Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioessay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Saiten von verschiedenen Seiten
Irgendwie scheint mich die Kruger Brothers Banjo Erfahrung von letzter Woche unbewusst zu prägen. Diese strahlen nämlich noch aus in diese Woche. Doch keine Angst, es gibt wesentlich mehr zu entdecken als Banjos und Bluegrass.
Irgendwie haben mich meine Ohren auf verschiedenste Spielarten von Saiteninstrumenten gebracht. Entsprechend durchaus instrumental diese Woche, eher besonnen, entspannt und tiefgründig. Klänge, die die letzten wärmenden Sonnenstrahlen des Spätsommers einzufangen versuchen und zugleich tiefer Vorfreude dem anstehenden Herbst entgegenblicken. Aber auch nicht nur…!
Ebenso diese Woche wieder vertreten meine „neue Rubrik“, wenn man so möchte. „Denk` ich an Feierabend, denk’ ich an …“.
In bewusster Anlehnung an die DLF-Reihe „Denk ich an Deutschland“. Irgendwie hat es sich während des Urlaubs so ergeben, dass ich angefangen habe, in kurzen Momentaufnahmen zu versuchen, persönliche “feierabendliche Meditationen” in Worte zu fassen. Ohne dabei zu viel nachzudenken.
Verbunden damit ist die ausdrückliche Einladung es mir gleichzutun: Am Ende des Arbeitstages: was ist es, was du von einem Feierabend brauchst? Und zwar genau jetzt, in diesem Moment?
Das kann ein Wunsch, eine Reflexion des Tages oder auch nur der Hauch eines Gedankens sein, der dir dazu gerade in den Sinn kommt.
Und wenn du magst, schick ihn mir rüber, ich würde mich freuen, die ein oder andere Beobachtung hier in einem der kommenden Soundletter zu teilen.
Doch bevor es nun mit den Soundpicks losgeht, wie immer hier ein Soundflip:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Mal ein Gedankenspiel eher imaginativer Art, um der eigenen Kreativität mal einen kleinen Stups zu geben:
Ort der Entstehung
Wo saß die Person, als sie diesen Song geschrieben hat?
Angefangen von: auf welchem Möbelstück, in welchem Raum hin zu: in welcher Stadt, in welchem Land, zu welcher Tages- oder Jahreszeit. Welches Bild entsteht da beim Hören vor deinem inneren Auge?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jeder Feierabend ist einzigartig. Alle Feierabende sind wunderbar! Dies ist mein Versuch, dieses Spektrum durch musikalische Hinter- oder Vordergrundbeschallung zu supporten.
Diese Woche wie immer: fünf Tracks & ein Album.
Für das Eintauchen | Album EP der Woche
Céline Dessberg – Hödöö
Hödöö ist Mongolisch und heißt so viel wie „Land“, gemeint ist der ländliche Raum jenseits der Städte. Céline Dessberg, Tochter einer mongolischen Mutter und eines französischen Vaters, aufgewachsen in der Bretagne, nennt ihre EP eine Ode an die mongolische Landschaft.
Eher zufällig bin ich auf diese EP mit ihren fünf Songs gestoßen, mein Interesse geweckt haben dann die kulturellen Einflüsse: französischer Indie-Pop mit Soul-Unterbau, dazu die Yatga, eine mongolische Zither mit 21 Saiten, die gezupft wird. Dessberg hat sie sich selbst beigebracht, weil sich in Frankreich niemand fand, der es ihr zeigen konnte. Aufgenommen wurde im Sommer 2024 in New Jersey, in der Rhythmusgruppe Alex Garcia und Sal Samano von Thee Sacred Souls, also direkt aus dem Umfeld von Daptone. Mongolisch, Französisch, US-Soul: Mindestens kann da nur was Spannendes rauskommen. Das Ergebnis ist noch viel schöner.
Los geht’s mit de moi à moi je crois que j’explose, einem Song über Wut, geschrieben als Brief an den buddhistischen Mönch Thích Nhất Hạnh. Am Ende landet die EP bei den Großeltern: emee ovoo heißt „Oma, Opa“, und Dessberg erkennt im eigenen Spiegelbild die Züge ihres Großvaters.
Hör das, wenn: du im Spiegel plötzlich die Nase deines Opas entdeckst und es gar nicht so schlimm findest, sondern vielmehr spannend und verblüffend.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Tommy Guerrero – The Lone Pistolero
Ein einsamer Revolverheld, der sich Zeit lässt. Tommy Guerrero, geboren in San Francisco, wurde 1984 Teil der Skate-Crew Bones Brigade und macht seit vielen Jahren instrumentale Musik irgendwo zwischen Jazz, Soul und Latin. Sein Album No Mans Land hat er selbst als Reise durch einen Spaghetti-Western-Noir beschrieben: ein staubiger Breakbeat, dazu eine Gitarre, die durch einen alten Verstärker mit viel Hall läuft und flirrt wie Hitze über Asphalt. Irgendwann taucht am Horizont das Horn von Marc Capelle auf. Den Rest hat Guerrero weitgehend allein eingespielt, Besetzung laut ihm: „me, myself and I“.
„Für den Übergang“ passt hier für mich im doppelten Sinne. Zum einen nimmt der Track den Groove des Tages auf und legt diese gewisse Lässigkeit drüber, mit der man ganz beschwingt in den Feierabend gleitet. Zum anderen versprüht er einen Vibe, der wunderbar in diese frühherbstliche Stimmung passt, in der man den Sommer noch in Form der letzten wärmenden Sonnenstrahlen im Gesicht spürt. Nicht wehleidig, sondern genießend, jedes Lux auskostend.
Hör das, wenn: du auf dem Heimweg die Sonnenbrille noch mal aufsetzt, obwohl der Kalender längst Herbst sagt.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
Andy Thorn – Monarch Morning
Zurücklehnen. Durchatmen. (Und jepp: schon wieder ein Banjo.)
Klavier und Banjo – in unseren Gefilden eine eher ungewöhnliche Kombination. Umso verzückter war ich, als ich auf diesen Track gestoßen bin. Andy Thorn spielt sonst schnelles, lautes Banjo bei Leftover Salmon, einer Band, die live gern ausufernd improvisiert. Während der Pandemie saß er stattdessen morgens bei Sonnenaufgang auf seiner Terrasse bei Boulder, Colorado, und spielte ruhige Melodien. Ein Rotfuchs kam regelmäßig vorbei und hörte zu, das Video davon ging viral, am Ende stand das Album Songs of the Sunrise Fox. Monarch Morning entstand in seinem Garten, während Schmetterlinge um ihn herumflogen, eingespielt im Duo mit dem Pianisten Erik Deutsch.
Die Klangfarbe des Banjos ruft natürlich Western- und Bluegrass-Bilder hervor. So ruhig gespielt und gepaart mit dem Klavier entsteht daraus aber eine nahezu meditative Genügsamkeit. Ich sitze dann mit geschlossenen Augen an einem wundervollen Ort in der Natur, spüre die Sonne im Gesicht und sinniere vor mich hin.
Hör das, wenn: du den ersten Kaffee am Samstagmorgen draußen trinkst und dich standhaft weigerst, aufs Handy zu schauen und stattdessen einem Insekt beim Vorbeikrabbeln zuschaust.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Ablaye Cissoko – Interlude
Egal ob man diese kleine Kora-Miniatur aus dem Senegal irgendwo in Deutschland hört oder, wie ich vor etwas mehr als einer Woche, in Finale, einem kleinen sizilianischen Küstenörtchen: Dort lief sie in Dauerschleife auf meinen Kopfhörern, während ich vom Balkon aufs Mittelmeer starrte und übers Leben sinnierte. Beim Klang der Kora fällt es nicht schwer, den Ernst des Lebens kurz zu pausieren und die Gedanken mit dem Wind davontragen zu lassen.
Die Kora ist eine westafrikanische Harfenlaute mit 21 Saiten, und sie durfte traditionell nur von bestimmten Griot-Familien gespielt werden, eigentlich nur für Königinnen und Könige. Cissoko ist einer dieser Familiennamen, genau wie Diabaté oder Kouyaté (deshalb kamen sie mir wohl auch so bekannt vor). Griots sind Erzähler, Historiker und Musiker in einem, und Ablaye Cissoko versteht sich als Griot von Geburt an. Interlude gehört zu seiner Musik für den Dokumentarfilm Popenguine, benannt nach einem senegalesischen Küstenort, dessen mehrheitlich muslimische Gemeinde seit 1888 eine christliche Wallfahrt beherbergt. Von Küste zu Küste also. Mehr über die Kora erfährst du übrigens in diesem Video.
Hör das, wenn: du an der Elbe sitzt und das Wasser, auf das du schaust, auch ganz woanders vor sich hin plätschert könnte.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
Kenny Burrell – Autumn in New York
Zum ersten Mal bewusst gehört habe ich einen Schnipsel dieses Jazz-Standards (also eines Songs, den unzählige Musiker:innen über Jahrzehnte immer wieder neu gespielt haben) vor vielleicht 15 Jahren in einem Lo-Fi-Beat. Ganz nebenbei: Was ist eigentlich aus Lo-Fi geworden? Erst viel später bin ich zufällig und sehr glücklich auf diese Version von Kenny Burrell gestoßen. Die ist streng genommen selbst nur ein Remix: Geschrieben hat den Song Vernon Duke für die Broadway-Revue Thumbs Up!, Premiere Ende 1934. Fast poetisch, dass ich knapp 80 Jahre später über ein Sample dort gelandet bin.
Burrell nahm seine Fassung 1958 in New York auf, bei einer Session mit großer Bläserbesetzung. Für diesen Song schrumpfte die Band aber aufs Quartett, am Schlagzeug Art Blakey. Übrig bleibt eine warme, unaufgeregte Jazz-Ballade, elegant und mit einer ordentlichen Portion Blues.
Ebenso wie Kennys Version möchte ich dir die Fassung des wundervollen Makaya McCraven von 2021 ans Herz legen, die hier eine schöne Brücke schlägt: Autumn in New York (AKA Spring in Chicago).
Hör das, wenn: du zum ersten Mal in diesem Jahr die Heizung aufdrehst und dein Wohnzimmer kurz zum Jazzclub erklärst.
Für den Flow | Global Groove
Momoko Gill – No Others
Festgehört habe ich mich zuerst an dieser Mischung: ein treibender Groove, der für mich nach Afrobeat klingt und darüber eine sanfte, fast zerbrechliche Stimme.
Momoko Gill, aufgewachsen in Japan und den USA, heute in London zuhause, macht Jazz mit Soul in der Stimme und ist Sängerin und Schlagzeugerin zugleich. No Others hat sie selbst geschrieben, getrommelt, gesungen und produziert.
Die eigentliche Wucht erschloss sich mir aber erst beim Nachlesen. Der Song handelt von Orten, an denen zwischen Menschen eine Linie gezogen wird: Flughafen, Polizeiwache, Jobcenter. Eine Seite hat die Macht, die andere muss erklären, wer sie ist. Genau dieses Gefälle baut Gill musikalisch nach. Die Strophen grooven bewusst schlicht nach vorn, im Refrain bremst sie den Vorwärtsdrang, die Harmonien werden vielschichtiger und ihre ruhige Stimme stellt sich quer zum Beat. Zu dem Beat, den sie als Schlagzeugerin selbst gesetzt hat. Sie gibt den Takt vor und entzieht sich im selben Moment seinem Zwang. Im Text wird aus dem Verhör schließlich eine Einladung zum Zuhören.
Hör das, wenn: du nach einem Behördentermin im Kopf noch im Wartebereich sitzt, deine Beine aber endlich losgehen wollen.
Denk ich an Feierabend, denk ich an …
Eine kleine Momentaufnahme, eine kleine Meditation über einen Feierabend, wie er sein könnte, sollte oder sein müsste.
Denk’ ich an Feierabend, denk’ ich daran,
meine müden Glieder gemütlich abzulegen.
Nach einem Tag körperlicher Auslastung spüre ich die strapazierten Muskeln, die leicht vor sich hin kribbeln. Dazu diese gewisse Leere im Kopf und dieses unangestrengte Wohlbefinden.
Das Gefühl, dem Körper etwas abverlangt und ihm dabei gleichzeitig etwas Gutes getan zu haben.
10.9.2026 in Malfa auf Salina IT
Und bei dir? Was taucht auf, wenn du das Wort einfach mal stehen lässt? Antworte mir — die schönsten Momentaufnahmen kommen in eine der nächsten Ausgaben.
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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