Soundletter 003: Musik für mögliche Feierabende
Diese Woche mit: Hiatus Kaiyote, Jonathan Wilson, Aznavour, Charif Megarbane & Hubbabubbaklubb. Von Neo-Soul bis Chanson. Dein Soundtrack für den Feierabend!
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit.
Warme Gedanken bei klirrender Kälte!
Der Winter hat Hamburg im festen Griff. Während ich ein Stück näher an die Heizung rücke, fallen mir kleine Eiskristalle am Fenster auf – kleine Kunstwerke der Natur.
Schon lange lag in Hamburg nicht mehr so viel Schnee. Zugegeben, der größte Schnee-, geschweige denn Wintersport-Fan war ich nie. Aber was ich wirklich daran wundervoll finde, ist der sich verändernde Klang. Alles klingt ein wenig dumpfer, als würden all die nervigen Geräusche der Stadt verschluckt. Was bleibt, sind ein paar piepsende Vögel und das Knarren des Schnees unter den eigenen Schuhen.
Apropos Tiere: Was haben Tiere und Musik gemeinsam? Darum geht’s im Soundflip der Woche. Doch bevor es mit Musik weitergeht, ein kleiner uneigennütziger Hinweis, falls du viel auf Substack unterwegs bist. Denn weil ich selbst stellenweise meine Probleme habe, mich nicht von den Social-Media-Logiken verschlucken zu lassen, habe ich darüber einen Text geschrieben.
Und jetzt viel Spaß beim bewussten Musikhören und der Soundauswahl für diese Woche.
Soundflip der Woche
Ein Song ist nicht nur ein Song. Je nachdem an welchem Ort, zu welcher Zeit, mit welcher Stimmung du ihn hörst, kann er sich und seine Bedeutung verändern. Der Soundflip lädt dich ein, weitere Facetten zu erkunden, neue Blickwinkel zu wagen, und schickt deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Wenn dieser Song ein Tier wäre, welches wäre es?
Welche Bewegung hörst du im Rhythmus: eher schleichend, federnd, staksig oder gleitend – und welches Element im Beat macht das deutlich? In welchem Lebensraum gehört dieses Tier zu Hause, und fühlt sich der Sound eher nach offener Weite oder enger Deckung an?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, dieses Spektrum durch musikalische Hinter- oder Vordergrundbeschallung zu supporten. Jede Woche 1 Album und 5 Tracks für die möglichen Momente deines Feierabends.
Für das Eintauchen | Album
Hiatus Kaiyote – Tawk Tomahawk
Eine Band aus Melbourne nimmt ihr Debütalbum in einem umgebauten Schaufenster auf. “Bedroom Studio” nennen sie das liebevoll. Einer der Tracks: “Nakamarra” – der Track, der später Grammy-nominiert wurde –, entstand in einem einzigen Take auf Band. Kein Schnickschnack, keine Korrekturen. Einfach: Play, Record, fertig.
Und dann passierte etwas Verrücktes: Prince hörte das Album. Dann Erykah Badu, Questlove und Animal Collective. Alle wurden Fans. Gilles Peterson nannte Hiatus Kaiyote seine „Breakthrough Artists“ des Jahres. Salaam Remi (der mit Nas und Amy Winehouse gearbeitet hat) machte sie zum ersten Signing seines Labels.
Jazz-Komplexität trifft Soul-Emotionalität, aber es fühlt sich nie verkopft an. Polyrhythmen, die grooven, statt zu verwirren. Nai Palms Stimme – gleichzeitig verletzlich und kraftvoll. Als würde sie dir direkt ins Ohr flüstern und dabei die ganze Welt umarmen.
Das ist kein Album zum nebenbei Hören. Und es mag auch nicht beim ersten Mal Klick machen. Aber bei jedem erneuten Hören eröffnen sich neue Nuancen.
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Hör das, wenn: du mal wieder Lust hast, dich in einem Album so richtig zu verlieren und bei jedem neuen Hören neue Feinheiten entdecken möchtest.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Jonathan Wilson – Desert Raven
Jonathan Wilson landete in Los Angeles, wurde Teil der Laurel Canyon Revival-Szene und fing an, für andere zu produzieren – Father John Misty zum Beispiel, mit dem er vier Alben gemacht hat, darunter das Grammy-nominierte “Chloë and the Next 20th Century”.
Aber “Desert Raven” ist sein eigener Song. Eine 7-Minuten-Ballade mit Piano, Gitarre und Cembalo. Wilson beschreibt das Album als eine “meditation on desensitization to mankind’s despair” – klingt schwer, ist aber wunderschön.
Der Song erzählt von einem Raben, der durch die Wüste fliegt: “The raven who flies through desert skies / Is wiser than you or me.” Und du glaubst ihm das sofort.
Wilson schafft es, melancholisch zu sein, ohne depressiv, hoffnungsvoll, ohne naiv. Der Track gleitet, er drängt nicht. Das Cembalo gibt ihm etwas Zeitloses, fast Barockes, während die Produktion klar modern ist.
Perfekt für den Übergang vom Arbeitsmodus. Nicht abrupt, nicht zu soft. Einfach: sanft ankommen.
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Hör das, wenn: du von der Arbeit kommst und merkst, dass dein Kopf noch drei Meetings gleichzeitig abspielt.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
The Vernon Spring – Requiem for Reem
Zurücklehnen. Durchatmen. Den Stress von den Schultern fallen lassen.
Sam Beste – der Kopf hinter The Vernon Spring – hat einen irren Lebenslauf: Live-Pianist für Amy Winehouse. Sessions mit MF DOOM. Arbeit mit Sounwave, dem Produzenten von Kendrick Lamar.
Und dann macht er... das hier. Eine Piano-Ballade mit stiller Intensität. Er nennt das Album einen „Love Letter to a Nuclear Family in Time of Global Uncertainty“.”
Es gibt mittlerweile eine Version mit Vocals und Flügelhorn, aber die Original-Piano-Version hat etwas Meditatives, Unaufgeregtes. Keine großen Gesten. Keine dramatischen Crescendos. Nur: da sein. Präsent bleiben. Dem Moment Raum geben.
Manchmal braucht man keine Antworten oder Lösungen. Manchmal reicht es, kurz innezuhalten und zu spüren, dass man noch da ist.
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Hör das, wenn: du merkst, dass du den ganzen Tag nur funktioniert hast und vergessen hast, wie sich dein eigener Atem anfühlt.
Für eine Zeitreise | Vintage Vibes
Charles Aznavour – Que c’est triste Venise
„Wietraurig ist Venedig, wenn wir uns nicht mehr lieben.”
Charles Aznavour – französisch-armenischer Chanson-Sänger mit 75-jähriger Karriere – singt über Venedig als Symbol für emotionale Leere. Nicht die romantische Postkartenstadt, sondern: ein Ort, der seine Magie verliert, wenn die Liebe weg ist.
Text von Françoise Dorin, Musik von Aznavour, Orchester dirigiert von Paul Mauriat. Der Song wurde #1 in Argentinien, Frankreich, Spanien. Aznavour nahm ihn auf Spanisch, Italienisch, Deutsch und Englisch auf. Aber die französische Version bleibt die stärkste.
Die Melancholie ist so präzise. Nicht theatralisch. Nicht übertrieben. Einfach: die Traurigkeit darüber, dass schöne Orte bedeutungslos werden können.
Aznavours Stimme klingt nie sentimental, sondern ehrlich. Als würde er einem Freund in einer Bar seine Geschichte erzählen. Das Orchester unterstützt, drängt sich nie auf.
Manchmal ist Nostalgie nicht Flucht, sondern Erinnerung daran, was möglich war. Und das kann auch schmerzhaft sein.
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Hör das, wenn: du an einem Ort bist, der früher besonders war, und merkst, dass er seine Bedeutung verloren hat.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Charif Megarbane – Pas de Dialoge
“Pas de Dialoge” bedeutet “Keine Dialoge”. Komplett instrumental. Pure Kommunikation ohne Worte.
Charif Megarbane ist libanesischer Multi-Instrumentalist, lebt in Nairobi und hat über 100 Alben auf seinem eigenen Label veröffentlicht. Er nennt seinen Sound “Lebrary” – eine Mischung aus Library Music (Produktionsmusik für Film/TV) und Lebanon.
Dieser Track: 12-saitige Gitarre, Cembalo und – kein Scherz – eine Espressomaschine als perkussives Element.
Das Ergebnis klingt wie ein Soundtrack zu einem italienischen Film der 60er Jahre, gedreht im Mittleren Osten. Irgendwo zwischen Ennio Morricone und arabischer Kaffeehaus-Kultur. Leicht, verspielt, aber mit Substanz.
Ich finde es faszinierend, wie Musik ohne Worte Geschichten erzählen kann. Wie eine Espressomaschine Rhythmus geben kann und wie Instrumente aus verschiedenen Welten zusammenklingen können, ohne dass es gezwungen wirkt.
Habibi Funk Records – das Label, das arabische Musik aus den 60ern bis 80ern neu entdeckt – ist die perfekte Heimat für dieses Album.
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Hör das, wenn: du merkst, dass deine Spotify-Bubble zu eng wird und du mal was völlig Anderes brauchst, ohne gleich overwhelmed zu sein.
Für den Flow | Global Groove
Hubbabubbaklubb – Mopedbart
Mopedbart bedeutet “Moped-Schnurrbart”. Das allein sagt schon viel.
Die norwegische Band aus Oslo ist eine Hommage an die skandinavische Moped-Kultur der 60er und 70er Jahre. Wenn du dir Fotos aus dieser Zeit anschaust, siehst du sie überall: junge Typen auf kleinen Mopeds mit Schnurrbärten. Hubbabubbaklubb klingt genauso – ein wenig retro, etwas verschmitzt, aber völlig zeitlos.
Psychedelische Elektronik mit minimalen Vocals, die sich anfühlt wie eine Mitternachtsfahrt durch Oslo. Mitglieder der Band sind bzw. waren Resident-DJs in Oslo und bekannt für ihre theatralischen Live-Performances.
Der Vibe ist schwer zu beschreiben. Hypnotisch, ohne anstrengend zu sein. Groove ohne Hektik. Wie wenn du nachts durch eine Stadt fährst und alles leuchtet, aber nichts schreit nach Aufmerksamkeit.
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Hör das, wenn: du merkst, dass du ein wenig Tempo brauchst, um wieder in Schwung zu kommen.
Das war es wieder für diese Woche! Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere Song dir ein paar Minuten wohlverdiente Auszeit ermöglicht und dich bei deinem Feierabend, wie immer er auch aussehen mag, unterstützt. Falls ein Song besonders gut passt, bin ich gespannt darauf zu hören, in welchem Moment, in welcher Stimmung er dich gefangen hat.
Falls dir gefällt, was du liest und hörst, freue ich mich wie immer über ein Abo, eine Weiterempfehlung oder ein paar nette Worte. TAoMF ist ein Herzensprojekt und Hobby. Es ist kostenlos für alle verfügbar. Wenn du meine Arbeit wertschätzt und unterstützen möchtest, kannst du mich gern auf einen Kaffee einladen.
In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg


