflip der Woche
Ein Song ist nicht nur ein Song. Je nachdem an welchem Ort, zu welcher Zeit, mit welcher Stimmung du ihn hörst, kann er sich und seine Bedeutung verändern. Der Soundflip lädt dich ein, weitere Facetten zu erkunden, neue Blickwinkel zu wagen, und schickt deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Welche Farbe hat dieser Track für dich – und ändert sie sich im Verlauf?
Was siehst du vor deinem inneren Auge, wenn du diesen Song hörst? Bist du an einem bestimmten Ort, der durch eine bestimmte Farbe geprägt ist? Oder lässt dich der Groove an eine bestimmte Farbe denken? Oder wird sie bestimmt durch das Bühnenbild, das du dir bei einem Live-Gig dazu vorstellen würdest? Haben vielleicht die verschiedenen Instrumente und die Stimme unterschiedliche Farben?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, dieses Spektrum durch musikalische Hinter- oder Vordergrundbeschallung zu supporten. Jede Woche 1 Album und 5 Tracks für die möglichen Momente deines Feierabends.
Für das Eintauchen | Album der Woche
THE MENAHAN STREET BAND – MAKE THE ROAD BY WALKING
Instrumental-Funk aus Brooklyn, aufgenommen in Thomas Brennecks Schlafzimmer auf der Menahan Street in Bushwick. Das klingt nach DIY-Projekt, ist aber Weltklasse – die Band besteht aus den Session-Musikern hinter Sharon Jones & The Dap-Kings und Amy Winehouses „Back to Black“.
Der Albumtitel stammt von einem Pablo-Neruda-Zitat: „Die Straße entsteht durch Gehen, nicht durch Reden.“ Passend, denn dieses Album redet nicht, es groovt. Jay-Z sampelte den Titeltrack 2007 für „Roc Boys“, später kamen Kendrick Lamar, Kid Cudi, 50 Cent und Eminem dazu. Brenneck erzählt, dass er einmal durch Brooklyn fuhr und seine eigenen Bläser aus jedem Autoradio hörte – allerdings in der Jay-Z-Version. Der Sound ist 1970er Soul, Afrobeat und Free Jazz gleichzeitig. Zwölf Tracks, 35 Minuten, jeder einzelne ist, wie ich finde, großes Kino. Die Band machte eine lange Pause und brachte 2024 eine EP zusammen mit Rogé heraus, dessen Album ich dir schon im ersten Soundletter wärmstens ans Herz gelegt habe.
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Hör das, wenn: du tiefer eintauchen willst, als dein Sofa eigentlich erlaubt – und feststellst, dass Tiefe manchmal nur eine Frage der Aufmerksamkeit ist.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
PAPOOZ – SIMPLY ARE
Tropical Groove trifft French Indie-Pop – und das klingt genauso entspannt, wie es sich anhört. Das französische Duo Papooz hat sich 2008 in der Warteschlange eines Patti-Smith-Konzerts kennengelernt. Armand sprang vor, Ulysse war nicht verärgert, sondern fasziniert. Sie wurden sofort Freunde, rauchten Joints, spielten Gitarre und nahmen Songs auf dem Laptop auf. So beginnen gute Bands.
„Simply Are“ ist ein Cover eines Arto-Lindsay-Tracks aus den späten Neunzigern, ursprünglich eine Kollaboration mit Marisa Monte und anderen brasilianischen Musikern. Papooz nehmen diese Bossa-Nova-DNA und übersetzen sie in ihre europäische Sprache – aufgenommen in Cap Ferret, einem südfranzösischen Küstenstädtchen, produziert von Ash Workman, der auch für Metronomy arbeitet.
Der Titel ist dabei fast ein Manifesto: „Wir sind einfach da. Sein ist genug.“ Vier Alben später trinken sie immer noch Rotwein bei den Aufnahmen und nehmen meistens Live-Takes. Manche Freundschaften aus Warteschlangen halten eben.
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Hör das, wenn: genüsslich aus dem Büro tänzeln möchtest und dabei die Leichtigkeit des Lebens spürst.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
SKÚLI SVERRISSON & ÓLÖF ARNALDS – LE FEU
Sieben Musiker aus Island, Norwegen, Italien und den USA, die gleichzeitig spielen, ohne sich zu unterordnen. Skúli Sverrisson – Bassist, Komponist, der mit Lou Reed, Laurie Anderson, David Sylvian und Ryuichi Sakamoto gearbeitet hat – kuratierte dieses Ensemble wie einen Museumsraum. Seine Frau Ólöf Arnalds spielt Charango, ein südamerikanisches Saiteninstrument. Sie war früher bei der isländischen Band Múm und spielte dort „horned Stroh violin“ – eine Geige mit Schallhorn, visuell wie akustisch ein Statement.
„Le feu“ – das Feuer – ist Kammermusik für Menschen, die beim Zuhören denken wollen. Das Album „Sería II“ gewann Islands Album des Jahres. Experimentelle Musik muss nicht in Berlin oder New York entstehen – sie kann aus Reykjavík kommen, mit Musikern aus der ganzen Welt, und trotzdem intim bleiben. Feuer transformiert. Dieser Track auch.
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Hör das, wenn: du merkst, dass Stille manchmal lauter ist als alles andere – und du endlich bereit bist, hinzuhören statt wegzuhören.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
GENE LAWRENCE – FEEL LIKE MAKING LOVE
Caribbean Soul aus Saint Lucia – ein sommerlicher Groove, der nach Strand, Palmen und später Nachmittagssonne klingt. Gene Lawrence, mittlerweile 75 Jahre alt und klassisch trainierter Gitarrist, nimmt Roberta Flacks Soul-Klassiker von 1972 und gibt ihm karibische Wärme – genau das, was ich im kalten Januar brauche. Wo Flack mit großem Orchester einen Nummer-eins-Hit landete, legt Lawrence einen entspannten Groove darunter, der sonnig vor sich hin swingt.
Der französische Beatmaker Guts entdeckte den Track für seine „Beach Diggin’ Vol. 3“-Compilation 2015 – er durchsucht Vinyl-Sammlungen und digitale Archive weltweit nach vergessenen Perlen, und Lawrence war genau das. Er ist über 40 Jahre im Musikbusiness, Gründer der St. Lucia Jazz Society und machte Arrangements für Theaterproduktionen.
Manchmal braucht großartige Musik einfach Zeit, bis die Welt bereit ist. Lawrence wird beschrieben als einer der vielseitigsten Musiker der Karibik – und diese Version zeigt, warum. Er macht aus einem amerikanischen Soul-Standard etwas, das nach Heimat klingt. Nach seiner Heimat.
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Hör das, wenn: du keinen Bock mehr auf Winter hast und bei den Gedanken an deinen Lieblingsmenschen Frühlingsgefühle aufkommen.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
RALFI PAGAN – EL HIJO DE MAMÁ
Latin Soul aus der Bronx der späten Sechziger, gesungen von einem 22-Jährigen mit Falsett-Tenor und einem komplizierten Verhältnis zu seiner Mutter. “Mi mamá no me deja salir” – meine Mutter lässt mich nicht rausgehen. Das klingt nach Comedy, ist aber eine ernsthafte Meditation über emotionale Abhängigkeit und unmögliche Liebe.
Ralfi Pagan wuchs auf der Lower East Side auf, exponiert zu Salsa, Bolero, Doo-Wop und R&B gleichzeitig. Er war einer der ersten Latino-Künstler bei Soul Train und verkaufte mit seiner Bread-Cover-Version „Make It With You” eine Viertelmillion Platten. Dann ging er 1978 auf Promo-Tour nach Kolumbien – sein Produzent Eddie Torres hatte ein schlechtes Gefühl und warnte ihn. Ralfi ging trotzdem. Er kam nicht zurück. Sein Mord blieb bis heute ungelöst, er wurde nur 31. Dieses Lied aber, mit Marty Shellers Orchesterarrangements, bleibt. 2024 hat Craft Recordings das Débutalbum neu aufgelegt.
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Hör das, wenn: du einen Anruf bei deinen Eltern aufschiebst, obwohl du weißt, dass du es nicht solltest – und dir plötzlich bewusst wird, warum.
Für den Flow | Global Groove
BONCANA MAIGA – KOYMA HONDO
Afro-Funk aus Mali, aufgenommen 1982 in Philadelphia mit Weltklasse-Session-Musikern. Boncana Maïga stammt aus Gao am Niger, ist Flötist, Arrangeur und ehemaliges Mitglied der legendären Africando-Band, die kubanische Salsa mit westafrikanischen Vocals fusionierte.
Das Stück liefert genau das, was der Titel verspricht: schwerer Funk-Bass als Foundation, aufgekratzte Synthesizer-Melodien darüber, Maïgas traditionelle malische Flöte gegen Philadelphia-Blechbläser. Das war World Music, bevor der Begriff existierte. TSOP Records – das Labe, bekannt für The O’Jays und Earth Wind & Fire – brachte den Track ursprünglich raus. Maïga war nicht irgendein Session-Musiker, sondern der architektonische Kopf hinter vielen Africando-Arrangements.
36 Jahre später wurde der Track auf Hot Casa Records wiederveröffentlicht. Danke dafür!
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Hör das, wenn: du beim Kochen feststellst, dass Improvisation manchmal besser schmeckt als jedes Rezept – und du den Kochlöffel zum Taktstock machst.
Das war es wieder für diese Woche! Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere Song dir ein paar Minuten wohlverdiente Auszeit ermöglicht und dich bei deinem Feierabend, wie immer er auch aussehen mag, unterstützt. Falls ein Song besonders gut passt, bin ich gespannt darauf zu hören, in welchem Moment, in welcher Stimmung er dich gefangen hat.
Falls dir gefällt, was du liest und hörst, freue ich mich wie immer über ein Abo, eine Weiterempfehlung oder ein paar nette Worte. TAoMF ist ein Herzensprojekt und Hobby. Es ist kostenlos für alle verfügbar. Wenn du meine Arbeit wertschätzt und unterstützen möchtest, kannst du mich gern auf einen Kaffee einladen.
In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg


Danke schön!