Soundletter 022: Wenn Blau eine Farbe, ein Name und ein Gefühl ist.
Diese Woche mit John Coltrane, Leifur James, Dario Lessing, Caetano Veloso, Mongo Santamaría und Robert Glasper. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zum Mixtape. Alle meine Longreads gibts auch als Audioesssay auf Spotify, Apple & YouTube.
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Gefühltes Blau
Die Schwermut hat mich in der letzten Woche immer wieder gepackt und so ist mein wöchentlicher Soundletter – Ryhtmus ein wenig ins Wanken geraten. Weil ich nun aber auch keine eine Folge mit klassischen Herzschmerz-Songs zusammenstellen wollte, folgen die Soundpicks dieser Woche aber dennoch einem Thema: “feeling blue”.
Aber keine Angst: Eifel65 wird in dieser Ausgabe nicht vorkommen. Vielmehr gibt es Jazz aus der Vergangenheit und der Neuzeit, ruhige Pianoklänge und ein Bolero.
Aber, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Um dem Schwermut aber nicht auch noch in diesem Soundflip zu folgen nehmen wir das Thema hier lieber mal wörtlich und gehen auf Farbsuche.
Bunte Schwingungen
Welche Farbe hat dieser Song für dich und wieso ist das so?
Such dir wieder einen Song deiner Wahl aus, einen von unten oder den, der dir gerade in den Sinn kommt. Und nun versuch mal die gehörten Klänge in eine Farbe oder eine Farbwelt zu übersetzen. Eher Blau oder doch Rot?
Und woher kommt diese Farbe? Hast du eine bestimmte Szene im Kopf, löst der Song ein Gefühl aus das bei dir mit einer Farbe verknüpft ist? Oder öffnet das Lied gar eine ganze Farbwelt?
Wie immer bin ich gespannt auf deine Farbe: Welchen Song hast du gewählt und welche Farbe hast du gehört?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen | Album der Woche
John Coltrane – Blue Train
Es ist auch ein wenig eine Fortsetzung der Jazzreise von vor zwei Wochen: Zuerst Miles Davis Kind of Blue und nun John Coltrane mit Blue Train. Es ist das einzige Album, das John Coltrane je als Bandleader für das legendäre Label Blue Note eingespielt hat, an einem einzigen Tag im September 1957. Die Spielart heißt Hard Bop: Jazz, der den nervösen Bebop der 40er mit einem warmen, bluesigen Bauchgefühl erdet. Das Titelstück ist genau das – ein Blues, der sich Zeit lässt, mit einer Bläserlinie, die einmal gehört nicht mehr aus dem Kopf will.
Es war auch das erste Mal, dass Coltrane seine Mitspieler komplett selbst aussuchen durfte – darunter den damals blutjungen Trompeter Lee Morgan. Man hört diese Freiheit. Sechs Musiker, ein Raum, kein Schnickschnack.
Coltrane selbst nannte Blue Train 1960 seine bis dahin liebste eigene Aufnahme – noch vor allem, was später zur Legende wurde. Ein ziemlich guter Ort zum Eintauchen, falls du mit Jazz bisher nie so richtig warm geworden bist.
Hör das, wenn: der Montag noch ganz frisch ist und du keine Lust auf gute Laune per Knopfdruck hast, sondern auf etwas, das langsam warm wird.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
Leifur James – Uncle Blue
Hier ist das Blau mal kein Gefühl, sondern eine Person. „Uncle Blue” ist wirklich der Onkel von Leifur James – ein Jazzgitarrist, der auf dem Stück selbst mitspielt. Der in London geborene, mittlerweile in Lissabon lebende Produzent macht sonst eher verträumte Downtempo-Musik aus Elektronik und akustischen Instrumenten. Ein Hook, der dich reinzieht, dann übernehmen Bass und Percussion und ziehen alles in einen leichten Sog.
Vom Onkel stammt auch ein Satz, der das ganze Album prägt: Jedes Detail sollte ein lohnendes Detail sein – manchmal ist nichts besser als irgendwas. Keine schlechte Haltung für den Moment, in dem du gerade vom Arbeitsmodus runterkommst und eigentlich nicht noch mehr Reize brauchst, sondern weniger, dafür bessere.
Erschienen ist der Track übrigens auf einem Label namens Night Time Stories. Passender geht’s kaum für den Weg in den Abend.
Hör das, wenn: du die Wohnungstür hinter dir zumachst und der Tag eigentlich vorbei sein dürfte, sich aber noch nicht ganz so anfühlt.
Für das Innehalten | Deep listening & meditation
Dario Lessing – Gefundenes Blau
Zurücklehnen, kurz nichts wollen. „Gefundenes Blau” – schon der Titel klingt nach dem, was passiert, wenn man für einen Moment aufhört zu suchen. Dario Lessing ist ein Berliner Pianist mit klassischem Hintergrund, der seine Liebe zu Debussy und Bach in ruhige, moderne Klavierminiaturen übersetzt. Dieses Stück gehört zu einer ganzen Solo-Piano-Reihe namens DNA.
Kein Gesang, keine Beats, kein Aufbau zu einem großen Moment. Nur Klavier, viel Raum, ein paar weiche Harmonien, die sich leise wiederholen. Die Sorte Musik, bei der die Zeit anfängt, sich zu dehnen.
Lessing hat das Stück mal bei einer Live-Session umschrieben mit dem Wunsch, dass jeder findet, was ihn glücklich macht – am schönsten das Glück von innen. Klingt fast zu sanft, ich weiß. Aber genau dafür ist diese Kategorie da.
Hör das, wenn: du dich für drei Minuten hinsetzen willst, ohne dass danach irgendetwas erledigt sein muss.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
Caetano Veloso – Tu Me Acostumbraste
Eine ruhige Insel mitten im Chaos. Caetano Velosos fünftes Album, aufgenommen 1972, ist sein wildestes – ein radikales Studio-Experiment voller Klang-Collagen, entstanden nach seiner Rückkehr aus dem Londoner Exil. Und genau darin sitzt dieser Song: ein kubanischer Bolero, ursprünglich Anfang der 50er von Frank Domínguez in Havanna geschrieben.
Bolero ist die romantische, leicht wehmütige Ballade Lateinamerikas, und dieser hier gilt als einer der bekanntesten kubanischen überhaupt – auf Spanisch gesungen, mit einem zarten brasilianischen Einschlag. Im Text fragt jemand die verlorene Liebe sinngemäß: Du hast mir all diese Dinge beigebracht – warum nicht auch, wie man ohne dich lebt? Caetanos Stimme schwebt dabei zwischen Tiefe und Falsett, fast schwerelos.
Und das Blau? Versteckt sich im Albumtitel: Araçá Azul, wörtlich „blaue Araçá” (Araçá ist eine brasilianische Frucht). Ein Lied, das von Kuba nach Brasilien gewandert ist und dabei nichts verloren hat.
PS: Wow! Was ein Albumcover! 🙃
Hör das, wenn: du Lust hast, für eine Weile woanders zu sein, ohne dafür das Sofa zu verlassen.
Für eine Zeitreise | Vintage Vibes
Mongo Santamaría – Afro Blue
Jetzt zum Ursprung. „Afro Blue” ist ein Jazzstandard von 1959 – und der Klassiker, von dem es gleich im Flow-Teil noch eine Version aus dem 21. Jahrhundert gibt. Hier kommt zuerst das Original. Geschrieben hat es Mongo Santamaría, ein 1917 in Havanna geborener Perkussionist, der die Rhythmen seiner kubanischen Heimat in den amerikanischen Jazz brachte.
Das Stück gilt als das erste bekannte Jazzstück, das komplett auf einem afrikanischen Drei-gegen-Zwei-Rhythmus aufgebaut ist – zwei verschiedene Pulse, die sich gegeneinander reiben und genau dadurch diesen leicht schwebenden Groove erzeugen. Über einem dichten Teppich aus Trommeln tanzen Flöte und Vibraphon. Gesang gibt’s hier noch keinen, der kam erst später dazu.
Kleine Verbindung zu ganz oben: Es war John Coltrane, der „Afro Blue” ein paar Jahre danach zum Standard machte. Eine Erfindung, die seitdem unzählige Male neu erzählt wurde.
Hör das, wenn: du hören willst, wie ein Stück Musikgeschichte klingt, bevor alle anderen es in die Hand genommen haben.
Für den Flow | Global Groove
Robert Glasper, Erykah Badu – Afro Blue
Und da ist die zweite Hälfte: dasselbe „Afro Blue”, 53 Jahre später. Robert Glasper, eine zentrale Figur des modernen Jazz-Crossover, hat den Standard 2012 in einen langsamen, hypnotischen Neo-Soul-Groove übersetzt – Neo-Soul ist die jazzig-warme, leicht verrauchte Spielart von R&B. Aus Santamarías kubanischem Rhythmus wird hier ein entspannter Hip-Hop-Puls, über dem Erykah Badu singt.
Schöne Randnotiz: Die Flöte, die das ganze Stück durchzieht, hat Glasper bewusst eingebaut, weil Badu Flöten liebt. Aufgenommen wurde es in einem winzigen Zeitfenster mitten in ihrer Tour – sie schaffte es gerade so ins Studio.
Erschienen ist der Song auf Glaspers Album Black Radio – wie schon das Coltrane-Album von ganz oben auf dem Label Blue Note. So schließt sich der Kreis. Blau bleibt blau.
Hör das, wenn: der Abend langsam Fahrt aufnimmt und du etwas willst, das groovt, ohne dich dabei zu hetzen.
Das soll es wieder gewesen sein für diese Woche. Ich hoffe ich habe dich nicht zu sehr mit Schwermut angesteckt, sondern vielmehr ein paar neue musikalische Perspektiven für dich öffnen können.
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
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