Über die Kunst, Substack achtsam zu nutzen (Teil 1: für Lesende)
Für alle, die wegen der Texte hier sind – nicht wegen des Feeds. Eine Anleitung zum achtsamen Lesen.
Feierabend ist nicht nur das Ding nach der Arbeit, sondern die Zeit für all das Leben in deinem Leben. Mein Name ist Claas und mit TAoMF versuche ich, das gesamte Spektrum eines gelungenen Feierabends zu erkunden. Wie immer das auch aussehen mag. Dazu gibt es wöchentlich im Soundletter die passende Musik.
Eine Newsletter-Plattform, die es uns immer schwerer macht, Newsletter zu lesen!
Wenn du neu auf Substack bist, geht es dir wohlmöglich wie mir vor etwas mehr als einem Jahr: pure Begeisterung. Überall kreative, nachdenkliche, tiefsinnige und vor allem freundliche Menschen, die ihre Gedanken in teils fantastischen Schriften teilen. Die einander helfen, sich gegenseitig Mut machen und sich inspirieren.
Substack, so scheint es, ist genau das, was all den anderen Plattformen abhanden gekommen ist: Menschlichkeit und Tiefe.
Doch sobald die ersten Schmetterlinge im Bauch verflogen sind, wird eine zweite Wahrheit sichtbar: Substack ist eine Social-Media-Plattform. Und auch ihr geht es darum, dass wir möglichst viel Zeit in der App verbringen und Schreiberlinge dazu gebracht werden, mehr Content zu produzieren. Das geschieht durch ähnliche Design-Entscheidungen, Einstellungen und kleine Kniffe, wie bei „den großen, bösen Konkurrenten“ von Google, Meta und Co.
Und bevor du dich versiehst, hast du das Doomscrolling auf Insta mit Doomscrolling im Substack-Feed ersetzt. Und das, obwohl du eigentlich wegen der spannenden Longread-Artikel hier sein wolltest. Und aus der Person, die eigentlich nur ihrer Freude am Schreiben frönen wollte, ist plötzlich jemand geworden, der täglich das Dashboard zu den neuesten Reichweiten, Abos und Engagement-Rates checkt und jeden Creator-Tipp für Substack-Creator gierig in sich aufsaugt.
Nein, Substack ist nicht das digitale Paradies auf Erden. Auch diese Plattform spielt mit dem menschlichen Verlangen nach Dopamin-ausschüttenden Reizen. Aber das Gute ist: Die Schattenseiten dieser Plattform sind größtenteils vermeidbar. Deshalb habe ich ein paar sinnvolle Einstellungen, Feinjustierungen und Handhabungen zusammengetragen, die uns dabei helfen, die schönen Seiten dieser Plattform weiterhin zu genießen, ohne an ihr zu zerbrechen.
Was dich gleich erwartet – in kurz:
ein Blick hinter Substacks freundliche Fassade
die Aufmerksamkeits-Hebel, die überall gleich funktionieren
praktische Einstellungen für mehr Ruhe
und am Ende: ein Plädoyer fürs tiefe Lesen
Eisbrecher der Woche
Fragen für dich und andere Menschen. Für spannende, unerwartete Gespräche. Denn Feierabend macht man nicht nur allein!
„Was ist es, was ein guter Newsletter für dich ausmacht?”
Das Geschäftsmodell von Substack
Anders als bei Meta, Google und Co., bei denen Werbung den Hauptanteil der Einnahmen ausmacht, ist der Kern des Geschäftsmodells bei Substack der Anteil, den sie durch Abonnements verdienen. 10 % eines bezahlten Newsletter-Abos gehen an Substack, ein paar weitere Prozent an den Zahlungsdienstleister Stripe.
Das bedeutet: Die Plattform profitiert, wenn LeserInnen für Inhalte bezahlen, die sie schätzen, und nicht, wenn sie gedankenlos scrollen. Weil heutzutage aber an jeder Straßenecke jemand ein Abo für irgendetwas verkaufen möchte, ist es für Substack essenziell, dass DU als LeserIn DICH als CreatorIn überhaupt find et, ihr eine Beziehung aufbauen könnt, hochwertige Inhalte produziert werden und dann irgendwann Geld fließen kann.
Deshalb gibt es den Substack-Feed, deshalb gibt es Notes. Es hat bei Twitter und Facebook funktioniert. Also auch hier: Je mehr Zeit wir NutzerInnen in der App verbringen, um neue AutorInnen zu entdecken, zu interagieren, zu kommentieren, desto mehr Abonnements kommen zustande und desto mehr Einnahmen erzielt Substack.
Mit persuasiven Designs zu längerer Verweildauer
Viele Dinge, die uns in der Substack-App begegnen, sind uns bereits von den meisten anderen Plattformen bekannt, denn sie beruhen auf bewährten Methoden und Forschungsergebnissen. Die Standardeinstellungen der Benachrichtigungen sind so gewählt, dass sie uns möglichst häufig triggern, zurück in die App zu kommen. Oder sie möglichst selten verlassen.
Neue Abonnements werden standardmäßig per E-Mail mit App-Benachrichtigungen zugestellt, und jede neue Publikation, die wir abonnieren, fügt einen weiteren potenziellen Trigger hinzu. Die Verwaltung dieser Funktionen erfordert von uns aktive Arbeit. Die detaillierten Einstellungsmöglichkeiten sind gelinde gesagt komplex – E-Mail, Push-Benachrichtigungen, „intelligente Benachrichtigungen“ und dann noch Einstellungen pro Publikation. Wo möchte ich was von wem in der App oder nur via Mail oder von beidem alles bekommen?! Ehh… Waaaatt?
Eine Publikation zu abonnieren, ist einfach. Die Benachrichtigungen so einzustellen, dass man die gewünschten Artikel dann auch findet, ohne von Benachrichtigungen zugespammt zu werden, erfordert ein Diplom, oder zumindest Zeit und etwas Geduld.
Doch die größte Ablenkung von all den langen Artikeln ist der Feed mit Notes. Substack hat damit das System der variablen Belohnungen eingeführt. Wie schon bei Feeds anderer Plattformen zuvor nutzt diese Funktion etwas in unseren Gehirn aus, das auch die Einarmigen-Banditen in Casinos so erfolgreich gemacht hat: Wir wissen nicht, wann uns eine „Belohnung“ erwartet. Neue Likes auf Notes, neue Kommentare, neue Restacks. Alles kommt in ungewissen Rhythmen. Und je unvorhersehbarer sie sind, desto größer die Spannung. Desto häufiger wünschen wir, zurückzukehren. Desto länger scrollen wir. Ach, hey FOMO, auch hier?
Natürlich ist der Feed ein wunderbarer Ort, um neue Menschen und ihre Publikationen zu entdecken, mit Menschen in Kontakt zu treten, mundgerechte Inputs für Zwischendurch serviert zu bekommen und sich als Schreiberling als cleveres Köpfchen der Substack-Welt zu positionieren. Aber er lenkt eigentlich von dem ab, weshalb wir hier sind: den Texten.
Ein weiterer Trick, um uns LeserInnen innerhalb der Artikel zu beeinflussen, sind die Paywalls. In diesem Zusammenhang habe ich den Begriff „Paywall-FOMO“ gelesen: In diversen Wachstumsleitfäden von und auf Substack wird empfohlen, „Cliffhanger-Paywalls“, die direkt vor der „Enthüllung einer wertvollen Erkenntnis, eines Frameworks oder einer Checkliste“ platziert werden sollen, um Dringlichkeit zu erzeugen. Du liest und scrollst, denkst „Okay, cool!“ und zack: Ab hier bitte zahlen!
Und es funktioniert: Nicht wenige Menschen berichten, dass sie eigentlich das monatliche Abo gar nicht brauchten oder wollten, denn die Neugier und das Gefühl, wissen zu wollen, was als Nächstes kommt, waren zu groß.
Nun aber genug schwarzgemalt. Holen wir die Buntstifte raus und beschäftigen wir uns mit den Lösungen.
Praktische Strategien für LeserInnen
Beginnen wir zunächst mit ein paar grundlegenden Einstellungen:
Benachrichtigungen systematisch deaktivieren
Navigiere zu substack.com/settings und deaktiviere Benachrichtigungen zu: Marketing, Lesevorschlägen, Aktivitätsübersichten, neuen Followern, neuen Notizen, Likes, Restacks und was es sonst noch so gibt.
Stell die Newsletter-Zustellung auf „E-Mail bevorzugen“ ein – dadurch werden alle Beiträge an deinen Posteingang weitergeleitet, anstatt Push-Benachrichtigungen zu generieren. Das Ziel ist es, Substack zu einem Pull-System zu machen. Damit du entscheidest, wann und wo du Inhalte konsumierst!
Filter deine Newsletter in einen speziellen Ordner
Erstelle in deinem Mail-Postfach einen Filter für @substack.com, der den Posteingang überspringt und das Label „Newsletter“ anwendet. So entsteht eine selbst kuratierte RSS-ähnliche Erfahrung innerhalb der E-Mail – Beiträge sammeln sich für geplante Lesesitzungen an, anstatt deinen primären Posteingang zu unterbrechen.
Verwende RSS-Feeds für ablenkungsfreies Lesen
Jedes Substack hat einen RSS-Feed unter
https://[Name der Publikation].substack.com/feed.
Abonniere ihn z.B. über Feedly, Inoreader, Inbo, Meco, Matter oder Readwise Reader, um ohne Plattformschnittstelle, Benachrichtigungen oder Algorithmus zu lesen. Dieser Ansatz eliminiert alle „sozialen Funktionen“ und ermöglicht es dir, nach deinem eigenen Zeitplan zu lesen.
Erwäge, die App vollständig zu löschen
Sei ehrlich zu dir: Was ist es, was du von Substack möchtest? Bist du hier gelandet, weil ein spannender Artikel, ein guter Newsletter dich hergeführt hat? Möchtest du einfach nur gute, lange Artikel lesen? Gelegentlich mal einen neuen Newsletter finden, der dich interessiert? Dann überlege dir, die App zu löschen. Lies deine Artikel via Mail oder Newsletter-Reader, schau sporadisch mal auf substack.com vorbei, falls du Lust auf etwas Neues hast. Via „Explore“ findest du mit Sicherheit, was du suchst. Falls du gern auf Deutsch liest, findest du in diesem deutschen Substäck-Verzeichnis von Andreas Laux vielleicht das Richtige.
Suchst du aber Kontakt zu Menschen, möchtest auch mal häppchenweise Input bekommen oder hast auch Lust, dich mal mitzuteilen, dann behalte die App.
Feed-Einstellung: „For you“ vs. „Following”
In der App ist die Funktion leicht versteckt: Sie verbirgt sich hinter dem Substack-Icon oben links. Mit einem Klick kannst du zwischen zwei Formen des Feeds wechseln.
Following: Du siehst nur Posts von den Leuten und Publikationen, denen du folgst oder die du abonniert hast.
For You: Dir werden Themen und Menschen angezeigt, von denen der Algorithmus denkt, dass sie dir gefallen könnten.
Beide Ansichten haben ihren Sinn und Zweck. Frage dich also: Will ich wahrlich Neues entdecken (im Sinne von „ähnlich, aber anders“) oder möchte ich sehen, was in meiner Bubble so abgeht? Ich neige dazu, mich regelmäßig im „For You“-Feed zu verlieren, weshalb ich versuche, ihn zu meiden.
Weniger ist manchmal mehr
Substack ist erfolgreich damit geworden, dass mit jedem Abo weitere Publikationen vorgeschlagen und promotet werden. Das kann auf der einen Seite für das Wachstum des eigenen Newsletters sehr effektiv sein. Aber als LeserIn kann es schnell zu einer Vermüllung deines Postfachs führen. Zumindest ging es mir so. So viel Spannendes da draußen. Aber in der Realität habe ich schlichtweg nicht die Zeit, alles zu lesen.
Ich versuche mich je Thema auf eine kleine Anzahl von AutorInnen zu beschränken, von denen ich aber weiß, dass sie für meinen Geschmack hochwertigen, spannenden und „nützlichen“ Content produzieren. In ein paar Monaten schaue ich diese Liste wieder durch. Was ich seit dem letzten Durchschauen nicht oder kaum gelesen habe, fliegt im Zweifel raus.
Shortcuts, Badges und Graustufen
Wenn das nicht reicht, der Drang in dir weiterhin zu groß ist und dein Finger nicht ablassen kann von dieser App, dann schau doch mal in meinen Artikel aus dem letzten Monat. Dort habe ich weitere Tipps und Hacks zusammengestellt, die dabei helfen können, deine Screentime am Handy zu minimieren.
Die Kunst des aufmerksamen Lesens
Aber selbst wenn wir all diese Einstellungen ändern – bleibt ein Problem, das tiefer liegt: Warum bin ich hier und was möchte ich eigentlich? Auch wenn Substack den Weg zu einer Social-Media-Plattform geht, so lautet die Antwort für die meisten wahrscheinlich noch immer: weil ich hochwertigen, langlebigen, ehrlichen Content von authentischen Menschen lesen möchte.
(I know, Audio und Video sind auf dem Vormarsch auf Substack und werden gepusht, aber das geschriebene Wort ist noch im Fokus der meisten.)
Oder was sind deine Gründe?
Neben all den eingebauten Ablenkungen steht dem eine weitere Sache im Weg: der Bildschirm selbst, an dem wir lesen. Untersuchungen zeigen immer wieder, dass digitales Lesen eine flachere Verarbeitung fördert als gedrucktes Lesen. Das ist insbesondere bei längeren und komplexeren Texten, derentwegen wir ja hier sind, ein Problem.
Wir haben gelernt, dass das Lesen an Bildschirmen oft schnell und flach ist. Danke, Social Media! Das kann schnell zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden, wenn die Texte länger werden und unser Gehirn mit der Tiefe plötzlich seine Probleme hat.
Das hat durchaus auch etwas mit unserer Erwartung zu tun. Wir lesen digitale Texte schneller, unkonzentrierter und sprunghafter. Das liegt vielleicht auch am Gerät: Handy schnell raus, Nachricht lesen, wieder zurück in die Tasche. Und das mehrere Dutzend Mal pro Tag. Wiederholung macht den Meister! Auch der Substack-Feed mit seinem kurzweiligen Input schlägt in diese Kerbe.
Bei Geschichten und „Erzähltexten“ spielt das nicht eine so große Rolle wie bei Sachtexten, jenen mit viel Inhalt. Wo es auf jedes Detail ankommt. Hier hilft es, sich noch einmal ein paar Techniken anzuschauen, die zu Schulzeiten schon meinen LehrerInnen propagiert worden sind.
Praktische Techniken für tiefes Lesen
Bewusste Zeit fürs Lesen: Wenn ich zu einem Buch greife, dann ist das ein Ritual. Ich nehme mir vor, zu lesen. Stelle mich auf mindestens eine halbe Stunde ein, in der ich nichts anderes tun werde. Also: Gemütliches Plätzchen suchen, Getränk paratstellen. Ein Ritual hat sich etabliert. Beim Lesen am Bildschirm fehlt mir dieses. Meist geschieht das Lesen ungeplant, nebenbei. Man landet zufällig bei einem Text und liest ihn plötzlich. Es ist geprägt von kleinen und großen Ablenkungen. Oft geschieht es ohne anfängliche Intention.
In diesen Momenten, wenn mir das auffällt, versuche ich, meine Aufmerksamkeit bewusst zu fokussieren. Atme kurz ein wenig ein und aus und starte den Text noch einmal von vorn. Manchmal frage ich mich auch: Warum hat mich dieser Artikel angesprochen? Was erwarte ich von ihm?
Tiefes Lesen erfordert Singletasking. Qualitativ hochwertige Inhalte können oder vielmehr wollen nicht beiläufig konsumiert werden, sondern fordern volle Konzentration ein. Zumindest dann, wenn wir das Lesen ernstnehmen wollen und den Inhalt des Textes erschließen wollen. Also: Tabs schließen, Benachrichtigungen stumm schalten, vielleicht sogar einen Timer stellen.
Deep Reading heißt das Buzzword! Besonders wenn ich am Handy lese und eine Nachricht bekomme, man vielleicht schon den ersten Halbsatz und den Absender sieht, ist der Drang groß, direkt zu switchen. Aber dadurch verlieren wir den Fokus und es kostet uns einiges, um danach gedanklich wieder tief in den Text einzusteigen. Plus: Es bleibt weniger davon hängen!
Mach Notizen! Ob digital oder handgeschrieben. Ob in einer Notiz-App, einer Markierung in einer der oben genannten „Newsletter-Reader“-Apps oder im kleinen Notizbuch: Markiere Fragen, Verbindungen und Reaktionen. Und wenn du es richtig wissen willst: Erstelle Kartei-Karten mit den wichtigsten Argumenten, lies Teile laut vor, um sie in eigene Worte zu übersetzen, oder lese den Text mehrfach, um noch die feinste Nuance zu erfassen. Mach es wie Anne-Laure Le Cunff: Mach ein kleines Experiment, eine eigene kleine Forschungsreise daraus.
Und nun zum Extremen: Druck es aus! Ebenso wie meine stetig länger werdende Leseliste bei Büchern, wächst auch meine Saved-for-Later-Liste mit Onlineartikeln und Substacks. Wieso nicht also einfach mal einen dieser Artikel für die Mittagspause oder für das Sofa, das Teil der Handyfreien-Zone für mich ist werden muss, ausdrucken?
Für das absolute Retro-Zeitungsfeeling gibt es sogar The Substack Print, das jeden Artikel in ein sauber formatiertes, druckbares PDF umbastelt! (Danke Jessica Ruhstorfer für diesen Hinweis!)
Auch wenn das auf den ersten Blick sonderlich klingt. Aber auf den zweiten: Ich kaufe mir eine Vinyl, weil es mein Klangerlebnis steigert, der Musik eine andere Wertigkeit gibt. Ebenso mit Büchern. Wieso nicht also auch einem Text die Ehre erweisen, bei dem sich ein Kopf dahinter viel Mühe gegeben hat?
Das Positive an Social Media
Und wenn wir es geschafft haben, einen Artikel in Ruhe und voller Genuss zu lesen? Wenn wir uns auf ihn eingelassen haben und er uns auf die ein oder andere Weise angesprochen, berührt und bewegt hat? Dann haben wir das unfassbare Privileg, mit den Menschen hinter den Ideen in Kontakt zu treten. Und damit meine ich mehr, als nur ein Herzchen dazuzulassen.
Klar ist auch das ein Zeichen von Wertschätzung, von „Danke für diesen tollen Artikel“ sagen. Aber was viele AutorInnen doch wirklich wollen, zumindest geht es mir so, ist es, sich mit den Menschen über das Thema auszutauschen. Zu hören, welche Gedanken sie dazu haben, welche Ideen dazu aufkommen. Was der Text, der Inhalt, die Gedanken mit den LeserInnen gemacht haben. Früher war es nur schwer möglich, sich direkt mit einer Verfasserin eines Textes per Du auszutauschen.
Worin stimme ich mit überein? Wo hat mich der Text herausgefordert? Wo kratzt er an meinen Glaubensgrundsätzen, wo hat er mir eine neue Perspektive eröffnet, die ich so nie gesehen hätte?
Als jemand, dessen Texte hier bislang relativ wenig Reaktionen oder Austausch zutage gefördert haben, lass dir sagen: Jeder ernst gemeinte Kommentar, der über einen schnell formulierten, eingetippten Halbsatz hinausgeht und sich mit dem eigenen Text auseinandersetzt, löst ein wunderbar flauschiges Gefühl des Gesehenwerdens in mir aus. Auch, wenn es sich um (konstruktive!) Kritik handelt! Und ich wette, das trifft auf die meisten anderen Schreiberlinge hier auch zu!
Dafür benötigst du übrigens nicht die App. Wenn du direkt aus deinem Mailpostfach auf den Newsletter antwortest, landet deine Nachricht direkt bei der Verfasserin. Vielleicht ist es ja der Beginn eines spannenden, erquickenden Austauschs, von dem beide noch lange zehren werden. Auch die Chat-Funktion, die einige Publikationen nutzen, kann hier ein toller Weg sein, mit den AutorInnen und deren Communitys in Kontakt zu treten.
[Note: Ich nutze diesen Chat eigentlich noch weniger, als ich wollen würde, aber vielleicht ändert sich das ja, wenn du mit mir in Kontakt trittst! Hätte jedenfalls Lust, über Feierabende und das Leben mit dir zu philosophieren! 🙃]
Auch hier hilft übrigens der Tipp von weiter oben: Lieber mit wenigen Publikationen und AutorInnen intensiv beschäftigen, als mit vielen nur oberflächlich. Dabei kommt mir manchmal die Frage in den Sinn: Kommentiere ich gerade, weil ich ernsthaft etwas beitragen kann und möchte, oder nur, weil ich es kann, aus einer Laune heraus? Oder geht es sogar eigentlich um meine eigene Sichtbarkeit?
Wenn du bis hierhin gelesen hast – Chapeau. Vielleicht magst du kurz innehalten. Hat dich etwas angesprochen? Etwas herausgefordert? Etwas, dem du widersprechen willst? Dann schreib’s. Nicht für mich, nicht für die Sichtbarkeit – sondern weil ein echter Gedanke mehr wert ist als zehn Herzchen. (Ich freue mich trotzdem über Herzchen. Bin auch nur ein Mensch.)
Fazit: Achtsames Lesen in schnellen Zeiten
Auch Substack trägt die DNA der Aufmerksamkeitsökonomie in sich. Substack ist zwar besser als andere, werbegesteuerte, Alternativen – aber „besser“ bedeutet nicht „gut“. Die Entwicklung der Plattform hin zu Social-Media-Funktionen, zu Video und Audio deutet darauf hin, dass sich die Lücke vielleicht noch weiter verringern wird.
Das sinnvollste Gegenmittel gegen oberflächliches Entertainment ist deshalb struktureller Natur: Gilt dein Interesse den Longreads, vielleicht auch nur einigen wenigen Publikationen, die du mit ganzem Herzen supporten möchtest, dann sind das Mailpostfach oder der RSS-Reader mehr als ausreichend. Das extrahiert den wahren Wert von Substack – den Zugang zu exzellenten AutorInnen – und es vermeidet gleichzeitig all jene Mechanismen, die darauf abzielen, mehr Aufmerksamkeit zu erregen, als du bereit bist zu geben.
Suchst du den Austausch, gefallen dir die Social-Features der App, dann lohnt es sich, ein wenig Zeit in das Feinjustieren einiger Einstellungen zu investieren. Gehe in Ruhe alle Einstellungen durch und richte dir die App so ein, wie es sich für dich richtig anfühlt. Aber überlege, ob du nicht einen App-Timer mit einer maximalen Nutzungszeit pro Tag in deinem Smartphone einrichtest.
Ich sehe es so:
Ich kann die Aufmerksamkeitsökonomie nicht reparieren, aber ich kann mich weigern, meine Beziehungen danach auszurichten. Meine alltägliche Aufmerksamkeit ist ein Akt der (Selbst)Fürsorge. Und ja, die ist nicht kostenlos, sondern mit Arbeit und Aufwand verbunden. Aber genau das zeigt ihren Wert.
Ich versuche nicht, meine Aufmerksamkeit für noch mehr Produktivität zu optimieren. Das füttert nur die Systeme, die das Problem verursachen. Ich versuche, selbst zu entscheiden, was meine Aufmerksamkeit verdient. Und diesen Raum dann zu schützen.
In diesem Sinne: schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg



