Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioessay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Amateur von lateinisch amator ‚Liebhaber'
Irgendwann in diesem Jahr habe ich festgestellt, dass mich körperliche Arbeit glücklich und ausgeglichen macht: Rasenmähen, Zaun streichen, ein Regal bauen. Konzentration auf eine mehr oder weniger einfache Aufgabe und am Ende kommt ein klares Ergebnis bei raus. Geil!
Im Zuge dieser Erkenntnis ist dann bei mir die Idee entstanden, meine Kreativität mal häufiger im Holzwerken auszulassen. Hab irgendwann irgendwo ‘ne coole Holz-Wanddeko gesehen, bei der ich dachte: Das kann ich doch auch.
Nun, ein halbes Jahr später hab’ ich eine relativ große Cosmos-Pinnwand mit Inspirationen und Ideen, wie ich so was denn umsetzten könnte, eine lange Wunschliste voller „zwingend notwendiger“ Werkzeuge sowie die klare Vision eines Hobbyraums in dem ich ungestört und vor allem ohne danach aufräumen zu müssen ans Werk gehen kann. Anzahl an gefertigten „Kunstwerken“: Zero!
Die nüchterne Erkenntnis: ich hab’s mal wieder verkopft! Anstatt sich mal im Sommer die Holzreste aus dem Schuppen zu krallen und mit den Werkzeugen, die ich habe, draußen auf 2 Böcken einfach mal anzufangen, ist der Projektmanager ans Werk geschritten und hat sich maximal verzettelt.
Und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich mit solch einem Modus nicht alleine bin. Dieses „ich würd so gern“ oder „man müsste mal“ wird viel zu oft verdacht und viel zu selten in eine direkte Handlung übersetzt. Schade eigentlich! Denn was könnte dabei alles wunderbares Entstehen!
Während mein innerer Projektmanager nun schon dabei ist, aus der Selbsterkenntnis einen Businessplan zu formulieren erinnere ich mich an Folgendes: das Wort „AMATEUR“, so negativ konnotiert es heutzutage verwendet wird, bedeutet laut ursprünglicher Wortherkunft „jemand, der eine Sache aus reiner Liebe tut“.
Denn genau das ist es doch, was ich eigentlich will: zum Feierabend etwas tun das ich Liebe und mir guttut.
Auch wenn die Zeit für draußen herumwerkeln eher vorbei ist für dieses Jahr in den Hamburger Breitengraden, so formuliere ich hier dennoch jetzt ein Commitment: Irgendwas baue ich noch dieses Jahr!
Aber jetzt weiter mit Musik! Doch bevor es nun mit den Soundpicks weitergeht, wie immer hier ein Soundflip:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Zugegeben: dieser Soundflip ist vielleicht besser anwendbar bei Songs, deren InterpretIn gleichzeitig auch Songwriter war. So könnte es bei dem ein oder anderen fremd verfassten Pop-Song vielleicht durchaus zu Verwirrungen kommen, aber egal:
The Songwriter
Was sagt dieser Track über die Person aus, die ihn gemacht hat?
Welche Geschichte, welche Gefühlswelten lassen sich ablesen und auf die Person übertragen? Welche Geheimnisse gibt sie Preis?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.

Soundpicks der Woche
Jeder Feierabend ist einzigartig. Alle Feierabende sind wunderbar!
Dies ist mein Versuch, dieses Spektrum durch musikalische Hinter- oder Vordergrundbeschallung zu supporten.
Diese Woche wie immer: fünf Tracks & ein Album.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Anderson .Paak – Malibu
Bei mir fing es mit einem Tiny Desk Concert an. Dieses hier: Anderson .Paak singt hinterm Schlagzeug, grinst und hat seine Band The Free Nationals im Rücken. Ich war sofort schockverliebt. Malibu (2016) ist für mich bis heute eines der besten R&B-Alben der 2010er. Darauf treffen warmer Soul, Hip-Hop und Funk aufeinander, mit Live-Band, Gospelchören und Samples.
Dem Sound hört man die Geschichte dahinter kaum an. 2011 verlor Paak seinen Job und schlief mit Frau und Baby auf den Sofas anderer Leute. Der Musiker Shafiq Husayn nahm die Familie auf und schrieb später den Eröffnungssong The Bird mit. Zwischen den Songs laufen Dialogfetzen aus alten Surf-Dokus. Warum auch immer.
Malibu ist also ein Strandtag, den sich jemand hart erarbeitet hat. Und der Punkt im Namen? „The dot stands for detail“, sagt er. Das hört man. Am besten von vorne bis hinten, am Stück. Und dann vielleicht gleich nochmal!
Hör das, wenn: dein Sonntagnachmittag frei ist, das Handy in der Küche liegt und du endlich mal wieder eine Platte von der ersten bis zur letzten Nummer hören willst.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Martin Luke Brown – hello !
Manchmal reicht ein Wort: hello ! Es eröffnet man oh man !, das zweite Soloalbum von Martin Luke Brown aus dem Jahr 2025. Der US-Radiosender KEXP nennt das Psych-Pop mit Soul- und Folk-Anteilen. Übersetzt heißt das: leicht verschwommen, warm, ein bisschen schwebend. Unten liegt ein ruhiger Groove, darüber treibt die Melodie eher, als dass sie marschiert. Erinnert mich stark ans Unknown Mortal Orchestra.
Brown stammt aus Leicester. 2015 hatte er bereits einen Vertrag bei einem Majorlabel, zog sich dann aber zurück bevor er sich seine Solokarriere neu aufbaute. Fertig wurde das Album in einer Phase, in der er zeitweise kein Zuhause hatte und aus dem Auto lebte. Ob hello ! davon erzählt, verrät er nicht. Als Begrüßung nach so einem Umweg funktioniert der Song trotzdem ziemlich gut. (Mir gefällt, dass ein Song einfach Hallo sagt. Mehr braucht ein Feierabendbeginn manchmal nicht.)
Hör das, wenn: die Wohnungstür hinter dir ins Schloss fällt, die Tasche auf dem Boden landet und du erst mal nur dich selbst begrüßen willst.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
Jake Xerxes Fussell – Frolic
Zurücklehnen. Durchatmen. Zeit für friedvolles Innehalten!
Jake Xerxes Fussell ist Folk-Musiker aus North Carolina. Seine Karriere verbrachte er viel damit, alte Lieder auszugraben, oft aus Fieldrecordings, also Musik, die Forschende direkt bei den Menschen vor Ort aufgenommen haben. Schon sein Vater, ein Volkskundler, nahm ihn als Kind zu solchen Aufnahmen mit. Auf Good and Green Again (2022) veröffentlichte Fussell zum ersten Mal eigene Stücke: drei Instrumentals, darunter Frolic. Lange hielt er sie für zu klein und unbedeutend. Doch dann merkte er, dass seine Hörer:innen sich durchaus zwischen den schweren Balladen des Albums eine kleine Pause wünschen. Mich eingeschlossen!
Du hörst gezupfte E-Gitarre, die Pedal Steel (eine liegende Gitarre, deren Töne ineinander gleiten), stampfende Füße und wortlose Silben, die an eine Spielzeugeisenbahn erinnern. Frolic heißt „herumtollen“, hat also nichts mit dem Hundesnack zu tun.
Während der Arbeit am Album kam Fussells erstes Kind zur Welt, und sein Label hörte vielleicht in diesen Stücken Wiegenlieder heraus. Bestätigt hat er das nie. Ich finde, es passt trotzdem.
Hör das, wenn: der Tee zieht und du die drei Minuten bis zum ersten Schluck einfach nur am Fenster stehst.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Haruomi Hosono – Figlio Perduto
Ein japanischer Musiker und ein italienischer Titel: Figlio Perduto bedeutet „verlorener Sohn“. Mehr verrät das Stück über sich erst mal nicht. Und das muss es auch nicht. Haruomi Hosono war schon in Ausgabe 024 hier zu Gast, mit einer Platte, kurz nach der er das Yellow Magic Orchestra gegründet hatte. Heute ist er zurück, mit seinem neuen Album Yours Sincerely, erschienen am 11. September 2026.
Wer daran mitgespielt hat, wann es entstand und warum der Titel italienisch ist: Dazu habe ich trotz Recherche kaum belastbare Infos gefunden. Vielleicht ist das hier genau richtig. Mal ein Stück hören, ohne vorher zu wissen, was man fühlen soll.
Entstanden jedenfalls ist eine Schlaflied-anmutende Meditation, die ein wenig verzaubert klingt, sodass sie einen zügig an einen anderen Ort bringt.
Fürs Sammlerherz gibt es eine Deluxe-Box, weltweit auf 500 Stück limitiert, mit Kunstbeilagen von Harune Horigome.
Hör das, wenn: du irgendwo auf eine Bahn wartest, deren Anzeige gerade „unbestimmte Verspätung“ sagt, und beschließt, dich nicht zu ärgern.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Yusef Lateef – The Plum Blossom (Rudy Van Gelder Remaster)
In New Yorks Chinatown entdeckte Yusef Lateef einst ein kleines Tonobjekt, ungefähr so groß wie eine Grapefruit und mit ein paar Löchern darin. Es ist eine Xun, eine chinesische Gefäßflöte und damit eine Verwandte der Okarina. Lateef spielte eigentlich Saxofon, Flöte, Oboe und vielleicht noch ein wenig mehr. Aber er eröffnete 1961 sein Album Eastern Sounds mit genau diesem Ding. Der Jazz darauf flaniert genüsslich durch einen Blues, nur kommt die Melodie aus einem hohlen, gehauchten Ton, so als würde jemand über eine Flaschenöffnung blasen. Die Musikwissenschaftlerin Ingrid Monson hat nachgezählt: Für sein Solo braucht Lateef genau vier Töne. Am Klavier sitzt Barry Harris und hält sich wunderbar zurück. Weniger ist manchmal mehr.
Dann kommt die Pointe. Fünf Jahre später taucht die Melodie in Cat Stevens’ erster Single I Love My Dog auf. Stevens, später selbst Muslim und als Yusuf Islam unterwegs, gestand die Übernahme irgendwann ein, bezahlte Lateef und überwies ihm Tantiemen. Und der Zusatz im Titel? Rudy Van Gelder, der Toningenieur der Originalsession, hat die Aufnahme 2006 selbst neu aufbereitet. Genau die richtige Smothness für einen grauen Herbsttag!
Hör das, wenn: du beim Aufräumen eine alte Kiste findest und dich hinsetzt, statt weiterzumachen.
Für den Flow | Global Groove
Chaka Khan – Like Sugar
Dieser Zucker ist aus zweiter Hand, und genau das macht ihn so gut. Like Sugar (2018) war die erste neue Musik von Chaka Khan seit rund zehn Jahren. Ein wenig Funk an der Schwelle zur Disco, mit federndem Bass, Handclaps und Saööen Drum und Dran. Das Gerüst ist allerdings älter. Die Produzenten Switch (Mitgründer von Major Lazer) und Sarah Ruba hatten den Fatback Band-Klassiker Do the Bus Stop von 1975 schon 2016 für die Netflix-Serie The Get Down neu gebaut. Darüber singt jetzt Chaka Khan. Außerdem spielt sie Timbales, also helle Trommeln mit Metallkessel aus der lateinamerikanischen Musik.
Nach dem Tod von Prince und einer schweren Zeit wollte Chaka es bewusst leicht halten, wie sie später sagte. Herausgekommen ist ein Song, der fast nur aus einer schönen Einladung besteht: Komm näher, beweg dich. Dazu rief sie eine Tanzchallenge auf Instagram aus, und weltweit filmten sich Leute beim Tanzen. Ist an mir vorbeigegangen. Funktioniert aber auch wunderbar ohne Insta beim Abwasch.
Hör das, wenn: sich nach dem Essen das Geschirr stapelt und du beschließt, daraus eine kleine Küchendisco zu machen.
Denk ich an Feierabend, denk ich an …
Eine kleine Momentaufnahme, eine kleine Meditation über einen Feierabend, wie er sein könnte, sollte oder sein müsste.
Denke ich an Feierabend, denke ich an …
… denk ich daran, nach der Arbeit spontan aufs Rad zu steigen und zwei Stunden lang die grünsten/grausten Ecken der Stadt abzufahren, und dabei ein bisschen Tourist zu sein, der alle Wege, Plätze und Häuser zum ersten Mal sieht.
Sich ausmalen, wie es wohl wäre, genau hier zu wohnen. Oder kurz anhalten, um einen Baum zu googeln, den man beim besten Willen nicht erkennt. Ein kleiner, spontaner Urlaub mitten in der Woche.
Hamburg, 07.09.2026
Und bei dir? Was taucht auf, wenn du das Wort einfach mal stehen lässt? Antworte mir — die schönsten Momentaufnahmen kommen in eine der nächsten Ausgaben.
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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