Soundletter 002: Musik für mögliche Feierabende
Diese Woche mit: Beirut, Tom Zé, Zoufris Maracas, Hanakiv & Erlend Oye. Von Balkan-Chanson bis Samba. Dein wöchentlicher Soundtrack für facettenreiche Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit.
Frohes Neues, Zeit für Musik!
Zunächst: Hoffentlich ist jede und jeder Einzelne von euch fabelhaft ins neue Jahr gerutscht! In diesem Sinne: Willkommen im Jahre 2026!
Es erwarten uns auch in diesem Jahr wieder viele Feierabende, die es zu erkunden gilt. Und natürlich viel wunderbare Musik, die uns dabei genussvoll unterstützen kann.
Zum Glück haben die meisten Knallkörper ihre Munition nun langsam verbraucht und etwas Ruhe kehrt ein ins frische Jahr. Um Ruhe, Stille, die Zeit zwischen zwei Noten geht es auch im ersten Soundflip des Jahres.
Doch zunächst noch ein wenig Eigenwerbung für diejenigen, die noch auf der Suche nach ein paar Vorsätzen fürs Jahr sind. Oder für Leute wie mich, die ab und zu mal einen kleinen Spickzettel gebrauchen können, um sich an all die Alltagsweisheiten und Erkenntnisse, die man so aufschnappt, auch zu erinnern. Denn zwischen Theorie und Praxis geht ja leider manchmal was verloren. Hier mein Versuch, durch das Aufschreiben die Dinge besser in meinem Hirn zu verankern:
Und jetzt viel Spaß beim bewussten Musikhören und der Soundauswahl für diese Woche.
Soundflip der Woche
Ein Song ist nicht nur ein Song. Je nachdem an welchem Ort, zu welcher Zeit, mit welcher Stimmung du ihn hörst, kann er sich und seine Bedeutung verändern. Der Soundflip lädt dich ein, weitere Facetten zu erkunden, neue Blickwinkel zu wagen, und schickt deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Höre nur auf die Stille – wo pausiert die Musik und warum?
Wie bei einer guten Rede kann ein Moment der Stille die Stimmung beeinflussen. Zeit zum Nachdenken geben, Spannung aufbauen, Tempo herausnehmen. Das ist bei Musik nicht anders. Wenn du mal bewusst auf die Momente der Stille in einem Song achtest, was entdeckst du? Was verändert sich dadurch? Verändert es deine Perspektive?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, dieses Spektrum durch musikalische Hinter- oder Vordergrundbeschallung zu supporten. Jede Woche 1 Album und 5 Tracks für die möglichen Momente deines Feierabends.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Beirut – The Flying Club Cup
Das neue Jahr beginnt für mich mit einem Album, das mich seit fast 20 Jahren begleitet und das ich nun endlich als Vinyl mein Eigen nennen darf: Beiruts „The Flying Club Cup“.
Zach Condon war 21 Jahre alt, als dieses Album 2007 erschien. Ein Jahr zuvor war er wegen extremer Erschöpfung hospitalisiert worden – der unerwartete Erfolg seines Debüts „Gulag Orkestar“ hatte ihn überrollt. Er zog nach Paris und entdeckte Jacques Brel.
Das Ergebnis: Ein bewusster Pivot von Balkan-Folk zu französischem Chanson, orchestriert von Owen Pallett von Arcade Fire, der Condons Melodien in emotional komplexe Klanglandschaften verwandelte. Jeder Track benennt eine französische Stadt – Nantes, Cherbourg, La Banlieue –, außer „Guyamas Sonora“, einem mexikanischen Ort als überraschendem Plot-Twist.
Der Albumtitel stammt von einer 1910er-Fotografie: einem der ersten Farbfotos überhaupt, das einen Pariser Heißluftballon-Wettbewerb zeigt. Condon beschreibt es als „das surrealistischste Bild, das ich seit Langem gesehen habe“. Mehrere Elemente, die gleichzeitig abheben, etwas Unmögliches versuchen.
Das Album nimmt mich jedes Mal aufs Neue mit in eine andere Welt, die längst vergangen scheint. Voller Melancholie und gleichfalls Schönheit. Chamber-Pop trifft Balkan-Brass trifft Sehnsucht.
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Hör das, wenn: du dich in einen Sessel fallen lässt und bereit bist, eine Weile zu bleiben.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Erlend Oye, La Comitiva – For The Time Being
Was passiert, wenn ein hypnotischer Deep-House-Track von 2004 zwanzig Jahre später in einem sizilianischen Wohnzimmer neu geboren wird? Genau das hier. Erlend Øye – eine Hälfte von Kings of Convenience – nahm den ursprünglichen Phonique-Clubtrack auf, den er 2014 schon gesungen hatte, und paarte ihn mit dem Groove von „Island“ von seinem anderen Projekt „The Whitest Boy Alive“ und verwandelte ihn mit seiner La Comitiva in etwas völlig Neues: Chamber Pop mit Cavaquinho, klassischen Gitarren und luftigen Bläserarrangements.
Das Besondere: Luigi Orofino, der das brasilianische Zupfinstrument spielt, begann erst mit 37 Jahren, Musik zu machen. Øye selbst sagt: „Er ist am wenigsten professionell, bringt aber am meisten Soul in die Band.” Seit 2012 lebt der Norweger in Siracusa auf Sizilien, wo die Band aus spontanen Piazza-Sessions im Ortigia-Viertel entstand – Musiker aus verschiedenen Ländern, die ohne Verstärker jamen.
Die Textzeile „It’s all I can do, wait ‘til it’s gone” klingt nach Resignation, aber hier – umgeben von mediterraner Wärme – wird daraus etwas anderes: Akzeptanz. Die Akzeptanz, dass wir im ewigen „For the time being” leben, diesem ständigen Jetzt, das weder festgehalten noch beschleunigt werden kann. Und vielleicht ist das okay so.
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Hör das, wenn: du merkst, dass du schon wieder den ganzen Heimweg planst, statt einfach nach Hause zu gehen.
Für das Innehalten | Deep listening & meditation
Hanakiv feat. Hior Chronik – Trying to find peace
Zurücklehnen. Durchatmen. Den Titel beim Wort nehmen.
Diese Kollaboration aus 2025 bringt zwei Welten zusammen: die estnische Pianistin Hanakiv – klassisch ausgebildet, seit Kurzem in London ansässig – und den Berliner Produzenten Hior Chronik, der laut eigenem Bekunden „Sound außerhalb der Zeit“ schaffen will. Was dabei herauskommt, ist Ambient mit meditativem Piano-Fokus, der genau das tut, was der Titel verspricht.
Hanakiv hat auf ihrem Debütalbum „Goodbyes“ bereits mit Alabaster DePlume zusammengearbeitet – einem Londoner Musiker, dessen gesamte künstlerische Philosophie sich um die Frage dreht: „Was brauchen Menschen? Heilung.“ Diese Haltung zieht sich auch durch „Trying to find peace“. Hior Chronik wiederum – bürgerlich George Papadopoulos, geboren 1974 in Athen – arbeitete früher als Jazz-FM-Radio-Produzent, bevor er sich der elektronischen Musik zuwandte.
Der Track ist 4:28 lang – kurz genug, um fokussiert zu bleiben, lang genug, um wirklich anzukommen. Und ja: Der Titel ist Programm. Es geht nicht darum, Frieden zu finden. Es geht um das Versuchen. Den Prozess.
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Hör das, wenn: du die Augen schließen und für vier Minuten einfach nur atmen willst.
Für eine Zeitreise | Vintage Vibes
Ahmed Malek – Bossa
Algerische Filmmusik aus den 1970ern, wiederentdeckt von einem Berliner Label, das auf seltene Funk- und Soul-Schätze aus der arabischen Welt spezialisiert ist. Klingt nach einer Nischengeschichte. Ist es auch. Aber was für eine.
Ahmed Malek (1931–2008) war der Meister der algerischen Filmmusik – Chefdirigent des Algerian Television Orchestra, Gewinner der Goldmedaille beim Pan-African Festival, Komponist für kanonische Werke wie „Omar Gatlato“ (1976). Aber außerhalb Algeriens? Völlig unbekannt. Bis Jannis Stuertz von Habibi Funk Records 2015 über einen Freund einer Freundin Kontakt zu Maleks Tochter Henia aufnahm – und in ihrem Besitz 30 Meister-Tapes entdeckte.
Der Titel selbst ist ein Statement: Ein algerischer Komponist, der seine Musik nach einem brasilianischen Genre benennt. Jazz-Fusion trifft auf arabische Melodik, warm und leicht melancholisch zugleich. Die Habibi-Funk-Beschreibung trifft es: „moody and slightly melancholy, surprisingly groovy“. Musik, die Bilder in den Kopf pflanzt – auch ohne den Film zu kennen, für den sie komponiert wurde.
Malek selbst sagte einmal: „Ich habe die Musik nicht gewählt, die Musik hat mich gewählt.“ Es hat nur fünfzig Jahre gedauert, bis die Welt das auch so sieht.
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Hör das, wenn: du in deinem Kopf einen Film siehst, der noch nicht gedreht wurde.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Tom Zé – Augusta, Angélica e Consolação
Auf den ersten Blick ein melancholisches Liebeslied über drei Frauen. Auf den zweiten Blick: Eine Satire über die Straßen von São Paulo.
Tomé Zé, geboren 1936 in Bahia, Brasilien, ist einer der radikalsten Künstler der Tropicália-Bewegung – der Mann, der sein Haus verkaufte, um experimentelle Instrumente zu bauen, und dann 17 Jahre lang von der Musikindustrie vergessen wurde, bis David Byrne 1990 zufällig eines seiner Alben in Rio kaufte.
Dieser Track von 1973 funktioniert auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Augusta, Angélica und Consolação sind nicht nur Frauennamen – sie sind berühmte Straßen in São Paulo. Augusta ist bekannt für Modeboutiquen (daher: „Sie gab mein Geld für importierte Kleidung aus“), Angélica für Arztpraxen (daher: „Sie roch nach Arztpraxis“). Und Consolação? Das bedeutet wörtlich „Trost“. Nach den Enttäuschungen bei den ersten beiden findet das Subjekt also „Trost“ – der zufällig auch eine Straße ist.
Samba, der die kapitalistische Logik der modernen Stadt entlarvt, während du dazu tanzen kannst. Zé selbst wurde als „der brechtianischste der Tropicalistas“ beschrieben. Das trifft es. Du lachst, dann denkst du nach, dann weinst du vielleicht – und immerzu wippt dein Fuß mit.
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Hör das, wenn: du bereit bist, von einem 88-jährigen Brasilianer etwas über urbane Geografie und Gesellschaftskritik zu lernen – verpackt in drei Minuten Samba.
Für den Flow | Global Groove
Zoufris Maracas feat. LUIZA – Si c’était pire
„Wenn es vorher schlimmer war und danach noch schlimmer ist – dann lass mich in der Zwischenzeit träumen, dass es einen Weg gibt, die Zeit anzuhalten.”
Das ist die zentrale These dieses Tracks von 2024. Zoufris Maracas – eine Band, die in der Pariser Metro entstand, gegründet von einem ehemaligen Soziologen und Greenpeace-Aktivisten – trifft auf die franco-kapverdische Sängerin LUIZA. Das Ergebnis: French Chanson trifft World Music Fusion, fünf Gitarristen, Bläser, lateinamerikanische Rhythmen. Und Texte, die gleichzeitig resigniert und rebellisch klingen.
Der Bandname selbst ist politisch: „Zoufris” bezeichnet nordafrikanische Arbeiter, die nach dem Zweiten Weltkrieg Frankreich wiederaufbauten, während sie von der Gesellschaft als Unterschicht behandelt wurden. Das Musikvideo wurde auf den Kapverdischen Inseln gedreht, unter Mitwirkung der lokalen Bevölkerung von Faja de Cima.
Fünf Verse erkunden fünf Formen des Widerstands: Liebe, politische Revolution, Bewunderung der Natur, Hedonismus, Vergessen. Am Ende wechselt LUIZA ins Portugiesische, und plötzlich wird klar: Die französische Ratio kann das Dilemma nicht lösen. Nur Gefühl und Musik können das.
Der Song ist tanzbar. Die Lyrics sind bitter. Typisch für Zoufris Maracas und ihre Texte. Wir tanzen auf dem sinkenden Schiff – nicht um zu gewinnen, sondern um zu überleben.
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Hör das, wenn: du gleichzeitig tanzen und über den Zustand der Welt nachdenken willst – ohne dass eines das andere entwertet.
Das war es wieder für diese Woche! Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere Song dir ein paar Minuten wohlverdiente Auszeit ermöglicht und dich bei deinem Feierabend, wie immer er auch aussehen mag, unterstützt. Falls ein Song besonders gut passt, bin ich gespannt darauf zu hören, in welchem Moment, in welcher Stimmung er dich gefangen hat.
Und wenn dir gefällt, was du liest und hörst, freue ich mich darüber, wenn du TAoMF abonnierst und mit einer Weiterempfehlung honorierst.
In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg



Ich kenne nur von Beirut The Gulag Orkestar und liebe das Album von Anbeginn. Danke für deine Tipps.