Soundletter 031: Internationales Sommerfestival auf Kampnagel
Diese Woche mit Preisig & Rusconi, Ana Frango Elétrico, Jimi Tenor, The Cinematic Orchestra, WITCH und Fatoumata Diawara. Handverlesene Musik für deinen Feierabend.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioessay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Hope!
Nach zwei Wochen sommerlicher Tagträumereien in einem Italien, das es vielleicht niemals gegeben hat, nun wieder zurück in die Gegenwart, ins Hier und Jetzt, nach Hamburg. Denn nach so viel Nostalgie wird es nun wieder Zeit hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Wie könnte das besser gelingen, als mit einer unfassbaren Fülle an live-erfahrbaren Kulturprogramm!?
Denn hier beginnt am kommenden Mittwoch auf Kampnagel das Internationale Sommerfestival 2026. Und auch wenn die grenzüberschreitende Strahlkraft natürlich vom Programm der großen Bühnen ausgeht, mit Tanz, Theater und Performances, etlichen Welt- und Deutschlandpremieren, so lässt auch das musikalische Programm wenig Wünsche offen.
Und weil ich in diesem Jahr nun selbst Teil dieser Festivalproduktion bin, du findest mich an der Waldbühne und im Avant-Garten, liegt es doch auf der Hand, einen kleinen musikalischen Teaser meinerseits vorzunehmen. Das Gute daran für dich: wenn dir was gefallen sollte, hast du direkt die Möglichkeit, den Sound direkt live zu verköstigen!
Gespielt wird auf Kampnagel, draußen im Garten, in der St. Gertrud Kirche sowie in der Elbphilharmonie. Das gesamte Programm findet sich hier!
Doch bevor es nun mit den Soundpicks losgeht, wie immer hier ein Soundflip:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Diese Woche erfordert ein wenig Transferleistung: Und zwar hab’ ich mich gefragt, wie es eigentlich dazu kommt, dass mancher Song sich so schwer anfühlt, dass er dich tief ins Sofa zu drücken scheint und manch anderer dich so emotional berührt, dass du denkst, du würdest voller Leichtigkeit durchs Leben schweben. Dabei ist dieser Prompt entstanden:
Lastenprofil
Wie schwer ist dieser Song? Leicht wie eine Feder, oder trägst du ihn wie einen Rucksack voller Steine? Was genau ist der Grund für dieses Gefühl und wie verändert sich das Gewicht im Verlauf?
Wie bei fast allen Soundflips gibt es auch hier wieder viele Möglichkeiten, sich der Sache zu nähern. Rein logisch oder doch eher abstrakt. Seitens des Timbres oder der Lyrics. Wie immer bin ich gespannt darauf, zu hören, in welche Regionen dich dieser Soundflip führt.
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jeder Feierabend ist einzigartig. All Feierabende are beautiful. Dies ist mein Versuch, dieses Spektrum durch musikalische Hinter- oder Vordergrundbeschallung zu supporten. Diese Woche wie immer: fünf Tracks & ein Album, die alle im August in Hamburg live zu hören sind.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Tobias Preisig & Stefan Rusconi – Levitation
Zwei Schweizer gehen in eine Kirche und kommen fünf Nächte später mit einem Album wieder raus. So ungefähr ist Levitation entstanden: Tobias Preisig an der Geige, Stefan Rusconi an der Kirchenorgel, die neugotische Saint-Étienne in Cully am Genfersee als Aufnahmeraum – und kein einziges vorbereitetes Stück im Gepäck. Alles improvisiert, alles im Moment entstanden.
Was dabei rauskam ist eine Konzertinstallation, irgendwie Ambient-Jazz zwischen Neoklassik und Klangforschung: Orgelflächen, die einen ganzen Raum füllen, darüber eine Geige, die eher tastet als spielt. Die Stücke heißen Béatrice, Gilliane, Marie, Mme Chapuis – französische Frauennamen, ohne dass die beiden je erklärt hätten, warum.
Das Duo spielt am 9. August in der St.-Gertrud-Kirche sein neues Album Palimpsest – aufgenommen in ebendieser Kirche.
Hör das, wenn: du am Sonntagnachmittag die Wohnung für dich hast und ausnahmsweise nichts nebenherläuft – kein Handy, keine Wäsche, keine Mails.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Jimi Tenor & Cold Diamond & Mink – Gaia Sunset (Part 1)
Sonnenuntergang, aber im Weltraum. Jimi Tenor, finnischer Multiinstrumentalist mit einem Faible für kosmischen Soul, hat sich für dieses Stück die Hausband des finnischen Labels Timmion dazugeholt: Cold Diamond & Mink liefern rohen Vintage-Funk, Tenor legt Synthesizer drüber, die klingen wie Sternenstaub aus dem Katalog.
Retro Space Funk nennen das die einen, Smooth Soul die anderen. Beides stimmt. Der Track schlurft eher, als dass er drängt – surfige Gitarrenlicks, ein Groove, der niemanden zu irgendwas auffordert. Erschienen 2024 auf dem Album Is There Love In Outer Space?, außerdem als gelbe 7”.
Tenor spielt am 6. August auf Kampnagel, präsentiert vom Hamburger Avantgarde-Label bureau b.
Hör das, wenn: du den Laptop zuklappst, aber noch fünf Minuten sitzen bleibst, bevor du wirklich aufstehst.
Für das Innehalten | Deep listening & meditation
The Cinematic Orchestra – To Build a Home
Zurücklehnen. Durchatmen. Dann dieser Klavieranfang, den vermutlich jeder schon mal gehört hat, ohne vielleicht direkt zu wissen woher – der Song ist in gefühlt jeder Serie gelandet, in der irgendjemand gedankenverloren aus dem Fenster schaut.
Kammerpop, minimal instrumentiert: Klavier und Stimme, mehr braucht es nicht. Gesungen und gespielt wird beides von Patrick Watson, einem kanadischen Songwriter, der hier zu Gast bei The Cinematic Orchestra war – so prägend, dass viele den Track bis heute für seinen halten. Der Text erzählt von einem Haus aus Stein, einem Garten, einem Baum so alt wie der Erzähler selbst. Und davon, dass all das irgendwann zu Staub wird.
Das Album Ma Fleur erschien 2007 auf Ninja Tune und war als Soundtrack zu einem Film gedacht, den es nicht gibt: Die Band entwarf erst eine Bildfolge und schrieb dann die Musik dazu. Am 16. August spielen sie in der Elbphilharmonie – erstmals seit fast zehn Jahren wieder in Hamburg, mit neuer Musik.
Hör das, wenn: du in einer Wohnung sitzt, in die du gerade erst eingezogen bist. Oder aus der du bald ausziehst.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Ana Frango Elétrico – Insista em Mim
Noch ein Garten. In dieser Ballade bittet Ana Frango Elétrico darum, “gepflanzt zu werden”: Nimm dir von mir, was du willst, setz mich in deinen Garten, und wenn ich welke, gieß mich. Insista em mim – bleib dran an mir.
Musikalisch ist das brasilianischer Siebziger-Soul in der Linie von Tim Maia und Cassiano, beide nennt Ana selbst als Vorbild: Orgel, dramatische Streicher, ein Bläsersatz mit ordentlich Wucht. Geschrieben und produziert hat sie den Song komplett selbst; ihren Text bezeichnet sie als ihren bisher offensten. Erschienen 2023 auf Me Chama de Gato Que Eu Sou Sua.
Zu sehen und hören am 5. August, Kampnagel-Club. Sängerin, Produzentin, Multiinstrumentalistin, bildende Künstlerin, Grammy-nominiert – die Aufzählung wird bei ihr eher länger als kürzer.
Hör das, wenn: du jemandem eine Nachricht tippst, sie löschst und sie dann doch abschickst.
Für eine Zeitreise | Vintage Vibes
WITCH – Janet
Sambia, 1977. WITCH – Abkürzung für We Intend To Cause Havoc – gehörten zu den zentralen Bands des Zamrock, jener sambischen Spielart von Rock, die Psychedelik, Funk und lokale Rhythmik zusammenwarf.
„Janet” ist der Opener ihres Albums von damals und im Kern eine Warnung. Gesungen wird in ci-Nsenga, einer Sprache aus dem Osten Sambias: Eine Mutter redet ihrer Tochter ins Gewissen, die sich mit einem gewissen Peter eingelassen hat – verheiratet, Mercedes-Fahrer, Töchter in Janets Alter. Der Mercedes ist dabei keine Deko, sondern das Statussymbol der Oberschicht, der „Apamwamba”.
Klingt nach schwerer Kost, groovt aber wie sonst was: Gitarrenriff, Orgel, ein Refrain, den man nach zweimal Hören mitsummt, ohne ein Wort zu verstehen. Wiederentdeckt wurde die Band über Reissues von Now-Again Records. Am 12. August spielen sie auf Kampnagel.
Hör das, wenn: dir jemand einen sehr guten Rat gibt, den du sehr wahrscheinlich ignorieren wirst.
Für den Flow | Global Groove
Nubiyan Twist & Fatoumata Diawara – Chasing Shadows
Afrobeat aus Leeds, Stimme aus Mali. Nubiyan Twist sind ein neunköpfiges Kollektiv, 2011 am Leeds College of Music gegründet, inzwischen in London; für den Titeltrack ihres Albums haben sie sich Fatoumata Diawara dazugeholt. Die Grooves sind an Tony Allen geschult, ihrem verstorbenen früheren Mitstreiter.
Im Text geht es um Mutterschaft und ums Loslassen – Diawara singt darüber, wie es ist, als tourende Musikerin von den eigenen Kindern getrennt zu sein. Und darum, was von kulturellem Erbe übrig bleibt, wenn alles nur noch auf Bildschirmen stattfindet. Die Band versteht das gleichnamige Album ausdrücklich als Gegenentwurf zu KI-generierter Musik: neun Leute in einem Raum, mit allem Chaos, das dazugehört. This is where the magic happens!
Diawara spielt am 15. August im Großen Saal der Elbphilharmonie – zweifach Grammy-nominiert, vorher Schauspielerin, zwischendurch mit den Gorillaz unterwegs.
Hör das, wenn: du mit dem Rad nach Hause fährst und die Ampel grün wird, kurz bevor du bremsen müsstest.
Falls du nun das Festivalprogramm durchgeblättert hast und dir denkst: Moment mal, Claas! Da ist Arthur Verocai in der Elphi und du erwähnst ihn nicht in deiner Auswahl?! Exakt!
Zugegeben: es ist mir nicht leicht gefallen! Aber er ist bereits so oft hier vorgekommen, sodass ich diese Woche mal anderen Künstler*innen den Vorrang lassen wollte. Aber selbstverständlich rate ich dir dringlichst, dir ein Ticket für den 19.8. zu organisieren. Denn dort wird Arthurs Verocai zusammen mit dem Nu Civilisation Orchestra zu sehen, zu hören & zu erleben sein. Mit von der Partie, wie ich gerade jauchzend feststellen durfte: Rogé, dessen Album Curyman in Ausgabe 001 des Soundletters das Album der Woche gewesen ist!
Dass von mir - einen wundervollen August uns allen!
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
P.s. Eine kleine Bitte: Wenn du magst, empfehle diesen Newsletter doch einem deiner Lieblingsmenschen. Neue Musik ist schließlich nie verkehrt!




