Über die Kunst, die innere Zeitzone zu wechseln, ohne dabei zu verreisen.
Warum "Lebe im Jetzt!" ein toxischer Kalenderspruch ist – und was Feierabend mit deiner inneren Zeitzone zu tun hat.
Feierabend ist nicht nur das Ding nach der Arbeit, sondern die Zeit für all das Leben in deinem Leben. Mein Name ist Claas und mit TAoMF versuche ich, das gesamte Spektrum eines gelungenen Feierabends zu erkunden. Wie immer das auch aussehen mag. Dazu gibt es wöchentlich im Soundletter und monatlich in der Radiosendung die passende Musik.
Where When is my mind?
Mittagspause: raus zum Spaziergang und Kopfhörer auf. Seit einiger Zeit höre ich dabei oft geführte aktive Meditationen über die (kostenlose!) Healthy Minds App. Und natürlich geht es dabei oft im Kern darum, im Hier und Jetzt zu sein. Sich darin zu üben, nicht ständig wegzudriften, woanders zu sein. Lebe im Jetzt!“, so der mahnende Leitspruch Abertausender Kalendertitelseiten, kitschiger Prints und Dekokissen.
Als ich in den ersten Gehversuchen des Meditierens darauf aufmerksam gemacht wurde, wie verdammt häufig mein „Monkey Mind” umherhüpft – zwischen hier und dort, gestern und morgen –, bin ich fast erschrocken. Kein Wunder, dass es mir nicht so gut geht, dachte ich mir. Wo zum Henker hast du dich die letzten Jahre denn so herumgetrieben? Dass so ein Autopilot irgendwann in einem Burn-out enden muss, ist ja quasi vorprogrammiert.
Aus dieser Perspektive klang das „Lebe im Jetzt!“ wie die erstrebenswerte Lösung zu all meinen Problemen.
Aber trifft das immer zu?
Warum sagen uns an allen Ecken die Marktschreier des großen, weiten Internets, dass wir im Hier und Jetzt leben sollen? Stimmt das überhaupt?
Das Tortendiagramm deines Kopfes
Aber wenn nicht im Hier und Jetzt, wann denn dann? Welche anderen Zeitzonen machen denn sonst Sinn? Nur im Jetzt kannst du die Dinge verändern, kannst dich verändern! Dein Leben in die Hand nehmen!
You can`t change the past. But you can ruin the present by worrying about the future!
Quelle: Buddistische Weisheit, die sich tausendfach bei Pinterest finden lässt, ohne den Urheber finden zu können.
Man könnte fast glauben, dass nun alle anderen gedanklichen Zeitzonen aufs Schärfste zu verurteilen sind. Die Vergangenheit und Zukunft einfach abschaffen – das kann's ja auch nicht sein!
Wenn es um die zeitliche Verortung unseres Geisteszustandes geht, hat Philip Zimbardo zusammen mit John Boyd in den späten 90ern eine Einteilung vorgenommen, wie Menschen ihre Erfahrungen unbewusst in zeitliche Zonen einteilen. Wer in die verwendeten Fachtermini einsteigen möchte, there you are:
Past-Negative (Grübeln, Trauma)
Past-Positive (Nostalgie, gute alte Zeiten)
Present-Hedonistic (Genuss, Spontaneität)
Present-Fatalistic (Hilflosigkeit, „bringt ja eh nichts“)
Future-Oriented (Ziele, Planung, Belohnungsaufschub)
“The Time Paradox: The New Psychology of Time That Will Change Your Life”
(Zimbardo & Boyd, 2008)
Um hier aber nicht zu weit auszuholen, nutze ich die Vereinfachung von Mikael Krogerus und Roman Tschäppeler, die das Modell auf 3 Zeitzonen runterbrechen: Memory-Driven, Dream-Driven & Reality-Driven.



Was beide Ansätze vereint: Es ist immer eine Mischung. Das komplette Ausklammern einer „Zeitzone“, wie z.B. der eigenen Vergangenheit, mag zwar theoretisch möglich sein, jedoch, wenn man länger darüber nachdenkt, nicht die beste Wahl.
Lebe im Jetzt! (Und andere toxische Kalendersprüche)
Ist also der vielleicht gut gemeinte Ratschlag meines Kalenders „Life now!“ ein zutiefst toxischer Imperativ? Eine hohle Phrase, die weder realistisch noch erstrebenswert ist. Für den Moment, an dem wir kurz abdriften: vielleicht. Aber so im Allgemeinen? Legt uns das nicht nur eine weitere Bürde auf, der wir auf ewig mit Mindfulness-Coachings und Meditations-Apps-Abonnements hinterherjagen?
Pascal Mercier hat das in ‚Nachtzug nach Lissabon‘ schöner formuliert, als ich es je könnte:
Es ist ein Fehler, ein unsinniger Gewaltakt, wenn wir uns auf das Hier und Jetzt konzentrieren in der Überzeugung, damit das wesentliche zu erfassen. Worauf es ankäme, wäre, sich sicher und gelassen, mit dem angemessenen Humor und der angemessenen Melancholie, in der zeitlich und räumlich ausgebreiteten inneren Landschaft zu bewegen, die wir sind.
Gelassenheit, Humor und ein Hauch Melancholie! Das erinnert mich daran, dass ich dazu neige, die Dinge oft zu verbissen und mich selbst, ja, das Leben oft viel zu ernst zu nehmen.
Da kommt man von der einen Erkenntnis (Atmen, Claas! Locker machen!) direkt in das nächste Fegefeuer von Selbstoptimierung und zwanghaftem Feinjustieren.
Helfe ich mir damit? Eher nur so bedingt!
Zimbardo und Boyd sagen dazu: Keine der Zeitperspektiven ist per se gut oder schlecht. Wie immer liegt die Antwort in der richtigen Balance. In der Fähigkeit, je nach Situation flexibel zwischen den Zeitzonen zu wechseln.
Wer nur in der Vergangenheit lebt, ist verwurzelt, aber festgewachsen. Wer nur im Jetzt lebt, ist spontan, aber planlos. Wer nur in der Zukunft lebt, baut zwar Brücken, aber steht auf keiner. Die Kunst liegt im bewussten Wechsel.
Die gestohlene Gegenwart
Diese Sache mit dem bewussten Wechsel wird uns jedoch immer schwerer gemacht, vielleicht sind wir sogar dabei, diese Fähigkeit vollends zu verlernen. Denn mittlerweile ist es in dieser Welt ziemlich schwer geworden, überhaupt irgendwo zu sein.
Unsere digitalen Leben, geprägt von Feeds, Notifications und Doomscrolling sind zwar so designt, dass sie stetig unsere Aufmerksamkeit einfordern. Sie sind aber bei weitem nicht so programmiert, sie auch bewusst an einer Sache zu binden. Eine Stunde Feed (such dir einen aus) bedeutet ja nicht: eine Stunde Aufmerksamkeit, fokussiert auf einen Sachverhalt. Vielmehr bedeutet es ein unentwegtes Weiterspringen von Input zu Input, ohne jemals anzukommen.
Die Attention Economy möchte zwar, dass du bleibst, aber nicht, dass du hier bist!
Unser Gehirn liebt es zwar, auf all diese Reize zu reagieren, aber es ist nicht in der Lage, den Input sinnvoll zu verarbeiten. Nach einer Stunde entsteht bei mir keine schwerwiegende Erkenntnis, sondern braune Matschepampe, die mein Hirn verklebt und gestresst zurücklässt.
Feierabend haben vs. Feierabend machen
Was unterscheidet nun also echtes Ankommen von bloßem Abschalten?
Lohnt es sich überhaupt noch, das „Leben im Jetzt!“ zu versuchen, wenn doch alle nur unsere Aufmerksamkeit melken und an Werbepartner verkaufen möchten? Ist der einzige Weg, sich Human Fracking zu entziehen, weniger im Hier und Jetzt zu sein? Sich in Nostalgie oder Utopien zu flüchten?
Ich glaube, es geht nicht um die Zeitzone. Vielmehr darum, überhaupt erst einmal zu bemerken, wo wir gerade überhaupt sind. Um sich dann bewusst dafür zu entscheiden, ob wir bleiben wollen, oder doch besser weiterziehen.
Schaue ich gerade aktiv diese Serie, oder läuft sie nur im Hintergrund, während ich die Sprachi eines Kumpels abhöre? Habe ich diesen Song gerade bewusst ausgewählt und genieße den Groove, oder ist es eigentlich nur Fahrstuhlmusik im Hintergrund?
Es ist ein wenig so wie mit dem Feierabend. Du kannst Feierabend machen. Und du kannst Feierabend haben!
Wer Feierabend macht, schaltet ab – Laptop zu, Netflix an, Hirn auf Standby. Wer Feierabend hat, schaltet um. Von der Fremdsteuerung durch Feeds, Deadlines und Notifications hin zu einer selbstgewählten Zeitzone.
Musik wird vom Hintergrundrauschen zu einer Reise in die verklanglichte Gefühlswelt anderer. Der Moment des Arbeitsendes, der sonst direkt vom Haushaltsstress vereinnahmt wird, wird zu einem stolzen Rückblick auf die eigenen Leistungen des Tages. Ein als Spam einsortierter Newsletter wird plötzlich eine Erkenntnis, die dich den Rest des Tages nicht mehr loslässt.
Und diese Zeitzone ist bestimmt durch deine Entscheidungen, deine Wahrnehmung vom Leben. Ob du nun an einen traurigen Moment in deiner Vergangenheit denkst, der dich geprägt hat, oder dir eine mögliche Zukunft beim Durchswipen von Jobangeboten ausmalst.
Die Fernbedienung der Zeitmaschine
Feierabend in diesem Sinne ist keine Flucht vor der Attention Economy. Ich glaube nicht, dass wir diesen Schauplatz, schließlich ist es unser Leben!, stillschweigend verlassen sollten. Es ist die Weigerung, sich die innere Fernbedienung für die Zeitmaschine aus der Hand nehmen zu lassen.
Es geht nicht darum, auf die 70 % im Hier und Jetzt zu kommen. Nicht darum, sich selbst als Memory-Driven zu diagnostizieren, um daraus einen 12-Punkte-Plan zu formulieren.
Es geht darum, zu erkennen, dass nicht immer du das Problem bist, sondern manchmal (oder sogar sehr häufig!) auch das System.
Es geht darum, zu bemerken, wo du gerade bist, und dann bewusst zu entscheiden, ob du bleiben willst. Darum, dass alle geistigen Zeitzonen ihre schönen Seiten haben, die das Leben erst wunderbar machen.
Und darum, dass das mühsame, handgemachte, fehlerhafte und unvollständige Ding namens Leben nicht immer einen Optimierungsplan braucht – sondern bisweilen jemanden, der die Fernbedienung bewusst zur Seite legt.
Was meinst du dazu? Machen dir gedankliche Zeitzonen Probleme? Überwiegt eine davon mehr, als du es für gut erachtest, oder jonglierst du die Zeit wie ein routinierter, frohmütiger Clown im Zirkus des Lebens?
Doch bevor du nun weiterziehst: Lust auf einen kleinen Prompt, um Musik mal wieder mit neuen Ohren zu hören?
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören. Such dir einfach einen Song aus und dann:
Schreib drei Worte auf, die dir beim Hören kommen – ohne nachzudenken.
Eine Mischung aus aktivem Hören und assoziativem Schreiben. Überleg danach: Wieso sind dir gerade diese Worte in den Sinn gekommen? Worauf im Song beziehen sie sich? Texte, Instrument, Stimmung?
Weitere Soundflips jede Woche in meinem Soundletter. Passende Musik auch monatlich in meiner Radiosendung.
In diesem Sinne: schönen Feierabend.
Claas
Falls dir gefällt, was du liest und hörst, freue ich mich wie immer über ein Abo, eine Weiterempfehlung oder ein paar nette Worte. TAoMF ist ein Herzensprojekt und Hobby. Es ist kostenlos für alle verfügbar. Wenn du meine Arbeit wertschätzt und unterstützen möchtest, kannst du mich gern auf einen Kaffee einladen.



Ein Fabelhaften Artikel, lieber Klaas. Der Meditationstype auf der einen Seite und die der schnelle Lebenswandel mit all den Reizen auf der anderen Seite. Und am Ende bedeutet im "Hier und jetzt" zu sein genau das- nämlich zu erkennen, wann man ferngesteuert umherirrt und wann man präsent ist.
Dem spirituellen Verständnis nach ist das Problem nicht das Denken - sei es an vergangenenheit oder Zukunft, sondern die unbewusste Identifikation damit.
Ich kann also durchaus über die Vergangenheit nachdenken, während ich mir meiner Wahrnehmung bewusst bin und vielleicht erkenne:,,Du bist nicht die Geschichte, sondern der, der sie wahrnimmt."
Leider entstehen durch die westliche Meditations-Industrie oft Missverständnisse. Eine gute buddhistische Praxis bedeutet nicht Widerspruch oder Isolation sondern Integration aller Aspekte und ist damit alltagskompatibel.
Danke für den tollen Artikel!
Interessanter Artikel bzw. Ansicht auf das Thema. Glaub ich muss mehr darüber nachdenken, um da eine Meinung dazu zu haben. Hast dir auf jeden Fall ein Sub verdient.