Soundletter 024: Gemeinsamkeiten in der Unterschiedlichkeit und vice versa.
Diese Woche mit LA LOM, Dowdelin, Felbm, Pigeon, Haruomi Hosono und Marvin Gaye. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
»»» direkt zu den Soundpics! «««
Kein Thema ist auch ein Thema
Nachdem in den letzten zwei Soundlettern immer ein gewisses Thema über allen Stand, findet sich diese Woche ein unzusammenhängendes Sammelsurium handverlesener Soundperlen, gesammelt von überall auf diesem Planeten.
Vielleicht ist diese Inkonsistenz dem mehr als wechselhaften Hamburger Sommerwetter zu verdanken, das zwischen Sonnen, Wind und Regen hin und her tänzelt wie ein junges Fohlen auf einer Weide im April.
Musikalisch lade ich euch ein tief in eine Platte voller Cumbia Surf Rock, Chicha-Psychedelica und Country-Twang einzutauchen. Das Album der Woche stammt von LA LOM aus Los Angeles.
Darüber hinaus ein japanischer Pazifik-Traum, Marvin Gaye, als er noch Crooner sein wollte, eine Heidelerche als musikalischer Support für Klavier, ein Kollektiv zwischen Frankreich und den Antillen und ein britisches Quintett, dass Traurigkeit verarbeitet, in dem es fröhlich klingt.
Aber, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Manche Gegensätze ziehen sich an, manche stoßen sich ab. Das kann unser Ohr aufregend oder abstoßend finden. Und manchmal überhören wir so was auch einfach. Zeit gezielt auf die Suche zu gehen:
Unterschiedlichkeit:
Wo hält dieser Track Gegensätze aus, ohne sie aufzulösen? Und wo gelingt dir das – im Hören, im Alltag, mit Menschen?
Manche Songs leben davon, dass zwei Dinge nebeneinander stehen bleiben, die eigentlich nicht zusammenpassen – eine zärtliche Stimme über einem harten Beat, eine fröhliche Melodie mit traurigem Text, warme Streicher neben kühlem Synth. Sie müssen sich nicht versöhnen; gerade die Spannung macht sie lebendig. Achte diese Woche darauf, wo der Track diese Reibung einfach aushält – und ob dir das auch gelingt, wenn dir im Alltag Widersprüchliches begegnet.
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
LA LOM – The Los Angeles League Of Musicians
LA LOM ist die Kurzform für „The Los Angeles League of Musicians” – und das ist Programm. Das Trio aus Los Angeles nennt sich so, weil alle, mit denen sie arbeiten, aus der Stadt kommen. Ihr selbstbetiteltes Debüt von 2024 ist eine rein instrumentale Liebeserklärung an genau diesen Ort: dreizehn Stücke, viele davon nach Straßen und Vierteln benannt – Figueroa, El Sereno, Montebello.
Musikalisch ist das ein Schmelztiegel aus Cumbia, Bolero, 60s-Surf und Country-Twang. Die Band selbst nennt es „cumbia surf rock”, und das trifft den Kern: warme Gitarren, viel Hall, ein Sound, der so überzeugend nach Vergangenheit klingt, dass man kurz nachsehen muss, ob das nicht doch eine vergessene Hollywood-Aufnahme aus den Sechzigern ist.
Produziert hat es Elliot Bergman von Wild Belle, größtenteils aufgenommen an der Figueroa Street. Ein Album zum Versinken, nicht zum Nebenbeihören.
Hör das, wenn: der Sonntag noch ein paar Stunden hat und du nichts vorhast, außer das Licht langsam wärmer werden zu lassen.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Haruomi Hosono – 最後の楽園
1978, Japan. Drei Musiker träumen sich auf einer Platte eine imaginäre Südsee zusammen. PACIFIC heißt das Instrumentalalbum, und „最後の楽園” – „Das letzte Paradies” – eröffnet es: weiche, leicht funkige Tropical-Musik, irgendwo zwischen Surf-Gitarre, Easy Listening und Fusion.
Komponiert hat das Stück Haruomi Hosono, eine der spannendsten Figuren der japanischen Musikgeschichte. Kurz nach dieser Platte gründete er das Yellow Magic Orchestra und wurde zum Mitarchitekten des frühen Synthpop. Hier hört man ihn aber noch in seiner „tropischen” Phase – verträumt, sonnendurchflutet, ohne jede Eile.
Ursprünglich war diese Musik als edle Hintergrundbeschallung gedacht, gemacht aber von Leuten, die dafür schlicht zu gut waren. In Japan legen viele die Platte bis heute jedes Jahr wieder auf, sobald der Sommer näher rückt.
Hör das, wenn: du gerade die Tür hinter dir zugemacht hast und der Arbeitstag noch in deinen Schultern sitzt – einmal tief durchatmen, dann ist Feierabend.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
Felbm – Beaufort
Zurücklehnen. Durchatmen. „Beaufort” ist eine kleine, leise leuchtende Miniatur des niederländischen Musikers Felbm – Jazz und Ambient, getragen von Gitarre, weichen Tasten und der körnigen Wärme einer Kassettenaufnahme.
Das Besondere steckt mitten im Stück: ein Field Recording – also ein Klang, der draußen in der echten Welt aufgenommen wurde. Konkret der Gesang einer Heidelerche, eines Vogels, den man weit öfter hört als sieht. Felbm hat ihn auf einer seiner Wanderungen aufgenommen; das Vogelbeobachten kam zu ihm, als ihn eine Erkrankung zwang, langsamer zu werden und mehr Zeit draußen zu verbringen.
Die Skizzen zu dieser Musik entstanden mit nur zwei Instrumenten in einem Ferienhaus auf dem Land. Sein Label nennt das Ganze eine Art selbstgebautes Heilmittel gegen die Zumutungen des modernen Lebens – und ja, das hört man.
Hör das, wenn: du abends am offenen Fenster sitzt, das Handy liegt in einem anderen Raum, und dir zum ersten Mal seit Stunden wieder auffällt, wie es draußen klingt.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Dowdelin – Something’s Going On
Dowdelin sind ein Kollektiv zwischen Lyon und der französischen Karibik, und sie nennen ihre Musik „Creole Afro-Futurism” – eine Mischung aus karibischen Rhythmen, Jazz, Neo-Soul und elektronischen Beats, gesungen auf Englisch und antillanischem Kreol.
„Something’s Going On” eröffnet ihr Album Tchenbé! von 2025, das die Band selbst als therapeutische Platte beschreibt: Loslassen, Heilung, Selbstliebe. Über einem synthlastigen, treibenden Groove singt Olivya zunächst angespannt, fast sprechend – und kippt dann ins Kreolische, wo sie sich Mut zuspricht, weiterzugehen.
Ein Gedanke aus dem Text ist mir hängengeblieben: dass man uns die Zeit stiehlt – durch Arbeit, durch das ewige Funktionieren – und dass man sie sich zurückholt, indem man sie der Musik schenkt. Klingt vertraut, oder?
Der Bandname spielt übrigens auf ein kreolisches Wort für „langsam, trödelnd” an. Passt irgendwie.
Hör das, wenn: dir nach einem vollen Tag dämmert, dass du dir den Abend gerade wieder selbst wegorganisierst – und du beschließt, es ausnahmsweise nicht zu tun.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Marvin Gaye – Easy Living
Bevor Marvin Gaye zur Soul-Legende wurde, wollte er eigentlich Crooner sein. „Easy Living” stammt von seinem Debütalbum von 1961 – einer Sammlung von Jazz- und Pop-Standards, die er gegen den Willen seines Labels aufnahm. Motown wollte R&B-Hits; Gaye wollte Nat King Cole sein.
Der Song selbst ist noch älter: 1937 für einen Hollywood-Film geschrieben, später durch Billie Holiday zum Jazz-Klassiker geworden. Gaye singt ihn ganz gerade, fast brav, mit einer Zurückhaltung, die das gebrochene Soul-Timing seiner späteren Jahre noch nicht kennt. Es ist ein Liebeslied über die Leichtigkeit, die kommt, wenn man verliebt ist.
Am Bass übrigens vermutlich James Jamerson, der wenig später halb Motown tragen sollte. Eine kleine Zeitkapsel: der Anfang einer riesigen Karriere, in einem Moment, in dem noch nichts entschieden war.
Hör das, wenn: du alte Fotos durchgehst und dich an eine Version von dir erinnerst, die noch nicht wusste, was alles kommen würde.
Für den Flow | Global Groove
Pigeon – Yagana
„Yagana” heißt übersetzt „Es ist eine Weile her” – und genau diese Spannung trägt der ganze Song. Obendrauf: ein euphorischer Afro-Disco-Track mit treibendem Groove, Funk-Bass und wild oszillierenden Synthie-Soli. Darunter aber liegt etwas zutiefst Sehnsuchtsvolles.
Pigeon sind ein Quintett aus dem englischen Margate, entstanden aus einer spontanen Jam-Session nach dem Pub. Im Zentrum steht Falle Nioke, ein Sänger aus Guinea, der hier in drei westafrikanischen Sprachen singt – über Heimweh, die Trennung von der Familie und den Druck, sie aus der Ferne mitzuversorgen. Die fröhliche Oberfläche und der schwere Text ziehen in entgegengesetzte Richtungen, und genau das macht den Track so stark.
Die ganze EP wurde an einem einzigen Wochenende aufgenommen – man hört die Energie dieser improvisierten Sessions. Zu den frühen Fans gehörten BBC 6 Music und Gilles Peterson. Und jetzt kannst du dich auch dazu gesellen! 🙃
Hör das, wenn: du beim Kochen oder Aufräumen in Bewegung kommst und der Abend von „muss ich noch” zu „läuft schon” kippt.
Das für diese Woche. In der kommenden werde ich mit ein paar Freunden in meine alte Uni-Stadt Marburg für ein Wochenende zurückkehren. Ich werde diesmal als Anlass nehmen, in meinem Archiv nach Tracks zu suchen, die mich in dieser Zeit musikalisch begleitet haben.
Du darfst gespannt sein! 🙃
Falls dir gefällt, was du liest und hörst, freue ich mich wie immer über ein Abo, eine Weiterempfehlung oder ein paar nette Worte. TAoMF ist ein Herzensprojekt und Hobby. Es ist kostenlos für alle verfügbar. Wenn du meine Arbeit wertschätzt und mich unterstützen möchtest, kannst du mich gern auf einen Kaffee einladen.
In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
P.s. Eine kleine Bitte: Wenn du magst, empfehle diesen Newsletter doch einem deiner Lieblingsmenschen. Neue Musik ist schließlich nie verkehrt!





Ein Audiophiler!!! Schön Dich hier zu lesen! 🦅☕😌