5 Kommentare
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Avatar von Simon Richartz

Du sprichst hier vielen aus der Seele. Diese Diskrepanz zwischen dem, was wir sagen, dass wir wollen (Kultur, Freunde, Tiefe), und dem, was wir am Ende oft tun (Streaming, Scrollen), ist ja kein Zufall und auch kein reines Disziplinproblem. Es ist, wie du schreibst, ein völlig ungleiches Duell: Unser Steinzeit-Gehirn tritt gegen Supercomputer und die fähigsten Verhaltenspsychologen des Silicon Valley an. Dass die Couch da oft gewinnt, ist klar.

Hat mich sofort an Aldous Huxley erinnert. Der meinte sinngemäß, dass der perfekte totalitäre Staat eine Bevölkerung von Zwangsarbeitern beherrscht, die gar nicht gezwungen werden müssen, weil sie ihre Sklaverei lieben. Die moderne Attention Economy ist in vielerlei Hinsicht genau diese „Krone der Sklaverei“. Wir machen uns freiwillig zur Ware und fühlen uns dabei auch noch unterhalten.

Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han nennt das ja die Dialektik von Herr und Knecht in einer Person: Wir beuten uns selbst aus (bzw. unsere Aufmerksamkeit) und halten das für Freiheit. Wenn wir durch die Feeds scrollen, fühlen wir uns wie die Könige der Welt, sitzen aber eigentlich hinter unsichtbaren Gitterstäben.

Aber – und das ist das Wichtigste an deinem Artikel – das System ist (noch) nicht perfekt. Dass bei dir, mir und vielen anderen dieses Gefühl „gärt“, dass hier etwas existenziell nicht stimmt, ist der Beweis, dass wir noch nicht verloren haben. Wir müssen uns die Kontrolle über unseren Dopaminhaushalt aktiv zurückholen. Da das Spiel nicht fair ist, helfen nur die strikten Barrieren und bewussten Entscheidungen, die du beschreibst, um den Kampf wenigstens halbwegs ausgeglichen zu gestalten.

Und noch kurz zu deiner Note bezüglich der geringen Resonanz: Lass dich davon bloß nicht unterbuttern. Das ist ein schweres, unbequemes Thema. Die Leute fühlen sich bei sowas schnell ertappt – das liked und teilt man nicht so leichtfüßig wie den nächsten „5 Tipps für mehr Produktivität“-Post. Ich hatte auch schon Artikel, bei denen die Validierung erst viel später kam. Das hier hat definitiv das Zeug zum Slow-Burner.

Danke, dass du hier mal Dampf abgelassen hast. Wichtiger Text!

Avatar von Claas-Hendrik Berg

Merci für die Worte! 😘

Diesen Berliner Philosophen werd ich mal auschecken! Und ich glaub mit der deiner Redewendung des “Dopaminhaushalts zurückerobern” kann man noch weiter arbeiten ;)

Avatar von Simon Richartz

Gern! 🙌 Ja, 'Zurückeroberung' klingt fast schon militärisch, aber genau so fühlt es sich ja manchmal an, oder? Bin gespannt, was du draus machst!

Wenn ich davon spreche, neige ich zu Kriegsmetaphern: „nicht ohne Rüstung in die Schlacht ziehen“ und so weiter.

Avatar von futurevibes 🔮

Mach doch mal Detox Social Media/Netflix & Co, ist wie eine Diät und Drogenentzug zusammen. Sorry das klingt banal, aber dadurch, dass ich in sozialen Netzwerken aufgrund politischen Engagements gesperrt wurde, hat sich das für meine Psyche als durchaus heilsam erwiesen.

Avatar von Claas-Hendrik Berg

KLingt überhaupt nicht banal! Bin schon lang nicht mehr auf Social Media … bis dann plötzlich Substack um die Ecke kam…. ;)

Ja Netflix…. ich arbeite dran. Aber “zur Entspannung“ am Ende des Tages einen guten Film oder Serie zu sehen ist lang in meinem Hirn implantiert … Bekomme es aber mittlerweile auch gut hin bewusst zu wählen und zu schauen, anstatt einfach irgendwas anzumachen. ;-)