Soundletter 030: Deep Dive - Italian Vintage Summer
Diese Woche mit Luigi Tenco, Cocki Mazetti, Gino Paoli, Bruno Martino und einem romantisch verklärten, sommerlichen Blick zurück in die Vergangenheit!
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
»»» direkt zu den Soundpics! «««
La dolce vita, Teil 2
Letzte Woche der Deep Dive in den neuen italienischen Pop – neapolitanischer Disco-Funk, sizilianische Songwriter, alles frisch. Diese Woche drehen wir nun etwas am Zeitregler. Zurück in die Sechziger, als der italienische Sommer angeblich noch länger dauerte und die Amore-Geschichten alle schlecht ausgingen.
Beim Zusammenstellen ist mir was aufgefallen: Fast keiner dieser Sommerklassiker ist fröhlich. “Estate”, der Song, mit dem diese Ausgabe aufmacht, hieß ursprünglich “Odio l’estate” – Ich hasse den Sommer. Bei Fred Bongusto wird sich zwar geküsst aber im selben Atemzug auch Lebewohl gesagt. Und Mina singt davon, was passiert, falls morgen alles vorbei ist.
Diese Musik klingt nach Sonne und erzählt trotzdem fast nur von Verlust, Schmerz und Sehnsucht. Ich glaube, deshalb funktioniert sie so gut, wenn man selbst gerade nicht am Meer sitzt, sondern in Hamburger “Hochsommer” am Schreibtisch, bei 19° und Nieselregen.
Das Schöne an Nostalgie: Man vermisst etwas und fühlt sich trotzdem gut dabei. Beides gleichzeitig – ein bemerkenswertes, komplexes Gefühl.
Als Heimweh noch tödlich war
Kurz dazu was aus der Mottenkiste: Letzte Woche ging’s ja um die Vorfreude, heute schauen wir in die andere Richtung.
Das Wort “Nostalgie” war mal eine Krankheit. “Erfunden” hat es 1688 der Schweizer Medizinstudent Johannes Hofer. Zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern nostos (Heimkehr) und algos (Schmerz). Er beschrieb damit ein Leiden, das er bei Schweizer Söldnern in der Fremde beobachtete: Appetitlosigkeit, Herzrasen, Fieber, in schweren Fällen sogar der Tod. Man hielt es lange für eine typisch schweizerische Angelegenheit – eine Theorie besagte sogar, das ständige Gebimmel der Kuhglocken in den Alpen habe die Gehirne der Betroffenen so vorgeschädigt, dass sie fern der Heimat durchdrehten. Klingt irgendwie plausibel! Behandelt wurde mit Aderlass, Abführmitteln und, wenn nichts half, mit dem Heimschicken.
Erst Mitte der 2000er hinterfragten Forscher um Constantine Sedikides an der Uni Southampton die Sache. Statt zu fragen, was mit nostalgischen Menschen nicht stimmt, fragten sie, wozu das Gefühl eigentlich gut ist. Das Ergebnis: Nostalgie ist meistens positiv! Die meisten Menschen empfinden sie mehrmals die Woche auf die ein oder andere Weise, und sie tut erstaunlich viel – sie stärkt das Gefühl von Sinn, verbindet uns mit anderen, hält Einsamkeit auf Abstand. Vor allem hält sie Trauer und Freude gleichzeitig aus, enger verwoben als bei fast jeder anderen Emotion.
Erklärt das, warum ein Liebeslied aus dem Jahr 1963 sich heute gut anfühlt, obwohl – oder gerade weil – es von einem Verlust erzählt? Vielleicht! Ich habe jedenfalls Sehnsucht nach einem italienischen Sommer, den ich so vielleicht noch nie erlebt habe…
(Hofer, “Dissertatio medica de nostalgia”, 1688. Sedikides & Wildschut, University of Southampton, ab ca. 2006. Die Kuhglocken-Theorie ist historisch verbürgt und großartig.)
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Auch im Soundflip horchen wir ein wenig in die Vergangenheit, denn manche Songs fühlen sich an wie eine Erinnerung – an etwas, das jedoch nie passiert ist.
Erfundene Erinnerungen
Nimm einen Track, den du zum ersten Mal hörst: lass die erste Erinnerung zu, die in dir hochkommt. Ein Ort, eine Person, ein Nachmittag. Ist es wirklich eine Erinnerung oder nur eine Idee davon? Beschreibe sie so konkret wie möglich.
Klingt nach Kitsch, ist es auch ein Stück weit. Ist aber auch gut erforscht: Man kann Sehnsucht nach Zeiten haben, die man nie erlebt hat. Bei alten Aufnahmen passiert das fast von allein – ein Rauschen, ein Hall, und schon bauen wir uns eine Vergangenheit, die wir niemals erlebt haben.
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Diesmal keine fünf Einzelempfehlungen, sondern die ganze Playlist – 41 Tracks zwischen Mailand, Palermo und einer Zeit, die es so vielleicht niemals gegeben hat. Dazu sechs Wegmarken, an denen ich hängengeblieben bin.
Für das Eintauchen | Album der Woche
Gino Paoli – Basta chiudere gli occhi (1964)
Wenn ein einziges Album für diese ganze Playlist stehen kann, dann dieses.
Kleiner ehrlicher Einschub: Die Fünfziger und Sechziger sind in Italien eigentlich keine Album-Ära. Fast alles erschien auf Singles, die “Alben” von damals sind meistens zusammengewürfelte Hit-Sammlungen. Daher übrigens auch der Begriff: Album - mehrere Single-Platten in einem Album.
Basta chiudere gli occhi ist die große Ausnahme – ein echtes, zusammenhängendes Werk, Gino Paolis drittes, und für viele bis heute eine der schönsten Platten, die die italienische Musik je hervorgebracht hat.
Paoli war einer der Väter der “scuola genovese”, der Genueser Schule, aus der die ganze italienische Singer-Songwriter-Tradition hervorging – zusammen mit einem gewissen Luigi Tenco, der weiter unten in dieser Ausgabe noch auftaucht. Auf dem Album steckt “Sapore di sale”, Geschmack von Salz, vermutlich der italienische Sommersong schlechthin. Geschrieben hat Paoli ihn in Sizilien, in einem leeren Haus an einem leeren Strand, wo er eigentlich nur ein paar Konzerte spielen sollte und dann einfach zwei Wochen länger blieb. Die Arrangements stammen übrigens vom jungen Ennio Morricone.
Zwölf Stücke, die klingen wie Meer, Haut und der letzte Tag vor der Abreise.
Hör das, wenn: du die Augen zumachst und für 35 Minuten woanders sein willst. Der Titel heißt ungefähr “Augen zu genügt”.
Odio l’estate | Der traurigste Sommerhit
Bruno Martino – Estate
Fangen wir mit dem Song an, der den ganzen Trick dieser Ausgabe verrät. “Estate” heißt Sommer – aber im ursprünglichen Text hieß er “Odio l’estate”, Ich hasse den Sommer. Der Sänger hasst ihn, weil die Jahreszeit ihn an eine verlorene Liebe erinnert. Schönster Sonnenschein, bitterste Erinnerung.
Bruno Martino schrieb das Stück 1960, in Italien wurde es nur ein kleiner Erfolg. Weltberühmt machte es ausgerechnet ein Brasilianer: João Gilberto nahm es 1977 für sein Album Amoroso auf und verwandelte es in einen Bossa-Nova-Standard, der heute in jedem Jazz-Real-Book steht – das einzige italienische Stück, das es dort je hineingeschafft hat.
Hör das, wenn: ein schöner Sommertag dich unerwartet traurig macht und du nicht so recht weißt, warum.
La dolcezza | Die Süße
Fred Bongusto – Doce Doce
Fred Bongusto war Italiens sanftester Crooner – die einheimische Antwort auf Sinatra und Nat King Cole, eine warme, fast geflüsterte Stimme, die halb Italien in den Jahren des Wirtschaftswunders zum Tanzen brachte.
“Doce Doce” ist auf Neapolitanisch, und doce heißt schlicht dolce – süß. Bongusto schrieb den Song mit achtzehn, und als er Anfang der Sechziger erschien, war er nur die B-Seite einer Single. Trotzdem wurde ausgerechnet er zum Türöffner einer ganzen Karriere. Der Text ist dabei alles andere als süß: Es geht ums Abschiednehmen, um Küsse, die süß waren, Vergangenheitsform. (Randnotiz für die, die letzte Woche aufgepasst haben: Auch Bongusto war in Brasilien groß, João Gilberto nahm einen seiner Songs auf.)
Hör das, wenn: ein Abend so schön ist, dass dir schon beim Erleben ein bisschen wehmütig wird.
Il dubbio | Der Zweifel
Mina – E se domani
Mina, die “Tigerin von Cremona”, eine der größten Stimmen, die Italien je hatte. Und hinter diesem Song steckt meine liebste Anekdote der ganzen Ausgabe.
“E se domani” – Und wenn morgen – war 1964 zunächst durchgefallen, beim Sanremo-Festival vorzeitig ausgeschieden. Der Komponist wollte unbedingt, dass Mina es einspielt, aber die zierte sich. Bis er eines Tages die Worte “e se domani” in einen sündhaft teuren Tisch geritzt fand, den er besaß. Die Übeltäterin war Mina. Um es wiedergutzumachen, sang sie endlich seinen Song – und zwar, so erzählt es der Komponist jedenfalls, ein einziges Mal, ohne Probe. Aus dem durchgefallenen Festivalbeitrag wurde ein Klassiker.
Der Song selbst ist eine einzige Wenn-Konstruktion: Was, wenn ich dich morgen verlöre? Keine Antwort, nur die Angst – und eine Stimme, die daraus etwas Riesiges macht.
Hör das, wenn: du neben jemandem sitzt, den du gern hast, und dir kurz die Kehle eng wird, ohne dass etwas passiert ist.
Il peso | Das Gewicht
Luigi Tenco – Ho capito che ti amo
Kurze Unterbrechung der Postkarte – wie letzte Woche gibt es auch hier die ernste Seite.
Luigi Tenco, geboren 1938, war der vielleicht wichtigste der italienischen Cantautori, der Singer-Songwriter, die aus der leichten Unterhaltungsmusik plötzlich etwas Ernsthaftes machten. “Ho capito che ti amo” von 1964 ist eines seiner schönsten Stücke: ein leises Liebeslied, sparsam, ohne Schnörkel, Ich habe begriffen, dass ich dich liebe.
Tenco starb 1967 mit 28 Jahren in Sanremo – ein Verlust, der die italienische Musik bis heute prägt und den bedeutendsten Preis der Cantautori-Szene nach ihm benannt hat. Seine Musik ist vielleicht der Grund, warum es all die zärtlichen, ernsten italienischen Songwriter danach überhaupt gab.
Hör das, wenn: dir die dritte Amore-Nummer in Folge zu leicht wird und du etwas willst, das bleibt.
La domenica | Der Sonntag
Cocki Mazzetti – La domenica
Und zum Schluss eine Stimme, die fast vergessen ist – finde ich schade, deshalb steht sie hier.
Cocki Mazzetti, eigentlich Elsa Mazzetti aus Mailand, war in den Sechzigern ein kleiner Star, wurde aber immer wieder knapp überholt: Mehr als einen ihrer Songs machten am Ende andere Sängerinnen zum Hit. “La domenica” von 1963 blieb trotzdem ihrer – ein leichter, sonniger Sonntagssong, genau die Art Nummer, zu der man am Nachmittag ein Gläschen einschenkt.
Und wer ihn kennt, ohne zu wissen, woher: Der Song lief 2023 in einem Werbespot für Birra Peroni. So finden diese alten Lieder immer wieder einen Weg zurück in die Gegenwart. Cocki Mazzetti ist im März 2024 gestorben.
Hör das, wenn: Sonntagnachmittag ist, nichts ansteht und du das ausnahmsweise mal genießt, statt dich schuldig zu fühlen.
Der Rest der Playlist: neapolitanischer Swing, vergessene Sanremo-Beiträge, ein paar große Namen (Celentano, Gino Paoli, Sergio Endrigo) und viele kleine. Der Soundtrack einer Zeit, die wahrscheinlich nie so golden war, wie sie in diesen Liedern klingt – aber genau das ist ja der Punkt.
Damit endet die kleine Sommer-Sonderausgabe in zwei Teilen. Nächste Woche geht’s wieder normal weiter, mit sechs frischen Tracks für deinen Feierabend.
Falls dir gefällt, was du liest und hörst, freue ich mich wie immer über ein Abo, eine Weiterempfehlung oder ein paar nette Worte. TAoMF ist ein Herzensprojekt und Hobby. Es ist kostenlos für alle verfügbar. Wenn du meine Arbeit wertschätzt und mich unterstützen möchtest, kannst du mich gern auf einen Kaffee einladen.
In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
P.s. Eine kleine Bitte: Wenn du magst, empfehle diesen Newsletter doch einem deiner Lieblingsmenschen. Neue Musik ist schließlich nie verkehrt!




