Soundletter 011: Depression, Baritonsax und die Platte, die ein Vater für seine Tochter gemacht hat
Diese Woche mit Huw Marc Bennett, Otis Redding, MOMO., Fred Aucagos, Resavoir und Ora Cogan. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zur Radiosendung.
Zwischen Kreativblockade und musikalischer Fernreise
Ich hab’ in den letzten 2 Wochen gemerkt, dass mir etwas die Kreativität abhandengekommen ist. Zwar sind ein paar echt gute Ideen für längere Artikel dabei, teilweise ist schon auch mehr als die Hälfte fertig. Aber bei jedem Versuch, an ihnen weiterzuschreiben, kam nur Grütze raus.
Falls du es kennst: Man sitzt, schreibt, kommt ins Stocken. Dann abermals den letzten Satz lesen und sofort wieder löschen. Nach einer halben Stunde bleibt der letzte, schlechte Satz einfach stehen, damit es sich wenigstens so anfühlt, als hätte ich was geschrieben.
Aber merkwürdigerweise finde ich es nicht schlimm. Es stresst mich nicht. Ich hab’ nicht das Gefühl, dass ich auf Teufel komm raus etwas produzieren muss. Ich glaube, davon hättest du auch nichts. Vor einigen Monaten wäre ich verrückt geworden. Schließlich hab’ ich mir vorgenommen, 2 Longreads im Monat zu basteln! Aber jetzt: Lieber verweile ich noch eine Weile bei neuer und alter Musik und genieße den Frühling. Und dabei bin ich zuversichtlich, dass mich die kommende Woche die Muse wieder küssen wird.
Übrigens:
Weil mir aufgefallen ist, dass ich dafür irgendwie gerade einen Faible habe, fuchse ich mich gerade etwas strukturierter in Musik aus Brasilien rein, höre mich durch die großen Klassiker und erstelle dazu eine kleine Deep-Dive-Brasil-Playlist. Gut vorstellbar, dass daraus auch mal ein Mixtape und ein geschriebener Deep Dive werden könnten. Gibts daran Interesse deinerseits?
Doch bevor es nun losgeht mit Musik, wieder ein kleiner Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Schließ die Augen: Wo im Körper spürst du diesen Track zuerst?
Spielen deine Finger die Klaviermelodie mit? Wippt dein Fuß oder bekommst du eine leichte Gänsehaut an den Unterarmen?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
HUW MARC BENNETT – DAYS LIKE NOW
Walisischer Folk trifft Global Beats, Lo-Fi-Dub und Jazz – und das auf einem Album, das nur sieben Tracks und 32 Minuten braucht, um eine ganze Welt zu öffnen.
Huw Marc Bennett war früher als Susso unterwegs – damals reiste er nach Gambia, lebte bei Mandinka-Griot-Familien und studierte das Balafon. Jetzt kehrt er zurück zu seinen Wurzeln in Südwales, aber nicht als Nostalgie-Trip, sondern als Identitätssuche mit offenem Ausgang. Die Drums sind fuzzy und weich, die Akustikgitarren stehen im Vordergrund, und man hört Bennetts Atem im Mix – so intim ist die Produktion. Besonders schön: „Y Gwydd” nimmt ein jahrhundertealtes walisisches Volkslied über eine Webmaschine und fusioniert es mit Afro-Cuban-Grooves und Marimba. Klingt, als hätte das schon immer zusammengehört. “Pink Sunset” ist der vielleicht poppigste Track des Albums und hat mir einen wochenlangen Ohrwurm beschert. Der Closer „Red Valley” ist ein Tribut an walisische Freiwillige, die im Spanischen Bürgerkrieg gegen den Faschismus kämpften – musikalisch irgendwo zwischen Khruangbin-Groove und Ethio-Jazz, mit dem Knirschen marschierender Schritte im Mix.
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Hör das, wenn: du an einem Sonntagnachmittag die Fenster aufreißt, den Frühling spürst und dich einfach eine halbe Stunde aufs Sofa legst, Musik hörst und den Sonnenschein, der durchs Fenster scheint, genießt.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
ORA COGAN – COWGIRL
Gothic Country meets Dream-Pop, irgendwo zwischen Mazzy Star und Big Thief. Ora Cogan ist auf Salt Spring Island aufgewachsen, einer Insel an der kanadischen Pazifikküste, wo ihre Mutter als Aktivistin bei Anti-Abholzungsprotesten verhaftet wurde und im elterlichen Studio Folk-Platten liefen. Gleichzeitig lernte die junge Ora Grunge-Songs von Obdachlosen im Park. Diese Mischung hört man.
„Cowgirl” ist ein langsamer, hallgetränkter Jam über Depression und Isolation – Cogan selbst nennt den Song einen geisterhaften Acid-Trip intensiver Trauer. Die Gitarren klingen dabei warm und großzügig, während der Text eine surreale Nachtlandschaft zeichnet: Sterne fallen, Hunde heulen, Straßenlaternen glimmen. Das Album Formless entstand auf langen Pandemie-Spaziergängen mit ihrem Hund und wurde zu einer Art Rettungsanker. Cogan sagt, sie wolle durch die Sümpfe gehen, um Schönheit in der Lächerlichkeit des Menschseins zu finden. Klingt vielleicht etwas pathetisch – funktioniert aber.
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Hör das, wenn: du abends im Bett liegst, das Licht der Straßenlaterne durch die Jalousie fällt und du dir eingestehst, dass es okay ist, gerade einfach traurig zu sein.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
RESAVOIR – FAR CRY
Ambient-Jazz ohne Schlagzeug, zwei Minuten kurz, und trotzdem passiert alles. Will Miller, Trompeter aus Chicago und Mitglied der Indie-Band Whitney, hat mit Resavoir bisher kollektiven Soul-Jazz gemacht – plus Bläserarrangements für SZA, Mac Miller und Chance The Rapper. Auf dem kommenden Album Themes for Dreams dreht er den Ansatz komplett um: kein Drum-Set, nur überlagerte Melodielinien, die schweben, sich auflösen und nachhängen.
„Far Cry” eröffnet diesen Traumzyklus. Es ist ein Übergang in einen Traum, in den filmischen Höhepunkt eines Soundtracks, in ein High-End-Spa mit außergewöhnlich gutem Musikgeschmack – der Albumtitel Themes for Dreams ist mehr als passend. Miller selbst sagt, die Platte soll sich anfühlen wie eine warme Decke. Und ich kuschle mich jetzt darin ein!
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Hör das, wenn: du auf dem Sofa sitzt, die Augen schließt und dir zwei Minuten gönnst, in denen absolut nichts von dir erwartet wird.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
MOMO. FEAT. JESSICA LAUREN – PÁRA
Brasilianischer Groove trifft Londoner Jazz-Szene. MOMO. – bürgerlich Marcelo Frota, aus Rio, gelebt in Angola, Michigan, Chicago, Spanien, Lissabon und jetzt London – hat sein siebtes Album Gira komplett im Total Refreshment Centre aufgenommen, dem Kreativhub, in dem auch Bands wie Sons of Kemet und The Comet Is Coming ihre Sounds entwickeln. „Pára” heißt auf Portugiesisch „Halt” oder „Stopp”, aber der Song macht das Gegenteil: acht Minuten hypnotischer Vocal-Chant über ein vampendes Keyboard-Pattern von Jessica Lauren, dazu Baritonsax von Tamar Osborn, das sich an Eddie Palmieris Harlem River Drive anlehnt. Frotas Motto für die Sessions: „You come, you play, we have fun.” Gira ist sein erstes Album als Vater – er wollte eine Platte machen, zu der seine Tochter tanzen kann. Das Video wurde in der Lapa gedreht, Rios Schmelztiegel für Samba und nächtliche Straßenkultur. Der Song ruft „Stopp” und groovt dabei so unaufhaltsam weiter, dass du es nicht übers Herz bringst, auf Pause zu drücken.
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Hör das, wenn: du in der Küche stehst, das Essen vor sich hin köchelt und du plötzlich anfängst, mit dem Kochlöffel den Rhythmus mitzuklopfen.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
OTIS REDDING – CHANGE GONNA COME
Southern Soul, 1965, aufgenommen in den Stax-Studios in Memphis mit Booker T. & the M.G.’s und den Memphis Horns. Es ist ein Cover – Sam Cooke schrieb das Original 1963, nachdem er mit seiner Entourage von einem „Whites Only”-Motel abgewiesen wurde. Cooke starb im Dezember 1964. Redding nahm den Song auf, um das Vakuum zu füllen, die Botschaft weiterzutragen. Und er macht etwas Entscheidendes anders: Wo Cookes Version auf orchestrale Arrangements setzt, packt Redding die Nummer in den erdigen, druckvollen Stax-Sound – Orgel-Swells, sparsame Gitarrenfills von Steve Cropper, Al Jackson Jr. am Schlagzeug. Gegen Ende steigert er sich in Shouts und Ad-libs, in denen Müdigkeit und Entschlossenheit gleichzeitig hörbar werden.
Der Song handelt von der Hoffnung auf Wandel trotz allem. Ein Lied über Rassismus, Erschöpfung und die Weigerung, aufzugeben – und es klingt, als würde Redding jede einzelne Zeile persönlich meinen. Tut er auch.
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Hör das, wenn: du weißt, dass gerade nicht alles fair zugeht – aber trotzdem, sondern genau deswegen weitermachst, weil Aufhören keine Option ist.
Für den Flow | Global Groove
FRED AUCAGOS – PANGUA ZÔ PILÉ MOIN
Tropical Boogie Funk von 1978, direkt aus Guadeloupe. Fred Aucagos war Mitgründer von Les Vikings de la Guadeloupe, einer Band, die 1966 startete und als Pionier des Cadence-Lypso gilt – einem Hybrid aus karibischen Rhythmen, Jazz, Funk und Soul.
„Pangua Zô Pilé Moin” wurde in den 2010ern von Crate-Diggern wiederentdeckt und landete auf der Compilation Beach Diggin’ Vol. 3 von Guts & Mambo auf Heavenly Sweetness. Der Text – auf Guadeloupe-Kreol – dreht sich um eine klare Ansage:
Trampel nicht auf mir rum. / Faut pas marcher sur moin.
Dazu ein synkopierter Groove, der nach Tanzfläche unter Palmen klingt und absolut keinen Widerspruch duldet. Manchmal braucht es einen 47 Jahre alten Track von einer karibischen Insel, um zu verstehen, was Flow eigentlich meint.
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Hör das, wenn: du den Feierabend-Modus aktivierst und dein Körper anfängt, sich zu bewegen, bevor dein Kopf die Erlaubnis gegeben hat.
Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere Song dir ein paar Minuten wohlverdiente Auszeit ermöglicht und dich bei deinem Feierabend, wie immer er auch aussehen mag, unterstützt. Falls ein Song besonders gut passt, bin ich gespannt darauf zu hören, in welchem Moment, in welcher Stimmung er dich gefangen hat.
Langeweile auf dem Weg in den Feierabend? Wie wär’s mit einem Spielchen?
Die Liste der kleinen, geilen Dinge.
Fang eine Liste an. Jeden Tag maximal ein neuer Eintrag. Füge kleine Errungenschaften der Menschheit hinzu. Erfindungen, die alltäglich sind und unser Leben doch bereichern, die dir heute in gewisser Weise den Popo gerettet haben. Zeit, ihnen auf deiner Liste Attribut zu zollen. Kabelbinder, Lichtschalter, Post-Its, Korkenzieher, … du verstehst schon!
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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