Soundletter 026: Schweißperlen und brummende Ventilatoren.
Diese Woche mit Rodrigo Amarante, Sinkane, Erland Cooper, O Terno, Yma Sunac & Pearl & The Oysters. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Schweißperlen und brummende Ventilatoren.
Ich hoffe, du hast die letzten Tage Hitze gut überstanden!? Während so mancher Mensch froh gewesen ist beim Griff zum Kaltgetränk nicht mehr Flüssigkeit zu verlieren als durch den Schluck danach aufzunehmen, durfte ich am Samstag das Hoodfield Battle auf dem Kampnagel begleiten. Tanzende Körper und dicke Beats und eine Menge Spaß und Gemeinschaftssinn.
Dennoch möchte ich an dieser Stelle verzichten, diese Woche mit schnellen, deftigen Sounds zu füllen. Dafür schwitze ich noch zu sehr! :)
Zwar hab’ ich wieder Lust auf Hip Hop bekommen, aber diese Woche füllt sich erst mal mit einer wunderbaren Platte von Rodrigo Amarante von 2021. Dazu gesellt sich ein Spaziergang im Mondschein von Sinkane, ein Klavierstück, das von einer Prinzessin im TV gespielt wurde, ein Song einer brasilianisch-amerikanisch-venezolanisch-japanischen Supercombo, eine Liebeserklärung an die Hochanden aus den 50ern und gute-Laune Synth-Pop vom Meeresgrund.
Aber, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Eigentlich würde zu dieser Woche ja der Soundflip aus Ausgabe #19 wunderbar passen. Es ging um Temperatur. Aber weil ich momentan eher der Hitze entfliehen will, verbinden wir doch mal einen Track mit einer Tageszeit:
Wenn dieser Song eine Tageszeit wäre – welche und warum?
Ein Song klingt wie die ersten Minuten eines lauwarmen Sommermorgens an einem kleinen Weiher. Ein anderer klingt wie eine nächtliche Bahnfahrt durch die Tunnel der Stadt. Such dir einen Song und fühl dich hinein. Welche Tageszeit passt am besten zu diesem Track? Als Variation: zu welcher Tageszeit würde dieser Song wohl aufgenommen?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Rodrigo Amarante – Drama
Rodrigo Amarante kennst du vielleicht – die wehmütige Titelmelodie Tuyo aus der Serie Narcos stammt von ihm. Drama, sein zweites Soloalbum von 2021 (auf Polyvinyl), ist etwas ganz anderes: ein bewusst filmisches Werk, irgendwo zwischen Tropicália, Samba, Bossa, Cool-Jazz und alten 60er-Jahre-Filmmusiken. Amarante hat das Album wie einen Film gebaut – der Opener „Drama“ ist die Ouvertüre (inklusive einer Art unsichtbarem Lachpublikum), „The End“ der kontemplative Abspann.
Er spielt darauf über zehn Instrumente selbst, und trotzdem klingt nichts nach Bastelei, sondern nach warmem, dichtem Technicolor. Acht Jahre lagen zwischen Drama und seinem introvertierten Vorgänger Cavalo – Zeit, die er brauchte, um anders auf sich, auf Brasilien, auf Liebe zu schauen. Gemischt hat das Ganze Noah Georgeson (auch bekannt von Devendra Banhart).
Ein Album zum Hineinsinken, das mit jedem Durchlauf eine neue Szene zeigt.
Hör das, wenn: du den Abend nicht verplanen, sondern wie einen Film einfach laufen lassen willst – vom Vorspann bis zum Abspann.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Sinkane – Moonstruck
Ein Song fürs Nach-Hause-Gehen. Moonstruck ist Afro-Soul mit warmem, leicht angetrunkenem Groove – mid-tempo, weiche Gitarren, ein federnder Bass. Hinter dem Projekt Sinkane steckt Ahmed Gallab, geboren in London, aufgewachsen im Sudan und in den USA, nachdem seine Familie 1989 als politische Exilanten fliehen musste. Bevor das Ganze sein eigenes Ding wurde, spielte er live bei Bands wie Yeasayer und Caribou.
Beim Schreiben des Albums Mean Love galt eine eiserne Regel: keine Liebeslieder. Stattdessen leiht sich der Song die Sprache der Liebe, um über etwas anderes zu sprechen – das nächtliche Alleine-nach-Hause-Laufen, ein bisschen betrunken, die Frage, was eigentlich der eigene Song im Leben ist. Am Ende bleibt nur eine kleine Liebeserklärung an den Mond: „Ma lune, je t’aime.“
Melancholisch, aber vom Groove her noch tanzbar genug für die letzte Runde der Nacht.
Hör das, wenn: du abends den Schlüssel ins Schloss steckst und der Arbeitstag langsam von den Schultern rutscht.
Für das Innehalten | Deep listening & meditation
Erland Cooper – Holm Sound
Zurücklehnen. Durchatmen. Holm Sound ist ein Solo-Klavierstück von Erland Cooper, einem schottischen Komponisten von den Orkney-Inseln – moderne Klassik, irgendwo zwischen Ambient und Minimal Music, mit viel Raum zwischen den Tönen.
Benannt ist es nach einer Meerenge: Holm trennt das orkneyische Mainland von der kleinen Insel Burray. Cooper baut seine Heimat regelmäßig in Klang um, und dieses Stück gehört in diesen Landschafts-Kosmos. Er selbst nannte es einmal die einfachste aller Melodien – eine, die immer wieder zu ihm zurückkam, wie eine Erinnerung, bis er sie endlich aufnehmen musste. Geschrieben hat er es für seine Mutter Charlotte.
Eine Randnotiz mit großer Wirkung: Ende 2025 spielten die Princess of Wales und Prinzessin Charlotte das Stück vierhändig im Fernsehen – und über Nacht kannte es plötzlich „die halbe Welt“. Seine Zartheit hat es trotzdem behalten.
Hör das, wenn: du den Tag nicht mit Lärm zukleben willst, sondern einmal hören möchtest, wie sich Stille zwischen einzelnen Klaviertönen anfühlt.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
O Terno, Devendra Banhart, Shintaro Sakamoto – volta e meia
Drei Sprachen, ein Gefühl. volta e meia ist eine Liebesballade der brasilianischen Band O Terno – ein Trio aus São Paulo rund um Sänger Tim Bernardes, irgendwo zwischen brasilianischem Pop, Tropicália, Indie-Rock und Kammerpop. Bernardes sinf auf Portugisisch, dann übernimmt Devendra Banhart eine spanische Strophe, und Shintaro Sakamoto (früher Kopf der japanischen Psych-Band Yura Yura Teikoku) eine japanische.
Alle drei umkreisen denselben Zustand: nach einer schmerzhaften Trennung immer wieder zur selben Person zurückzukehren – man dreht sich im Kreis und landet doch wieder bei ihr, ohne zu wissen, wohin das führt.
Entstanden ist die Zusammenarbeit, weil sich alle 2017 auf einem Festival in Deutschland trafen – O Terno waren ohnehin lange Fans beider Gäste. Das Ergebnis ist eine Liebe, die keine Grenzen kennt, weder geografisch noch musikalisch.
Hör das, wenn: du dich fragst, wie sich ein und dasselbe Gefühl wohl in einer Sprache anhört, die du gar nicht verstehst.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Yma Sumac – Ataypura!
Jetzt wird’s wirklich Zeitreise – zurück ins Jahr 1950. Ataypura! stammt vom Debütalbum Voice of the Xtabay der peruanischen Sängerin Yma Sumac und gilt als eines der frühesten Stücke der sogenannten Exotica – jener üppig orchestrierten Studiomusik, die ferne Klanglandschaften ins amerikanische Wohnzimmer holte (bei weitem nicht frei von Kritik dieses Genre!). Und das ganze sieben Jahre, bevor das Genre überhaupt seinen Namen bekam.
Yma Sumac hatte einen enormen Stimmumfang über mehrere Oktaven – in diesem Stück springt sie von tiefen Tönen in durchdringende Höhen. Geschrieben hat es ihr Mann Moisés Vivanco, arrangiert und dirigiert hat der Hollywood-Mann Les Baxter: majestätische Klavierakkorde, eine Violinfigur, dann ein Ausbruch aus Bongo-Trommeln und Rufen. Ein Liebeslied an die Hochanden, kein klassisches Liebeslied an einen Menschen.
Später lief der Song im Soundtrack von The Big Lebowski – falls er dir bekannt vorkommt.
Hör das, wenn: du Lust hast, dein Wohnzimmer für ein paar Minuten in eine völlig andere Ära und einen anderen Kontinent zu verwandeln.
Für den Flow | Global Groove
Pearl & The Oysters – Side Quest
Und zum Schluss ein musikalischer Flipperautomat. Side Quest ist der Eröffnungstrack vom Album Planet Pearl, gemacht vom französisch-amerikanischen Duo Pearl & The Oysters – Juliette Pearl Davis und Joachim Polack. Knallbunter Retro-Synth-Pop mit jazzigem Einschlag, irgendwo zwischen Steely Dan, den Beach Boys und Yellow Magic Orchestra. Die beiden haben jüngst auch ein neues Album namens „Monkey Mind“ releast.
Der Clou bei „Side Quest“ steckt im Kontrast: Polack schrieb die euphorischste Akkordfolge, die ihm einfiel, während er gerade mit einer schweren Krankheit in der Familie zu tun hatte – als bewusste Gegenmedizin. Erst später kam der Text dazu, er handelt von Entfremdung und dem Gefühl, jeden Morgen auf dem falschen Planeten aufzuwachen. Fröhlicher Sound, melancholischer Kern.
2024 haben die beiden ebenfalls für einen Track mit Haruomi Hosono zusammengearbeitet, der im vorletzten Soundletter einen Track beigesteuert hat.
Hör das, wenn: du Schwung brauchst, ohne dass es hektisch wird – beim Kochen, beim Aufräumen, beim Loslegen.
Das von meiner Seite für diese Woche. Vielleicht denkst du dir: aber was ist mit der Radiosendung, Claas!? Ja, das ist wahr! Die Wahrheit dazu: ich habs zeitlich nicht geschafft. Und weil mir aber mein Feierabend gerade wichtiger ist, als meinen selbstauferlegten Releaseterminen auf Teufel-komm-raus zu folgen, kommt die nächste Sendung, sobald sie kommt. Versprochen! :)
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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