Soundletter 012: Harfe in der Kirche, Semba aus Angola und eine Band ohne Geschichte
Diese Woche mit Curtis Mayfield, Bonga, Laura Lopéz, Luiz Bonfá, Brendan Eder Ensemble & Mother Funk. Handverlesene Musik für deine Feierabende.
Jeder Feierabend ist einzigartig. Dies ist mein Versuch, mit handverlesener Musik dieses Spektrum zu supporten. Von entspannt bis aktiv, von nostalgisch bis weltoffen. Quer über den Globus durch Raum und Zeit. Hier geht’s zu weiteren Soundlettern und hier zur Radiosendung.
Über das Fernsehen und neue Farben
Am Samstag habe ich es endlich geschafft, meinen Artikel über meine Hassliebe zum Fernsehen zu veröffentlichen. Ich glaube, der Artikel hat einfach so lange benötigt, weil ich mir selbst in vielen Dingen erst mal über meine eigenen Gedanken dazu im Klaren werden musste.
Bingewatchen und achtsame Feierabende kollidieren gedanklich. Es sind zwei Themen, die nicht recht zu passen scheinen. Aber letztendlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass auch hier wieder der Schlüssel zum Erfolg ist, Dinge bewusst zu tun und sich aktiv dafür zu entscheiden.
Sobald ich in Passivität abdrifte und die Algorithmen der Plattformen anfangen, mir Entscheidungen abzunehmen, entgleiten mir die Dinge. Mit dem Ergebnis, dass mein Hirn verklebt. Das zu erkennen, klappt natürlich nicht immer, aber ich versuche, es als eine spaßige, positive Challenge zu begreifen, bei der ich nur gewinnen kann.
Dazu noch ein paar Worte zum Offensichtlichen: Ich bin dabei, am Design von TAoMF zu schrauben. Einfach, weil ich Lust darauf hab’. Und, weil die Terrazzo-Nummer mir zu unruhig geworden ist. Und weil ich mir diesmal vorgenommen habe, die Dinge nicht bis zum Endlosen zu zerdenken, fange ich schon mal damit an. Und spiele hier und da ein wenig mit Designs und Möglichkeiten.
Über Feedback dazu freue ich mich sehr!
Bevor wir nun mit den Tracks der Woche starten, wie immer, zunächst zum Soundflip, meinem wöchentlichen Prompt für achtsames Musikhören:
Soundflip der Woche
Der Soundflip lädt dich ein, neue Facetten in einem Song zu erkunden, andere Blickwinkel zu wagen, und schickt dabei deine Ohren auf unbekannte Pfade. Weil Musik zu schön ist, um sie nur nebenbei zu hören!
Welcher Song würde mit diesem reden?
Stell dir vor, zwei Songs unterhalten sich. Welchen Song würdest du als Gesprächspartner:in zu diesem hier einladen? Worüber würden sie reden – und worüber wären sie sich uneinig?
Die paar Tracks sind dir nicht genug? Hier geht’s zur letzten Radiosendung, vollgepackt mit handverlesener Musik für deinen Feierabend.
Soundpicks der Woche
Jede Woche 1 Album, 5 Tracks. Immer ein breites musikalisches Spektrum. Dazu ein paar Hintergrundinfos zu den Artists und zur Entstehungsgeschichte. Die Tracks der einzelnen Kategorien landen in langsam wachsenden Playlists.
Für das Eintauchen – Album der Woche
CURTIS MAYFIELD – CURTIS
Curtis Mayfields Solodebüt ist eines dieser Alben, die man sich am besten komplett am Stück gibt. Es erschien ein volles Jahr vor Marvin Gayes „What’s Going On” – und ist trotzdem irgendwie weniger bekannt. Was seltsam ist, weil es praktisch die gesamte Black Music der Siebziger vorweggenommen hat. Funk, Psychedelic Soul, orchestrale Arrangements, sozialkritische Texte – alles auf einer Platte.
Die Bandbreite ist fast absurd: „Move On Up” baut sich zu einer Bläserfanfaren-Hymne auf, die Arsenal-Fans bis heute nach jedem Heimsieg spielen. „The Makings of You” ist eine der zärtlichsten Liebesballaden der Soul-Geschichte, mit Harfe und einem Falsett, das einem den Atem nimmt. Und der Opener – „If There’s a Hell Below, We’re All Going to Go” – beginnt mit einem Bibelzitat, bevor Mayfield allen Teilen der amerikanischen Gesellschaft gleichzeitig den Spiegel vorhält.
Mayfield nannte seinen Ansatz „painless preaching” – predigen, ohne dass es wehtut. Er wuchs in den Cabrini-Green Housing Projects in Chicago auf, brachte sich Gitarre selbst bei und gründete sein eigenes Label. Über 130 Mal wurde dieses Album gesampelt – von Kanye West bis D’Angelo. Die DNA dieser Platte zirkuliert immer noch überall.
Oder hör auf Deezer | Tidal | Amazon Music
Hör das, wenn: du einen ganzen Abend lang ein einziges Album hören willst und danach das Gefühl haben möchtest, dass Musik die Welt tatsächlich besser machen kann.
Für den Übergang | Different Styles of Smoothness
MOTHER FUNK – SUNSHINE
Manche Songs haben keine Geschichte – und das ist ihre Geschichte. Von Mother Funk weiß man praktisch nichts: keine Bandfotos, kein Label, nicht mal ein Herkunftsland. Die Originalplatte ist eine obskure Privatpressung ohne jede Angabe, die irgendwann in Plattensammler-Kisten auftauchte. Erst als das britische DJ-Duo Psychemagik den Track für seine legendäre „Magik Sunset”-Kompilation ausgegraben hat, bekam „Sunshine” plötzlich ein Publikum.
Und was für eines. Soft-Rock mit Balearic-Seele, eine Ballade, die sich anfühlt wie ein offenes Fenster nach einer langen Woche. Die Lyrics drehen sich um genau diesen Moment: Sonne auf der Türschwelle, alles Schwere abgelegt, Neuanfang. Ein Musikblogger nannte es schlicht „a truly beautiful, hopeful ballad” – und mehr braucht man eigentlich nicht zu wissen.
Das Schöne an „Sunshine” ist, dass der Song komplett ohne Künstlermythos auskommt. Hier zählt nur, was man hört: eine warme Melodie, eine positive Grundstimmung und das Gefühl, dass manchmal die besten Entdeckungen die sind, über die man am wenigsten weiß.
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Hör das, wenn: du nach dem letzten Meeting des Tages die Kopfhörer aufsetzt und merkst, dass der Abend gerade erst anfängt.
Für das Innehalten | Deep Listening & Meditation
BRENDAN EDER ENSEMBLE, NAILAH HUNTER – SOLACE
Was würde passieren, wenn jemand ein Ambient-Album nicht mit Synthesizern, sondern mit Holzbläsern und einer Harfe in einer Kirche aufnimmt? Genau diese Frage hat sich der Los-Angeles-Komponist Brendan Eder gestellt. Die Antwort heißt „Therapy” – ein Album, das irgendwo zwischen Kammermusik, New Age und der schwebenden Schönheit von Aphex Twins „Selected Ambient Works” lebt.
„Solace” ist das Herzstück dieser Platte. Die Harfenistin Nailah Hunter – aufgewachsen mit Kirchenmusik, Tochter eines Pastors – spielt schimmernde Arpeggien über ein Bett aus Klarinetten und Fagott. Kein Beat, kein Raster, nur Raum und Resonanz. Hunter beschreibt die Harfe als ein Instrument, das sie schon immer mit Mythologie und Natur verbindet. Hier hört man das.
Das Album wurde in einer Kirche in Südkalifornien aufgenommen, und man spürt diesen Raum in jeder Note. „Solace” funktioniert genau so: nicht als großes Statement, sondern als kurzes Fenster in eine andere Stimmung. Durchatmen, bevor der Alltag wieder einzieht.
Hör das, wenn: du abends auf dem Sofa liegst und merkst, dass du den ganzen Tag noch nicht einmal richtig ausgeatmet hast.
Für den Horizont | Allerweltsmusik
LAURA LOPÉZ CASTRO, DON PHILIPPE – KI CHORORO
„Ki Chororo” ist Guaraní und bedeutet so viel wie „Es tut mir leid”. Das Original stammt vom uruguayischen Liedermacher Aníbal Sampayo und ist in Südamerika ein Klassiker: ein poetisches Flusslied über Mond, Einsamkeit und das Weiterfahren trotz allem.
Die Version hier kommt von einem Duo, dessen Biografie mindestens so spannend ist wie der Song: Laura Lopéz Castro, geboren in Göppingen als Tochter spanischer Einwanderer, singt ausschließlich auf Spanisch und Portugiesisch. Don Philippe – bürgerlich Philippe Kayser – ist Mitbegründer von Freundeskreis, also einer der Architekten des deutschen Conscious Hip-Hop. Zusammen machen sie Musik, die irgendwo zwischen Bossa Nova, Jazz und südamerikanischer Folklore lebt.
Ihr Albumtitel „Optativo” kommt aus dem Griechischen und beschreibt die grammatische Wunschform – etwas, das zwischen Wirklichkeit und Sehnsucht schwebt. Genauso klingt ihre Version von „Ki Chororo“: reduziert, intim, fast flüsternd. Gitarre und Stimme, sonst fast nichts. Wo das Original folkloristisch und erdig daherkommt, verwandeln diese beiden es in ein akustisches Kammerspiel.
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Hör das, wenn: du am Fenster sitzt und draußen der Regen fällt und du dich fragst, wohin eigentlich die Zeit geht.
Für die Zeitreise | Vintage Vibes
LUIZ BONFÁ – TRISTEZA
Luiz Bonfá ist einer dieser Musiker, die man vielleicht nicht namentlich kennt, deren Melodien man aber garantiert schon gehört hat. Er hat die Filmmusik zu „Black Orpheus” geschrieben – „Manhã de Carnaval” läuft bis heute in Cafés weltweit. Als er das Stück bei einem Konzert in der New Yorker Carnegie Hall spielte, war er der Einzige, der Standing Ovations bekam. Der Produzent Creed Taylor nahm ihn danach sofort für ein eigenes Album unter Vertrag.
Auf diesem Album sitzt auch „Tristeza” – eine Eigenkomposition zusammen mit seiner Frau Maria Toledo, die ihm in dieser Phase viele Texte schrieb. Ein leises, kammermusikalisches Stück, das mehr schwebt als swingt. Bossa Nova mit Blues-Färbung, so der Untertitel „Brazilian Blues”. Bonfás Gitarre trägt die Melodie, dezente Streicher polstern den Hintergrund, und Toledos Stimme macht den Rest. Kein Karneval, kein Bombast – eher das Gefühl, spätabends allein in einem Café in Rio zu sitzen und dem Regen zuzuhören.
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Hör das, wenn: du Lust auf Bossa Nova hast, aber heute mal die leise, melancholische Seite davon suchst.
Für den Flow | Global Groove
BONGA – BOTO BOTO
Bonga ist einer der wenigen Musiker, deren Lebensgeschichte wilder ist als jeder Roman. In den Sechzigern war er portugiesischer Rekordhalter über 400 Meter und startete für Benfica. Die Reisefreiheit, die ihm der Sport verschaffte, nutzte er allerdings für etwas ganz anderes: Er schmuggelte heimlich Material für die angolanische Unabhängigkeitsbewegung. Als das aufflog, musste er fliehen – erst nach Rotterdam, dann nach Paris, dann nach Brüssel.
Im Exil wurde aus dem Athleten ein Musiker. „Angola 72” mit der Hymne „Mona Ki Ngi Xica” wurde zum Soundtrack des Befreiungskampfs. Seitdem hat Bonga über dreißig Alben aufgenommen, und seine raue, sofort wiedererkennbare Stimme ist zu einer der prägendsten der afrikanischen Musikwelt geworden.
„Boto Boto” ist Semba – die angolanische Wurzel von Kizomba – mit federnder Gitarre, trockenem Percussion-Puls und diesem typischen Groove, bei dem man gar nicht anders kann, als mitzuwippen. Bonga spielt hier die Dikanza, ein geriffeltes Percussioninstrument, das wie ein handgemachtes Metronom klingt. Das Album heißt „Hora Kota” – die Zeit der Ältesten – und genau so fühlt sich dieser Track an: wie Weisheit, die tanzt.
Oder hör auf Deezer | Tidal | SoundCloud | Amazon Music
Hör das, wenn: du beim Kochen stehst und merkst, dass deine Hüften sich schon bewegen, bevor du überhaupt den Löffel abgelegt hast.
Langeweile auf dem Weg in den Feierabend? Wie wär’s mit einem Spielchen?
Schreib diese Woche mal auf, was du gemacht hast, als du die Zeit einfach mal vollkommen vergessen hast.
Du weißt schon – dieser Moment, in dem du hochschaust und denkst: Warte, es ist schon 22 Uhr? Notier ebenfalls, wann sich fünf Minuten angefühlt haben wie eine halbe Ewigkeit. Bei der Arbeit, auf dem Sofa, beim Sport – egal wo. Die Muster, die sich da zeigen, können ziemlich aufschlussreich sein.
Ein paar weitere Gedanken dazu von mir findest du hier:
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In diesem Sinne: Schönen Feierabend.
Claas-Hendrik Berg
P.s. Eine kleine Bitte: Wenn du magst, empfehle diesen Newsletter doch einem deiner Lieblingsmenschen. Neue Musik ist schließlich nie verkehrt!





