Über die Kunst, der Attention Economy genussvoll den Stinkefinger zu zeigen
Deine Aufmerksamkeit ist die wertvollste Ressource, die du hast. Die reichsten Unternehmen der Welt kämpfen um sie. Ihnen dabei zuzuschauen, wie sie verlieren? Unbezahlbar.
Feierabend ist nicht nur das Ding nach der Arbeit, sondern die Zeit für all das Leben in deinem Leben. Mein Name ist Claas und mit TAoMF versuche ich, das gesamte Spektrum eines gelungenen Feierabends zu erkunden. Wie immer das auch aussehen mag. Dazu gibt es wöchentlich im Soundletter die passende Musik.
The Art Of Making Feierabend bedeutet, sich eine knappe Ressource zurückzuerobern: deine Aufmerksamkeit.
Am Anfang stand eine simple Erkenntnis. Zuerst habe ich aufgeschrieben, mit welchen Dingen ich meinen Feierabend denn gern verbringen möchte. Und dann, wie ich ihn in letzter Zeit meistens verbracht habe. Und da schau her:
Ich möchte gern meine Freunde häufiger treffen, mehr auf Kulturveranstaltungen gehen, mehr lesen.
Was ich stattdessen tue: viel Netflix und Co., viel Screentime.
Woher kommt diese Kluft zwischen Theorie und Praxis? Schau ich vielleicht wirklich lieber Filme, als ich mir eingestehen will? Macht es mir einfach mehr Spaß, KI-generierte Texte zu lesen, als mich mit meinen Freunden zu unterhalten?
Hier soll es nicht um Produktivitäts-Hacks gehen. Keine gut gemeinten Ratschläge, aus denen DU, sofern es dir denn ähnlich gehen sollte, in Zukunft aus meinen Fehlern lernen und an meinen Ratschlägen „mehr aus deinem Feierabend herausholen kannst“.
Denn diese Life-Hacks würden wieder folgendes tun: dich und mich als das Problem definieren. Ich bin halt nicht konsequent genug, ich muss bessere Systeme finden, um meine Ziele zu erreichen, und so weiter.
Nein! Das würde zwar vielleicht das ein oder andere Symptom lindern. Das eigentliche Problem wird dabei aber nicht benannt!
Deine Aufmerksamkeit ist das Produkt
Das Problem liegt in unserer Aufmerksamkeit. Oder besser gesagt darin, dass ein großer, die Welt umspannender, ökonomischer Kampf um sie geführt wird. Und es betrifft nahezu alle Lebensbereiche und die meisten Menschen, die Smartphones, Laptops, Smart-TVs und sonstige digitale Begleiter tagtäglich nutzen.
Herje, die Attention Economy! Schon klar! Kennen wir, wissen wir!
Wir müssen es nur hinbekommen unsere Screentime etwas zu minimieren (da gibts übrigens auch ne App für!) und dann passt das schon.
Ich glaube nicht! Die „wertvollsten“ Unternehmen der Welt (außer Nvidia vielleicht) begründen nämlich letztendlich ihren Erfolg nur auf einer Ressource: unserer Aufmerksamkeit. Alles andere sind Cross-Sales.
Aber ich will jetzt nicht einfach nur die Tech-Bros für all das Übel auf der Welt verantwortlich zu machen. Ein „Die da oben! „Grummel, grummel!“ löst meine Probleme im Hier und Jetzt nicht. Außerdem, und scusi, dass ich das jetzt sagen muss, aber: Die Welt ist zu komplex für solch mutmaßlich einfache Lösungen.
Es geht hier nicht um einen einzelnen, sackreichen Typen, nicht um eine App, eine Plattform, ein Unternehmen. Sondern um ein System, das darauf aufgebaut ist, unsere Aufmerksamkeit zu melken. Mach es dir bewusst: Deine Aufmerksamkeit ist das Produkt!
Es geht um mehr als nur Screentime
Es geht darum, wie du die Zeit mit deinen Lieblingsmenschen verbringst – mit tiefen Gesprächen oder nebeneinander aufs Handy starrend.
Wie du die kreativen Künste (Musik, Theater, Filme, bildende Künste etc.) wahrnimmst – mit all deinen Sinnen oder nur nebenbei durchscrollend und womöglich sogar KI-generiert.
Wie du durch das Leben gehst – ob du selbst herausfindest, was dir gefällt, oder ob du nur eine Auswahl triffst zwischen Dingen, die ein Algorithmus für dich berechnet hat.
Nicht weniger als dein fuckin’ Leben, so wie du es leben willst, steht auf dem Spiel. Sorry, für diese drastische Formulierung, aber vielleicht muss das einfach mal laut aufgeschrieben werden.
Kein Digital Detox, keine Hasstirade
Aber dies ist keine Hasstirade und auch keine Geschichte der Entbehrung. Nein, ich glaube nicht, dass die Antwort lautet, dass wir alle unsere Smartphones in die Tonne treten und alle nur noch offline leben sollten. Wieso sollte dies auch schon wieder eine traurige Geschichte des Verzichts sein?
Die Technik ist hier, sie wird bleiben und sich weiterentwickeln. Vieles davon ist ja schon auch ein bisschen geil. Wir als Menschheit müssen irgendwie lernen, wie unsere „alten Gehirne“, die nicht in der Lage sind, sich so schnell anzupassen, damit irgendwie klarkommen, ohne das wir daran zugrunde zu gehen.
Vielleicht brauchen wir, nach den ersten Jahrzehnten des Technik-Hypes, nur eine kleine, selbstfürsorgende, menschliche Gegenkultur.
Aber wie sagt man so schön: It’s simple, but not easy!
Kleine Akte der Selbstbestimmung
Letztendlich lautet die Frage: Wie wollen wir unsere Zeit verwenden, wie wollen wir unser Leben leben?
Die Antwort liegt für mich in kleinen Momenten der Aufmerksamkeit, in Momenten des bewussten Feierabends. In Momenten, in denen wir uns bewusst für die Dinge entscheiden, die wir gern machen möchten.
Und das kann nun einmal alles sein, was sich für dich richtig anfühlt:
das Handy künftig nicht mehr mit ins Bett zu nehmen
auf dem Heimweg bewusst nach Pflanzen zu suchen, die du nicht kennst
sich mit Freunden zum Musikhören verabreden
sich mit ihnen über die eigenen Erfahrungen mit der Attention Economy auszutauschen
mit Wachsmalern herumzukritzeln
einen Schrank umlackieren
eine Gruppe für „No-Phone-Hangouts“ zu gründen
Lieblingsmenschen regelmäßig zu Dinnerpartys einzuladen oder
ganz bewusst mit Popcorn und Kuscheldecke die letzte Staffel Ted Lasso durchsuchten.
Das Schöne daran ist, dass du dafür keinen Coach, keinen Wellness-Guru, keinen Ratgeber brauchst. Nur ein paar tiefe Atemzüge und die Neugier, dich zu fragen, worauf du gerade wirklich Lust hast. (Und vielleicht noch ein wenig Inspiration von Gleichgesinnten, falls dir die Ideen doch mal ausgehen)
Welche Aktivitäten kommen dir in den Sinn, welche helfen dir, dich der Logik der Plattformökonomie zu entziehen?
Nebenwirkungen der Attention Economy
Klingt fast so, als würde Aufmerksamkeitstraining zu einem radikalen Akt der Selbstbestimmung werden. Ein kleines, aber feines Zeichen des alltäglich gelebten Protests und Widerstands. Hell Yeah!
Und ist das nicht fantastisch? Du kannst, indem du kleine persönliche Akte radikaler Aufmerksamkeit ausübst, der Attention Economy genussvoll den Stinkefinger zeigen. Mit dem positiven NebenHaupteffekt!, dass du danach dieses wohlig flauschige Gefühl von „Hey, das hier ist es ja, dieses wunderbare Ding namens Leben!“ haben wirst.
Um es dir noch einmal zu vergegenwärtigen: erwiesene Risiken und Nebenwirkungen der Attention Economy, Social-Media-Sucht und zu hoher Screen-Time sind u.a.: Einsamkeit, Depressionen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Aggressionen und nicht zuletzt politische Polarisierung und die Gefährdung demokratischer Diskurse. Das sind keine Nebensächlichkeiten!
Radikale Aufmerksamkeit
Ein „wenig bewusste Aufmerksamkeit“ wird nicht alles sofort beheben, nicht alle Probleme lösen. Schon klar!
Aber mit jeder kleinen, bewussten Handlung üben wir etwas, das wir im Begriff sind zu verlernen: unsere kognitive Autonomie und die Fähigkeit, Entscheidungen aktiv zu treffen. Mit jeder bewussten Entscheidung, aus dem Fenster anstatt in den Feed zu blicken, entziehen wir uns einer Verwertungslogik, die auf Passivität und Konsum ausgelegt ist. Einer digitalen Umgebung, die so designt wurde, dass die Entscheidungen, die wir dort treffen, den größtmöglichen Gewinn für ohnehin schon wohlhabende unanständig reiche Menschen erzielen. Der Einzug von KI in jeden Winkel unseres digitalen Alltags wird nicht zu einer Besserung dieser Situation beitragen.
It’s capitalism, stupid!
Anzeichen einer wachsenden Gegenkultur
Aber ich werde das Gefühl nicht los, als würde immer mehr Menschen schon im Hinterkopf schwirren, dass hier etwas in eine ganz gehörig falsche Richtung läuft. Aber es bisher nicht einordnen können. Ich fange auch erst an, das alles für mich zu ordnen.
Aber das Erstarken von Vinyl und iPods, neu gegründete Buchclubs, Gruppen wie die „Friends of Attention“, Repaircafés und viele weitere sind kleine, aber feine Zeichen dafür, dass die “Digitalisierung von Allem” nicht für ein glückliches Leben ausreicht.
Was meinst du dazu? Bin ich gerade ein wenig zu Unrecht geflasht auf dieses Thema? Alles halb so wild? Oder geht es dir wie mir? Hast du auch dieses Gefühl von: Hier stimmt doch was nicht?! Mir geht’s nicht gut damit!
Egal was du denkst, lass uns austauschen, gemeinsam darüber nachdenken. Zusammen unsere Aufmerksamkeit zurückerobern.
Doch bevor du nun weiterziehst: Lust auf einen kleinen Prompt, um Musik mal wieder mit neuen Ohren zu hören?
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören. Such dir einfach einen Song aus und dann:
Schreib drei Worte auf, die dir beim Hören kommen – ohne nachzudenken.
Eine Mischung aus aktivem Hören und assoziativem Schreiben. Überleg danach: Wieso sind dir gerade diese Worte in den Sinn gekommen? Worauf im Song beziehen sie sich? Texte, Instrument, Stimmung?
Weitere Soundflips jede Woche in meinem Soundletter. Passende Musik auch monatlich in meiner Radiosendung.
In diesem Sinne: schönen Feierabend.
Claas
Falls dir gefällt, was du liest und hörst, freue ich mich wie immer über ein Abo, eine Weiterempfehlung oder ein paar nette Worte. TAoMF ist ein Herzensprojekt und Hobby. Es ist kostenlos für alle verfügbar. Wenn du meine Arbeit wertschätzt und unterstützen möchtest, kannst du mich gern auf einen Kaffee einladen.




Du sprichst hier vielen aus der Seele. Diese Diskrepanz zwischen dem, was wir sagen, dass wir wollen (Kultur, Freunde, Tiefe), und dem, was wir am Ende oft tun (Streaming, Scrollen), ist ja kein Zufall und auch kein reines Disziplinproblem. Es ist, wie du schreibst, ein völlig ungleiches Duell: Unser Steinzeit-Gehirn tritt gegen Supercomputer und die fähigsten Verhaltenspsychologen des Silicon Valley an. Dass die Couch da oft gewinnt, ist klar.
Hat mich sofort an Aldous Huxley erinnert. Der meinte sinngemäß, dass der perfekte totalitäre Staat eine Bevölkerung von Zwangsarbeitern beherrscht, die gar nicht gezwungen werden müssen, weil sie ihre Sklaverei lieben. Die moderne Attention Economy ist in vielerlei Hinsicht genau diese „Krone der Sklaverei“. Wir machen uns freiwillig zur Ware und fühlen uns dabei auch noch unterhalten.
Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han nennt das ja die Dialektik von Herr und Knecht in einer Person: Wir beuten uns selbst aus (bzw. unsere Aufmerksamkeit) und halten das für Freiheit. Wenn wir durch die Feeds scrollen, fühlen wir uns wie die Könige der Welt, sitzen aber eigentlich hinter unsichtbaren Gitterstäben.
Aber – und das ist das Wichtigste an deinem Artikel – das System ist (noch) nicht perfekt. Dass bei dir, mir und vielen anderen dieses Gefühl „gärt“, dass hier etwas existenziell nicht stimmt, ist der Beweis, dass wir noch nicht verloren haben. Wir müssen uns die Kontrolle über unseren Dopaminhaushalt aktiv zurückholen. Da das Spiel nicht fair ist, helfen nur die strikten Barrieren und bewussten Entscheidungen, die du beschreibst, um den Kampf wenigstens halbwegs ausgeglichen zu gestalten.
Und noch kurz zu deiner Note bezüglich der geringen Resonanz: Lass dich davon bloß nicht unterbuttern. Das ist ein schweres, unbequemes Thema. Die Leute fühlen sich bei sowas schnell ertappt – das liked und teilt man nicht so leichtfüßig wie den nächsten „5 Tipps für mehr Produktivität“-Post. Ich hatte auch schon Artikel, bei denen die Validierung erst viel später kam. Das hier hat definitiv das Zeug zum Slow-Burner.
Danke, dass du hier mal Dampf abgelassen hast. Wichtiger Text!
Mach doch mal Detox Social Media/Netflix & Co, ist wie eine Diät und Drogenentzug zusammen. Sorry das klingt banal, aber dadurch, dass ich in sozialen Netzwerken aufgrund politischen Engagements gesperrt wurde, hat sich das für meine Psyche als durchaus heilsam erwiesen.